Schlagwort-Archive: Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom

„Strukturierter Tagesablauf“ und was es für uns bedeutet.

Sohni braucht Struktur. Das ist nichts neues, es ist mir derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich gar nicht mehr wahrnehme, wie sehr es unseren Tagesablauf bestimmt. Ich merke es eigentlich immer nur dann, wenn mich a) jemand darauf anspricht, beispielsweise Sohnis Lehrerin. Oder aber b) wenn mein Lieblingsmensch  den allmorgendlichen bzw. allabendlichen Ablauf durchführt, und zwar naturgemäß mit leichten Abweichungen von der [sprich unserer] Norm.

Hier bei uns kann man nicht einfach so mal eben etwas im Tagesablauf ändern. Und schon gar nicht beim morgendlichen oder abendlichen, beinah schon rituellen und stellenweise minutiös durchgeplanten Ablauf. Es gibt nur „den einen“, korrekten Ablauf. Jede noch so kleine Veränderung kann sehr leicht eine Eskalation provozieren.

Vor einiger Zeit hatte ich ein Gespräch mit Sohnis Lehrerin. Sie sprach mich unter anderem auf Sohnis stellenweise fast schon zwanghaftes Befolgen eines strikten, in seinem Kopf durchgeplanten Ablaufes an. Ob mir dies schon einmal aufgefallen wäre. Bewusst war es mir bis zu diesem Tag nicht im gesamten Ausmaß, wie ich zugeben musste. Natürlich ist es mir hie und da aufgefallen, dass Sohni oftmals allergisch auf Veränderungen reagierte, besonders wenn sie ihn unerwartet trafen.

Das erste Beispiel, welches mir hierzu einfällt, war sein neuer Platz in der Kindergarten-Garderobe. Von einem Tag auf den nächsten und ohne jede Vorwarnung wurde sein Platz einem neuen Kind zugeteilt, und er bekam ebenfalls einen neuen Platz, wo er seine Jacke, Matschhose, Rucksack und Turnbeutel würde aufhängen können. Wo die anderen Kinder inklusive meiner Tochter die neuen Plätze recht unbeeindruckt zur Kenntnis nahmen, brachte diese Situation meinen Sohn völlig aus dem Konzept. Er war zuerst stutzig, dann wurde er unsicher. Und von Minute zu Minute kristallisierte sich heraus, dass er damit wirklich nicht so ohne weiteres klarkommen würde. Das war kein Trotzanfall à la „ich will meinen alten Platz zurück“ sondern schlicht eine Situation, welche sich völlig seiner Kontrolle entzog und ihn deshalb überforderte. Er war nicht einmal gefragt worden, statt dessen hatte man ihn  vor vollendete Tatsachen gestellt, und er steigerte sich tatsächlich in einen Heulkrampf hinein. Es kostete mich viel gutes Zureden, Trösten und in-den-Arm-Nehmen, bis er die neue Situation akzeptieren und sich wieder beruhigen konnte.

Dieses Beispiel ist stellvertretend für jede Veränderung, welche sich ergibt und die Sohnemanns gewohntes Umfeld verändert und ihm die für ihn so wichtige Sicherheit nimmt.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich meist vergleichsweise leicht tue, mit Sohni umzugehen. Ich spüre oftmals mehr intuitiv als bewusst, was in ihm vorgeht und kann relativ gut auf ihn eingehen. Und vielleicht ist es deshalb umso schwerer für mich, dies an jemand „Außenstehendes“ zu kommunizieren.

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Elternkonflikt: Geschwister gleich behandeln?

So ein Familienalltag ist generell schon ziemlich stressig. Kinder wollen versorgt werden, Termine die es einzuhalten gilt, Geld soll auch noch von irgendwoher kommen, und das sprichwörtliche bisschen Haushalt; kennt man alles. Die Eltern sollten – im Idealfall – erziehungstechnisch zumindest halbwegs am selben Strang ziehen. Schon allein um den Kindern möglichst wenig Chance zu bieten, die Eltern gegeneinander auszuspielen.

Lange dachte ich, der Lieblingsmensch und ich täten das.

Doch seit wir wissen, was mit Sohnemann los ist, warum er so ist wie er ist, und was wir tun können um ihn zu unterstützen, tja. Seitdem ergaben sich leider immer wieder Konflikte und sie drehten sich immer um das selbe leidige Thema. Soll man – DARF man zwei Kinder, die so unterschiedlich sind wie meine beiden, in Erziehungsdingen gleich behandeln?

