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Wenn der Nebel sich lichtet…

Vor etwa sieben Wochen bin ich wieder auf Elontril umgestiegen. Nachdem ich einige Monate zwangsweise ein Ersatzpräparat eingenommen hatte, war mein ganzes Empfinden unerträglich für mich geworden.

Die Veränderung verlief wie beim ersten Mal schleichend, doch obwohl objektiv betrachtet der Zeitraum annähernd derselbe gewesen sein muss: diesmal kam es mir wie eine Ewigkeit vor.

So ziemlich mein ganzes Leben lang dachte ich, mein Empfinden sei normal und es ginge allen anderen genauso. Doch mittlerweile weiß ich, dem ist nicht so.

Müsste ich die beiden Zustände beschreiben, würde ich versuchen, es mit einem Nebelschleier zu vergleichen, der mich umhüllt. Der mein Denken einhüllt. Hinter dem Nebelschleier befindet sich eine Mauer, und ich renne wieder und immer wieder dagegen. Egal welche Richtung ich einschlage und ganz gleich wie oft ich es versuche: ich habe keine Chance. Da ist kein Weg nach draußen. Und jetzt ist es, als hätte sich der Nebel gelichtet und plötzlich kann ich vollkommen klar sehen. Meine ganze Wahrmehmung hat sich verändert. Ich sehe plötzlich nicht mehr nur die Fehler, die meine Mitmenschen machen, sondern ich sehe die Mühe die sie sich geben. Ich sehe wie sie versuchen, es richtig zu machen. Ich kann wieder die Zuneigung spüren, die ich für meinen Lieblingsmenschen hege. Davor war da nur Genervtsein, alles zuviel, „jetzt hat er schon wieder dies/das/jenes gemacht oder nicht gemacht“, ständig musste ich gegen den inneren Druck ankämpfen und damit war ich so sehr beschäftigt, dass einfach für nichts anderes mehr Raum war. Der Zorn war übermächtig.

Mein Lieblingsmensch hat mal zu mir gesagt, ein Gespräch mit mir sei wie ein Lauf durch ein Minenfeld. Man wisse nie, wie ich als nächstes reagieren würde, was mich als nächstes triggern würde. Aber es ist nicht nur für meine Mitmenschen ein Minenfeld. Für mich ist das gesamte „Draußen“ ein einziges riesiges Minenfeld. Und ganz ehrlich? Ich hasse es. Ich hasse mein Hirn; Dieses Chaos da oben, es ist einfach zum Kotzen. Nicht mal annähernd das eigene Potenzial nutzen zu können, das ist wie eine riesige Villa zu besitzen und das ganze Leben lang in einem winzigen Raum eingesperrt zu sein. Nicht zu wissen, dass es da draußen noch mehr gibt. Viel mehr.

Zu begreifen, welchen Unterschied es macht; sich des vollen Umfangs der Veränderung bewusst zu werden und es benennen zu können, das ist so unglaublich erleichternd. Und andererseits, das Wissen, nur mit Hilfe von Medikamenten zu funktionieren, den Alltag bewältigen zu können und mit Menschen konstruktiv interagieren zu können, das frustriert ungemein.

Derzeit fühlt es sich noch fremd an. Dieses andere Ich. Dieser andere Teil von mir, der sich davor zwar immer wieder gezeigt hat, doch der gegen die Reizüberflutung von außen nicht den Hauch einer Chance hatte. À propos Reizüberflutung: Das mit den körperlichen Berührungen ist auch so eine Sache. Vorher kannte ich es nicht anders, als Berührungen nicht oder nur selten aushalten zu können. Dann [mit Elontril] hatte ich genügend Zeit, mich daran zu gewöhnen und später, während ich das [bei mir unwirksame] Ersatzpräparat einnahm, konnte ich Berührungen und körperliche Nähe einerseits nicht ertragen, sehnte mich andererseits trotzdem danach. Wie widersprüchlich kann ein Mensch eigentlich noch sein?

