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Wenn der Nebel sich lichtet…

Vor etwa sieben Wochen bin ich wieder auf Elontril umgestiegen. Nachdem ich einige Monate zwangsweise ein Ersatzpräparat eingenommen hatte, war mein ganzes Empfinden unerträglich für mich geworden.

Die Veränderung verlief wie beim ersten Mal schleichend, doch obwohl objektiv betrachtet der Zeitraum annähernd derselbe gewesen sein muss: diesmal kam es mir wie eine Ewigkeit vor.

So ziemlich mein ganzes Leben lang dachte ich, mein Empfinden sei normal und es ginge allen anderen genauso. Doch mittlerweile weiß ich, dem ist nicht so.

Müsste ich die beiden Zustände beschreiben, würde ich versuchen, es mit einem Nebelschleier zu vergleichen, der mich umhüllt. Der mein Denken einhüllt. Hinter dem Nebelschleier befindet sich eine Mauer, und ich renne wieder und immer wieder dagegen. Egal welche Richtung ich einschlage und ganz gleich wie oft ich es versuche: ich habe keine Chance. Da ist kein Weg nach draußen. Und jetzt ist es, als hätte sich der Nebel gelichtet und plötzlich kann ich vollkommen klar sehen. Meine ganze Wahrmehmung hat sich verändert. Ich sehe plötzlich nicht mehr nur die Fehler, die meine Mitmenschen machen, sondern ich sehe die Mühe die sie sich geben. Ich sehe wie sie versuchen, es richtig zu machen. Ich kann wieder die Zuneigung spüren, die ich für meinen Lieblingsmenschen hege. Davor war da nur Genervtsein, alles zuviel, „jetzt hat er schon wieder dies/das/jenes gemacht oder nicht gemacht“, ständig musste ich gegen den inneren Druck ankämpfen und damit war ich so sehr beschäftigt, dass einfach für nichts anderes mehr Raum war. Der Zorn war übermächtig.

Mein Lieblingsmensch hat mal zu mir gesagt, ein Gespräch mit mir sei wie ein Lauf durch ein Minenfeld. Man wisse nie, wie ich als nächstes reagieren würde, was mich als nächstes triggern würde. Aber es ist nicht nur für meine Mitmenschen ein Minenfeld. Für mich ist das gesamte „Draußen“ ein einziges riesiges Minenfeld. Und ganz ehrlich? Ich hasse es. Ich hasse mein Hirn; Dieses Chaos da oben, es ist einfach zum Kotzen. Nicht mal annähernd das eigene Potenzial nutzen zu können, das ist wie eine riesige Villa zu besitzen und das ganze Leben lang in einem winzigen Raum eingesperrt zu sein. Nicht zu wissen, dass es da draußen noch mehr gibt. Viel mehr.

Zu begreifen, welchen Unterschied es macht; sich des vollen Umfangs der Veränderung bewusst zu werden und es benennen zu können, das ist so unglaublich erleichternd. Und andererseits, das Wissen, nur mit Hilfe von Medikamenten zu funktionieren, den Alltag bewältigen zu können und mit Menschen konstruktiv interagieren zu können, das frustriert ungemein.

Derzeit fühlt es sich noch fremd an. Dieses andere Ich. Dieser andere Teil von mir, der sich davor zwar immer wieder gezeigt hat, doch der gegen die Reizüberflutung von außen nicht den Hauch einer Chance hatte. À propos Reizüberflutung: Das mit den körperlichen Berührungen ist auch so eine Sache. Vorher kannte ich es nicht anders, als Berührungen nicht oder nur selten aushalten zu können. Dann [mit Elontril] hatte ich genügend Zeit, mich daran zu gewöhnen und später, während ich das [bei mir unwirksame] Ersatzpräparat einnahm, konnte ich Berührungen und körperliche Nähe einerseits nicht ertragen, sehnte mich andererseits trotzdem danach. Wie widersprüchlich kann ein Mensch eigentlich noch sein?