Unterm Strich hat Sohnemann zwar einen recht hohen IQ und auch ansonsten viele positive Eigenschaften. Er ist hilfsbereit, kontaktfreudig, neugierig und freundlich. Hat eine Affinität zum Rechnen, allgemein interessiert er sich schon sehr lang für Zahlen und hat früh begonnen, einfache Rechenaufgaben zu lösen. Eines der wenigen Dinge, die ihm quasi „zufliegen“. Natürlich ist er dennoch ein Kerlchen von sieben Jahren, der gerade dabei ist, seinen Schulstart inklusive unmöglich lange Schultage zu verdauen. Sprich er ist natürlich auch stellenweise ein zielmlicher Rüpel. Und er lotet Tag für Tag seine Grenzen aus, was wiederum uns immer wieder an unsere Grenzen bringt. Er hat eine Störung des Hirnstoffwechsels die unter anderem dafür sorgt, dass er sich kaum [und wenn doch dann nur für wenige Sekunden, im besten Fall Minuten] konzentrieren kann, ständig herumzappelt und an sich herumspielt. Aktuell lutscht er ständig aus Langeweile an seinen Klamotten herum. Kurz ADHS [Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit Hyperaktivität] genannt.

Doch im direkten Vergleich zu Kindern, die nicht von ADHS betroffen sind, tut er sich bei alltäglichen Dingen schwer. Artikulation in Stress-Situationen zum Beispiel war für ihn bis zu Beginn der Medikation ein Ding der Unmöglichkeit. Er konnte es einfach nicht. In großen Gruppen von Menschen zu agieren war für ihn ebenfalls nicht zu bewerkstelligen. Viel zu viele Reize, die gleichzeitig auf ihn einwirkten. Dann natürlich das für ADHS typische Herumzappeln, das mich in Kombination mit seinen Tics regelmäßig an die Grenze meiner Leidensfähigkeit brachte. Natürlich macht er Fortschritte, er lernt viel dazu und mittlerweile schafft er regelmäßig auch die späte Taekwondo-Trainingseinheit regelmäßig, ohne einen Verweis zu bekommen. Natürlich sind das in meinen Augen große Erfolge, und auch er selbst ist mächtig stolz auf die vielen Fortschritte die er macht. Doch ständiges Hinterfragen, In-Frage-Stellen, oppositionelles Verhalten heißts im Fachjargon, ist an der Tagesordnung und kostet Kraft und Nerven.

Was Malen, Puzzeln, Basteln oder allgemein Dinge anging, für die man Geschick und ausdauernde Konzentration brauchte, steckte seine Schwester ihn schon sehr früh regelrecht „in die Tasche“. Mit drei Jahren schon konnte sie sich stundenlang damit beschäftigen, zuerst Puzzleteile zu sortieren, um dann die vier im Set enthaltenen Puzzles alleine zusammen zu setzen. Kaum dass sie einen Stift halbwegs halten konnte, begann sie, alles mögliche zu malen. Für sie war es nie ein Problem, sich alleine zu beschäftigen. Das Töchterchen ist alles in allem schwer auf zack, und sie hat schnell kapiert, dass ihr Bruder sich von ihr ganz gut „lenken“ ließ. So hatte sie, wann immer sie sich langweilte, und egal was Sohnemann gerade dabei war zu tun, einen dankbaren Spielgefährten.

Versteht mich richtig: Das hier ist KEIN Vergleich „besseres / schlechteres Kind“. Ich möchte eigentlich nur erläutern, warum man die beiden eigentlich fast nicht gleich behandeln KANN. Aufgrund der gravierenden kognitiven Unterschiede.

Ich fasse mal zusammen: Bei Sohnemann musste man un-unterbrochen in Hab-Acht-Stellung sein, um notfalls sofort handeln und eine Eskalation [verursacht durch Frust weil etwas nicht klappt wie es soll, weil er etwas nicht bekommt was er möchte, weil er sich ungerecht behandelt fühlt, weil ihm etwas kaputt geht / herunterfällt etc. pp.] verhindern zu können. Er hing eigentlich fast ständig an meinem Rockzipfel, also er am einen und seine Schwester am anderen. Natürlich ist es normal, dass Geschwister um die Aufmerksamkeit und die Liebe der Eltern buhlen. Doch es heißt nicht umsonst, Kinder haben ein feines Gespür. So merkte das Loniekind sehr bald, dass ihr Bruder „irgendwie anders“ tickte als sie und auf diese Weise sehr viel mehr – wenn auch negative – Aufmerksamkeit abgreifen konnte. Und begann ihrerseits, Strategien zu entwickeln.

