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Drei Jahre SPFH – ein Fazit.

Vergangenen Dienstag fand unser Abschlussgespräch statt. Frau B. hat uns die letzten Drei Jahre begleitet und mehr als einen konstruktiven Impuls geliefert. Speziell im Bezug auf Sohnemann war sie eine große Hilfe; doch auch was das Berzwerkerkind angeht konnte sie mit ihrer Erfahrung immer wieder einen guten Rat beisteuern. Und wenns nur ein „Well done, Frau U.“ gewesen ist.

Beantragt hatte ich die SPFH damals, weil ich im Umgang mit den Kindern völlig unsicher war. Weil ich aufgrund meines Burn Out Syndroms die Kinder in einer Pflegefamilie untergebracht hatte, um geordnet wieder auf die Beine kommen zu können während ich die Kinder in guter Obhut wusste; wo sie vierzehn Monate blieben bis ich sie – aufgrund des Trennungschmerzes gefühlt dem Wahnsinn nahe – im September 2010 wieder zu mir holte. Ich war halbwegs wieder auf den Beinen, somit zu einem geregelten Tagesablauf fähig und hatte obendrein das Gefühl, die Trennung von meinen Kindern keinen Tag länger ertragen zu können.

Sprich: Der Wille war da, doch mindestens genauso groß war die Unsicherheit. Welche Ziele verfolgte ich bei der Erziehung meiner Kinder? Und mindestens genauso wichtig: Wie hatte ich vor, diese zu erreichen? „Warum eigentlich nicht?“ dachte ich mir, und stellte einen Antrag auf -> Sozialpädagogische Familienhilfe. Wohl wissend, dass es wieder mehr als genug Leute geben würde, die mich deshalb blöde anschauen und schlimmstenfalls in die Schublade „Rabenmutter“ stecken würden. Natürlich wusste ich nicht was mich in Bezug auf die Familienhelferin erwartete, obwohl ich bis dato ausschließlich positive Erfahrungen mit dem Jugendamt gemacht hatte.

Die Hilfe wurde bewilligt und schon beim ersten Termin kristallisierte sich heraus, dass wir trotz des Altersunterschieds [~30 Jahre] schnell einen guten Draht zueinander hatten. Hauptsächlich arbeitete Frau B. mit mir zusammen und es gab immer wieder Gespräche mit meinem Partner sowie dem leiblichen Vater der Kinder. Doch den Großteil der Erziehungsarbeit macht im Normalfall die Mutter, und so war in erster Linie ich diejenige, welche an den SPFH-Gesprächen beteiligt war.

Die Zeit mit der SPFH war auch insofern interessant, da ich weder Oma noch Tante noch irgendeine andere [deutlich ältere und in Erziehungssachen erfahrenere] weibliche Bezugsperson hatte, welche ich in Erziehungsfragen hätte konsultieren können. Und meine Mutter… naja. Ist ein Thema für sich, kommt aber auch nicht hierfür in Betracht. Frau B. hat mir viel und noch mehr aus ihrem Erfahrungsschatz erzählt, und mehr als einmal hat sie mich in meiner Linie bestärkt wenn ich aufgrund irgendwelcher Ereignisse ins Wanken kam.

Sie hat nicht zuletzt immer wieder nachgehakt, was nun mit Sohnemann los ist, und jedes Mal hatte sie eine Idee, was man noch versuchen könnte um ihm dabei zu helfen, gesund groß zu werden. Sie nannte mir einen überaus kompetenten Kinder- und Jugendpsychologen, bei dem wir natürlich kurze Zeit später vorstellig wurden. Er sprach als erste Person überhaupt den Verdacht auf ADHS aus, wogegen ich mich zu diesem Zeitpunkt – aus Gründen der Falschinformiertheit – noch mit Händen und Füßen wehrte. Leider verschlug es ihn wenige Monate später nach Berlin, woraufhin wir händeringend nach einer Alternative suchten.

Da ich über Monate von der hiesigen ADHS-Facharztgröße bzw. von dessen Sprechstundenhilfe immer wieder vertröstet worden war, versuchte ich es in meiner Verzweiflung „dann eben doch“ im hiesigen Kinderzentrum und – was soll ich sagen – es war eine meiner besten Entscheidungen überhaupt. Ich fühlte mich dort ernstgenommen; wahrgenommen als eine Mutter, die für ihren Sohn einfach nur Hilfe sucht. Ohne dass mich jemand vorverurteilt hätte.