Ich merke es nicht nur an mir selbst, sondern auch an den Kindern. Ganz besonders an meiner Tochter. Den Kinder- und Jugendpsychiater in der Klinik für Kinderneurologie und Sozialpädiatrie habe ich neulich darauf angesprochen, woran es liegen könnte dass die Tochter in den letzten Monaten [wieder] so schwierig geworden ist. Er sah gleich den Zusammenhang zwischen dem Ersatzpräparat bzw. meinem eigenen veränderten Zustand und dem meiner Tochter. Er vermutete, dass sie durch meinen „Rückfall“ in alte Verhaltensmuster selbst wieder instabiler geworden sein könnte oder dass sie mein eigenes Verhalten gespiegelt haben könnte. Eigentlich alles Begründungen die durchaus Sinn ergeben, aber begeistert bin ich davon nicht gerade. Denn letztlich erinnert es mich nur wieder einerseits daran, wie sensibel sie auf Veränderungen in ihrem Umfeld reagiert und andererseits dass hier alles davon abhängt, wie stabil ich selbst bin.

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Dr. Jekyll & Ms. Hyde

So komme ich mir gerade vor. Klingt übertrieben? Ich weiß nicht. Lest selbst.

Ich nehme seit guten anderthalb Jahren die beiden Medikamente Strattera und Elontril. Das heißt, ich nahm Elontril bis vor ca. drei Monaten ein. Bis zu jenem Tag als bei meiner Krankenkasse entschieden wurde, dass die Kosten für Elontril nicht mehr tragbar seien, es gäbe schließlich ein deutlich günstigeres Ersatzprodukt: Bupropion. Selber Wirkstoff, selbe Dosierung.

Etwas skeptisch nahm ich besagtes Ersatzpräparat in der gewohnten Dosierung ein und spürte wenig später eine Veränderung meines… ich nenne es mal meines psychischen Gleichgewichts. Genauer ausgedrückt: Die Reizfilterschwäche begann wieder zunehmend, auf mein Gemüt zu drücken, mir wurde wieder alles zu laut, zu hell, zu viel.
Also wies ich meinen Lieblingsmenschen darauf hin und bat ihn, ebenfalls ein Auge darauf zu haben, ob sich mein Verhalten wieder ins Negative verändert.

Die Wochen zogen ins Land und der Alltagstrott ließ mich mein Vorhaben vergessen, meinen psychischen Zustand weiterhin genau im Auge zu behalten. Die Sommerferien kamen und gingen und ziemlich genau am letzten Sonntag der Ferien krachte es bei uns so heftig wie schon lange nicht mehr. Genauer gesagt: Seit ich begonnen hatte, Strattera und Elontril einzunehmen.

Mir war zwar aufgefallen, dass Bupropion eine starke Mundtrockenheit als Nebenwirkung mit sich brachte. Doch dass es gegen die Reizfilterschwäche so überhaupt nichts auszurichten vermochte, das hatte ich nicht einmal zu fürchten gewagt.

Beim nächsten Termin bei meinem ADHS-Facharzt wies ich ihn darauf hin, dass Bupropion bei mir überhaupt nicht wirkte. Er schlug vor, die Dosis zu erhöhen und weiter zu beobachten.
Die einzige Wirkung: ein unerträgliches Gefühl der Trockenheit im Mund, aber das war auch schon alles. Also reduzierte ich die Dosis wieder auf die gewohnten 150 mg und nahm es einfach weiter.

Bis zu jener Eskalation am letzten Sonntag der Sommerferien. Wir beide, mein Lieblingsmensch und ich, hatten schon wieder vergessen dass ich von Anfang an gespürt hatte, dass Bupropion bei mir anders wirkte als Elontril.