Wenn das Töchterchen das einzige anwesende Kind im Haushalt ist, weil ihr Bruder gerade noch in der Schule oder anderweitig unterwegs ist, ist sie das angenehmste Kind, das man sich nur vorstellen kann. Sie ist freundlich, hilfsbereit, natürlich kann sie auch zicken wie eine Pubertierende und toben wie ein Berserker, aber alles in allem ist sie allein der reinste Frühlingsspaziergang verglichen mit ihrem Bruder, erst recht als Sohn und Tochter im Kombipack. Permanent wird sich gegenseitig aufgestachelt, es wird heraumgemault und angezickt, genörgelt und geschimpft.

Langer Rede kurzer Sinn: Was kann mit ADHS entschuldigt werden, und was nicht? Wo verläuft die Grenze?

Es gibt Dinge, mit denen ADHS-Kinder durch die Bank Schwierigkeiten haben. Ist es fair, das unruhige Zappelkind zum drölften Mal zu ermahnen? Mit Konsequenzen zu reagieren wissend, dass er in vielen Fällen nichts dafür kann?

Gastartikel: Ritalin-Bashing und kein Ende

ADHS-Spektrum: Neues und Altes aus der ADHS-Welt

Gastartikel von Dr. med. A Alfred, Facharzt für Kinderheilkunde und Kinder- und Jugendpsychiatrie

im Namen der Praxisgemeinschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Dr. A. Alfred, K. W. Heuschen und T. Palloks sowie des ADHS-Zentrums München,

Ritalin-Bashing und kein Ende

In regelmäßigen Abständen, in der Regel alle 1-2 Jahre, nehmen die Massenmedien ritualähnlich und unisono Stellung zum Thema der medikamentösen Behandlung von ADHS bei Kindern und Jugendlichen. Diese Stellungnahmen sind immer mit deutlichen Warnungen verknüpft, die die zunehmende Zahl der Verschreibungen von methylphenidathaltigen Präparaten anprangern, die angeblich häufigen Nebenwirkungen betonen und den betroffenen Eltern sowie den verschreibenden Ärzten generell Verantwortungslosigkeit unterstellen. Dieses Mal wurde der Reigen schon am 25.10. 2011 auf der Titelseite (!) der Süddeutschen Zeitung eröffnet. Es folgte am 7. 2. 2012 der Fernsehfilm “ Ritalin – Medizin, die krank macht?” auf 3SAT, dem sich in der Tendenz bald zwei weitere Zeitungsartikel anschlossen: am 13. 2. 2012 “Deutschland, das Land…

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ADHS – eine schier unendliche Geschichte.

Vor einigen Tagen habe ich endlich den Weg zu einem ADHS-Internetforum gefunden. Ich weiß auch ziemlich genau, warum ich es so lange vor mir her geschoben habe.

Was ich dort gelesen habe, bestätigt nämlich die Vermutung, die ich schon seit längerer Zeit habe. Nämlich dass ADHS in meiner Familie weiter verbreitet ist, als ich zunächst angenommen hatte.

Wenn ich einmal alle Faktoren zusammenzähle, die dafür sprechen, dass ich selbst ebenfalls ADS habe, [was die Hyperaktivität angeht bin ich mir nicht sicher], dann ist die nächste logische Konsequenz tatsächlich der Gang zu einem Arzt, der sich auf die AD[H]S Diagnostik bei Erwachsenen spezialisiert hat.

Denn: wenn schon konsequent, dann richtig. Es scheint tatsächlich gar nicht so selten der Fall zu sein, dass die Eltern von ADHS-Kindern tatsächlich auch selbst ADS oder ADHS haben.

Bis vor kurzem dachte ich noch, dieser Zug sei bei mir ohnehin schon abgefahren, da ich mit meinen 34 Lenzen mittlerweile gelernt habe, damit zu leben, und meinen Alltag ohne medikamentöse Hilfe zu bewältigen. Natürlich erfordert dies Strategien, und die konsequente Umsetzung und Einhaltung dieser Strategien.