Mit Hilfe der SPFH schaffte ich es, für meinen Sohn eine passende Schule zu finden. Eine, die seinen Bedürfnissen entsprechen und ihm die für ihn so wichtige Geborgenheit geben kann. Er blüht auf, kann – man muss schon sagen endlich! – sein geistiges Potenzial und die vielen positiven Eigenschaften nutzen, die er mit sich herumträgt [und die aufgrund der vielen Probleme, die er aufgrund seiner ADHS im Alltag hatte, nahezu völlig untergingen].

Manchmal gingen allein aus meinen Erzählungen ganz neue Impulse hervor, ohne dass Frau B. aktiv etwas dazu hätte beisteuern müssen. Ich bin wirklich froh, dass ich diesen Schritt gegangen bin, denn ohne die Hilfe der SPFH hätte ich diese Zeit vermutlich nicht so gut überstanden. Und ich wage zu bezeifeln, dass Sohnemann auf einer E-Schule gelandet wäre. Denn auch diese Idee kam – suprise, surprise – von der guten Frau B.

Danke.

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Was willst du eigentlich?

In Bezug auf das Thema „Burn Out“ durfte ich in der  vergangenen Zeit ein interessantes Phänomen beobachten. Es erinnert mich – zu meiner eigenen Schande – zu meinem [früheren] eigenen Umgang mit der permanenten Antriebslosigkeit / Depression meiner Mutter. Zur Erklärung werde ich jedoch etwas ausholen.

Ich hatte im Frühjahr 2010 einen Burn Out. Die ersten Symptome zeigten sich bereits ein Jahr davor, doch ich brauchte etwa ein Jahr, um das Unternehmen „loszulassen“ und notwendige Schritte bezüglich Kinder-Unterbringung in die Wege zu leiten. Keinen Tag zu früh wie sich herausstellen sollte.

Als ich letztendlich dazu bereit war, das „sinkende Schiff“ zu verlassen, litt ich an einer leichten chronischen Gastritis, hatte un-unterbrochen heftigste Neurodermitis-Schübe, litt an Migräne, war dauerhaft erkältet und am Ende meiner Kräfte angelangt. Und trotzdem stand ich unter Dauerstrom. Konnte nicht entspannen obwohl es so dringend notwendig gewesen wäre. Sobald etwas auch nur ansatzweise den Anschein erweckte, mich in irgend einer Form unter Druck zu setzen, ging in meinem Hirn der Alarm an. Danach ging erst mal eine Weile nichts mehr. Ich wollte nichts und niemanden sehen, schon gar keine Leute die etwas von mir wollten. Nach draußen ging ich nur, wenn es sich absolut nicht vermeiden ließ.

Die ersten Monate „danach“ verbrachte ich hauptsächlich zuhause. Lesend, DVD schauend, den Großteil der Zeit jedoch schlafend. Anfangs zweimal, später einmal die Woche holte ich die Kinder zu mir, nachdem ich unter Aufbietung aller [Willens-]Kraft die Wohnung in einen halbwegs ordentlichen Zustand versetzt hatte. Natürlich genoss ich die Stunden mit meinen Kindern; und obwohl jede abendliche Trennung für mich die reinste Hölle war, wusste ich, dass ich es anders im Moment nicht schaffen würde.

Sobald ich allein war, verkroch ich mich wieder. Dachte nach, las Bücher und schlief. Wir verlängerten die Vollpflegestelle der Kinder sicherheitshalber um ein weiteres Jahr, von dem ich jedoch nur zwei Monate in Anspruch nehmen würde.

Sechs Monate nach Tag X beschloss ich, dass ich a) nun wieder ausreichend hergestellt war, um mich selbst um die Kinder kümmern zu können, nicht zuletzt weil ich b) das Gefühl hatte, langsam aber sicher den Verstand zu velieren. Von den eigenen Kindern getrennt zu sein kann eine Mutter durchaus an den Rand des Wahnsinns bringen.

