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Zehn.

Kommenden Samstag feiert der Sohnemann seinen zehnten Geburtstag.

Ein guter Anlass wie ich finde, um die wichtigsten Entwicklungen zusammen zu fassen. Nicht zuletzt weil ich mich kurz nach der Geburt meines Sohnes fragte, wie er wohl in zehn Jahren sein würde.

Zehn ist ja schon irgendwie ein besonderer Geburtstag. Die erste Dekade. Deshalb habe ich mir auch diesmal wieder eine Woche Urlaub genommen um ihm einen schönen Geburtstag organisieren zu können.

Das hier soll er als Torte bekommen:
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Ein Venator Klasse Sternenzerstörer.
Ich freu mich schon drauf. Der Plan bis jetzt: Torte gefüllt mit Erdbeerbuttercreme, das Raumschiff als Deko möchte ich separat modellieren, den Korpus innen aus Crispiemasse [sonst wirds zu schwer weil ich es ziemlich groß machen möchte], außen Rollfondant und dazwischen eine Schicht Pariser Creme [auch bekannt als Ganache].

So viel erst mal hierzu.
Wir wissen ja nun seit einer ganzen Weile, dass der Sohn eine mittelschwere Ausprägung der ADHS hat. Außerdem besteht Verdacht auf Asperger-Syndrom, welchem noch diesen Monat bei seinem nächsten Termin im Kinderzentrum nachgegangen werden soll.
Das Medikament musste gewechselt werden, da er auf das Ritalin LA 20 mg nicht mehr gut reagierte. Mittlerweile nimmt er Equasym retard 20 mg, es hat den Vorteil dass es zu Beginn nicht so eine hohe Wirkstoffkurve hat wie Ritalin, dafür aber länger und auch gleichmäßiger wirkt. Mir kommt vor, er verträgt es gut und spricht ganz allgemein besser darauf an als zuletzt auf Ritalin.
Er besucht mittlerweile die vierte Klassenstufe einer Erziehungshilfeschule. Entgegen meiner Hoffnungen wird er den Wechsel auf eine Regelschule voraussichtlich erst mal nicht schaffen in nächster Zeit. Was eigentlich nicht weiter schlimm ist, bis auf die Tatsache dass sich auf dieser Schule immer wieder unschöne Zwischenfälle ereignen, die deutlich in Richtung Mobbing gehen; Ereignisse die mich selbst aufs Übelste triggern da ich selbst so ziemlich während meiner gesamten Schulzeit immer wieder Ziel verschiedenster Gemeinheiten und systematischen Mobbings wurde.
Doch zurück zum Thema. Es gibt auch viel Positives zu vermelden: Sohnemann hat in den Sommerferien Inliner fahren gelernt :3 Und darüber hinaus zeigt sich sogar eine gewisse Begabung bei ihm, ich kanns noch gar nicht so richtig fassen.
Außerdem waren wir einige Male im Freibad. Wer ihn kennt weiß: Sohni ist noch kein Freischwimmer und er ist alles andere als eine Schwimmbad-Wasserratte. Und seit diesem unschönen Ereignis während seines Fortgeschrittenen-Schwimmkurses hatte ich mir diesbezüglich auch erst mal keine Hoffnungen mehr gemacht.
Im Freibad ließ ich ihm alle Zeit die er brauchte, um sich mit dem Nichtschwimmerbecken anzufreunden. Ohne Hetze und ohne „du musst“. Er bestimmte sein Tempo selbst.
Das bedeutete, dass er sich die erste halbe, dreiviertel Stunde erst mal nicht weiter als bis zur Treppe hineintraute. Doch ich akzeptierte seine Grenze, wir spielten Wasserball und Stück für Stück wurde er mutiger, bis er schließlich am dritten Tag, den wir im Freibad verbrachten,  gänzlich furchtlos durchs Becken flitzte, sich mal mit uns, mal mit anderen Kindern eine Wasserschlacht [die Kids bekamen von meiner Ma jeweils eine große Super Soaker geschenkt] nach der anderen lieferte und aus dem Wasser auch gar nicht mehr so recht hinauswollte.
Und nun hat er in der Schule jede Woche Schwimmunterricht. Seine Lehrkräfte bekamen von mir vor der ersten Schwimmstunde einen kleinen Brief mit allen nötigen Infos bezüglich Sohnemann und Wasser, und prompt konnten auch sie kleine Erfolge vermelden: Sohnemann hat keine Panik mehr im Schwimmbad, er wird zusehends mutiger und ich glaube, dass er die Angst vorm Wasser verloren hat, daran habe auch ich einen kleinen Teil beigetragen.

Man merkt ihm an dass er stolz auf die Fortschritte ist, die er macht. Dies dürfte eine angenehme Abwechslung zu dem vielen Druck darstellen, den er von anderer Seite immer wieder bekommt.

Wir haben uns irgendwie arrangiert, der Lieblingsmensch und ich. Auch wenn es im Moment, bis die Wirkung meines Medikaments wieder anschlägt,  zumindest von meiner Seite aus ziemlich ruppig zugeht.
Eigentlich sind wir uns in den wenigsten Bereichen einig. Diese Tatsache erzeugt natürlich unendlich viele Reibungspunkte an denen aufgrund meines Dauer-Überreiztheit-Zustandes wieder und wieder dieselben Konflikte entstehen.