Eine davon ist zum Beispiel, dass ich mir alles – wirklich alles – aufschreibe. Meine Alltags-Überlebensausrüstung hängt in der Küche und besteht aus einigen recht praktischen Erfindungen namens Terminkalender, Notizblock und Kugelschreiber. Ohne diese Dinge wäre ich vollends aufgeschmissen. Weil mein Hirn einfach absolut nichts an „vorbeifliegender“ Information behalten will.

Eine weitere Strategie heißt: möglichst wenige Spontaneitäten. Es lässt sich im Leben mit Zweischicht-Dienst arbeitendem Partner und zwei Kindern im Kindergartenalter natürlich nicht ganz vermeiden, aber ich versuche es auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Alles andere wirft mich dermaßen aus der Bahn, dass an einen geregelten Tagesablauf nicht mehr zu denken ist.

Meine Jahrzehnte andauernde Unfähigkeit, mich in Stress-Situationen vernünftig zu artikulieren, habe ich mittlerweile ich sag mal nahezu gänzlich ablegen können. Das liegt allerdings hauptsächlich daran, dass man mit den Jahren nicht mehr so leicht aus der Fassung zu bringen ist, und es somit leichter fällt, gelassen zu bleiben. Aber ich glaube, speziell im alltäglichen Umgang mit Kindern und Partner, den Menschen die mir besonders nah stehen, ist noch eine Verbesserung möglich. Weil gerade diese wenigen Menschen, die mir emotional nah genug stehen um mich auch wirklich „berühren“ zu können, bringen mich nach wie vor immer wieder aus der Fassung.

Ab zur nächsten Baustelle!

Methylphenidat – warum eigentlich nicht?

Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, bin ich lange Zeit eine strikte Methylphenidat-Gegnerin gewesen. Wir haben wirklich alle Alternativen ausgeschöpft, und erst als die Situation für alle [!] Familienmitglieder unerträglich wurde, inklusive Sohnemann [der von allen am meisten darunter litt weil er ständig von uns eins auf den Deckel bekam, weil wir selbst irgendwann permanent gereizt waren], rang ich mich dazu durch, eine medikamentöse Behandlung in Betracht zu ziehen.

Generell bin ich auch jetzt noch eher skeptisch bei Medikamenten, die an Kinder verabreicht werden.

Sohnemanns ADHS ist mittelschwer, sprich es schränkt seine Konzentration massiv ein [Konzentrationsspannen von im schlimmsten Fall wenigen Sekunden sind regelmäßig der Fall!] und er wird spätestens in der Schule bedingt durch Frust einen massiven Verlust seines Selbstwertgefühls erleiden.

Natürlich gibt es auch schwächere Ausprägungen, denen man auf andere Weise und mit viel „Geduld und Spucke“ beikommen kann.

Allerdings glaube ich, dass schon allein der Verdacht auf ADHS und die Angst vor einer möglichen Methylphenidat-Empfehlung und die dadurch verursachte [befürchtete] soziale Ausgrenzung [Vorurteil: Unfähige/bequeme Eltern] etliche Eltern davon abhält, diesem Verdacht nachzugehen.

Und dann gibt es noch das Eltern-Ego. „Wir schaffen das ohne diese Drogen, sowas brauchen wir nicht. Wir sind sorgende und fähige Eltern und können das [im schlimmsten Fall] ohne Hilfe schaffen.“

Man hat natürlich Angst, ob man dem Kind dadurch unter Umständen langfristig schadet. Diese Angst ist realistisch, immerhin: „man hört doch so viel“, das Medikament unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz, und überhaupt gibt es viel zu wenige Langzeitstudien in diesem Bereich.

Das sehe ich genauso. Und – wenn irgendeine Möglichkeit besteht, dem Kind anders zu helfen, dann muss man es zumindest versuchen. Allerdings, falls wirklich nichts fruchtet [Sohnemann ist seit Monaten im zB im Taekwondo nicht seinen Fähigkeiten entsprechend weitergekommen, hat nur gesehen, wieviele andere Kinder  schon die ersten Prüfungen machen durften, und er schaffte es kaum einmal, eine Stunde lang durchzuhalten, ohne mindestens einmal rauszufliegen oder zumindest ermahnt zu werden], dann muss man sich als sorgendes Elternteil, schon allein im Interesse des Kindes und dessen seelischer Gesundheit, überlegen, ob nicht doch wenigstens über einen gewissen Zeitraum hinweg eine medikamentöse Behandlung sinnvoll sein könnte.

