Schlagwort-Archive: Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-störung

Wenn der Nebel sich lichtet…

Vor etwa sieben Wochen bin ich wieder auf Elontril umgestiegen. Nachdem ich einige Monate zwangsweise ein Ersatzpräparat eingenommen hatte, war mein ganzes Empfinden unerträglich für mich geworden.

Die Veränderung verlief wie beim ersten Mal schleichend, doch obwohl objektiv betrachtet der Zeitraum annähernd derselbe gewesen sein muss: diesmal kam es mir wie eine Ewigkeit vor.

So ziemlich mein ganzes Leben lang dachte ich, mein Empfinden sei normal und es ginge allen anderen genauso. Doch mittlerweile weiß ich, dem ist nicht so.

Müsste ich die beiden Zustände beschreiben, würde ich versuchen, es mit einem Nebelschleier zu vergleichen, der mich umhüllt. Der mein Denken einhüllt. Hinter dem Nebelschleier befindet sich eine Mauer, und ich renne wieder und immer wieder dagegen. Egal welche Richtung ich einschlage und ganz gleich wie oft ich es versuche: ich habe keine Chance. Da ist kein Weg nach draußen. Und jetzt ist es, als hätte sich der Nebel gelichtet und plötzlich kann ich vollkommen klar sehen. Meine ganze Wahrmehmung hat sich verändert. Ich sehe plötzlich nicht mehr nur die Fehler, die meine Mitmenschen machen, sondern ich sehe die Mühe die sie sich geben. Ich sehe wie sie versuchen, es richtig zu machen. Ich kann wieder die Zuneigung spüren, die ich für meinen Lieblingsmenschen hege. Davor war da nur Genervtsein, alles zuviel, „jetzt hat er schon wieder dies/das/jenes gemacht oder nicht gemacht“, ständig musste ich gegen den inneren Druck ankämpfen und damit war ich so sehr beschäftigt, dass einfach für nichts anderes mehr Raum war. Der Zorn war übermächtig.

Mein Lieblingsmensch hat mal zu mir gesagt, ein Gespräch mit mir sei wie ein Lauf durch ein Minenfeld. Man wisse nie, wie ich als nächstes reagieren würde, was mich als nächstes triggern würde. Aber es ist nicht nur für meine Mitmenschen ein Minenfeld. Für mich ist das gesamte „Draußen“ ein einziges riesiges Minenfeld. Und ganz ehrlich? Ich hasse es. Ich hasse mein Hirn; Dieses Chaos da oben, es ist einfach zum Kotzen. Nicht mal annähernd das eigene Potenzial nutzen zu können, das ist wie eine riesige Villa zu besitzen und das ganze Leben lang in einem winzigen Raum eingesperrt zu sein. Nicht zu wissen, dass es da draußen noch mehr gibt. Viel mehr.

Zu begreifen, welchen Unterschied es macht; sich des vollen Umfangs der Veränderung bewusst zu werden und es benennen zu können, das ist so unglaublich erleichternd. Und andererseits, das Wissen, nur mit Hilfe von Medikamenten zu funktionieren, den Alltag bewältigen zu können und mit Menschen konstruktiv interagieren zu können, das frustriert ungemein.

Derzeit fühlt es sich noch fremd an. Dieses andere Ich. Dieser andere Teil von mir, der sich davor zwar immer wieder gezeigt hat, doch der gegen die Reizüberflutung von außen nicht den Hauch einer Chance hatte. À propos Reizüberflutung: Das mit den körperlichen Berührungen ist auch so eine Sache. Vorher kannte ich es nicht anders, als Berührungen nicht oder nur selten aushalten zu können. Dann [mit Elontril] hatte ich genügend Zeit, mich daran zu gewöhnen und später, während ich das [bei mir unwirksame] Ersatzpräparat einnahm, konnte ich Berührungen und körperliche Nähe einerseits nicht ertragen, sehnte mich andererseits trotzdem danach. Wie widersprüchlich kann ein Mensch eigentlich noch sein?