Ich merke es nicht nur an mir selbst, sondern auch an den Kindern. Ganz besonders an meiner Tochter. Den Kinder- und Jugendpsychiater in der Klinik für Kinderneurologie und Sozialpädiatrie habe ich neulich darauf angesprochen, woran es liegen könnte dass die Tochter in den letzten Monaten [wieder] so schwierig geworden ist. Er sah gleich den Zusammenhang zwischen dem Ersatzpräparat bzw. meinem eigenen veränderten Zustand und dem meiner Tochter. Er vermutete, dass sie durch meinen „Rückfall“ in alte Verhaltensmuster selbst wieder instabiler geworden sein könnte oder dass sie mein eigenes Verhalten gespiegelt haben könnte. Eigentlich alles Begründungen die durchaus Sinn ergeben, aber begeistert bin ich davon nicht gerade. Denn letztlich erinnert es mich nur wieder einerseits daran, wie sensibel sie auf Veränderungen in ihrem Umfeld reagiert und andererseits dass hier alles davon abhängt, wie stabil ich selbst bin.

Dr. Jekyll & Ms. Hyde

So komme ich mir gerade vor. Klingt übertrieben? Ich weiß nicht. Lest selbst.

Ich nehme seit guten anderthalb Jahren die beiden Medikamente Strattera und Elontril. Das heißt, ich nahm Elontril bis vor ca. drei Monaten ein. Bis zu jenem Tag als bei meiner Krankenkasse entschieden wurde, dass die Kosten für Elontril nicht mehr tragbar seien, es gäbe schließlich ein deutlich günstigeres Ersatzprodukt: Bupropion. Selber Wirkstoff, selbe Dosierung.

Etwas skeptisch nahm ich besagtes Ersatzpräparat in der gewohnten Dosierung ein und spürte wenig später eine Veränderung meines… ich nenne es mal meines psychischen Gleichgewichts. Genauer ausgedrückt: Die Reizfilterschwäche begann wieder zunehmend, auf mein Gemüt zu drücken, mir wurde wieder alles zu laut, zu hell, zu viel.
Also wies ich meinen Lieblingsmenschen darauf hin und bat ihn, ebenfalls ein Auge darauf zu haben, ob sich mein Verhalten wieder ins Negative verändert.

Die Wochen zogen ins Land und der Alltagstrott ließ mich mein Vorhaben vergessen, meinen psychischen Zustand weiterhin genau im Auge zu behalten. Die Sommerferien kamen und gingen und ziemlich genau am letzten Sonntag der Ferien krachte es bei uns so heftig wie schon lange nicht mehr. Genauer gesagt: Seit ich begonnen hatte, Strattera und Elontril einzunehmen.

Mir war zwar aufgefallen, dass Bupropion eine starke Mundtrockenheit als Nebenwirkung mit sich brachte. Doch dass es gegen die Reizfilterschwäche so überhaupt nichts auszurichten vermochte, das hatte ich nicht einmal zu fürchten gewagt.

Beim nächsten Termin bei meinem ADHS-Facharzt wies ich ihn darauf hin, dass Bupropion bei mir überhaupt nicht wirkte. Er schlug vor, die Dosis zu erhöhen und weiter zu beobachten.
Die einzige Wirkung: ein unerträgliches Gefühl der Trockenheit im Mund, aber das war auch schon alles. Also reduzierte ich die Dosis wieder auf die gewohnten 150 mg und nahm es einfach weiter.

Bis zu jener Eskalation am letzten Sonntag der Sommerferien. Wir beide, mein Lieblingsmensch und ich, hatten schon wieder vergessen dass ich von Anfang an gespürt hatte, dass Bupropion bei mir anders wirkte als Elontril.

Nun beschloss ich, erneut meinen Facharzt zu konsultieren und das Ersatzpräparat notfalls abzusetzen. Seine – objektiv durchaus verständliche  – Reaktion auf meine Bitte hin, er möge das Häkchen auf das Rezept machen, bei dem es um das günstigere Ersatzpräparat geht: Er könne dies natürlich tun, doch er habe kein Interesse daran, sich deswegen mit meiner Krankenkasse herumzuschlagen, die deshalb Regressansprüche geltend machen könne [und würde].
Ich beschrieb ihm meine Situation. Erklärte ihm, dass ich so nicht weitermachen könne, dass es nicht nur mich sondern meine ganze Familie belasten würde. Daraufhin schrieb er mir ein anderes Antidepressivum auf, dessen Name mir gerade nicht einfällt.
Und an dieser Stelle würde jetzt genau das anfangen, was ich bei meiner Mutter erlebt habe und wovor ich so große Angst hatte: Diese Odyssee von einem zum nächsten Medikament, bis man mal eines findet, dass die erwünschte Wirkung zeigt. Von den vielen Nebenwirkungen mal ganz zu schweigen.
Ich bin der Ansicht: Never change a winning team. Deshalb werde ich alles daran setzen, Elontril auch in Zukunft gegen die Reizfilterschwäche nehmen zu können. Ich hoffe, ich kann an dieser Stelle bei meiner Krankenkasse etwas erreichen, auch wenn ich mir keine allzu großen Hoffnungen diesbezüglich mache.

