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Unser heutiges Gespräch im Kinderzentrum.

Heute waren wir nach längerer Zeit wieder einmal im Kinderzentrum. Der behandelnde Psychologe wollte Sohnis Lernfortschritte sowie die Entwicklung seines Sozialverhaltens unter die Lupe nehmen.

Ersteres geschah durch einige Lese-, Schreib- und Rechenaufgaben. Hier stellte der Psychologe eine rechts-links-Unsicherheit fest. Ob es in meiner Familie Linkshänder gäbe? Ja, sogar einige. Mich selbst, meine Oma mütterlicherseits, sowie einige von Sohnis Verwandten väterlicherseits.

Nachdem Sohni ihm wenig später noch einige Fragen bezüglich seiner Schule beantwortet hatte, durfte er erst einmal mit der Lego-Kiste nach draußen. Während Sohni damit beschäftigt war, ein Kanonenboot zu bauen, sprach der Psychologe mit mir. Ließ sich unter anderem Sohnis sehr positive Entwicklung schildern und fragte, ob es noch irgendwelche Schwierigkeiten oder sonstige Fragen meinerseits gäbe.

Naja, irgendwie schon, aber nicht bezüglich Sohni. Ich erzählte ihm von meiner Tochter, und dass ich schon länger vermute, sie würde das Verhalten ihres Bruders imitieren, um auf diese Weise mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Der Psychologe ließ sich schildern, welche Verhaltensweise genau ich meinte [teilweise extrem vergesslich, verträumt, unaufmerksam, in vielen Dingen ihrem Bruder generell sehr ähnlich, wobei sie bei weitem nicht so zappelig ist] und antwortete, dass sie für ein solch konsequentes bewusstes Imitieren eigentlich noch viel zu jung sei.

Ich meinte immer, bei meiner Tocher sei eine AD[H]S absolut ausgeschlossen, weil sie sich sehr ausdauernd beschäftigen kann, beispielsweise malt, bastelt, puzzelt und Lego-baut sie stundenlang, wenn man sie lässt. Doch der Psychologe meinte, deshalb stelle sich eine AD[H]S auch oft erst nach der Einschulung heraus, da die Kinder sich gezwungenermaßen mit Dingen beschäftigen müssen, die ihnen nicht so sehr liegen. Aha.

Er schlug vor, ich solle sie ihm einfach mal vorstellen, dann könne er sich selbst ein Bild machen. Bin ich auch dafür, dann weiß ich auch bei ihr mit einiger Sicherheit, ob ja oder ob nein.

Interessant war noch seine Frage, welchen Schulabschluss ich hätte. Realschule, antwortete ich. Warum nur Realschule? fragte der Psychologe. Ich solle ihn nicht falsch verstehen, aber er habe wohl gemerkt, dass ich nicht gerade auf den Kopf gefallen bin, und mein Sohn sei ebenfalls sehr intelligent, der müsse das schließlich auch von irgendwoher haben. Ich fasste kurz zusammen, was bei uns bzw. bei mir damals schief gelaufen ist [Eltern zu sehr damit beschäftigt, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen, später dann die Trennung, unterm Strich stand ich trotz Familie mit meinen Sorgen und Nöten allein da] und schloss mit den Worten, wäre das anders gewesen, hätte ich mit großer Wahrscheinlichkeit ohne größere Schwierigkeiten ein gutes Abitur absolvieren können.

Sehen sie, meinte er, und so haben sie die Chance, es besser zu machen und ihrem Sohn die Möglichkeit zu geben, sein Potential zu nutzen.

Oh ja. Das habe ich. Und das werde ich.

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ADHS, Ritalin und was ich mir sonst so dazu denke.

Irgendwie hängt mir das Thema ADHS schon wieder zum Halse raus. Dennoch, was jetzt kommt muss ich einfach noch los werden.

Immer wieder lese ich „Ritalin statt Liebe“ blah rhabarber. Und dann frage ich mich, was denken die Leute sich eigentlich? Und kann die Frage eigentlich selbst beantworten. Nichts. Sie denken sich rein gar nichts. Denn würden sie denken, würden diese Leutchens feststellen, wie absurd diese Unterstellung eigentlich ist. Als ob ich oder eines der Elternteile das ADHS-betroffene Kind im Schrank oder sonstwo „abstellen“ würde, nachdem wir ihm die tägliche „Drogendosis“ verabreicht haben. Als ob wir unsere Kinder nicht genauso lieben würden wie andere Eltern ihre Kinder lieben.