Die Tochter ist mittlerweile Drittklässlerin, ihre beste Freundin muss leider die zweite Klasse wiederholen; Doch wir geben uns große Mühe, auch ihr irgendwie gerecht zu werden.
Sie merkt mittlerweile, dass sie nicht einfach „die Kleine“ von den Beiden ist. So einfach ist es nicht. Trotz des Altersunterschieds [immerhin 15 Monate] ist oftmals seine Schwester – so seltsam das klingen mag – die Große. Sie muss es. Weil sie eben – und ich weiß dass auch diese Aussage irgendwie verstörend sein muss – in weiten Teilen vernünftiger, reifer ist als er. Mit ihren acht Jahren hat sie schon begriffen dass ihr Bruder – obwohl er der Ältere ist – in vielen Bereichen der Kindlichere von ihnen ist.

Ich merke wie langsam das Kopfgulasch Überhand nimmt, daher werde ich jetzt erst mal Schluss machen.

Ein Rant. Oder: Wie sieht so ein ADHS-Kind eigentlich aus?

Bzw. woran erkennt man es? Oder woran glauben Außenstehende immer wieder, ein betroffenes oder nicht-betroffenes Kind erkennen zu können? Oder, noch besser, warum glauben immer wieder Menschen, die meine Beiden zu Gesicht bekommen, dass sie auf den ersten Blick oder nach ein paar Stunden Beobachtung beurteilen können, an den Beiden sei doch „alles ganz normal“?

Well…

So ein ADHS-Kind kann sich je nach Schwere der Störung zeitweise durchaus „ganz normal“ verhalten; besonders wenn es rund-um-die-Uhr beschäftigt wird. Wenn Jemand die Zeit, die Energie und auch die Kapazitäten hat, dies auf Dauer zu tun.

Wie es zB immer wieder bei den Grillenings der Fall ist. Irgendjemand findet sich eigentlich immer, irgendein Opfer das es nicht schafft „nein“ zu sagen, und schwups sind zwei Kinder rundum zufrieden.

Ist ja schön und gut. Meine Kinder machen also einen total normalen Eindruck, wenn sie mit sich und der Welt zufrieden sind weil sie jede Menge Abwechslung, Ansprache und Aufmerksamkeit bekommen. Das ist wirklich eine sehr scharfsinnige Beobachtung.

Also wenn jemand zu mir sagt, meine Kinder sähen doch ganz normal aus, oder sie benähmen sich doch ganz normal, dann reagiere ich normalerweise in etwa so, zumindest äußerlich:
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Was dagegen in mir vorgeht… Ich weiß dann nie, was ich sagen soll. Soll ich sagen „hey, cool, jetzt wo du´s sagst, ich wusste doch dass die vielen Ärzte und Psychologen allesamt Scharlatane sind“? Ist jetzt so ziemlich die einzige Antwort, die mir dazu noch einfällt. „Dann kann ich ihn ja jetzt in einer Regelschule anmelden, vielleicht kriegt er den Behinderten-Stempel ja wieder los, nech?“

Oder noch besser: Man lernt sich gerade erst kennen und das Erste was man zu hören bekommt ist „hey, ich find ja dass Kinder keine Medikamente nehmen sollten“ und „du weißt schon dass du deinem Sohn harte Drogen gibst, oder?“

Well…

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Und was passiert nun wenn – was viel häufiger vorkommmt – dies einmal nicht der Fall ist? Weil – stellt euch vor, ganz besonders die „Du gibst deinen Kindern harte Drogen“ Fraktion, jetzt stellt euch mal vor, Eltern haben auch noch so ein, zwei andere klitzekleine Kleinigkeiten um die sie sich kümmern müssen, OBWOHL oder auch gerade WEIL sie Kinder haben und Kinder halt nunmal mehr brauchen als Luft und gaaaaaanz viel Liebe. Und Aufmerksamkeit. Gaaaaaanz superwichtig, Aufmerksamkeit.
Solche Kleinigkeiten die absolut unwichtig sind, das könnte beispielsweise eine Berufstätigkeit sein [jaja ich weiß, wird völlig überbewertet] oder auch sowas wie eine saubere Wohnung, jeden Tag was Sauberes zum Anziehen [hoppla, jetzt wirds  dekadent hier] UND dann wollen die Bälger ja auch noch hin und wieder was essen und das muss man erst kaufen und schließlich muss man es auch noch zubereiten. Puh, ganz  schön viel was?