Sohnemann kann – und was es mit dem Rest der Familie macht. Teil 2: Mama.

Ich bin sowas von erleichtert, das könnt ihr euch überhaupt nicht vorstellen. Klar ich hätte es lieber ohne Medis in den Griff bekommen, aber lieber so als weitermachen wie bisher.

Vor einer Weile schrieb ich bereits, dass der Sohn sich seit Beginn der Medikamentgabe charakterlich nicht verändert hat. Er ist nach wie vor extrem neugierig, regelrecht wissensdurstig, will überall mitmachen und -helfen, und ist sogar gefühlt kreativer und auch motorisch viel geschickter geworden. Sprich er ist nach wie vor sehr agil. Außerdem wirkt er generell entspannter und auch selbstsicherer auf mich. Einfach „nur“ weil sein Hirn die Impulse plötzlich korrekt verarbeiten kann.

Für mich ist es insofern eine große Erleichterung, da ich nun auch mal Anweisungen geben kann, denen er [länger als drei Sekunden] zu folgen in der Lage ist, und nicht beim nächsten Gedanken den Kopf wieder „in den Wolken“ hat. Ich muss ihn nicht mehr ununterbrochen im Auge behalten aus Angst, dass er mir plötzlich unvermittelt auf die Straße rennt, weil er seine Gedanken nicht sortiert kriegt.

Erstmals erlebe ich meinen Sohn, wie er „dabei“ ist, so richtig mit seiner ganzen Konzentration, und es auch schafft, länger als fünf Minuten dabei zu bleiben.

Es macht auch mir plötzlich wieder viel mehr Spaß, etwas mit ihm zu unternehmen, weil er nicht mehr im Fünfminutentakt die Art der Beschäftigung ändert, wenn ich gerade erst richtig angefangen hab.

So gesehen, war DAS glaube ich so mit das Anstrengendste. Dass man sich bei ihm auf nichts richtig einstellen konnte, und immer, wirklich un-unterbrochen, gedanklich in Hab-Acht-Stellung sein musste, um notfalls sofort einzugreifen und so eine [unnötige] Eskalation abwenden zu können.

Wie anstrengend das wirklich war, erlebe ich wenn ich mal am Wochenende, wenns eigentlich nicht so tragisch ist, die Tablette weglasse. Es ist der reinste Eiertanz und die Kinder [beide!] sind gleich so viel anstrengender und kräftezehrender, dagegen ist ein Tag mit Sohnemann, wenn er eine Medikinet genommen hat, der reinste Frühlingsspaziergang.

Ich bin froh, dass wir  diesen Schritt gegangen sind, nicht nur wegen der gefühlten eigenen Erleichterung, sondern ebenso weil Sohnemann so viel zufriedener erscheint.

Methylphenidat vs. ADHS, Tag 5.

Heute war der große Tag. Sohnis Gelbgurtprüfung stand an. Und er hat es wirklich – wer ihn aus der Zeit „davor“ kennt, weiß was ich meine – bravurös gemeistert. *.* Ich war selbst überrascht, WIE gut er ist. Und das obwohl ich immer dabei bin.

Der Sohnemann ist, hm, ich würde jetzt nicht sagen wie ausgewechselt, er ist schon noch „der Sohnemann“ den wir kennen, aber irgendwie ist er jetzt viel einfacher zu handhaben. Folgende Unterschiede sind mir besonders aufgefallen:

– Frustrationstoleranz. Er ist viel ausgeglichener. Ich sag jetzt nicht, dass ihm plötzlich alles scheißegal ist, aber er kann mit Frust viel besser umgehen. Eine Situation möchte ich kurz beschreiben, wie sie typischer nicht sein könnte. Vorhin wurden in alphabetischer Reihenfolge zuerst diejenigen Kinder aufgerufen, die Gelbgurtprüfung ablegen durften. Wir kommen bei sowas immer ziemlich zum Schluss an die Reihe, weil wir eben erst bei „U“ dran sind. So hieß es für Sohnemann erst mal: warten. Zuerst recht gelassen, merkte ich, dass er nach einiger Zeit anfing, sich mit zwei Mädels, die vor ihm saßen, zu kabbeln. Man konnte ihm ansehen, wie sein Frustpegel stieg, und er schlug sogar zweimal frustriert auf die Matte ein, auf welcher er saß. Zum Glück wurde er kurz danach aufgerufen, und konnte sich so problemlos aus der Situation lösen. Allerdings weiß ich, dass er ohne medikamentöse Hilfe hundertprozentig ausgerastet wäre. Weil das nämlich immer passiert[e]. Genau DAS sind die Situationen, welche im Kindergarten ein riesengroßes Problem darstellen. Generell im Umgang zwischen Sohni und anderen Kindern.