Allerdings will ich auf keinen Fall jemals wieder so empfinden, so SEIN wie damals, bevor ich Strattera und Elontril einnahm. Es war die Hölle. Dieser drei-Monate-Trip zurück in die Zeit, als sämtliche Reize ungefiltert auf mein Hirn einprasselten, das war der reinste Horrortrip. Die Kinder verunsichert [die Tochter hatte mehrmals einen Alptraum, der mit mir und meiner veränderten Persönlichkeit zu tun hatte -.-*], mein Lieblingsmensch, dessen Nähe und Berührungen ich plötzlich nicht mehr ertragen konnte. Dieses omnipräsente Gefühl der Überreiztheit, die Menschen, das „Draußen“ als einzige Bedrohung wahrzunehmen, der ich mich nicht entziehen kann, Geräusche zu laut, Sonne zu hell, alles – einfach alles – input overload.
Und dann die Aggression, der innere Druck. Alles war wieder da. Als wäre es nie weg gewesen. Doch da ich ja mittlerweile wusste, wie sich ein Leben „ohne“ anfühlte, empfand ich es als doppelt schlimm. Ich blickte in die Gesichter meiner Kinder, und da waren sie wieder, diese verunsicherten Blicke. War das eben Angst in seinen Augen?
Es fällt mir schwer, mich nicht abgrundtief zu hassen.
Ich kann nicht einmal sagen, ob ich es nicht doch tue.
Wie kann man jemanden wie mich lieben?
Es gab eine Reihe von Suiziden in meiner Familie, deshalb war ich gezwungen mich schon sehr früh mit diesem Thema zu beschäftigen. Und durch die Depression meiner Mutter und meiner eigenen Angst, sie könne sich ebenfalls etwas antun war es leider für viele Jahre ein großes Thema für mich.
Ich habe nie verstanden, wie man so etwas tun kann.
Doch in diesen Momenten wenn mir bewusst wird, wie ich bin und was ich tue… in diesen schwachen Momenten kann ich es ein Stück weit nachvollziehen, dass man sich selbst nur noch als Last für andere Menschen empfindet.
Versteht mich richtig: Ich habe keinerlei Ambitionen, meine Kinder – meine Familie – im Stich zu lassen.
Ich tue alles in meiner Macht Stehende, damit ich mein Leben – mich selbst – in den Griff bekomme, und ich bekomme oft positives Feedback. Ganz offensichtlich mache ich also doch nicht alles falsch. Es ist einfach diese teilweise unerträgliche Schwere, dieses Zuviel an allem, das es für mich so unfassbar anstrengend macht.

Schuljahr geschafft!

Der vergangene Mittwoch war für meine Kids der letzte Schultag vor den Sommerferien. Die Tochter bekam am selben Tag ihr Zeugnis, der Sohn hatte seines bereits eine Woche zuvor erhalten.

Beide Zeugnisse sind erwartungsgemäß gut ausgefallen, wobei die Tochter es tatsächlich geschafft hat, noch Eins draufzusetzen. Denn dass sie klug ist und über eine gute Auffassungsgabe verfügt wusste ich bereits, und dass sie gute Zensuren haben würde war abzusehen; doch die Beurteilung ihrer Klassenlehrerin war so ziemlich genau das Gegenteil jener Beurteilung, welche sie noch für das erste Schuljahr erhalten hatte.

Im letzten Blogeintrag ging ich bereits darauf ein, was ich zu ändern vorhatte. Und auch wenn ihr Temperament nach wie vor etwas hitzig und das ganze Mädel an sich ziemlich… nunja, eigenwillig ist, habe ich dennoch den Eindruck, dass sie allgemein ein ganzes Stück ausgeglichener und weniger oft frustriert ist.