Nun beschloss ich, erneut meinen Facharzt zu konsultieren und das Ersatzpräparat notfalls abzusetzen. Seine – objektiv durchaus verständliche  – Reaktion auf meine Bitte hin, er möge das Häkchen auf das Rezept machen, bei dem es um das günstigere Ersatzpräparat geht: Er könne dies natürlich tun, doch er habe kein Interesse daran, sich deswegen mit meiner Krankenkasse herumzuschlagen, die deshalb Regressansprüche geltend machen könne [und würde].
Ich beschrieb ihm meine Situation. Erklärte ihm, dass ich so nicht weitermachen könne, dass es nicht nur mich sondern meine ganze Familie belasten würde. Daraufhin schrieb er mir ein anderes Antidepressivum auf, dessen Name mir gerade nicht einfällt.
Und an dieser Stelle würde jetzt genau das anfangen, was ich bei meiner Mutter erlebt habe und wovor ich so große Angst hatte: Diese Odyssee von einem zum nächsten Medikament, bis man mal eines findet, dass die erwünschte Wirkung zeigt. Von den vielen Nebenwirkungen mal ganz zu schweigen.
Ich bin der Ansicht: Never change a winning team. Deshalb werde ich alles daran setzen, Elontril auch in Zukunft gegen die Reizfilterschwäche nehmen zu können. Ich hoffe, ich kann an dieser Stelle bei meiner Krankenkasse etwas erreichen, auch wenn ich mir keine allzu großen Hoffnungen diesbezüglich mache.

Allerdings will ich auf keinen Fall jemals wieder so empfinden, so SEIN wie damals, bevor ich Strattera und Elontril einnahm. Es war die Hölle. Dieser drei-Monate-Trip zurück in die Zeit, als sämtliche Reize ungefiltert auf mein Hirn einprasselten, das war der reinste Horrortrip. Die Kinder verunsichert [die Tochter hatte mehrmals einen Alptraum, der mit mir und meiner veränderten Persönlichkeit zu tun hatte -.-*], mein Lieblingsmensch, dessen Nähe und Berührungen ich plötzlich nicht mehr ertragen konnte. Dieses omnipräsente Gefühl der Überreiztheit, die Menschen, das „Draußen“ als einzige Bedrohung wahrzunehmen, der ich mich nicht entziehen kann, Geräusche zu laut, Sonne zu hell, alles – einfach alles – input overload.
Und dann die Aggression, der innere Druck. Alles war wieder da. Als wäre es nie weg gewesen. Doch da ich ja mittlerweile wusste, wie sich ein Leben „ohne“ anfühlte, empfand ich es als doppelt schlimm. Ich blickte in die Gesichter meiner Kinder, und da waren sie wieder, diese verunsicherten Blicke. War das eben Angst in seinen Augen?
Es fällt mir schwer, mich nicht abgrundtief zu hassen.
Ich kann nicht einmal sagen, ob ich es nicht doch tue.
Wie kann man jemanden wie mich lieben?
Es gab eine Reihe von Suiziden in meiner Familie, deshalb war ich gezwungen mich schon sehr früh mit diesem Thema zu beschäftigen. Und durch die Depression meiner Mutter und meiner eigenen Angst, sie könne sich ebenfalls etwas antun war es leider für viele Jahre ein großes Thema für mich.
Ich habe nie verstanden, wie man so etwas tun kann.
Doch in diesen Momenten wenn mir bewusst wird, wie ich bin und was ich tue… in diesen schwachen Momenten kann ich es ein Stück weit nachvollziehen, dass man sich selbst nur noch als Last für andere Menschen empfindet.
Versteht mich richtig: Ich habe keinerlei Ambitionen, meine Kinder – meine Familie – im Stich zu lassen.
Ich tue alles in meiner Macht Stehende, damit ich mein Leben – mich selbst – in den Griff bekomme, und ich bekomme oft positives Feedback. Ganz offensichtlich mache ich also doch nicht alles falsch. Es ist einfach diese teilweise unerträgliche Schwere, dieses Zuviel an allem, das es für mich so unfassbar anstrengend macht.

Was sich verändert hat

Mit diesem Artikel nehme ich an der Blogparade von Rene Pöpperl teil, welche sich mit dem Thema „Die größten Herausforderungen für erwachsene ADSler und wie man sie meistert“ befasst.

Mittlerweile ist seit meiner Diagnose bzw. seit dem Beginn der Einnahme zweier Medikamente über ein halbes Jahr vergangen.

An das Nicht-Vorhandensein des inneren Drucks, der Wut, die mich schon solang ich mich erinnern kann begleitet hat, habe ich mich ziemlich schnell gewöhnt.

Ich muss wohl nicht explizit erwähnen, dass sich dadurch sehr viel verändert hat. Mein Umgang mit anderen Menschen ist ein Anderer; ich werde nicht mehr so schnell wütend, und selbst wenn mich doch einmal etwas aus der Fassung bringt, dann kommt es nicht mehr zum Kontrollverlust wie es davor der Fall war. In solchen Situationen verfliegt der Zorn so schnell wieder wie er gekommen ist.