Ich merke es nicht nur an mir selbst, sondern auch an den Kindern. Ganz besonders an meiner Tochter. Den Kinder- und Jugendpsychiater in der Klinik für Kinderneurologie und Sozialpädiatrie habe ich neulich darauf angesprochen, woran es liegen könnte dass die Tochter in den letzten Monaten [wieder] so schwierig geworden ist. Er sah gleich den Zusammenhang zwischen dem Ersatzpräparat bzw. meinem eigenen veränderten Zustand und dem meiner Tochter. Er vermutete, dass sie durch meinen „Rückfall“ in alte Verhaltensmuster selbst wieder instabiler geworden sein könnte oder dass sie mein eigenes Verhalten gespiegelt haben könnte. Eigentlich alles Begründungen die durchaus Sinn ergeben, aber begeistert bin ich davon nicht gerade. Denn letztlich erinnert es mich nur wieder einerseits daran, wie sensibel sie auf Veränderungen in ihrem Umfeld reagiert und andererseits dass hier alles davon abhängt, wie stabil ich selbst bin.

Dr. Jekyll & Ms. Hyde

So komme ich mir gerade vor. Klingt übertrieben? Ich weiß nicht. Lest selbst.

Ich nehme seit guten anderthalb Jahren die beiden Medikamente Strattera und Elontril. Das heißt, ich nahm Elontril bis vor ca. drei Monaten ein. Bis zu jenem Tag als bei meiner Krankenkasse entschieden wurde, dass die Kosten für Elontril nicht mehr tragbar seien, es gäbe schließlich ein deutlich günstigeres Ersatzprodukt: Bupropion. Selber Wirkstoff, selbe Dosierung.

Etwas skeptisch nahm ich besagtes Ersatzpräparat in der gewohnten Dosierung ein und spürte wenig später eine Veränderung meines… ich nenne es mal meines psychischen Gleichgewichts. Genauer ausgedrückt: Die Reizfilterschwäche begann wieder zunehmend, auf mein Gemüt zu drücken, mir wurde wieder alles zu laut, zu hell, zu viel.
Also wies ich meinen Lieblingsmenschen darauf hin und bat ihn, ebenfalls ein Auge darauf zu haben, ob sich mein Verhalten wieder ins Negative verändert.

Die Wochen zogen ins Land und der Alltagstrott ließ mich mein Vorhaben vergessen, meinen psychischen Zustand weiterhin genau im Auge zu behalten. Die Sommerferien kamen und gingen und ziemlich genau am letzten Sonntag der Ferien krachte es bei uns so heftig wie schon lange nicht mehr. Genauer gesagt: Seit ich begonnen hatte, Strattera und Elontril einzunehmen.

Mir war zwar aufgefallen, dass Bupropion eine starke Mundtrockenheit als Nebenwirkung mit sich brachte. Doch dass es gegen die Reizfilterschwäche so überhaupt nichts auszurichten vermochte, das hatte ich nicht einmal zu fürchten gewagt.

Beim nächsten Termin bei meinem ADHS-Facharzt wies ich ihn darauf hin, dass Bupropion bei mir überhaupt nicht wirkte. Er schlug vor, die Dosis zu erhöhen und weiter zu beobachten.
Die einzige Wirkung: ein unerträgliches Gefühl der Trockenheit im Mund, aber das war auch schon alles. Also reduzierte ich die Dosis wieder auf die gewohnten 150 mg und nahm es einfach weiter.

Bis zu jener Eskalation am letzten Sonntag der Sommerferien. Wir beide, mein Lieblingsmensch und ich, hatten schon wieder vergessen dass ich von Anfang an gespürt hatte, dass Bupropion bei mir anders wirkte als Elontril.