Ihre Eins in Deutsch rührt nicht zuletzt von den drei Null-Fehler-Diktaten, welche sie im zweiten Halbjahr abgeliefert hatte; Auch im Wochenplan ist sie ganz vorn mit dabei. Genauer gesagt ist sie die Zweitbeste ihrer Klasse. Und ihre Klassenlehrerin ist in ihrem Zeugnis voller Lob über die zuverlässig guten Leistungen meiner Tochter. Die Zwei in Mathe ist auch nur deshalb eine Zwei geworden, weil sie einen Test naja, nicht wirklich verhauen hat, aber der für ihre Verhältnisse untypisch ausfiel. Das war bevor wir anfingen, täglich das kleine Einmaleins zu üben. Mittlerweile ist sie in Mathe auch wieder fit, einen kleinen Durchhänger darf schließlich Jeder mal haben, und über eine Zwei in Mathe darf man sich nun wirklich nicht beklagen. Auch wenn sie, das merkt man ihr an, schon sehr gern die Klassenbeste wäre.

Darf ich jetzt sagen dass ich stolz auf sie bin? Darf man stolz auf etwas sein, das nicht man selbst, sondern das eigene Kind erreicht hat? Ich weiß nicht… ich finde schon. Zumal ich weiß, dass sie sich trotz ihrer Begabungen in vielen Dingen schwer tut. Ihrer Reizfilterschwäche verdankt sie einerseits ihre Einfühlsamkeit, doch auf der anderen Seite kann sie sich auch im Unterricht kaum konzentrieren, wenn im Klassenzimmer ein anderes Kind mit dem Stuhl schaukelt oder anderweitig ablenkende Geräusche verursacht. Ihre Frustrationstoleranz ist auch so eine Sache, und was gibt es über Freundschaften zu sagen… Ihre beste [und einzige] Freundin gibt es noch, die beiden sind nach wie vor miteinander befreundet; doch das Mädel wird voraussichtlich die zweite Klasse wiederholen müssen.
Ich mag nicht schwarzmalen doch ich fürchte, ihre Freundin wird ihr fehlen. Natürlich können sie sich weiterhin treffen, während der großen Pause auf dem Schulhof und nachmittags können sie nach wie vor etwas miteinander unternehmen; Und natürlich werde ich die Freundschaft auch weiterhin unterstützen wenn es irgendwie in meiner Macht steht. Doch wenn sie frustriert ist [was leider sehr schnell passiert] und dann Niemand da ist, der sie tröstet oder ihr gut zuredet… ich weiß nicht ob sie im kommenden Schuljahr weiterhin so stabil bleibt wenn ihr diese eine Freundin fehlt.

Das Einzige was ich wirklich tun kann ist für sie da sein. Oder es zumindest versuchen. Auch wenn ich selbst im Moment auch alles andere als stabil bin. Meine Krankenkasse bezahlt das vom ADHS-Facharzt verschriebene Medikament nicht mehr, und das Ersatzpräparat wirkt nicht so gut wie das ursprünglich verschriebene Elontril.
Der Arzt schlug vor, es in doppelter Dosis einzunehmen, was allerdings fürchterliche Mundtrockenheit als Nebenwirkung mit sich bringt. Aktuell nehme ich es nach kurzer Versuchsphase wieder in der ursprünglichen Dosis von 150 mg und an besonders stressigen Tagen nehme am Nachmittag eine zweite Dosis, doch ich konnte bezüglich der Dosis noch keine finale Entscheidung treffen.

Also bleibt alles vorerst wie gehabt: Die Stabilität innerhalb meiner Familie steht und fällt mit meiner Eigenen und mein Lieblingsmensch ist so ziemlich die einzige Konstante.

[Irgendwie ist das jetzt doch länger geworden als erwartet. Der Sohnemann bekommt also einen eigenen Blogeintrag. Voraussichtlich innerhalb der nächsten Tage.]

Gerade nochmal die Kurve gekratzt

„Wissen Sie Frau U., Kinder die zuhause so viel Unterstützung bekommen wie es bei Ihrer Tochter der Fall ist, denen jemand bei den Hausaufgaben hilft und außerdem darauf achtet, dass die Schulsachen immer vollständig sind, die werden normalerweise erst viel später auffällig als jene Kinder, die mit alldem mehr oder weniger auf sich allein gestellt sind; frühestens ab der dritten Klasse oder noch später.