Mittlerweile kann ich mir nur noch schwer vorstellen wie es war, damals, die ganzen Jahre zuvor. Es war mir schlicht nicht möglich, meine Gefühlslage zu regulieren. Den ganzen Tag kämpfte ich gegen den inneren Druck an; und wenn es dann schlussendlich passierte dass ich explodierte, dann schaffte ich es einfach nicht mehr, mich aus eigener Kraft wieder aus dieser Wut-Spirale zu befreien. Oft habe ich mich – ohne es zu wollen – derart in etwas hineingesteigert bzw. bin so extrem ausgerastet dass ich erst dann aufhören konnte wenn ich völlig erschöpft war und einfach nicht mehr konnte.

Wenn ich das heute zu beschreiben versuche, dann klingt es selbst für mich irgendwie unwirklich, und das obwohl ich ganz genau weiß, dass es sich genau so zugetragen hat. Auch wenn ich mich heute frage wie es passieren konnte, dass mich eine Handvoll alltäglicher Situationen derart in Rage brachte.

Auch mein erster Eindruck mit der verbesserten Selbstwahrnehmung hat sich in den vergangenen Monaten bestätigt. Wenn sich mein Überreizungs-Pegel einem kritischen Maß nähert [was immer noch regelmäßig der Fall ist] dann merke ich es früh genug, um mich aus der Situation zurückziehen zu können. Und selbst dann ist mein Kopf immer noch klar genug um gegebenenfalls im direkten Gespräch dem Gegenüber meine derzeitige Gefühlslage zu kommunizieren.

Auch hier ist selbsterklärend, dass sich hierdurch die gesamte Familiensituation entspannt hat. Bei den Kindern kann ich generell viel gelassener reagieren als es noch vor einem Jahr der Fall war; plötzlich fällt es mir leicht, geduldig zu sein und jetzt, da mein Hirn nicht mehr ununterbrochen vom Zorn vernebelt ist, kann ich meine Gedanken viel besser artikulieren. Meine gesamte Gefühlswelt ist nicht mehr dieses heillose Chaos wie es vor der Medikation der Fall war.

Je mehr Zeit vergeht und je mehr Fortschritte ich mache desto häufiger und vor allem desto dringlicher wird mir bewusst: Ich will nie wieder dorthin zurück wo ich war, als ich mich entschloss, zu diesem ADHS-Facharzt zu gehen. Nie. Wieder.

Ein weiterer, anfangs verstörender Effekt der Medikation: Ich bin was körperliche Nähe angeht regelrecht anhänglich geworden. Davor konnte ich eigentlich die meiste Zeit überhaupt keine körperliche Nähe bzw. Berührungen aushalten geschweige denn als angenehm empfinden. Wenn ich gestresst war konnte bereits eine harmlose Berührung zur Eskalation führen. Abgesehen davon verstand ich den Sinn von Berührungen nicht. Wohl weil ich die meiste Zeit einfach kein Bedürfnis danach hatte.

Vielleicht klingt das jetzt zu überschwänglich für den Einen oder Anderen; speziell da der Großteil meines veränderten Verhaltens auf die Medikation zurückzuführen ist. Aber im Vergleich zu damals fühlt sich mein ganzes Leben heute unfassbar einfach an.

Natürlich ist der Alltag nach wie vor anstrengend; die Nachtschichtarbeit, die Kinder und „das bisschen Haushalt“, hin und wieder will man neben dem „Alltagsgeschäft“ auch mal ein bisschen Beziehungspflege betreiben… doch es ist trotz allem einfacher geworden, den Alltag zu bewältigen. Irgendwie kann ich auch die Nähe zu meinem Lieblingsmenschen erst seit einigen Monaten wieder so richtig genießen. Und selbst wenn ich gestresst bin oder unter Druck stehe, dann wirkt eine Berührung bei mir nicht mehr wie ein Funke, der das sprichwörtliche Pulverfass zum Explodieren bringt. Es ist okay für mich und oft finde ich in einer Umarmung meines Partners sogar Trost oder zumindest kann ich mich dadurch leichter wieder beruhigen.