Nun beschloss ich, erneut meinen Facharzt zu konsultieren und das Ersatzpräparat notfalls abzusetzen. Seine – objektiv durchaus verständliche  – Reaktion auf meine Bitte hin, er möge das Häkchen auf das Rezept machen, bei dem es um das günstigere Ersatzpräparat geht: Er könne dies natürlich tun, doch er habe kein Interesse daran, sich deswegen mit meiner Krankenkasse herumzuschlagen, die deshalb Regressansprüche geltend machen könne [und würde].
Ich beschrieb ihm meine Situation. Erklärte ihm, dass ich so nicht weitermachen könne, dass es nicht nur mich sondern meine ganze Familie belasten würde. Daraufhin schrieb er mir ein anderes Antidepressivum auf, dessen Name mir gerade nicht einfällt.
Und an dieser Stelle würde jetzt genau das anfangen, was ich bei meiner Mutter erlebt habe und wovor ich so große Angst hatte: Diese Odyssee von einem zum nächsten Medikament, bis man mal eines findet, dass die erwünschte Wirkung zeigt. Von den vielen Nebenwirkungen mal ganz zu schweigen.
Ich bin der Ansicht: Never change a winning team. Deshalb werde ich alles daran setzen, Elontril auch in Zukunft gegen die Reizfilterschwäche nehmen zu können. Ich hoffe, ich kann an dieser Stelle bei meiner Krankenkasse etwas erreichen, auch wenn ich mir keine allzu großen Hoffnungen diesbezüglich mache.

Allerdings will ich auf keinen Fall jemals wieder so empfinden, so SEIN wie damals, bevor ich Strattera und Elontril einnahm. Es war die Hölle. Dieser drei-Monate-Trip zurück in die Zeit, als sämtliche Reize ungefiltert auf mein Hirn einprasselten, das war der reinste Horrortrip. Die Kinder verunsichert [die Tochter hatte mehrmals einen Alptraum, der mit mir und meiner veränderten Persönlichkeit zu tun hatte -.-*], mein Lieblingsmensch, dessen Nähe und Berührungen ich plötzlich nicht mehr ertragen konnte. Dieses omnipräsente Gefühl der Überreiztheit, die Menschen, das „Draußen“ als einzige Bedrohung wahrzunehmen, der ich mich nicht entziehen kann, Geräusche zu laut, Sonne zu hell, alles – einfach alles – input overload.
Und dann die Aggression, der innere Druck. Alles war wieder da. Als wäre es nie weg gewesen. Doch da ich ja mittlerweile wusste, wie sich ein Leben „ohne“ anfühlte, empfand ich es als doppelt schlimm. Ich blickte in die Gesichter meiner Kinder, und da waren sie wieder, diese verunsicherten Blicke. War das eben Angst in seinen Augen?
Es fällt mir schwer, mich nicht abgrundtief zu hassen.
Ich kann nicht einmal sagen, ob ich es nicht doch tue.
Wie kann man jemanden wie mich lieben?
Es gab eine Reihe von Suiziden in meiner Familie, deshalb war ich gezwungen mich schon sehr früh mit diesem Thema zu beschäftigen. Und durch die Depression meiner Mutter und meiner eigenen Angst, sie könne sich ebenfalls etwas antun war es leider für viele Jahre ein großes Thema für mich.
Ich habe nie verstanden, wie man so etwas tun kann.
Doch in diesen Momenten wenn mir bewusst wird, wie ich bin und was ich tue… in diesen schwachen Momenten kann ich es ein Stück weit nachvollziehen, dass man sich selbst nur noch als Last für andere Menschen empfindet.
Versteht mich richtig: Ich habe keinerlei Ambitionen, meine Kinder – meine Familie – im Stich zu lassen.
Ich tue alles in meiner Macht Stehende, damit ich mein Leben – mich selbst – in den Griff bekomme, und ich bekomme oft positives Feedback. Ganz offensichtlich mache ich also doch nicht alles falsch. Es ist einfach diese teilweise unerträgliche Schwere, dieses Zuviel an allem, das es für mich so unfassbar anstrengend macht.

