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Dr. Jekyll & Ms. Hyde

So komme ich mir gerade vor. Klingt übertrieben? Ich weiß nicht. Lest selbst.

Ich nehme seit guten anderthalb Jahren die beiden Medikamente Strattera und Elontril. Das heißt, ich nahm Elontril bis vor ca. drei Monaten ein. Bis zu jenem Tag als bei meiner Krankenkasse entschieden wurde, dass die Kosten für Elontril nicht mehr tragbar seien, es gäbe schließlich ein deutlich günstigeres Ersatzprodukt: Bupropion. Selber Wirkstoff, selbe Dosierung.

Etwas skeptisch nahm ich besagtes Ersatzpräparat in der gewohnten Dosierung ein und spürte wenig später eine Veränderung meines… ich nenne es mal meines psychischen Gleichgewichts. Genauer ausgedrückt: Die Reizfilterschwäche begann wieder zunehmend, auf mein Gemüt zu drücken, mir wurde wieder alles zu laut, zu hell, zu viel.
Also wies ich meinen Lieblingsmenschen darauf hin und bat ihn, ebenfalls ein Auge darauf zu haben, ob sich mein Verhalten wieder ins Negative verändert.

Die Wochen zogen ins Land und der Alltagstrott ließ mich mein Vorhaben vergessen, meinen psychischen Zustand weiterhin genau im Auge zu behalten. Die Sommerferien kamen und gingen und ziemlich genau am letzten Sonntag der Ferien krachte es bei uns so heftig wie schon lange nicht mehr. Genauer gesagt: Seit ich begonnen hatte, Strattera und Elontril einzunehmen.

Mir war zwar aufgefallen, dass Bupropion eine starke Mundtrockenheit als Nebenwirkung mit sich brachte. Doch dass es gegen die Reizfilterschwäche so überhaupt nichts auszurichten vermochte, das hatte ich nicht einmal zu fürchten gewagt.

Beim nächsten Termin bei meinem ADHS-Facharzt wies ich ihn darauf hin, dass Bupropion bei mir überhaupt nicht wirkte. Er schlug vor, die Dosis zu erhöhen und weiter zu beobachten.
Die einzige Wirkung: ein unerträgliches Gefühl der Trockenheit im Mund, aber das war auch schon alles. Also reduzierte ich die Dosis wieder auf die gewohnten 150 mg und nahm es einfach weiter.

Bis zu jener Eskalation am letzten Sonntag der Sommerferien. Wir beide, mein Lieblingsmensch und ich, hatten schon wieder vergessen dass ich von Anfang an gespürt hatte, dass Bupropion bei mir anders wirkte als Elontril.

Nun beschloss ich, erneut meinen Facharzt zu konsultieren und das Ersatzpräparat notfalls abzusetzen. Seine – objektiv durchaus verständliche  – Reaktion auf meine Bitte hin, er möge das Häkchen auf das Rezept machen, bei dem es um das günstigere Ersatzpräparat geht: Er könne dies natürlich tun, doch er habe kein Interesse daran, sich deswegen mit meiner Krankenkasse herumzuschlagen, die deshalb Regressansprüche geltend machen könne [und würde].
Ich beschrieb ihm meine Situation. Erklärte ihm, dass ich so nicht weitermachen könne, dass es nicht nur mich sondern meine ganze Familie belasten würde. Daraufhin schrieb er mir ein anderes Antidepressivum auf, dessen Name mir gerade nicht einfällt.
Und an dieser Stelle würde jetzt genau das anfangen, was ich bei meiner Mutter erlebt habe und wovor ich so große Angst hatte: Diese Odyssee von einem zum nächsten Medikament, bis man mal eines findet, dass die erwünschte Wirkung zeigt. Von den vielen Nebenwirkungen mal ganz zu schweigen.
Ich bin der Ansicht: Never change a winning team. Deshalb werde ich alles daran setzen, Elontril auch in Zukunft gegen die Reizfilterschwäche nehmen zu können. Ich hoffe, ich kann an dieser Stelle bei meiner Krankenkasse etwas erreichen, auch wenn ich mir keine allzu großen Hoffnungen diesbezüglich mache.