Mein Sohn bekommt viel Aufmerksamkeit. So viel, dass seine fünfzehn Monate jüngere Schwester sich mittlerweile chronisch benachteiligt fühlt, und zwar egal ob wir auf die Minute genau die gemeinsame Zeit abmessen und ich mit der Waage den Nachtisch für die Kinder abwiege.

Es ist einfach so. Wenn du als Mutter oder Vater eines ADHS-betroffenen Kindes irgend jemandem erzählst, dass es um ADHS geht, hast du eigentlich schon verloren. Wenn du auf Nummer Sicher gehen willst, musst du nur noch hinzu fügen, dass dein Kind Ritalin nimmt. Kaum einer wird dich mehr ernst nehmen.

Ich glaube, dass ich eine Ahnung habe, warum sich dieses Vorurteil so hartnäckig hält. Erstens: weil die Bezeichnung „Aufmerksamkeitsdefizits[-Hyperaktivitäts]-Syndrom“ leicht irreführend ist. Das mit der Aufmerksamkeit, das mag ja stimmen, und zwar insofern dass den Kindern die Fähigkeit fehlt, sich aufmerksam einer Sache zu widmen. Doch mit Aufmerksamkeit assoziieren wir nun mal nicht Konzentration auf eine Sache sondern Zuwendung zum Kind. Dumm gelaufen, wa?
Zweitens: Die breite Masse braucht einen Schuldigen. Und wer könnte besser taugen als Eltern, deren Kinder immer dümmer, fauler und dicker werden? Die Medien füttern uns ja fleissig mit allerlei neuen Erkenntnissen und Statistiken. Die breite Masse will gar nicht wissen, was ADHS ist oder warum gerade Ritalin den Betroffenen helfen könnte… fragt man jemanden, welcher Wirkstoff in dem Medikament enthalten ist, dürften die Allerwenigsten eine Antwort darauf haben. Und die „Brot und Spiele“ Massenmedien dürften kein Interesse haben, ihre Prügelknaben aufzugeben.

Mit Ego-Shootern verhält es sich eigentlich ganz ähnlich. Üblicherweise haben diese Spiele eine USK 18.  Mittlerweile gibt es sogar Forschungsergebnisse, die belegen, dass Spielen am Computer [speziell Teamplay] das Aggressionspotential senkt. Zu diesem Thema habe ich vor einiger Zeit bereits einen Blogeintrag geschrieben. Dennoch werden sie [und andere Spiele ebenso]  regelmäßig mit Amokläufen in Verbindung gebracht. Genauso wie einst Pen&Paper Rollenspiele dafür verantwortlich gemacht wurden. Oder irgendwann in grauer Vorzeit „gewaltverherrlichende“ Fernsehfilme. Es wird immer nach der einfachsten vermeintlichen „Lösung“ gesucht. Anstatt ernsthafte Ursachenforschung zu betreiben [zerrüttete Familie/Mobbing/Bullying in der Schule], wird der breiten Masse ein Schuldiger präsentiert, und die Lösung des Problems in Form eines Verbotes gleich hinterher gereicht. Problem erkannt – Gefahr gebannt. Nur warum zum Henker funktioniert keine dieser „Patentlösungen“?

Es ist immer komplizierter, als es auf den ersten Blick aussieht. Doch nicht umsonst heißt es „der Idealismus wächst mit der Entfernung zum Problem“. Jeder von denen, die ach so schnell ein Urteil zur Hand haben, ist der festen Überzeugung, so etwas passiere immer nur den anderen, und niemals ihm selbst.

ADHS – ein paar Worte vorab.