Alles Dinge, die vor der Medikation schlicht unvorstellbar waren.

Monsters don´t sleep under your bed. They sleep inside your head.

Ich habs getan.

Bei meinem vorletzten Termin hat mein Facharzt mir drei Rezepte ausgestellt. Kein klassisches MPH-Präparat, sondern ein AD[H]S-Medikament welches auch ein leichtes Antidepressivum enthält, weiters ein Medikament welches sich auf den Noradrenalin- und Dopaminhaushalt auswirkt. Und weil bei der Blutuntersuchung ein Zinkmangel festgestellt wurde hat er mir außerdem ein Zinkpräparat aufgeschrieben.

Diese Rezepte habe ich einige Tage in meinem Geldbeutel mit mir herumgetragen, bis ich mich dazu durchringen konnte, sie in der Apotheke abzugeben.
Warum? Weil ich Angst hatte. Angst davor, was diese Tabletten aus mir, aus meiner Persönlichkeit womöglich machen würden.

Aber was mache ich wenn ich vor etwas Angst habe? Wer mich ein bisschen kennt weiß: Immer Vollgas voraus. Also nahm ich all meinen Mut zusammen, schob die Angst beiseite und begann mit der Einnahme.

Anfangs bekam ich davon Magenschmerzen und leichte Übelkeit, woraufhin der Arzt mir noch Omeprazol verschrieb, wegen der leichten chronischen Gastritis.

Bis auf ein Kribbeln auf der Haut, leichten Schwindel und die oben beschriebenen Magenprobleme merkte ich zunächst keine Veränderung.

Vielleicht sollte ich noch um eine Info ergänzen: Das AD[H]S-Medikament wird zu Beginn der Einnahme ganz schwach dosiert und die Dosis wird wöchentlich gesteigert bis man schließlich bei der optimalen Dosierung angelangt ist.

Der selektive Noradrenalin-/ Dopaminwiederaufnahmehemmer dagegen wird von Anfang an in seiner vollen Dosierung eingenommen.

Das erste was sich danach bemerkbar machte, also so richtig deutlich bemerkbar, war die Appetitlosigkeit und die Tatsache, dass ich – selbst wenn ich mich zwang – kaum einen Bissen runterbekam. Sowas gibts bei mir normalerweise nicht.
Kurz danach erlebte ich ein interessantes Phänomen, ich weiß nicht ob das von euch jemand schon mal an sich selbst beobachtet hat: Wenn ich mit einer oder mehreren Personen interagiere und es entsteht eine Situation, welche mich aufwühlt oder emotional aus dem Konzept bringt, dann kann ich förmlich spüren wie sich mir die Nackenhaare aufstellen.
Das fühlt sich an wie Gänsehaut, nur eben dass sie auf einen kleinen Bereich des Körpers reduziert ist.
Ich kannte das schon länger von mir, nur seit ich die Medis nehme spüre ich es intensiver und ohne den inneren Druck bzw. ohne das Aufflammen dieses verdammten Zorns, was normalerweise direkt Hand-in-Hand mit dem Aufstellen der Nackenhaare geht.

So ab Woche drei wurde es richtig interessant. Die Dosierung des AD[H]S-Medikaments war bereits zwei Mal erhöht worden als ich eines schönen Tages, ich glaube es war Sonntag, in der Badewanne lag und eine zunächst verstörende Beobachtung machte:

Der Druck. Er war weg. Dieser verdammte innere Druck den zu kontrollieren ich eigentlich ununterbrochen bemüht war, er war verschwunden.

Plötzlich fühlte ich mich leer. Und schrecklich hilflos – wehrlos – schutzlos.

Es fühlte sich an als fehlte ein Teil von mir. Mein Zorn, meine Wut, mein gehassliebter böser Zwilling. Mein Beschützer.

Ich weiß es liest sich seltsam, doch aus meiner größten Schwäche zog ich lange Zeit auch unheimlich viel Kraft. Zorn und Trotz waren mein Antrieb.

Na wartet, euch zeig ichs.