Allerdings will ich auf keinen Fall jemals wieder so empfinden, so SEIN wie damals, bevor ich Strattera und Elontril einnahm. Es war die Hölle. Dieser drei-Monate-Trip zurück in die Zeit, als sämtliche Reize ungefiltert auf mein Hirn einprasselten, das war der reinste Horrortrip. Die Kinder verunsichert [die Tochter hatte mehrmals einen Alptraum, der mit mir und meiner veränderten Persönlichkeit zu tun hatte -.-*], mein Lieblingsmensch, dessen Nähe und Berührungen ich plötzlich nicht mehr ertragen konnte. Dieses omnipräsente Gefühl der Überreiztheit, die Menschen, das „Draußen“ als einzige Bedrohung wahrzunehmen, der ich mich nicht entziehen kann, Geräusche zu laut, Sonne zu hell, alles – einfach alles – input overload.
Und dann die Aggression, der innere Druck. Alles war wieder da. Als wäre es nie weg gewesen. Doch da ich ja mittlerweile wusste, wie sich ein Leben „ohne“ anfühlte, empfand ich es als doppelt schlimm. Ich blickte in die Gesichter meiner Kinder, und da waren sie wieder, diese verunsicherten Blicke. War das eben Angst in seinen Augen?
Es fällt mir schwer, mich nicht abgrundtief zu hassen.
Ich kann nicht einmal sagen, ob ich es nicht doch tue.
Wie kann man jemanden wie mich lieben?
Es gab eine Reihe von Suiziden in meiner Familie, deshalb war ich gezwungen mich schon sehr früh mit diesem Thema zu beschäftigen. Und durch die Depression meiner Mutter und meiner eigenen Angst, sie könne sich ebenfalls etwas antun war es leider für viele Jahre ein großes Thema für mich.
Ich habe nie verstanden, wie man so etwas tun kann.
Doch in diesen Momenten wenn mir bewusst wird, wie ich bin und was ich tue… in diesen schwachen Momenten kann ich es ein Stück weit nachvollziehen, dass man sich selbst nur noch als Last für andere Menschen empfindet.
Versteht mich richtig: Ich habe keinerlei Ambitionen, meine Kinder – meine Familie – im Stich zu lassen.
Ich tue alles in meiner Macht Stehende, damit ich mein Leben – mich selbst – in den Griff bekomme, und ich bekomme oft positives Feedback. Ganz offensichtlich mache ich also doch nicht alles falsch. Es ist einfach diese teilweise unerträgliche Schwere, dieses Zuviel an allem, das es für mich so unfassbar anstrengend macht.

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Monsters don´t sleep under your bed. They sleep inside your head.

Ich habs getan.

Bei meinem vorletzten Termin hat mein Facharzt mir drei Rezepte ausgestellt. Kein klassisches MPH-Präparat, sondern ein AD[H]S-Medikament welches auch ein leichtes Antidepressivum enthält, weiters ein Medikament welches sich auf den Noradrenalin- und Dopaminhaushalt auswirkt. Und weil bei der Blutuntersuchung ein Zinkmangel festgestellt wurde hat er mir außerdem ein Zinkpräparat aufgeschrieben.

Diese Rezepte habe ich einige Tage in meinem Geldbeutel mit mir herumgetragen, bis ich mich dazu durchringen konnte, sie in der Apotheke abzugeben.
Warum? Weil ich Angst hatte. Angst davor, was diese Tabletten aus mir, aus meiner Persönlichkeit womöglich machen würden.

Aber was mache ich wenn ich vor etwas Angst habe? Wer mich ein bisschen kennt weiß: Immer Vollgas voraus. Also nahm ich all meinen Mut zusammen, schob die Angst beiseite und begann mit der Einnahme.

Anfangs bekam ich davon Magenschmerzen und leichte Übelkeit, woraufhin der Arzt mir noch Omeprazol verschrieb, wegen der leichten chronischen Gastritis.

Bis auf ein Kribbeln auf der Haut, leichten Schwindel und die oben beschriebenen Magenprobleme merkte ich zunächst keine Veränderung.

Vielleicht sollte ich noch um eine Info ergänzen: Das AD[H]S-Medikament wird zu Beginn der Einnahme ganz schwach dosiert und die Dosis wird wöchentlich gesteigert bis man schließlich bei der optimalen Dosierung angelangt ist.

Der selektive Noradrenalin-/ Dopaminwiederaufnahmehemmer dagegen wird von Anfang an in seiner vollen Dosierung eingenommen.

Das erste was sich danach bemerkbar machte, also so richtig deutlich bemerkbar, war die Appetitlosigkeit und die Tatsache, dass ich – selbst wenn ich mich zwang – kaum einen Bissen runterbekam. Sowas gibts bei mir normalerweise nicht.
Kurz danach erlebte ich ein interessantes Phänomen, ich weiß nicht ob das von euch jemand schon mal an sich selbst beobachtet hat: Wenn ich mit einer oder mehreren Personen interagiere und es entsteht eine Situation, welche mich aufwühlt oder emotional aus dem Konzept bringt, dann kann ich förmlich spüren wie sich mir die Nackenhaare aufstellen.
Das fühlt sich an wie Gänsehaut, nur eben dass sie auf einen kleinen Bereich des Körpers reduziert ist.
Ich kannte das schon länger von mir, nur seit ich die Medis nehme spüre ich es intensiver und ohne den inneren Druck bzw. ohne das Aufflammen dieses verdammten Zorns, was normalerweise direkt Hand-in-Hand mit dem Aufstellen der Nackenhaare geht.