Es gibt wenige Dinge, die mich derart auf die Palme bringen wie Leute, die wissentlich oder aus purer Dummheit Ignoranz Falschwissen über das Thema ADHS verbreiten. Und um Missverständnissen vorzubeugen: ich bin keine Psychologin [wobei ich eigentlich bisher immer der Annahme war, das ginge klar aus meinem Blog hervor] sondern einfach nur eine Mutter, die sich manchmal ganz schön allein fühlt mit den Sorgen und Nöten, die durch ADHS verursacht werden. Ich informiere in meinem Blog anhand unseres Beispiels darüber, dass eine medikamentöse Behandlung bei einem ADHS-Kind ein Segen sein kann, aber [in my humble opinion] immer die letzte Option sein sollte.

Nicht jeder Mensch der eine ADHS mit sich herumträgt, spricht gleich gut auf Methylphenidat an. Was meinen Sohn angeht, hatten wir wohl einfach nur Glück. Er verträgt es [Ritalin LA] vergleichsweise gut, bei Medikinet traten ab einer gewissen Dosierung starke Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit und Einschlafstörungen auf. Ich bin mir durchaus im Klaren darüber, dass sich Methylphenidat nicht unbedingt für jeden eignet, der aufgrund der Schwere seiner Beeinträchtigungen eigentlich eine Behandlung bräuchte. Doch ich bin es leid, dass von wenig bis gar nicht informierten Individuen mit dem Finger auf uns Eltern gezeigt wird, nur weil wir in unserer Verzweiflung diese letzte in Frage kommende Option gewählt haben.

Erst kürzlich durfte ich Zeuge einer solchen Aktion werden. Es handelt sich um ein Blog, welches ich seit einer geraumen Weile verfolgte und zuerst recht vielversprechend fand. Dann kam der obligatorische ADHS-Eintrag [weil schließlich darf ja jeder im www seine Meinung kundtun, und möge sie noch so vor nicht vorhandenem Wissen strotzen] und meine Enttäuschung war natürlich groß. Ich gab meinen Senf dazu [der Kommentar wurde selbstverständlich zurück gewiesen. Ein Schelm wer Böses dabei denkt 😉 ] und beschloss aus Gründen der Nervenschonung, diesem Blog nicht länger zu folgen. Ich möchte nicht ins Detail gehen, es war das übliche Blabla à la „pfuibäh böse Medikamente“ oder „püh schämt euch ihr faulen, verantwortungslosen Elternsäcke die ihr eure armen, hypersensiblen Kinder denen doch überhaupt nichts fehlt unter Drogen setzt!“

Eigentlich sollte mich so etwas kalt lassen. Weiß der Geier warum mich dieses Thema derart auf die Palme bringt. Vielleicht weil ich sehe, wie sehr ein Kind mit unbehandelter ADHS leidet. Und vielleicht auch deshalb, weil man zu Zeiten meiner Kindheit noch nichts von ADS/ADHS wusste. Und die mangelnde Konzentrationsfähigkeit ist wohl noch das kleinste Problem, das diese Kinder haben. Unfähigkeit, dauerhaft Freundschaften aufrecht zu erhalten und daraus resultierende Einsamkeit. Die Hilflosigkeit, wenn in einer frustrierenden Situation einfach die Worte fehlen und die einzige Möglichkeit, dem Frust doch noch Luft zu machen, Schreien und Toben ist. Keine Erfolgserlebnisse zu haben. Egal, wie sehr man etwas versucht und wie sehr man es endlich lernen möchte, es will einfach nicht klappen. [Nur um klar zu stellen: wir sprechen hier nicht davon, einen Origami-Kranich zu falten, sondern von den einfachSTEN Dingen, welche selbst das jüngere Geschwisterkind bereits beherrscht!] Und daraus resultierend, klar was sonst: noch mehr Frust. Kurz: ADHS wird nur allzu schnell zum Teufelskreis.

Also: Wenn Eltern sich dazu durchringen [weil anders kann man das wohl kaum bezeichnen], ihrem Kind Methylphenidat zu geben, dann tun sie das, weil sie ihrem Kind helfen wollen. Sie wollen, dass es ihrem Kind gut geht, dass es ein gesundes Selbstwertgefühl entwickelt. Soziale Kontakte finden und vor allem: behalten. Wie andere Kinder Erfolgserlebnisse zu haben, das Potenzial ausschöpfen zu können.