Ich hatte keine Angst. Oder besser gesagt: Ich spürte keine Angst. Denn wann immer mich etwas ängstigte, begann mein Nacken zu kribbeln und… nein, ich verwandelte mich nicht in eine zweieinhalb Meter große wolfsähnliche Kreatur. Aber ich ging automatisch zum Angriff über. Verbal versteht sich.

Das erste Mal war das Schwierigste. Es lief bei mir nach dem klassischen Muster ab: du bekommst so lang einfach nur immer wieder auf die Fresse bis du entweder völlig kapitulierst oder anfängst, dich zu wehren. Lange Zeit versuchte ich, meine Peiniger zu ignorieren. Doch was solche Typen wollen ist eine Reaktion, und sie hören nicht auf bis sie bekommen was sie wollen. Nicht dass sie dann aufhören würden, nur dass sie dann eben wissen, wo sie dich treffen können; Im Prinzip kannst du es eh nur falsch machen.

Als ich begann mich zur Wehr zu setzen muss der Erfolg so einprägsam gewesen sein dass ich daran arbeitete, diese Art der Reaktion zu verinnerlichen.

Das Ergebnis…

Nunja. Das Ergebnis kämpft gerade darum, destruktive Verhaltensweisen abzulegen.

Um den eigentlichen Faden wieder aufzunehmen: Mich beschäftigte und belastete dieses Gefühl der inneren Leere so massiv, dass ich meinen Lieblingsmenschen zu mir rief und ihn um Rat fragte. Und so sehr ich ihn regelmäßig für seine Neutralität und Distanziertheit verfluche, mindestens ebenso schätze ich seine Beobachtungsgabe, seine Fähigkeit mir immer noch einen neuen Blickwinkel auf eine Situation zu ermöglichen.

Was daran so schlimm sei, dass der innere Druck weg ist. Immerhin führe er lediglich immer wieder zu Kontrollverlust. Soweit richtig, aber nur im Zorn brachte ich es über mich, gegen andere Menschen wenn sie mir Unrecht taten das Wort zu erheben, anstatt immer nur alles zu schlucken und in mich hineinzufressen. Daher das Gefühl der Hilflosigkeit.

Die berühmten zwei Seiten einer Medaille.

Am nächsten Tag machte ich eine weitere hochinteressante Entdeckung: Mir wurde klar, wieviel Arbeitsspeicher und Energie ich tag-täglich nur dafür benötigte, um den inneren Druckkessel auch nur halbwegs unter Kontrolle zu behalten. Was dennoch nur allzu oft misslang.

Dass meine innere Aggression ein Problem ist wusste ich schon länger. Mein Hauptproblem jedoch ist nicht die Aggression an sich sondern die Reizüberflutung die mich regelmäßig nahezu in den Wahnsinn treibt. Ins Kaufland und danach noch irgendetwas Produktives machen? Vergiss es. Auf einen Laternenumzug mit den Kindern ohne ständig entweder Fluchtinstinkt oder Aggression niederringen zu müssen? Unmöglich. Mehr als zwei Geräuschquellen gleichzeitig in Hörweite und sich dann noch auf etwas konzentrieren? Keine Chance.

Mit den Medis ist auch die gefühlte permanente Überreizung um ein ganzes Stück besser geworden. Und selbst wenn ich mich in einer Situation überreizt fühle, dann nehme ich es rechtzeitig wahr um besagte Situation verlassen zu können, bevor es eskaliert. Solche Feinheiten konnte ich früher nicht rechtzeitig erspüren, ich hab es immer erst dann gemerkt, wenn es eigentlich schon zu spät war, sprich: Ich ein kritisches Level der Überreizung erreicht hatte.

Wenn man so möchte ist meine Selbstwahrnehmung dadurch um einiges besser geworden.

Mein bisheriges Fazit was die Medikamente angeht: Ich bin froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe.

Wie es jetzt weitergeht: Was die Depression angeht will der Facharzt noch herausfinden, ob ich hier ebenfalls genetisch belastet bin oder ob es eine Begleiterkrankung der unbehandelten AD[H]S ist.

Allgemein fühle ich mich besser, entspannter, konzentrierter und sortierter. Das einzige Problem ist mein Magen, bleibt zu hoffen dass er sich wieder einkriegt.