Schuljahr geschafft die Zweite

Wie angekündigt nun die aktuellsten Entwicklungen zum Sohnemann.

Vor einigen Wochen hatte er nämlich noch einen Termin in der Klinik für Kinderneurologie und Sozialpädiatrie, übrigens beim selben Arzt wie meine Tochter, als ich mit ihr dort vorstellig wurde.
Auch wenn ich mich damals von jenem Arzt nicht sonderlich ernst genommen fühlte, so nahm ich mir seinen Rat dennoch zu Herzen und versuchte zu ändern, was im Rahmen meiner Möglichkeiten lag. Eine Privatschule gehörte bis dato leider nicht dazu, doch wer weiß, vielleicht kriegen wir das ja auch noch hin.
Immerhin trugen die bisher durchgeführten Veränderungen bereits Früchte und schon allein deshalb bin ich mir sicher, dass wir mit ihr auf einem guten Weg sind. Doch zurück zum Sohnemann.

Zuerst einmal war der Sohnemann beim Gespräch mit besagtem Arzt nicht wirklich zugänglich. Er zappelte unablässig, sah den Arzt kaum einmal an und war nicht fähig, auch nur eine der gestellten Fragen sinnvoll und zusammenhängend zu beantworten. Er war einsilbig und stellenweise fast völlig geistesabwesend.
Der Arzt stellte ihm verschiedene Fragen über Schule, Familie, Wohnsituation, Freunde und Hobbies bzw. Interessen. Ihm wurde schnell klar, dass der Sohn tatsächlich einige größere Baustellen hat, woraufhin er ihn bat, einige Sätze auf einem Blatt Papier zu vervollständigen, und ihn hierfür nach draußen schickte.

Als der Sohn draußen war fragte mich der Arzt, ob eigentlich von einem der bisherigen Ärzte jemals der Verdacht auf Asperger-Syndrom ausgesprochen worden war. Ich verneinte, gab allerdings zu Bedenken dass die Lehrkräfte vom Sohn angeregt hätten, diesem Verdacht nachzugehen, da er doch einige der typischen Anzeichen wie bspw. mangelnde Flexibilität bzw. das Beharren auf fest durchstrukturierte Abläufe, ausgeprägte Spezialinteressen sowie motorische und soziale Eigenheiten aufweist.

Also gab er mir zwei Fragebögen für die Diagnostik meines Sohnes mit, einen werde ich wohl gemeisam mit meinem Partner ausfüllen, den anderen gebe ich entweder dem leiblichen Vater oder Sohnemanns Lehrkräften zum Ausfüllen mit.

So viel zum Thema Kinderzentrum, nun will ich noch kurz auf Sohnemanns schulische Leistungen und seine sonstige Entwicklung eingehen.

Wieder einmal hat er ein sehr gutes Zeugnis mit nach Hause gebracht, und wieder einmal hat er eine Eins in Mathe, in Deutsch eine Zwei und sogar sein Schriftbild sowie sein Verhalten während des Unterrichts haben sich während des vergangenen Schuljahres verbessert. Dennoch ist er von einer Rückschulung noch weit entfernt. Falls er überhaupt jemals so weit sein sollte, eine Regelschule zu besuchen.

Gegen Ende des Schuljahres gab es einen Wechsel beim Taxiunternehmen; Sohnemann hat nun einen anderen Fahrer. Soweit alles im Rahmen des Erträglichen, es gibt allerdings drei andere Jungs, die den Sohnemann regelmäßig triezen und ihn regelrecht mobben. Es fing an mit systematischem Heischen nach Sohnemanns Aufmerksamkeit und ging bis zu Verhohnepiepeln seines bzw. unseres Nachnamens [welcher sich hierfür leider ausgezeichnet eignet -.-*]. Diese Sache mit dem Nachnamen ist für mich unglaublich triggernd, da ich selbst exakt dieselbe Sch***e auch während meiner gesamten Schulzeit mitmachen durfte.