Im Zusammenhang mit ADHS wurden „allein erziehende, überforderte Mütter“ erwähnt, die „durch ADHS Aufmerksamkeit wollen“. Meine Erfahrung  sagt: Mütter, deren Kinder tatsächlich von ADHS betroffen sind, schämen sich viel zu sehr, weil sie natürlich die Schuld [aufgrund oben genannter einseitiger bzw. gezielter Falsch-Berichterstattung der Medien] bei sich selbst suchen. Sie würden sich eher die Zunge abschneiden, als sich freiwillig durch die ADHS des Kindes in den Mittelpunkt zu stellen. Jede Mutter eines ADHS-Kindes, die mir bis dato begegnet ist, hat – wenn überhaupt – erst dann mit der Sprache rausgerückt nachdem ich von meinem Sohn erzählt hatte.

Ich weiß wirklich nicht, was ADHS mit allein erziehenden Müttern zu tun haben könnte.

Weiß eigentlich irgendjemand von denen, die Zeter und Mordio schreien, was ADHS genau macht? Ich habe es an anderer Stelle bereits erwähnt, doch ich tue es gern ein weiteres Mal. Bei einem Menschen, der ADHS hat, wobei meines Erachtens die Bezeichnung „Konzentrationsschwäche“ besser zutrifft, ist – grob umrissen – der Hirnstoffwechsel gestört. Die Impulse zwischen den Zellen werden nur bruchstückhaft weiter gegeben -> der Betroffene kann sich nur schwer oder gar nicht konzentrieren; hierfür ist der beschleunigte Dopaminabbau verantwortlich. Eine Medikation mit Methylphenidat reguliert die Kommunikation zwischen den Gehirnzellen und die Signale können so richtig empfangen und verarbeitet werden. Sprich: der/die Betroffene kann sich – im Idealfall – plötzlich über einen längeren Zeitraum hinweg konzentrieren und wirkt insgesamt „ruhiger“ bzw. „sortierter“.

Nochmal zum Mitschreiben: ADHS bedeutet nicht, dass ein Kind zuwenig Aufmerksamkeit bekommt. Oder dass es von den Eltern vernachlässigt wird.

Leute, bitte: Bevor ihr jemanden verurteilt, oder noch besser: Eure Esoterik-Weisheiten Euer Nicht-Wissen verbreitet, an Leute die unterm Strich eigentlich professionelle Hilfe brauchen, informiert euch!

Danke.

Gastartikel: Ritalin-Bashing und kein Ende

ADHS-Spektrum: Neues und Altes aus der ADHS-Welt

Gastartikel von Dr. med. A Alfred, Facharzt für Kinderheilkunde und Kinder- und Jugendpsychiatrie

im Namen der Praxisgemeinschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Dr. A. Alfred, K. W. Heuschen und T. Palloks sowie des ADHS-Zentrums München,

Ritalin-Bashing und kein Ende

In regelmäßigen Abständen, in der Regel alle 1-2 Jahre, nehmen die Massenmedien ritualähnlich und unisono Stellung zum Thema der medikamentösen Behandlung von ADHS bei Kindern und Jugendlichen. Diese Stellungnahmen sind immer mit deutlichen Warnungen verknüpft, die die zunehmende Zahl der Verschreibungen von methylphenidathaltigen Präparaten anprangern, die angeblich häufigen Nebenwirkungen betonen und den betroffenen Eltern sowie den verschreibenden Ärzten generell Verantwortungslosigkeit unterstellen. Dieses Mal wurde der Reigen schon am 25.10. 2011 auf der Titelseite (!) der Süddeutschen Zeitung eröffnet. Es folgte am 7. 2. 2012 der Fernsehfilm “ Ritalin – Medizin, die krank macht?” auf 3SAT, dem sich in der Tendenz bald zwei weitere Zeitungsartikel anschlossen: am 13. 2. 2012 “Deutschland, das Land…

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Methylphenidat – warum eigentlich nicht?

Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, bin ich lange Zeit eine strikte Methylphenidat-Gegnerin gewesen. Wir haben wirklich alle Alternativen ausgeschöpft, und erst als die Situation für alle [!] Familienmitglieder unerträglich wurde, inklusive Sohnemann [der von allen am meisten darunter litt weil er ständig von uns eins auf den Deckel bekam, weil wir selbst irgendwann permanent gereizt waren], rang ich mich dazu durch, eine medikamentöse Behandlung in Betracht zu ziehen.