Also, was könnte in einem solchen Fall passieren? Wir stellen uns vor, da ist ein Kind das ein Problem mit seiner Frustrationstoleranz hat, und außerdem funktioniert dessen Impulskontrolle auch nicht so gut, naja, eigentlich gar nicht. Das heißt, das Kind ist schnell frustriert und obendrein handelt es BEVOR es nachdenkt. Das Elternteil ist [im Idealfall zumindest] gerade zuhause, das Kind will Irgendwas, Elternteil sagt nein oder hat einfach gerade keine Zeit sich drölfzigmal jeden einzelnen Fortschritt beim aktuellen Legomodell anzusehen. Kind wird also abgewimmelt oder auf später vertröstet und das kann [je nachdem, wie der bisherige Tag des Kindes oder – besser – der KindER so verlaufen ist, bereits der Funke sein der das Fass [hier: das Kind] zum Explodieren bringt. Das Kind explodiert also und fängt an zu bocken und dem Elternteil Vorwürfe zu machen [„Du bist blöd, nie hast du Zeit, immer hast du was anderes zu tun, nie spielst du mit mir“ etc pp] es trampelt lautstark schimpfend zurück ins Zimmer, schlägt die Tür hinter sich zu und fängt an, sich selbst zu schlagen/Gegenstände durchs Zimmer zu werfen/Herumzubrüllen/anderweitig zu toben und herumzulärmen. Früher oder später MUSS das Elternteil reagieren, schlicht um zu  verhindern dass das Kind sich selbst verletzt.
À propos selbst verletzt: Wusstet ihr eigentlich dass ADHS-Kinder sich überdurchschnittlich oft verletzen? Der Grund ist schlicht und ergreifend ihre mangelnde Aufmerksamkeit. Sie laufen vor Autos, stürzen mit Fahrrad/Skateboard/Inlinern weil sie entweder schusselig sind oder sich an unverhältnismäßig waghalsigen Manövern versuchen. Das geht mit der Volljährigkeit bzw. mit Erlangen der Fahrerlaubnis direkt weiter. Sie verunglücken häufiger als neurotypische junge Erwachsene mit dem Auto oder Motorrad. Sie unterliegen einer erhöhten Gefahr, später einmal drogensüchtig zu werden, aber das liegt nicht an den Medikamenten [die ein Großteil von ihnen sowieso nie eingenommen hat, weil oft nichtmal eine Diagnostik durchgeführt wurde. Ihr wisst schon, „das wächst sich aus, der ist halt ein bisschen zappelig“] Es liegt vielmehr am veränderten Hirnstoffwechsel und dem dringenden Bedürfnis nach „dem Kick“. ADHS-Betroffene sind Adrenalinjunkies. Sie sind ständig auf der Jagd nach dem größeren, besseren, intensiveren Erlebnis, und deshalb sind sie so anfällig für gefährliche Situationen, Alkohol und Drogen.

Zurück zu den allseits beliebten Alltagssituationen, das Kind hat gerade Besuch eines anderen befreundeten Kindes [was ohnehin bei diesen Kindern selten genug der Fall ist] und es wird langsam Zeit, die Sachen zu packen weil die Mutter des Kindes ist da, um es abzuholen. Beide Kinder wollen aber noch weiterspielen, also fängt das eine an zu bocken, es sagt „ich geh aber nicht mit, ich bleib jetzt hier, genau hier auf die Treppe setz ich mich hin und da bleib ich dann bis du wieder gehst“ und das andere Kind fängt an zu heulen weil, naja, weil halt.

Wieder andere Situation, du sagst dem Kind etwas, und es kann sich das Gesagte nicht merken. Du sagst es wieder, und wieder vergisst das Kind, was du gesagt hast. Wohlgemerkt, es ist wirklich völlig egal worum es sich handelt, es ist einfach für das Hirn bzw. dessen Belohnungszentrum nicht interessant bzw. nicht vielversprechend genug und wird deshalb ausgeblendet. Irgendwann bist du selbst nur noch genervt von der Vergesslichkeit deines Kindes und wirst pampig, maulst dein Kind an, das Kind wiederum hat keine Ahnung, was es nun schon wieder angestellt hat und fühlt sich [zu Recht oder zu Unrecht darüber lässt sich streiten] ungerecht behandelt.

Alltagssituation drölftriepzehn „Nein Kind, es gibt nichts Süßes vor dem Abendessen“, „Nein Kind, die Hausaufgaben werden jetzt fertig gemacht“ oder auch „nein, du kannst nicht heute auf der Stelle bei deinem Freund übernachten“, „wie kannst du Hunger haben, wir haben doch vor einer Stunde erst gegessen?“ oder wie wäre es mit „Doch, die Zähne werden geputzt, gerade eben beim Spielen warst du auch nicht zu müde“, „Das Zimmer wird aufgeräumt bevor du an Tablet/Handy/Computer/Playstation darfst“, „Hör auf zu zappeln“ oder „warum musst du immer dann anfangen zu sprechen, wenn du dir gerade eine Gabel voll Essen in den Mund gestopft hast?“ und „kannst du bitte die Serviette benutzen anstatt Ärmel/Kragen/Handfläche?“

Und das wirklich jedes-verdammte-Mal.

Wir sind alle nur Menschen. Die Kinder genauso wie wir Eltern. Jeder von uns trägt seine eigene Besonderheit und seine eigenen Dämonen mit sich herum.

Wir geben uns größte Mühe. Wir alle. Und auch auf die Gefahr hin, mich jetzt zu wiederholen: Ich möchte, dass meine Kinder körperlich und psychisch gesund groß werden. Ich weiß, ich kann sie nicht vor der Welt da draußen beschützen. Ich kann nur versuchen, sie so gut es geht darauf vorzubereiten.

Meinem Sohn merkt man also nicht auf den ersten Blick an, dass er ADHS hat? Er kann sich soweit einfügen dass man ihn zumindest zeitweise für ein normales Kind hält? Gut so. Dann sind wir auf dem richtigen Weg. Denn das war – und ist auch heute noch – nicht immer der Fall.