– Konzentration. Man glaubt es kaum, aber Sohnemann hat das Malen für sich entdeckt. Klar ein bisschen Kritzeln ging immer wieder mal, aber nach höchstens fünf Minuten konnte er nicht mehr. Heute saß er, wohlgemerkt nachdem er bereits hochkonzentriert die Prüfung im Tae Kwon-Do abgelegt hatte, zuhause am Tisch, und malte in aller Seelenruhe und mit viel Liebe zum Detail ein vielfarbiges Bild.

– Aufmerksamkeit/Konzentration/Lernfaktor. Sohnemann merkt sich plötzlich, was man zu ihm sagt. Schönes Beispiel: Ein herumliegendes Kabel. Einmal weise ich ihn darauf hin, einmal stolpert er darüber, und die folgenden Male achtet er darauf, wo er hintritt. Und er stolpert an diesem Tag kein einziges weiteres Mal über das Kabel. So etwas gab es „davor“ einfach nicht. Er hat sich nichts, aber auch wirklich rein gar nichts gemerkt, was man zu ihm gesagt hat.

Bewegungsdrang.  Er zappelt nicht mehr. Und wenn doch, kann es es relativ leicht regulieren. Und seine Tics haben mit Einnahme der ersten Tablette nahezu sofort aufgehört.

Appetit. Ich habe bei meinem Sohn noch nie, wirklich kein einziges Mal erlebt, dass er eine Mahlzeit ausgelassen hat. Und wenn doch [und diese Tage kann man an einer Hand abzählen], dann hatte er einen Magen-Darm-Infekt. Seit er Methylphenidat bekommt, hat sein Appetit spürbar nachgelassen. Er ist nicht übergewichtig, nicht mal ansatzweise, dazu ist er viel zu sehr permanent in Bewegung, aber er hat einen Appetit wie eine Heuschrecke. Er futtert nahezu alles, was ihm zwischen die Finger kommt. Seit er das Medikament nimmt, hat er bereits zweimal dankend abgelehnt. Natürlich hat er dann etwas später trotzdem etwas gegessen, aber bei weitem nicht so viel wie sonst. Klar, er ist ja auch nicht mehr ununterbrochen in Bewegung, wie es vorher der Fall war.

Interessant finde ich, wie sehr plötzlich Töchterchens spontane Anfälle von Berserkeritis ins Gewicht fallen, wenn man nicht mehr dauernd nebenher damit beschäftigt ist, Sohni davon abzuhalten, versehentlich sich selbst zu verletzen. Und ich finde es gut, dass ich seit einigen Tagen selbst spürbar entspannter bin, und demzufolge auch viel relaxter auf ihre Tobsuchtsattacken reagieren kann.

Methylphenidat: 1, ADHS: 0

Heute war Sohnemanns zweiter Behandlungstag.

Ich finde nach wie vor, dass er viel konzentrierter ist, allgemein viel „sortierter“  sag ich mal, wer ihn kennt weiß was ich meine; und das Zappeln war – im direkten Vergleich zu sonst – absolut zu vernachlässigen. Zumindest während er in meiner Nähe war.

Weiters gibt es heute eine wichtige gute Nachricht: Nach dem Tae kwon-do fing mich vorhin Sohnis Trainer ab, er fragte ob Sohnemann morgen nochmal ins Training kommen könne. Ich wollte wissen wieso, er antwortete dass der Sohnemann, vorausgesetzt das Training funktionierte morgen wieder so gut wie heute, am Sonntag die Gelbgurtprüfung ablegen dürfe.

Eigentlich bin ich ja ausgebucht [Stichwort Tortenbestellung!] und Lieblingsmensch hat Spätschicht, allerdings wünscht er es sich so sehr, und ich wünsche ihm auch so sehr endlich ein Erfolgserlebnis in seinem Kampfsport, nachdem er nun wirklich schon anderthalb Jahre dabei ist.