Generell bin ich auch jetzt noch eher skeptisch bei Medikamenten, die an Kinder verabreicht werden.

Sohnemanns ADHS ist mittelschwer, sprich es schränkt seine Konzentration massiv ein [Konzentrationsspannen von im schlimmsten Fall wenigen Sekunden sind regelmäßig der Fall!] und er wird spätestens in der Schule bedingt durch Frust einen massiven Verlust seines Selbstwertgefühls erleiden.

Natürlich gibt es auch schwächere Ausprägungen, denen man auf andere Weise und mit viel „Geduld und Spucke“ beikommen kann.

Allerdings glaube ich, dass schon allein der Verdacht auf ADHS und die Angst vor einer möglichen Methylphenidat-Empfehlung und die dadurch verursachte [befürchtete] soziale Ausgrenzung [Vorurteil: Unfähige/bequeme Eltern] etliche Eltern davon abhält, diesem Verdacht nachzugehen.

Und dann gibt es noch das Eltern-Ego. „Wir schaffen das ohne diese Drogen, sowas brauchen wir nicht. Wir sind sorgende und fähige Eltern und können das [im schlimmsten Fall] ohne Hilfe schaffen.“

Man hat natürlich Angst, ob man dem Kind dadurch unter Umständen langfristig schadet. Diese Angst ist realistisch, immerhin: „man hört doch so viel“, das Medikament unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz, und überhaupt gibt es viel zu wenige Langzeitstudien in diesem Bereich.

Das sehe ich genauso. Und – wenn irgendeine Möglichkeit besteht, dem Kind anders zu helfen, dann muss man es zumindest versuchen. Allerdings, falls wirklich nichts fruchtet [Sohnemann ist seit Monaten im zB im Taekwondo nicht seinen Fähigkeiten entsprechend weitergekommen, hat nur gesehen, wieviele andere Kinder  schon die ersten Prüfungen machen durften, und er schaffte es kaum einmal, eine Stunde lang durchzuhalten, ohne mindestens einmal rauszufliegen oder zumindest ermahnt zu werden], dann muss man sich als sorgendes Elternteil, schon allein im Interesse des Kindes und dessen seelischer Gesundheit, überlegen, ob nicht doch wenigstens über einen gewissen Zeitraum hinweg eine medikamentöse Behandlung sinnvoll sein könnte.

Methylphenidat vs. ADHS, Tag 5.

Heute war der große Tag. Sohnis Gelbgurtprüfung stand an. Und er hat es wirklich – wer ihn aus der Zeit „davor“ kennt, weiß was ich meine – bravurös gemeistert. *.* Ich war selbst überrascht, WIE gut er ist. Und das obwohl ich immer dabei bin.

Der Sohnemann ist, hm, ich würde jetzt nicht sagen wie ausgewechselt, er ist schon noch „der Sohnemann“ den wir kennen, aber irgendwie ist er jetzt viel einfacher zu handhaben. Folgende Unterschiede sind mir besonders aufgefallen:

– Frustrationstoleranz. Er ist viel ausgeglichener. Ich sag jetzt nicht, dass ihm plötzlich alles scheißegal ist, aber er kann mit Frust viel besser umgehen. Eine Situation möchte ich kurz beschreiben, wie sie typischer nicht sein könnte. Vorhin wurden in alphabetischer Reihenfolge zuerst diejenigen Kinder aufgerufen, die Gelbgurtprüfung ablegen durften. Wir kommen bei sowas immer ziemlich zum Schluss an die Reihe, weil wir eben erst bei „U“ dran sind. So hieß es für Sohnemann erst mal: warten. Zuerst recht gelassen, merkte ich, dass er nach einiger Zeit anfing, sich mit zwei Mädels, die vor ihm saßen, zu kabbeln. Man konnte ihm ansehen, wie sein Frustpegel stieg, und er schlug sogar zweimal frustriert auf die Matte ein, auf welcher er saß. Zum Glück wurde er kurz danach aufgerufen, und konnte sich so problemlos aus der Situation lösen. Allerdings weiß ich, dass er ohne medikamentöse Hilfe hundertprozentig ausgerastet wäre. Weil das nämlich immer passiert[e]. Genau DAS sind die Situationen, welche im Kindergarten ein riesengroßes Problem darstellen. Generell im Umgang zwischen Sohni und anderen Kindern.