„Ich würde das auf alle Fälle weiter beobachten und wenn sich die Situation verschlimmert oder es zu weiteren Eskalationen kommt treten Sie auf jeden Fall mit uns in Kontakt.“

So lautet das bisherige Ergebnis der Diagnostik bei meiner Tochter.

Aber alles der Reihe nach.
Bereits im Januar bzw. Februar diesen Jahres hatten die Anamnesegespräche bei der Fachärztin stattgefunden und auch zwei Diagnostiktermine haben wir bereits hinter uns. Nach Analyse der vorliegenden Unterlagen [Zeugnis der ersten Klasse sowie Ergebnisse diverser Tests] fasste der Arzt zusammen, darin stünde bereits alles was man wissen müsste um zu sehen, dass die Tochter bereits während des ersten Schuljahres etliche ADHS-typische Verhaltensauffälligkeiten zeigte.

Nun muss man jedoch bedenken dass ich damals, als meine Tochter eingeschult wurde, vieles noch nicht wusste was ich heute weiß und aufgrund dessen den Tagesablauf nicht gerade optimal eingerichtet habe.
Damals hatte ich zwar den Verdacht, dass sie [wie mein Sohn und ich selbst auch] eine Reizfilterschwäche hat und dass ihr trotzig-provokantes bis aggressives Verhalten nichts anderes als ihre Art und Weise ist, mit Reizüberflutung umzugehen; doch wie bereits erwähnt vermutete ich es nur, ich wusste es nicht mit Sicherheit.
Mit diesem Verhalten eckte sie sehr bald in der Schule und auch im evangelischen Kinderhort massiv an, was mir vollumfänglich erst beim Elterngespräch mit ihrer Klassenlehrerin klar wurde.

Die Tochter wurde im Laufe des ersten Schuljahres immer auffälliger; Irgendwann war ich gezwungen, sie direkt nach dem Mittagessen abzuholen bis nicht einmal mehr das funktionierte. Daher beschloss ich kurz vor Ende des ersten Schuljahres, sie ganz aus der Hortbetreuung herauszunehmen.

Ich fühlte mich schlecht und schuldig, weil ich sie dieser Belastung und diesem ganzen Stress ausgesetzt hatte; Mir wurde klar, dass ich ihre Belastbarkeit völlig falsch eingeschätzt hatte.

Also würde ich nach den Sommerferien so Einiges anders angehen müssen. Künftig würde sie nach der Schule direkt nach Hause gehen, die Hortbetreuung strich ich gedanklich aus der weiteren Planung heraus. Tagsüber würde ich mir wieder mehr Zeit für sie nehmen, speziell bei den Hausaufgaben würde ich sie künftig unterstützen. Weiters nahm ich mir vor, in Zukunft mehr auf ihre Sensibilität einzugehen und ihr nicht mehr so fordernd gegenüber zu treten.

Lang hatte ich denselben Fehler gemacht den so ziemlich Jeder macht, der sie kennenlernt und über einen längeren Zeitraum mit ihr zu tun hat. Durch ihr doch recht aufbrausendes und teils recht forsches Auftreten tritt ihr sensibles Wesen so sehr in den Hintergrund, dass man schon sehr genau hinsehen muss, um ihren Gemütszustand richtig einschätzen zu können. Aus irgendwelchen Gründen war ich zu er Überzeugung gelangt, weil ihr Vieles [zB sich auf etwas zu konzentrieren] so viel leichter fiel als ihrem Bruder, dann müsste das in den sozialen Belangen doch ebenfalls so sein.

Nun sind wir bereits mitten in der zweiten Hälfte des zweiten Schuljahres; das zweite Elterngespräch verlief im Gegensatz zum Ersten durchweg positiv. Tochters Klassenlehrerin meinte, sie habe sich in den vergangenen Monaten in so ziemlich allen sozialen Bereichen stabilisiert, was ich hauptsächlich auf den veränderten Tagesablauf zurückführe sowie auf die Tatsache, dass sich mein eigener Zustand ebenfalls stabilisiert hat.
Sie hat sich mit einem Mädchen aus ihrer Klasse angefreundet, die sie auch außerhalb der Schule regelmäßig trifft; Diese Freundschaft erscheint mir bereits jetzt stabiler als alle vorherigen Freundschaften, die sie mit anderen Kindern geknüpft hatte. Auch mit dem Nachbarssohn, der etwas älter ist als sie, trifft sie sich regelmäßig.
Außerdem ist sie was den Schulstoff angeht ganz vorn mit dabei, laut ihrer Lehrerin hat sie sich eine solide Wissensgrundlage angeeignet und verfügt obendrein über ein gutes Wortbildgedächtnis, was ihr erst vorvergangene Woche zu ihrem ersten Null-Fehler-Diktat verholfen hat.