Also hab ich kurz überschlagen, ob es mir nicht doch irgendwie möglich ist, mich zu zerreißen, kam [wie schon viele Male zuvor] zu dem Schluss nein, ist es nicht. Jedoch beschloss ich, dass ich es ihm dennoch ermöglichen möchte, und daher verzichte ich morgen früh eben schweren Herzens auf meinen Vormittagsschlaf, oder zumindest einen Teil davon, um an der Torte schonmal vorzuarbeiten, sodass er den Nachmittag fürs Training nutzen kann.

Wir und ADHS die Dritte. [6.5.2012]

Der Kinder- und Jugendpsychotherapeut erklärte mir beim letzten Gespräch, warum es so wichtig war, dass in seinem Bericht das Thema ADHS zur Sprache kam.

Da wir gerade dabei sind, eine Integrationskraft für Léon zu beantragen, welche ihm  im Kiga stundenweise unterstützend zur Seite steht, werden wir im Zuge des Antragsverfahrens beim Gesundheitsamt vorstellig werden, wo er noch weitere Tests absolvieren darf, um die Notwendigkeit einer Integrationskraft zu bestätigen.

Spätestens an dieser Stelle würde das Thema zur Sprache kommen, und wir dürften zuerst einmal weitere Stellen [weitere Kinder-Psychotherapeuten bzw. das hiesige „Kinderzentrum“ für „Problemkinder“] anlaufen, um die Integration bewilligt zu bekommen.

Um dies zu verhindern, nahm er ADHS bereits in die Diagnostik auf, schlichtweg um uns weitere Rennerei zu ersparen; Und damit wir uns dem Thema zur gegebenen Zeit widmen können. Falls später die Notwendigkeit immer noch bestehen sollte. Was ich für meinen Teil übrigens nicht annehme. Aber das nur am Rande.

Ich weiß immer noch nicht, wie ich das für mich selbst verpacken soll, dass es sich nicht so „falsch“ anfühlt.

Unter der Überschrift ADHS komme ich nicht so gut mit ihm zurecht. Verbuche ich es allerdings, so wie ich es  vorher tat, unter Hochsensibilität, fühlt es sich gleich viel richtiger an und ich kann ihn ganz anders annehmen und, so seltsam das klingen mag, mich auch viel besser in ihn hineinfühlen.

Komisch.

Wir und ADHS, Klappe die Zweite.[5.5.2012]

Nun beschäftigt mich das Thema ja schon ein Weilchen. Ich wehre mich nach wie vor gegen den Verdacht, mein Sohn habe ADHS. Ein Stück weit ist das natürlich blanker Selbstschutz, und das sogar in zweierlei Hinsicht.

Erstens wurde mir damals, noch während der Schwangerschaft, prophezeiht, mein Sohn würde sicherlich ein ADHS-Kind sein, bei dem Stress, den ich ihm bereits im Mutterleib aussetzen würde. Fakt ist: Ja. Ich habe mich selbst und damit auch das Kind massivem Stress ausgesetzt. Dies ist mein Teil der „Schuld“ wenn man es so nennen möchte.

Zweitens, da ich diese Symptomatik von mir selbst nur zur Genüge kenne, würde es im Umkehrschluss bedeuten, wenn er es hat, habe ich es ebenfalls. Das würde bedeuten, dass ich einiges aus meinem eigenen Leben nochmals aufrollen müsste; und ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich das möchte.

Hochsensibilität ist medizinisch nicht anerkannt. Sprich, „hoch-offiziell“ ist das, was der Sohnemann mit sich herumschleift, tatsächlich nichts anderes als ADHS.

Und ich selbst: gerate langsam aber sicher in Zweifel.

ADHS ist, zumindest meiner Einschätzung nach, und wie ich den unqualifizierten Umgang mit dem Begriff ADHS wahrnehme, in großem Maße negativ behaftet.

Wie formulierte es am Donnerstag der Kinder- und Jugendpsychotherapeut so treffend: „Heutzutage diagnostizieren schon die Mütter auf dem Spielplatz ADHS.“

Und genau so ist es. Wenn man ADHS hört, denkt man sofort an: Ritalin, Kinder die von früh bis spät in die Glotze gucken und Junk-Food in sich hineinstopfen; Eltern die mit Beruf und/oder sich selbst zu beschäftigt sind um für ihre Kinder noch Zeit und Energie aufwenden zu können. Und ich schließe mich selbst nicht aus; ich selbst bin natürlich nicht frei von Vorurteilen.