– Konzentration. Man glaubt es kaum, aber Sohnemann hat das Malen für sich entdeckt. Klar ein bisschen Kritzeln ging immer wieder mal, aber nach höchstens fünf Minuten konnte er nicht mehr. Heute saß er, wohlgemerkt nachdem er bereits hochkonzentriert die Prüfung im Tae Kwon-Do abgelegt hatte, zuhause am Tisch, und malte in aller Seelenruhe und mit viel Liebe zum Detail ein vielfarbiges Bild.

– Aufmerksamkeit/Konzentration/Lernfaktor. Sohnemann merkt sich plötzlich, was man zu ihm sagt. Schönes Beispiel: Ein herumliegendes Kabel. Einmal weise ich ihn darauf hin, einmal stolpert er darüber, und die folgenden Male achtet er darauf, wo er hintritt. Und er stolpert an diesem Tag kein einziges weiteres Mal über das Kabel. So etwas gab es „davor“ einfach nicht. Er hat sich nichts, aber auch wirklich rein gar nichts gemerkt, was man zu ihm gesagt hat.

Bewegungsdrang.  Er zappelt nicht mehr. Und wenn doch, kann es es relativ leicht regulieren. Und seine Tics haben mit Einnahme der ersten Tablette nahezu sofort aufgehört.

Appetit. Ich habe bei meinem Sohn noch nie, wirklich kein einziges Mal erlebt, dass er eine Mahlzeit ausgelassen hat. Und wenn doch [und diese Tage kann man an einer Hand abzählen], dann hatte er einen Magen-Darm-Infekt. Seit er Methylphenidat bekommt, hat sein Appetit spürbar nachgelassen. Er ist nicht übergewichtig, nicht mal ansatzweise, dazu ist er viel zu sehr permanent in Bewegung, aber er hat einen Appetit wie eine Heuschrecke. Er futtert nahezu alles, was ihm zwischen die Finger kommt. Seit er das Medikament nimmt, hat er bereits zweimal dankend abgelehnt. Natürlich hat er dann etwas später trotzdem etwas gegessen, aber bei weitem nicht so viel wie sonst. Klar, er ist ja auch nicht mehr ununterbrochen in Bewegung, wie es vorher der Fall war.

Interessant finde ich, wie sehr plötzlich Töchterchens spontane Anfälle von Berserkeritis ins Gewicht fallen, wenn man nicht mehr dauernd nebenher damit beschäftigt ist, Sohni davon abzuhalten, versehentlich sich selbst zu verletzen. Und ich finde es gut, dass ich seit einigen Tagen selbst spürbar entspannter bin, und demzufolge auch viel relaxter auf ihre Tobsuchtsattacken reagieren kann.

Methylphenidat vs. ADHS: Tag Eins.

Sohnemann bekam heute seine erste Tablette. Enthalten sind unter anderm 5 mg des o.g. Wirkstoffes.

Natürlich kann das jetzt am ersten Tag nicht gleich voll einschlagen [glaub ich zumindest] aber ich bilde mir ein, dass er nicht mehr ganz so zappelig war. Und auch ein kleines bisschen weniger unkonzentriert. oÔ Kann es sein?

Nachdem ich beide vom Kiga abgeholt hatte, erzählte er mir auch ganz stolz, dass er heute „nur ganz kurz auf der Bank sitzen musste, und dort auch ganz schnell wieder runterdurfte weil er so schön still sitzen konnte“.

Aha.

Auf meine Frage, obs denn heute im Stuhlkreis geklappt hätte mitm Sitzenbleiben, behjahte er und er meinte, es sei ihm viel leichter gefallen als sonst.

Das kann jetzt natürlich tatsächlich eine erste, leichte Verbesserung bedeuten, muss es aber nicht. Der Kerl weiß ja genau, was die Tablette bewirken soll, und wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch dann positives Feedback geben, wenns „eigentlich“ noch gar nicht so weit ist.

Weiter beobachten, morgen und übermorgen nochmal dieselbe Dosis, und an Tag Vier wird erstmals erhöht.