Und was die Tochter angeht: Ein Großteil der ADS-betroffenen Mädchen fliegt unterm Radar. Oder was glaubt ihr, warum offiziell so viel mehr Jungs als Mädchen diagnostiziert [und was noch schlimmer ist: warum nur ein Bruchteil der Mädchen behandelt] werden? Weil Mädchen sehr oft die hypoaktive Variante zeigen. Sie sind eher still und introvertiert und bei Weitem nicht so auffällig wie die meisten ADHS-betroffenen Jungs.
Die Tochter ist zwar oft nachdenklich, aber sie kann auch ein echter Wildfang sein. Und ganz nebenbei bemerkt: Mein ADHS-Facharzt meinte einmal zu mir, das war an einem unserer ersten Termine, er wundere sich warum ich jetzt schon [soll heißen, in so jungen Jahren schon] bei ihm sitze; normalerweise würden sich Frauen erst ab der Menopause bei ihm melden, weil erst ab diesem Zeitpunkt der hormonellen Umstellung bei Frauen die wirklichen Probleme begännen.

Tja, bei mir hats halt etwas früher angefangen. Stress, Burn Out, der Tod meines Vaters, meine eigene innere Aggression, das alles waren Faktoren die meine Situation zur Eskalation brachten. Tja. Dumm gelaufen.

Gerade nochmal die Kurve gekratzt

„Wissen Sie Frau U., Kinder die zuhause so viel Unterstützung bekommen wie es bei Ihrer Tochter der Fall ist, denen jemand bei den Hausaufgaben hilft und außerdem darauf achtet, dass die Schulsachen immer vollständig sind, die werden normalerweise erst viel später auffällig als jene Kinder, die mit alldem mehr oder weniger auf sich allein gestellt sind; frühestens ab der dritten Klasse oder noch später.

„Ich würde das auf alle Fälle weiter beobachten und wenn sich die Situation verschlimmert oder es zu weiteren Eskalationen kommt treten Sie auf jeden Fall mit uns in Kontakt.“

So lautet das bisherige Ergebnis der Diagnostik bei meiner Tochter.

Aber alles der Reihe nach.
Bereits im Januar bzw. Februar diesen Jahres hatten die Anamnesegespräche bei der Fachärztin stattgefunden und auch zwei Diagnostiktermine haben wir bereits hinter uns. Nach Analyse der vorliegenden Unterlagen [Zeugnis der ersten Klasse sowie Ergebnisse diverser Tests] fasste der Arzt zusammen, darin stünde bereits alles was man wissen müsste um zu sehen, dass die Tochter bereits während des ersten Schuljahres etliche ADHS-typische Verhaltensauffälligkeiten zeigte.

Nun muss man jedoch bedenken dass ich damals, als meine Tochter eingeschult wurde, vieles noch nicht wusste was ich heute weiß und aufgrund dessen den Tagesablauf nicht gerade optimal eingerichtet habe.
Damals hatte ich zwar den Verdacht, dass sie [wie mein Sohn und ich selbst auch] eine Reizfilterschwäche hat und dass ihr trotzig-provokantes bis aggressives Verhalten nichts anderes als ihre Art und Weise ist, mit Reizüberflutung umzugehen; doch wie bereits erwähnt vermutete ich es nur, ich wusste es nicht mit Sicherheit.
Mit diesem Verhalten eckte sie sehr bald in der Schule und auch im evangelischen Kinderhort massiv an, was mir vollumfänglich erst beim Elterngespräch mit ihrer Klassenlehrerin klar wurde.

Die Tochter wurde im Laufe des ersten Schuljahres immer auffälliger; Irgendwann war ich gezwungen, sie direkt nach dem Mittagessen abzuholen bis nicht einmal mehr das funktionierte. Daher beschloss ich kurz vor Ende des ersten Schuljahres, sie ganz aus der Hortbetreuung herauszunehmen.

Ich fühlte mich schlecht und schuldig, weil ich sie dieser Belastung und diesem ganzen Stress ausgesetzt hatte; Mir wurde klar, dass ich ihre Belastbarkeit völlig falsch eingeschätzt hatte.

Also würde ich nach den Sommerferien so Einiges anders angehen müssen. Künftig würde sie nach der Schule direkt nach Hause gehen, die Hortbetreuung strich ich gedanklich aus der weiteren Planung heraus. Tagsüber würde ich mir wieder mehr Zeit für sie nehmen, speziell bei den Hausaufgaben würde ich sie künftig unterstützen. Weiters nahm ich mir vor, in Zukunft mehr auf ihre Sensibilität einzugehen und ihr nicht mehr so fordernd gegenüber zu treten.

Lang hatte ich denselben Fehler gemacht den so ziemlich Jeder macht, der sie kennenlernt und über einen längeren Zeitraum mit ihr zu tun hat. Durch ihr doch recht aufbrausendes und teils recht forsches Auftreten tritt ihr sensibles Wesen so sehr in den Hintergrund, dass man schon sehr genau hinsehen muss, um ihren Gemütszustand richtig einschätzen zu können. Aus irgendwelchen Gründen war ich zu er Überzeugung gelangt, weil ihr Vieles [zB sich auf etwas zu konzentrieren] so viel leichter fiel als ihrem Bruder, dann müsste das in den sozialen Belangen doch ebenfalls so sein.