Seit Tag X sind jertzt dreieinhalb Jahre vergangen. Sohnemann geht seit einem Monat in die Schule und Töchterchen ist Vorschulkind. Wir vier haben uns zusammen gerauft und auch bezüglich Erziehung habe ich [bzw. wir] eine Linie gefunden, welche meinen [bzw. unseren] Prinzipien entspricht und sich, zumindest so fern man das im jetzigen Alter der Kinder sehen kann, auch als stimmig erweist.

Mittlerweile arbeite ich wieder in Teilzeit, jedoch nur weil ich erleben durfte, dass eine geringfügige Beschäftigung mir nicht [mehr] genügt.

Nun zum oben erwähnten Phänomen. Ich bin jetzt 34, jedoch fühle ich mich [körperlich] nicht so. Vom körperlichen Befinden sind es mindestens zehn Jahre mehr, die ich „auf dem Buckel“ habe. Natürlich ist das rein subjektiv, schließlich weiß ich nicht, wie „man“ sich so fühlt mit Mitte Dreißig. Doch wenn ich vergleiche, in welch ausgezeichneter körperlicher Verfassung ich mich zu Beginn der ersten Schwangerschaft befand, dann fühle ich mich schlicht „überproportional gealtert“. Und kommt mein „gefühltes Alter“ in egal welchem Zusammenhang zum Gespräch, werde ich regelmäßig belächelt, so à la „was willst du eigentlich? Du bist doch noch jung. Wart ab, bis du wirklich alt bist. Dann kannst dich immer noch alt fühlen.“

Mhm. Kann ich das, ja?

Ich weiß vielleicht selber nicht, was ich eigentlich erwartet habe. Mir fehlt so gesehen nichts. Alles dran, keine fehlenden Gliedmaßen oder Behinderungen, keine Depression, nichts. Zumindest keine von der ich wüsste. Sogar die als chronisch eingestufte Gastritis muss nicht mehr medikamentös behandelt werden weil ich keine Beschwerden mehr habe. Ich bin nicht häufiger schlecht gelaunt als davor [zumindest glaube ich das], meine Launenhaftigkeit ist auch vorhanden, wenn auch nicht mehr ganz so ausgeprägt wie in meiner „Sturm- und Drang-Zeit“, ich fühle mich mal besser und mal nicht ganz so gut. Ich kann sogar bis zu einem Gewissen Grad am öffentlichen Leben teilnehmen ohne dabei sofort panisch das Weite zu suchen [bzw. immerhin kann ich den Impuls gerade so lange unterdrücken, dass meist niemand in der Nähe ist, der sich darüber wundern würde]. Eben größtenteils normal.

Mit dem kleinen Unterschied, dass meine „maximale Ladekapazität“ heute weitaus geringer ist als „davor“. Und natürlich sind die Akkus viel schneller wieder leer, was wiederum bedeutet, dass ich häufiger „dringende“ Ruhephasen einhalten muss, weil nicht nur meine körperliche sondern auch meine psychische Belastbarkeit nicht mehr die ist, die sie einmal war. Wenn ich die Ruhephasen aus welchen Gründen nicht einhalten kann, aktiviert sich mein „Not-Aus“.

Ich gestehe dass ich irgendwie dankbar bin. Dafür, dass der Burn Out mir die Möglichkeit gab, über meinen Tellerrand zu blicken und zu erleben, dass verschiedene Menschen einfach unterschiedlich funktionieren. Er lehrte mich, dass selbst für mich irgendwann mal Ende-Gelände ist, und dass ich manchmal auch einfach besser auf mein Bauchgefühl höre.

Auch wenn das jetzt seltsam klingen mag: Ich glaube, ich habe den Burn Out gebraucht. Um zu wachsen und erwachsen zu werden.

Burn Out – Drei Jahre danach.

Nun sind ziemlich genau drei Jahre vergangen, seit ich die Selbständigkeit aufgegeben habe. Ich finde, es ist wieder einmal an der Zeit für ein kleines Resümee.