Das Mobbing ging so weit, dass Sohni eines Abends am Esstisch saß und meinte, er wolle nie wieder ins Taxi steigen und ob ich ihn in die Schule fahren und auch wieder von dort abholen könne.  Natürlich hakten wir nach und so erfuhren wir, dass Sohni in der Schule von einem Rädelsführer und zwei Mitläuferm regelmäßig gemobbt wurde, woraufhin ich am folgenden Tag in der Schule stand und die Leiterin für Jugendhilfe um ein Gespräch bat.

Ich erklärte ihr die vom Sohn geschilderten Ereignisse woraufhin sie zusagte, den besagten Jungen sowie dessen Eltern ebenfalls zum Gespräch zu bitten.

Nun sind endlich Ferien und einen Lichtblick gibt es für das kommende Schuljahr: Zumindest der Rädelsführer wechselt die Schule und ich vermute und hoffe, dass sich das Mobbingproblem hiermit für uns erledigt haben dürfte.

Zuhause ist alles mehr oder weniger beim Alten; Sohnemann und Tochter sind wie typische Geschwister [Pack schlägt sich, Pack verträgt sich würde meine Oma jetzt sagen] und auch sonst gibt sich der Sohnemann große Mühe, auch wenn er immer noch deutliche Schwierigkeiten beim grundsätzlichen Einhalten von Regeln hat, und auch so manche Umgangsformen und das Einhalten seiner eigenen Zusagen und Versprechen sind für ihn unglaublich schwer, besonders wenn es um Spiele geht, die seine Schwester mit ihm spielen möchte und die nichts mit Kampf oder Panzern zu tun haben. Schrieb ich vorhin nicht etwas von Spezialinteressen? Genau, das wären sie dann. Panzer und Kämpfe aller Art, er kann stundenlang Gefechte durchführen, natürlich inklusive verschiedener Strategien, er baut sich allerlei Einheiten aus Lego zusammen, hauptsächlich Raumschiffe, Raketenstellungen, Raumjäger und-was-weiß-ich-was-noch-alles.
Hin und wieder spielt das Miniweib mal mit, dann müssen aber unbedingt alle Spielregeln [natürlich vom Sohnemann] festgelegt werden, eine zeitlang geht das gut, aber sie besteht natürlich darauf dass irgendwann auch mal sie entscheiden darf, was wie gespielt wird. Und regelmäßig lässt der Sohn sie hängen. Natürlich gibts dann Zank, das Eine Wort führt zum Nächsten und schon – Eltern von Geschwistern kennen das – haben wir das größte Theater hier.

Der ganz normale Wahnsinn eben.

Was sich verändert hat

Mit diesem Artikel nehme ich an der Blogparade von Rene Pöpperl teil, welche sich mit dem Thema „Die größten Herausforderungen für erwachsene ADSler und wie man sie meistert“ befasst.

Mittlerweile ist seit meiner Diagnose bzw. seit dem Beginn der Einnahme zweier Medikamente über ein halbes Jahr vergangen.

An das Nicht-Vorhandensein des inneren Drucks, der Wut, die mich schon solang ich mich erinnern kann begleitet hat, habe ich mich ziemlich schnell gewöhnt.

Ich muss wohl nicht explizit erwähnen, dass sich dadurch sehr viel verändert hat. Mein Umgang mit anderen Menschen ist ein Anderer; ich werde nicht mehr so schnell wütend, und selbst wenn mich doch einmal etwas aus der Fassung bringt, dann kommt es nicht mehr zum Kontrollverlust wie es davor der Fall war. In solchen Situationen verfliegt der Zorn so schnell wieder wie er gekommen ist.