Zusammengefasst würde ich die Situation folgendermaßen beschreiben: Das erste Schuljahr plus Hortbetreuung hat sie ziemlich überfordert und ihren gesamten Gemütszustand in eine Schieflage gebracht. Die vorgenommenen Veränderungen in ihrem Tagesablauf haben jedoch im zweiten Schuljahr eine deutliche Verbesserung in sämtlichen Bereichen bewirkt. Ich denke wir sind auf einem guten Weg, müssen jedoch darauf achten das richtige Maß zu finden zwischen fordern aber nicht über-fordern.

Some things never change…

„Jetzt stell dich doch nicht so an… du warst doch früher nicht so.“

Und da wunder sich noch einer warum ich die längste Zeit meines bisherigen Lebens der festen Überzeugung war, mit mir stimme etwas nicht.

Die Tochter und ich feierten heute Geburtstag, sie ihren achten und ich meinen, naja, ein paar Jährchen mehr :3

Es war sehr lustig, wie eigentlich immer wenn wir es denn mal schaffen, uns zu treffen. Bis zur Verabschiedung. Meine Mom wollte mich irgendwie umarmen oder mir ein Bussi auf die Backe drücken, was weiß ich, ist mir eigentlich auch egal, aber ich wollte eben nicht. War für mich ziemlich viel Input heute und als sich das lustige Gelage dem Ende näherte merkte ich, dass ich jetzt-dann-wirklich-langsam-aber-sicher genug hatte. Also bat ich meine Mutter „Nicht anfassen.“ und erntete zuerst mal nur einen ungläubigen Gesichtsausdruck und als nächstes einen weiteren Versuch, sich mit einem eindeutigen „Zuviel“ an körperlicher Nähe von mir zu verabschieden.
Daraufhin zuckte ich zurück und wand mich aus ihrer Annäherung heraus. Ihre Antwort? Siehe oben.

Als alle Gäste gegangen waren erfuhr ich, dass mein Lieblingsmensch in jenem Moment den Raum verlassen hatte; aus eigener Erfahrung weiß er dass es keine gute Idee ist, mit mir auf Tuchfühlung zu gehen wenn ich zuvor ausdrücklich darum gebeten hatte, genau dies nicht zu tun.

Ich selbst war gerade zu sehr mit mir selbst beschäftigt und damit, zu begreifen was sie da gerade zu mir gesagt hatte… dass sie DIESEN SATZ gesagt hatte.

Stell dich nicht so an.

Jener Satz, der einen Menschen – ein Kind – dazu bringen kann, dem eigenen Bauchgefühl zu misstrauen… es irgendwann vollkommen zu ignorieren. So wie ich.

Das Schlimme daran: Dass sie erst an meinem ungläubigen Gesichtsausdruck und an der betretenen Stille im Raum merkte, dass sie wohl irgendetwas Falsches gesagt hatte.

Ich weiß nicht wie ich noch vor einem Jahr reagiert hätte. Vielleicht – nein, sogar ziemlich sicher – hätte ich es über mich ergehen lassen weil ich – so wie es vor der Diagnose und somit auch vor der Medikation eigentlich immer der Fall war – gar nicht gemerkt hätte, dass es mir schon längst bis obenhin steht und ich vor lauter Reizüberflutung gar nicht mehr gewusst hätte, wo mir eigentlich der Kopf stand. Meistens waren es genau solche „Kleinigkeiten“, die das Fass zum Überlaufen brachten; die in der Veragangenheit schon unzählige Male zum Auslöser für einen Kontrollverlust meinerseits wurden.

Ich kann es nicht ausstehen, wenn meine Mitmenschen von mir klar aufgezeigte Grenzen nicht respektieren. Versteht mich richtig, ich verlange von niemandem, dass er meine Gedanken liest. Wenn ich jedoch jemanden – egal wen – darum bitte, mich nicht anzufassen, was-zum-Henker ist eigentlich daran so schwer zu verstehen?