Vorhin stellte ich Chris gegenüber erfreut fest, dass ich dieses Jahr gesundheitlich eigentlich ganz gut durch den Winter gekommen bin. Wenn man als Vergleich den ersten Winter „danach“ heranzieht bin ich geradezu topfit. Ich war kein einziges Mal ernsthaft erkältet dass es mich umgeworfen hätte, was noch vor zwei Jahren mit schöner Regelmäßigkeit [heute kaum mehr vorstellbar] einmal alle zwei bis drei Wochen der Fall gewesen ist. Ich hab wirklich – alles – mitgenommen, was die Kiddies ausm Kiga angeschleppt haben. Klar, bissel Triefnase und Husten war dieses Jahr auch dabei, aber alles noch im Rahmen des Erträglichen. Ein weiteres Indiz dafür, dass ich langsam aber sicher wieder auf die Beine komme. Zum Vergleich der in die andere Richtung geht: Während ich in Salzburg gewohnt hab ist es oft vorgekommen, dass ich vielleicht einmal im Jahr „leicht“ erkältet war, wenn überhaupt. Meistens sind nur alle um mich herum krank geworden, und ich hab ich nur gewundert, wie die das anstellen so oft krank zu sein.

Weiters arbeite ich wieder, und obwohl ich nach dreieinhalb Jahren Dauerstress eine regelrechte Stress- und Hektik-Allergie entwickelt hatte, komme ich heute wieder damit klar, einige Stunden unter Zeitdruck zu arbeiten. Allerdings frage ich mich jetzt, wie ich diese mörderischen 12-Stunden-Schichten sieben Tage die Woche durchgehalten habe. oÔ

Was mir allerdings auch letzte Woche erst sehr schmerzlich bewusst wurde, ist die Tatsache, dass ich sehr genau darauf achten muss, genug Schlaf abzugreifen. Es ist mir heute praktisch unmöglich, eine Nacht durchzumachen, ohne direkt im Anschluss die Rechnung dafür zu kassieren in Form von einer Müdigkeit, die sich durch absolut nichts in den Griff bekommen lässt. Außer einer gehörigen Portion Schlaf, versteht sich. Sprich, mein Körper wehrt sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gegen erneute Ausbeutung.

Und was auch ein sehr auffälliges Indiz dafür ist, dass der Burn Out Spuren hinterlassen hat: Meine „neue“ Energie-Effizienz. Ich achte sehr genau darauf, in welche Aktionen und/oder Menschen ich meine Energie und Nerven investiere. Früher war ich extrem leicht auf die Palme zu bringen. Kurzer Zünder könnte man es nennen. Heute läuft das folgendermaßen ab: Sofern ich in eine egal wie geartete Situation gerate, stelle ich mir sofort die Frage: „Ändert es irgendetwas, wenn ich mich darüber ärgere?“ Die Antwort lautet in 99,9% der Fälle nein, also ärgere ich mich nicht. Meistens klappt das sogar. ^^

Okay, klammern wir die Kinder hier mal aus. Die Kinder sind eine andere Geschichte, wobei ich auch hier mittlerweile im direkten Vergleich zu früher geradezu tiefenentspannt bin. Es gibt auch außerhalb von Haushalt und Kindern genügend potentielle Ärgernisse, über die man sich entweder tatsächlich ärgert, oder aber sich denkt „Ganz ruhig, das Karma wirds schon richten.“ und es dabei belässt.

Ich hab einfach nicht mehr die Kapazitäten, als dass ich weiterhin derart verschwenderisch mit meiner Energie umgehen könnte.

Mein Magen ist auch so eine Sache, aber ich weiß nicht inwiefern hier Veranlagung eine Rolle gespielt hat [Paps hatte es auch] und bis zu welchen Punkt tatsächlich der Stress um die Selbständigkeit bzw. der Burn Out ausschlaggebend war.

Noch ein gutes Stichwort ist Wertschätzung. Ich bin vorsichtig geworden. Nicht überängstlich würde ich sagen, aber nicht mehr so fast schon mutwillig unvernünftig wie noch vor wenigen Jahren. Und die wenigen Menschen die mir wirklich etwas bedeuten, bei denen gebe ich mir große Mühe, es sie auch spüren zu lassen, wie wichtig sie mir sind. Und ich versuche, solche Menschen möglichst nicht zu vergraulen. Aber ob ich das auch wirklich hinbekomme, das steht auf einem anderen Blatt.

Zusammengefasst sage ich nach wie vor: Ich habe viel und noch mehr gelernt, allerdings habe ich dafür teuer Lehrgeld bezahlt. In jeglicher Hinsicht.

Burn Out [Teil 3, 5.3.2011]

Doch ich sah mich in einer Zwickmühle, einerseits mein Wunsch nach Veränderung, das dringende Verlangen aus dieser Situation auszubrechen, andererseits die vielen Menschen die mir vertauten, die mir wieder und wieder halfen, die zu mir hielten, die sich auf mich verließen, und nicht zuletzt der Druck durch die Gläubiger.