Nun sind wir bereits mitten in der zweiten Hälfte des zweiten Schuljahres; das zweite Elterngespräch verlief im Gegensatz zum Ersten durchweg positiv. Tochters Klassenlehrerin meinte, sie habe sich in den vergangenen Monaten in so ziemlich allen sozialen Bereichen stabilisiert, was ich hauptsächlich auf den veränderten Tagesablauf zurückführe sowie auf die Tatsache, dass sich mein eigener Zustand ebenfalls stabilisiert hat.
Sie hat sich mit einem Mädchen aus ihrer Klasse angefreundet, die sie auch außerhalb der Schule regelmäßig trifft; Diese Freundschaft erscheint mir bereits jetzt stabiler als alle vorherigen Freundschaften, die sie mit anderen Kindern geknüpft hatte. Auch mit dem Nachbarssohn, der etwas älter ist als sie, trifft sie sich regelmäßig.
Außerdem ist sie was den Schulstoff angeht ganz vorn mit dabei, laut ihrer Lehrerin hat sie sich eine solide Wissensgrundlage angeeignet und verfügt obendrein über ein gutes Wortbildgedächtnis, was ihr erst vorvergangene Woche zu ihrem ersten Null-Fehler-Diktat verholfen hat.

Zusammengefasst würde ich die Situation folgendermaßen beschreiben: Das erste Schuljahr plus Hortbetreuung hat sie ziemlich überfordert und ihren gesamten Gemütszustand in eine Schieflage gebracht. Die vorgenommenen Veränderungen in ihrem Tagesablauf haben jedoch im zweiten Schuljahr eine deutliche Verbesserung in sämtlichen Bereichen bewirkt. Ich denke wir sind auf einem guten Weg, müssen jedoch darauf achten das richtige Maß zu finden zwischen fordern aber nicht über-fordern.

Aggro-Mädchen

AD[H]S. Wieder und immer wieder geht es um diese vier Buchstaben; Eine kleine, harmlos klingende Abkürzung für eine neurologische Störung, die sich auf jeden meiner Lebensbereiche auswirkt.

Oh, guck mal, ein Eichhörnchen. Jaja, so lustig.

Und so sehr ich auch versuche, es möglichst mit Humor zu nehmen… es fällt mir dennoch schwer in Situationen, die mich triggern, gefasst zu bleiben.

Heute war – nach langer Zeit – wieder einmal eine Schulkameradin meiner Tochter zu Besuch. Seit langem deshalb, weil die Tochter massive Schwierigkeiten hat, Freundschaften aufrecht zu erhalten. Zwar knüpft sie immer wieder Kontakte, doch aus irgendwelchen Gründen sind das meist ebenfalls irgendwie „spezielle“ Kinder, die ebenfalls irgendwelche Baustellen haben. Wir denken an den antiautoritär erzogenen Nachbarssohn [der jetzt – zum Gück – weggezogen ist] oder an die Freundin aus Kindergartentagen, die selbst AD[H]S hat, oder das leicht ambivalente Mädchen, mit der sie dieselbe Klasse besucht.

Der heutige Besuch war ein Mädchen, mit der die Tochter nie sonderlich viel Kontakt hatte obwohl sie ebenfalls eine Klassenkameradin ist. Seit einigen Tagen stecken sie scheinbar immer wieder die Köpfe zusammen und erfreulicherweise kam es tatsächlich zum Treffen, bei dessen Zustandekommen auch die Mutter des Mädchens einen Teil der Initiative übernommen hatte.

Jedenfalls hat das Mädchen auch schon ins Freundebuch der Tochter geschrieben. Das übliche Zeug, Lieblingsfarbe, Lieblingsessen etc. pp. und abschließend darf das befreundete Kind dem Besitzer des Freundbuches noch etwas für die Zukunft wünschen. Und in diesem typisch-kindlich-aufrichtigen Satz steckt so unglaublich viel Wahrheit…

Was ich dir für die Zukunft wünsche: Dass du nicht mehr so aggro bist.

BÄM!

Die Tochter ist ein – und genau das meine ich wenn ich sage, sie trägt beides in sich – unglaublich sensibles und nachdenkliches Kind, das je nach Situation sehr einfühlsam agieren kann. Andererseits ist sie ein ziemlicher Wildfang [ich nenne sie manchmal spaßeshalber meine Räubertochter] und fährt notfalls Krallen, Zähne und Ellbogen aus, wenn sie die Notwendigkeit dafür als gegeben sieht. Dann wiederum spielt sie hier regelmäßig den Entertainer, der andere zum Lachen bringt, und genießt die Aufmerksamkeit die sie mit ihrer Show abgreift.

Dennoch hat sie in der Schule ihren Spitznamen schon weg. Sie ist das Aggro-Mädchen. Das ist in meinen Augen insofern ein Problem, da es sie auf einen einzigen Aspekt ihrer Persönlichkeit reduziert. Natürlich ist es einer den sie hauptsächlich dann zeigt, wenn ihr alles um sie herum zuviel wird. Die Tochter reagiert nämlich nicht mit Rückzug sondern mit Aggression auf Reizüberflutung.

Erst vorhin, als mein Lieblingsmensch die Kinder ins Bett brachte während ich unterwegs war, da hatten die beiden es von Freundebüchern und von dem Satz, den die Schulkameradin in ihres geschrieben hatte. Und als die Tochter erzählte, sie wolle doch eigentlich gar nicht aggro sein, da vergoß sie sogar einige Tränchen.

Ich glaube – nein, ich weiß – dass es ihr schwer zu schaffen macht, nicht so zu sein wie die anderen Kinder. Dass die Mutter nicht so ist wie die anderen Mütter und sie deshalb nicht so wirklich ein Vorbild ist was das Knüpfen von Kontakten angeht, das dürfte es nicht unbedingt einfacher für sie machen.