So ab Woche drei wurde es richtig interessant. Die Dosierung des AD[H]S-Medikaments war bereits zwei Mal erhöht worden als ich eines schönen Tages, ich glaube es war Sonntag, in der Badewanne lag und eine zunächst verstörende Beobachtung machte:

Der Druck. Er war weg. Dieser verdammte innere Druck den zu kontrollieren ich eigentlich ununterbrochen bemüht war, er war verschwunden.

Plötzlich fühlte ich mich leer. Und schrecklich hilflos – wehrlos – schutzlos.

Es fühlte sich an als fehlte ein Teil von mir. Mein Zorn, meine Wut, mein gehassliebter böser Zwilling. Mein Beschützer.

Ich weiß es liest sich seltsam, doch aus meiner größten Schwäche zog ich lange Zeit auch unheimlich viel Kraft. Zorn und Trotz waren mein Antrieb.

Na wartet, euch zeig ichs.

Ich hatte keine Angst. Oder besser gesagt: Ich spürte keine Angst. Denn wann immer mich etwas ängstigte, begann mein Nacken zu kribbeln und… nein, ich verwandelte mich nicht in eine zweieinhalb Meter große wolfsähnliche Kreatur. Aber ich ging automatisch zum Angriff über. Verbal versteht sich.

Das erste Mal war das Schwierigste. Es lief bei mir nach dem klassischen Muster ab: du bekommst so lang einfach nur immer wieder auf die Fresse bis du entweder völlig kapitulierst oder anfängst, dich zu wehren. Lange Zeit versuchte ich, meine Peiniger zu ignorieren. Doch was solche Typen wollen ist eine Reaktion, und sie hören nicht auf bis sie bekommen was sie wollen. Nicht dass sie dann aufhören würden, nur dass sie dann eben wissen, wo sie dich treffen können; Im Prinzip kannst du es eh nur falsch machen.

Als ich begann mich zur Wehr zu setzen muss der Erfolg so einprägsam gewesen sein dass ich daran arbeitete, diese Art der Reaktion zu verinnerlichen.

Das Ergebnis…

Nunja. Das Ergebnis kämpft gerade darum, destruktive Verhaltensweisen abzulegen.

Um den eigentlichen Faden wieder aufzunehmen: Mich beschäftigte und belastete dieses Gefühl der inneren Leere so massiv, dass ich meinen Lieblingsmenschen zu mir rief und ihn um Rat fragte. Und so sehr ich ihn regelmäßig für seine Neutralität und Distanziertheit verfluche, mindestens ebenso schätze ich seine Beobachtungsgabe, seine Fähigkeit mir immer noch einen neuen Blickwinkel auf eine Situation zu ermöglichen.

Was daran so schlimm sei, dass der innere Druck weg ist. Immerhin führe er lediglich immer wieder zu Kontrollverlust. Soweit richtig, aber nur im Zorn brachte ich es über mich, gegen andere Menschen wenn sie mir Unrecht taten das Wort zu erheben, anstatt immer nur alles zu schlucken und in mich hineinzufressen. Daher das Gefühl der Hilflosigkeit.

Die berühmten zwei Seiten einer Medaille.

Am nächsten Tag machte ich eine weitere hochinteressante Entdeckung: Mir wurde klar, wieviel Arbeitsspeicher und Energie ich tag-täglich nur dafür benötigte, um den inneren Druckkessel auch nur halbwegs unter Kontrolle zu behalten. Was dennoch nur allzu oft misslang.

Dass meine innere Aggression ein Problem ist wusste ich schon länger. Mein Hauptproblem jedoch ist nicht die Aggression an sich sondern die Reizüberflutung die mich regelmäßig nahezu in den Wahnsinn treibt. Ins Kaufland und danach noch irgendetwas Produktives machen? Vergiss es. Auf einen Laternenumzug mit den Kindern ohne ständig entweder Fluchtinstinkt oder Aggression niederringen zu müssen? Unmöglich. Mehr als zwei Geräuschquellen gleichzeitig in Hörweite und sich dann noch auf etwas konzentrieren? Keine Chance.

Mit den Medis ist auch die gefühlte permanente Überreizung um ein ganzes Stück besser geworden. Und selbst wenn ich mich in einer Situation überreizt fühle, dann nehme ich es rechtzeitig wahr um besagte Situation verlassen zu können, bevor es eskaliert. Solche Feinheiten konnte ich früher nicht rechtzeitig erspüren, ich hab es immer erst dann gemerkt, wenn es eigentlich schon zu spät war, sprich: Ich ein kritisches Level der Überreizung erreicht hatte.

Wenn man so möchte ist meine Selbstwahrnehmung dadurch um einiges besser geworden.

Mein bisheriges Fazit was die Medikamente angeht: Ich bin froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe.

Wie es jetzt weitergeht: Was die Depression angeht will der Facharzt noch herausfinden, ob ich hier ebenfalls genetisch belastet bin oder ob es eine Begleiterkrankung der unbehandelten AD[H]S ist.

Allgemein fühle ich mich besser, entspannter, konzentrierter und sortierter. Das einzige Problem ist mein Magen, bleibt zu hoffen dass er sich wieder einkriegt.