Ich wusste, etwas würde ich ändern müssen, um meine – unser ALLER – Situation zu verbessern. Doch von dem Moment an, als ich erstmals die Entscheidung traf, das Unternehmen in den Sand zu setzen, bis ich tatsächlich fähig war, diese Entscheidung auch wirklich bis zur letzten Konsequenz durchzuziehen, dauerte es tatsächlich noch sage und schreibe ein ganzes Jahr.

Doch ich war damit keinen Tag zu früh dran. Ich war nie beim Arzt deswegen, da mir davon abgeraten wurde. Doch ich weiß eines: dieses Mal habe ich den Bogen überspannt, und ich kann von Glück sprechen dass ich so „glimpflich“ davon gekommen bin, und dass es „nur“ ein halbes Jahr dauerte bis ich mich körperlich und seelisch dazu imstande fühlte, mich jeden Tag um meine beiden Kinder zu kümmern. Seitdem sehe ich mich täglich mit den Konsequenzen des Burn Out konfrontiert, und mit der Notwendigkeit Kraftreserven zu mobilisieren, wo einfach keine mehr sind.

Es fällt mir schwer dies zu akzeptieren, und es wird nur sehr langsam leichter für mich, den Tatsachen ins Auge zu blicken, dass ich eben doch nicht „alles“ schultern kann. Dreieinhalb Jahre lang mit dem eigenen Körper Schindluder treiben und sich selbst wirklich alles und noch mehr abzuverlangen, das hinterlässt Spuren. Ich fühle mich nicht als wäre ich drei Jahre gealtert; es fühlt sich an als wären es zwanzig.

Burn Out [Teil 2, 5.3.2011]

Doch obwohl ich mir über Monate hinweg extrem viel Ruhe gönnte und massiv an meiner inneren Einstellung arbeitete, bin ich noch lange nicht wieder hergestellt. Wenn ich einen direkten Vergleich anstelle bin ich heute, verglichen mit damals, rein körperlich nur noch ein Schatten meiner Selbst. Ich weiß auch nicht ob ich jemals vollständig wieder hergestellt sein werde. Aber ich weiß eins: Ich werde alles daran setzen, meine damalige Kondition wieder zu erlangen.

Dennoch hatte die Selbständigkeit nicht nur Schattenseiten. Ich habe viel über die Menschen gelernt, das war enorm wichtig für mich weil ich selbst mich damals durchaus noch als „naiv“ bezeichnet habe. Ich hatte eine absolut grottige Menschenkenntnis und konnte kein Stück einschätzen, ob mein Gegenüber mir gerade die Wahrheit sagte oder mich anlog. Deshalb ging ich dazu über, lange Zeit einfach überhaupt niemandem zu vertrauen. Ich „wünschte“ mir zwar schon, dass man ehrlich zu mir war, doch es überstieg meine Vorstellungskraft Menschen würden nicht lügen, deshalb speicherte ich alles ab was mir zugetragen wurde, nur um es mit künftigen Informationen abzugleichen um eventuelle Widersprüche zu entdecken, um so den vermeintlichen Lügner zu entlarven.

Mit dem was ich heute weiß kann ich aus voller Überzeugung sagen: ich habe damals richtig entschieden. Denn ich durfte während dieser Zeit eine weitere, für mich selbst enorm wichtige Erfahrung machen: Ich stieß erstmals an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit. Was mich natürlich nicht daran hinderte, diese Grenzen bei weitem zu überschreiten. Wieder und immer wieder. Doch an keinem Zeitpunkt zuvor, egal was ich machte, stieß ich an meine eigenen Grenzen. So steigerte ich mich immer ein kleines bisschen mehr, wohl weil ich annahm dies würde endlos so weiter gehen.

Natürlich war die Siebentagewoche nochmal ein Großer Sprung. Jede Woche zwischen 100 und 120 Stunden zu arbeiten, ohne Urlaub und de facto ohne freien Tag, und dann noch „nebenbei“ zwei Kinder bekommen, ohne das Arbeitspensum nennenswert einzuschränken, das muss man erst mal schultern. Natürlich fehlten mir meine Kinder, und natürlich fiel es mir schwer, jeden Tag aus dem Haus zu gehen mit dem Wissen, die Kinder erst spät Abends wieder sehen zu können.