In diesen Dingen fühle ich mich hilflos. Auch wenn ich es noch so gern würde, ich kann ihr das nicht abnehmen. Nicht den Schmerz des Zurückgewiesen-Werdens und nicht das Gefühl der Hilflosigkeit, wenn man etwas so sehr versucht – es sich so sehr wünscht – und es einfach nicht klappen will.

Wie jede Mutter leide ich jedes Mal mit, wenn sie wieder mal von jemandem geärgert oder ausgelacht wird. Und es sind immer wieder diese Situationen, in denen ich selbst wieder Kind bin und zusätzlich noch meinen eigenen Schmerz fühle, obwohl ich doch eigentlich die Erwachsene, die Vernünftige und für mein Kind da sein muss. Immer dann regt sich in mir das verletzte und zurückgewiesene Kind, das sich selbst nicht anders zu helfen weiß als ebenfalls mit Aggression zu reagieren

Ich soll so viel und kann – gefühlt – so wenig.

Family affair

Vor einiger Zeit gab es bei Twitter das Hashtag „regrettingmotherhood“, das bedeutet  Frauen sprechen / schreiben darüber, warum sie [manchmal] bereuen, Kinder in die Welt gesetzt zu haben.

Ich habe lange darüber nachgedacht ob das vielleicht auch auf mich zutreffen könnte. Und kam zu dem Schluss dass ich was die Kinder angeht durchaus zwiegespalten bin.

Ich würde jetzt nicht so weit gehen und behaupten, dass ich es bereue, denn das tue ich nicht. Zumindest würde ich es nicht als Reue bezeichnen.

Nur… wenn ich all das was ich heute [über mich] weiß schon damals gewusst hätte… ich weiß nicht ob ich nochmal dieselben Entscheidungen treffen würde. Aber nicht weil ich es bereue, sondern weil ich mich schuldig fühle, verantwortlich dafür, dass meine Kinder erhebliche Schwierigkeiten haben und auch künftig haben werden. Ob ihnen das in Zukunft ermöglicht, über sich herauszuwachsen oder ob es Underachiever aus ihnen macht, kann ich jetzt noch nicht absehen.

Mein Sohn hat AD[H]S. Meine Tochter allem Anschein nach ebenfalls. Sie zeigt viele Symptome und typische Verhaltensweisen und ob sie es hat oder nicht wird sich nächsten Monat im Kinderzentrum herausstellen.
Nun weiß ich seit einigen Wochen, dass ich selbst ebenfalls davon betroffen bin.

Der Facharzt hat bei einem unserer Termine etwas zu mir gesagt, was ich zwar schon länger vermutet doch nicht mit Sicherheit gewusst habe. Es hat sich in mein Hirn eingebrannt: „Es gibt zwei Dinge die ziehen sich wie ein roter Faden durch die Generationen einer Familie: AD[H]S und Depression.“

Vielleicht ist es idiotisch, mit Sicherheit jedoch sind es irrationale Schuldgefühle, die ich aber nicht so ohne Weiteres abstellen kann. Ganz sicher habe [unter anderem] ich die Veranlagung an meine Kinder weitergegeben. Und womöglich auch eine genetische Disposition die Depressionen begünstigt.

Damit muss ich leben. Und irgendwie meinen Frieden damit machen.

Ich bzw. wir geben unser Bestes, um den Kindern so viel wie möglich mit auf den Weg zu geben… das muss wohl genügen, um mein Gewissen zu beruhigen.

Komorbiditäten, Baby!

Gestern war mein zweiter Termin beim Facharzt für AD[H]S bei Erwachsenen.

Die Ärztin ließ mich zuerst einige Tests absolvieren, bei denen ich für jemanden mit eingeschränkter Konzentrationsfähigkeit erstaunlich gut abschnitt. Das heißt, als sie dann endlich mal das Fenster schloss um diesen elenden Straßenlärm auszusperren -.-*

Beim Silben-Wiederholen war ich wohl ihr erster Patient, welcher den kompletten Test ohne einen einzigen Fehler absolvierte.

Zusammengefasst besitze ich eine gute Konzentrations- und Merkfähigkeit. Untypisch für AD[H]Sler. Doch meine Reizoffenheit und die dadurch verursachte leichte Ablenkbarkeit machen mir im Alltag leider allzu oft einen Strich durch die Rechnung.

Ihre Aussage nachdem alle Tests abgeschlossen waren: „Normalerweise würde ich sagen, dass bei Ihnen keine gröberen Defizite vorliegen.“ Und als ich grinsend erwiderte „Nagut, dann kann ich ja jetzt heimgehen.“ fügte sie hinzu „Aber so einfach ist es leider nicht.“

Da wären wir also.

Wenig später saß ich bei ihrem Mann im Sprechzimmer. Nachdem er die Anamnesebögen sowie meine Zeugnisse der ersten und zweiten Klasse durchgesehen hatte meinte er, bei mir lägen – zusätzlich zum genetischen Aspekt – noch unzählige andere Hinweise auf eine AD[H]S vor, welche sich bereits in der Grundschulzeit zeigten.

Hier erklärte der Arzt ein Phänomen, das ich persönlich einerseits spannend aber andererseits mehr als nur leicht frustrierend finde, da ich selbst einer dieser Fälle bin.
AD[H]S ist nach Angaben des Arztes [und auch sämtlicher Artikel an die ich mich erinnern kann] auf beide Geschlechter etwa gleich verteilt. Dennoch ist der Großteil der heute diagnostizierten AD[H]Sler männlich. Das heißt dass unzählige betroffene Mädchen die AD[H]S bis ins Erwachsenenalter unentdeckt mit sich herumschleifen. Und das wiederum bedeutet in weiterer Konsequenz, dass aus Mädchen mit einer nicht diagnostizierten AD[H]S später Frauen mit einer – ebenfalls nicht diagnostizierten – AD[H]S plus einer oder mehreren Begleiterkrankungen werden.

Wie weiter oben von mir bereits angedeutet ist die AD[H]S eben nicht mein einziges Problem.

Bei vielen AD[H]Slern, die erst im Erwachsenenalter diagnostiziert werden, gesellen sich zum bereits vorhandenen AD[H]S noch zusätzlich einige Begleiterkrankungen, sogenannte Komorbiditäten hinzu. Das können beispielsweise Angststörungen, affektive Störungen, Lese-Rechtschreib-Schwäche oder Suchterkrankungen sein.

Bei mir ist das Hauptproblem nicht die AD[H]S, sie ist vergleichsweise schwach ausgeprägt. Bei mir wiegen die Komorbiditäten viel schwerer. Störungen und destruktive Verhaltensweisen die ich mir im Laufe der Jahre und Jahrzehnte angeeignet habe und die meinen Alltag und meine Lebensqualität stärker beeinträchtigen, als die AD[H]S es je könnte.
Auch das wusste ich im Grunde genommen schon vorher, aber es ist ja immer nett wenn der Arzt die eigenen Vermutungen bestätigt.

Was soviel heißt wie: ein klassisches Methylphenidat-Präparat kommt für mich nicht infrage.

Und damit wären wir auch schon bei meinem Hauptproblem.

Ich habe eine Scheißangst vor Medikamenten. Vor diesen Medikamenten. Psychopharmaka.

Der Arzt deutete zuerst an, dass er bei mir nicht zwingend eine Behandlungsbedürftigkeit sähe. Ich käme doch gut klar, könne den Alltag mit Kindern, Partnerschaft, Haushalt und Beruf bewältigen, könne organisieren und Ordnung halten, alles in allem sei ich durchaus überlebensfähig.
Dieser Ansicht war er genau bis zu jenem Moment, als ich von meinem Burn Out erzählte. Und dass ich mir mit schöner Regelmäßigkeit einmal die Woche – immer Freitags – wünsche, es mögen mich doch bitte alle einfach nur in Ruhe lassen.

Seine Aussage sinngemäß: Es sei eigentlich okay, nur sähe er ein leichtes Abkippen in die Depression.

BÄM!

Das saß.

Depression. Ich hasse dieses Wort. Seit ich denken begleitet es mich, hängt mal mehr mal weniger sichtbar – spürbar – doch immer argwöhnisch von mir betrachtet im Raum, meist unausgesprochen, doch gedacht: abertausende Male.

Ich war nie depressiv, bin es nicht und wollte es niemals sein. Genau genommen war ich das krasse Gegenteil von depressiv. Immer auf Achse, eine Getriebene und immer am Limit. Manisch? Meinetwegen, aber depressiv? Ich doch nicht. Ich bin eine Macherin, kein Häufchen Elend das in der Ecke sitzt und sich selbst bemitleidet.

Und dann starb mein Vater. Der Burn Out ließ nicht lang auf sich warten, eigentlich war ich schon mittendrin, wollte – konnte – es nur nicht wahrhaben. Er änderte alles.

Und das bin ich nun. Zweimal im Jahr zieht es mich in ein schwarzes Loch aus dem ich ohne Hilfe kaum ein Entrinnen finde. In dieser Zeit bin ich dünnhäutig, antriebslos bis lethargisch. Alles erscheint sinnlos, ich kann mich über nichts so recht freuen und hänge fest in meiner endlosen Traurigkeit.

Ich habe eine Scheißangst vor Psychopharmaka weil ich nicht weiß, was dieses Zeug in meinem Hirn macht. Ich habe Angst vor Nebenwirkungen und vor einem möglichen Kontrollverlust.

Versagerin[?]

Jetzt, wo sich das Schuljahr dem Ende zuneigt fühle ich mich, als hätte ich auf ganzer Linie versagt.

Nicht was den Sohn angeht. Er macht super Fortschritte und darf künftig mehrere Stunden pro Woche in die Außenklasse [sprich: Integrationsklasse] seiner E-Schule sitzen. Bei ihm läuft es – natürlich immer mit kleinen Rückschlägen, aber insgesamt ist der Fortschritt deutlich sichtbar – besser als ich es jemals zu träumen wagte.

Das mit der Außenklasse bedeutet soviel wie eine Rückschulung zum Anfang des vierten Schuljahres rückt in greifbare Nähe.

Ich selbst habe es auch endlich geschafft, über meinen Schatten zu springen, einen Facharzt für ADHS bei Erwachsenen aufzusuchen um die beiden unabhängig voneinander ausgesprochenen Verdachtsdiagnosen bestätigen zu lassen.

Versagt habe ich dieses Jahr bei der Tochter.

Das klingt jetzt so hoffnungslos. Vielleicht liest sich das negativer als ich es eigentlich meine. Sie ist erst sieben und wir können – und werden – definitiv gegensteuern. Ich habe Hoffnung, dass wir es wieder hinbiegen können.