[Fortsetzung folgt]

Burn Out. [5.3.2011]

Heutzutage, wenn ich so zurück blicke, dann kann ich kaum glauben dass Michi damals und Michi heute ein und dieselbe Person sind.

Mit den größten Unterschied macht wohl meine körperliche Verfassung aus. Damals, sprich bevor ich mich selbständig machte, hatte ich immer eine überschäumende Energie, und eine unglaubliche Fähigkeit, mich selbst zu motivieren.

Wann hat sich das eigentlich geändert? Ich glaube, es kam schleichend. Während der dreieinhalb Jahre des Selbständig-Seins, während derer ich nicht nur mich selbst, sondern immer wieder auch die Menschen um mich herum zu aberwitzigen Leistungen motivieren „musste“. Ich schreibe es deshalb in Anführungsstrichen, weil ich es ja genau genommen nicht musste, immerhin hätte ich theoretisch jederzeit aufhören können. Schlüssel rumdrehen und juck. Nach mir die Sintflut. Was ich letztlich auch tat.

Doch alles der Reihe nach. Theoretisch zwang mich niemand. Praktisch jedoch sah ich mich gezwungen, genau dies zu tun, tagein, tagaus. Weil ich es irgendjemandem beweisen musste. Glaube ich zumindest. Nur wem? Mir selbst? Wohl kaum. Natürlich war es ein Stück weit tatsächlich mein Traum, mich „irgendwann mal“ selbständig zu machen, doch nicht so früh, und erst recht nicht unter diesen Umständen. Hochschwanger und keine andere Möglichkeit sehend, den Lebensunterhalt meiner Familie finanziert zu bekommen. Noch dazu nicht mit einer Konditorei, wie ich es ursprünglich vorhatte, sondern mit einem Schnellrestaurant. Vom Startkapital mal ganz zu schweigen. So kamen die Dinge also ein klein wenig anders, als ich mir das während meiner Ausbildung und auch danach noch ausgemalt hatte.

Wem wollte ich es also beweisen? Meinen Eltern? Möglich. Meinem Vater auf jeden Fall. Ich wollte ihm beweisen, dass ich „erwachsen geworden“ bin, dass ich auf eigenen Füßen stehen konnte und dass er sich um mich keine Sorgen zu  machen brauchte. Ich wollte niemandem auf der Tasche liegen, und ich wollte mich nicht von jemandem „abhängig“ machen, obwohl ich letztlich ebendies zwangsläufig doch tat. Ich machte mich abhängig von Menschen, ein paar wenigen die meist zuverlässig an meiner Seite standen, und von einigen… nunja… weniger verlässlichen Zeitgenossen. So wurde ich doch wieder – so glaube ich zumindest – das Sorgenkind meines Vaters.

Heute ist es etwa elf Monate her, seit wir den Laden aufgaben. Wir alle hatten keinen Bock mehr, wir waren müde und ausgelaugt. Und ich… ich hatte keinen blassen Schimmer dass sich diese Höllen-Plackerei auch noch ein Jahr nach „Ladenschluss“ auf meine körperliche Verfassung auswirken würde.

Immerhin habe ich heute immer wieder Phasen, in denen ich mich körperlich stark genug fühle, den Anforderungen des täglichen Lebens stand zu halten. Dann fühle ich wieder die „Leichtigkeit“, mit der mir damals alles von der Hand ging. Doch ich glaube, mein Gehirn erinnert sich immer dann wieder an die vielen, vielen Stresshormone, denen es über Monate hinweg ununterbrochen ausgesetzt war, und macht mir einen Strich durch meine To-Do-Liste.

Dann ist es für mich erst recht bitter, dass ich dieses Leistungspensum einfach nicht mehr bringen kann, so sehr ich es auch möchte. Denn je mehr ich mich dagegen wehre, mir genau an solchen Tagen wieder mehr Ruhepausen zu gönnen, desto mehr setze ich mich wieder unter Druck und desto weniger Kraft habe ich letztlich zur Verfügung, um den Alltag zu bewältigen. Eine Spirale, die letztlich nur in eine Richtung führt: nach unten.

[Fortsetzung folgt]