Gestern als ich sie von der Schule abholte, da erzählte sie von ihrem Tag. Dass es eigentlich ganz gut gewesen sei, aber im Sportunterricht dann, da hätten die anderen Kinder sie geärgert und ihr gesagt, sie habe keine Freunde. Ein Trigger.

Sofort war ich selbst wieder Kind.

Zuerst nur die Außenseiterin. Später, in der Realschule, das Opfer.

Mein Magen zog sich zusammen und meine Kehle war wie zugeschnürt.

Ich konnte nicht reagieren, nichts sagen, nur fühlen. Nur noch Angst.

Wie damals.

Natürlich bin ich jetzt erwachsen. Und natürlich weiß ich, dass solche Hänseleien zwischen Kindern ein Stück weit normal sind. Doch ich weiß dass meine Tochter es eben nicht ist.

Sie kann ein ziemlicher Haudrauf sein, besonders wenn sie den Input Overload hat und nicht aus der Situation rauskann. Dann wird sie echt so richtig anstrengend. Doch das täuscht. Dummerweise täuscht es darüber hinweg, wie sensibel und nachdenklich sie eigentlich ist. Sie macht sich unglaublich viele Gedanken über tausend Dinge. Dinge, die zu begreifen – zu verkraften – sie manchmal einfach noch zu jung ist.

Mein Lieblingsmensch hat mal zu mir gesagt, dass die Tochter mir häufig den Spiegel vorhält. Ich bin damals nicht so hundertprozentig dahintergestiegen, wie er das gemeint hat. Dass wir uns so sehr ähneln.

Äußerlich überhaupt nicht. Sie sieht aus wie ihre Tante aussah, als sie in ihrem Alter war. Nur die Augenfarbe, die hat sie von mir.
Aber vom Gemüt und vom alles-zerdenken-Müssen sind wir uns so ähnlich dass es mich regelmäßig an meine Grenzen bringt.
Wir haben sogar am selben Tag Geburtstag. Ich bin auf den Tag genau 29 Jahre älter als sie.

Ich dachte, sie packt das schon. Hoffte es.

Ich lag falsch. Sie packt es nicht. Nicht so. Nicht ohne unsere Hilfe.

Vor zwei Wochen hab ich sie bei der Hortbetreuung abgemeldet, weil es stellenweise täglich Ärger gab wegen irgendwelchen Nichtigkeiten.

Nichtigkeiten die eigentlich keine sind. Es sind ernste Probleme eines Kindes.

Die Tochter ist ein kluges, aufgewecktes, freundliches und hilfsbereites Kind.
Aber sie hat die klassischen ADHS-Baustellen. Probleme im sozialen Miteinander, Regeln gelten nur für die anderen und – meines Erachtens das Hauptproblem – ihre Reizoffenheit. Die regelmäßig das Kind an seine Grenzen bringt. Und dann sein Umfeld. Eltern, Lehrer, Hortbetreuer, Mitschüler.

Unter der ADHS leiden alle. Aber das betroffene Kind leidet am meisten. Immer.

ADS findet ADS produziert ADS

Gestern hatte ich das Anamnesegespräch beim Facharzt für ADHS bei Erwachsenen.
Eigentlich ist es die Gemeinschaftspraxis eines Ärzte-Ehepaars, sie macht die Anamnesegespräche und er die Diagnostik, aber das nur am Rande.

Als ich [inklusive Michis fast schon obligatorischen 50 km Umweg -.-*] endlich dort war, erzählte die Ärztin erst einige Grundlagen über AD[H]S in Familien.

Dass es in einer Familie nicht „den Einen“ Fall von AD[H]S gibt, sondern immer noch einige weitere, bedingt durch die Vererbbarkeit dieser Hirnstoffwechselstörung.

Sie stellte mir weiters viele Fragen über meine nahe und nicht ganz so nahe Verwandtschaft [Mutter, Vater, Geschwister, Opa, Oma sowie Onkel und Tanten] sowie deren Besonderheiten. Über meine frühkindliche Entwicklung, die Schulzeit und meine eigenen Besonderheiten. Und natürlich wo ich selbst meine größten Beeinträchtigungen sehe. Hier ist die Reizfilterschwäche ganz klar vorn. Wenn ich nicht höllisch aufpasse befinde ich mich nahezu ständig in einem Zustand der Reizüberflutung.

Die anderthalb Stunden vergingen wie im Flug und was immer ich erzählte, die Ärztin fand nahezu in allem eine AD[H]S-typische Verhaltensform.

Der Satz in der Überschrift stammt übrigens auch von ihr. Er bezieht sich darauf, dass AD[H]S-Betroffene einander nicht nur problemlos finden weil sie seltsamerweise voneinander angezogen werden, sondern auch einen direkten Draht zueinander haben und entsprechend häufig beide Elternteile eine [oft unerkannte AD[H]S] mit sich herumtragen und dies an die Kinder weitergeben.

Wie es den Anschein hat bin ich wohl mehr der hypoaktive Typ [als Kind extrem ruhig und schüchtern, als Teenager dann das krasse Gegenteil sprich [vor-]laut und aggressiv] bzw. eine Mischform mit Schwerpunkt auf hypoaktiv.

Das wars für dieses Mal, nächste Woche Donnerstag gehts weiter.