Mittlerweile kann ich mir nur noch schwer vorstellen wie es war, damals, die ganzen Jahre zuvor. Es war mir schlicht nicht möglich, meine Gefühlslage zu regulieren. Den ganzen Tag kämpfte ich gegen den inneren Druck an; und wenn es dann schlussendlich passierte dass ich explodierte, dann schaffte ich es einfach nicht mehr, mich aus eigener Kraft wieder aus dieser Wut-Spirale zu befreien. Oft habe ich mich – ohne es zu wollen – derart in etwas hineingesteigert bzw. bin so extrem ausgerastet dass ich erst dann aufhören konnte wenn ich völlig erschöpft war und einfach nicht mehr konnte.

Wenn ich das heute zu beschreiben versuche, dann klingt es selbst für mich irgendwie unwirklich, und das obwohl ich ganz genau weiß, dass es sich genau so zugetragen hat. Auch wenn ich mich heute frage wie es passieren konnte, dass mich eine Handvoll alltäglicher Situationen derart in Rage brachte.

Auch mein erster Eindruck mit der verbesserten Selbstwahrnehmung hat sich in den vergangenen Monaten bestätigt. Wenn sich mein Überreizungs-Pegel einem kritischen Maß nähert [was immer noch regelmäßig der Fall ist] dann merke ich es früh genug, um mich aus der Situation zurückziehen zu können. Und selbst dann ist mein Kopf immer noch klar genug um gegebenenfalls im direkten Gespräch dem Gegenüber meine derzeitige Gefühlslage zu kommunizieren.

Auch hier ist selbsterklärend, dass sich hierdurch die gesamte Familiensituation entspannt hat. Bei den Kindern kann ich generell viel gelassener reagieren als es noch vor einem Jahr der Fall war; plötzlich fällt es mir leicht, geduldig zu sein und jetzt, da mein Hirn nicht mehr ununterbrochen vom Zorn vernebelt ist, kann ich meine Gedanken viel besser artikulieren. Meine gesamte Gefühlswelt ist nicht mehr dieses heillose Chaos wie es vor der Medikation der Fall war.

Je mehr Zeit vergeht und je mehr Fortschritte ich mache desto häufiger und vor allem desto dringlicher wird mir bewusst: Ich will nie wieder dorthin zurück wo ich war, als ich mich entschloss, zu diesem ADHS-Facharzt zu gehen. Nie. Wieder.

Ein weiterer, anfangs verstörender Effekt der Medikation: Ich bin was körperliche Nähe angeht regelrecht anhänglich geworden. Davor konnte ich eigentlich die meiste Zeit überhaupt keine körperliche Nähe bzw. Berührungen aushalten geschweige denn als angenehm empfinden. Wenn ich gestresst war konnte bereits eine harmlose Berührung zur Eskalation führen. Abgesehen davon verstand ich den Sinn von Berührungen nicht. Wohl weil ich die meiste Zeit einfach kein Bedürfnis danach hatte.

Vielleicht klingt das jetzt zu überschwänglich für den Einen oder Anderen; speziell da der Großteil meines veränderten Verhaltens auf die Medikation zurückzuführen ist. Aber im Vergleich zu damals fühlt sich mein ganzes Leben heute unfassbar einfach an.

Natürlich ist der Alltag nach wie vor anstrengend; die Nachtschichtarbeit, die Kinder und „das bisschen Haushalt“, hin und wieder will man neben dem „Alltagsgeschäft“ auch mal ein bisschen Beziehungspflege betreiben… doch es ist trotz allem einfacher geworden, den Alltag zu bewältigen. Irgendwie kann ich auch die Nähe zu meinem Lieblingsmenschen erst seit einigen Monaten wieder so richtig genießen. Und selbst wenn ich gestresst bin oder unter Druck stehe, dann wirkt eine Berührung bei mir nicht mehr wie ein Funke, der das sprichwörtliche Pulverfass zum Explodieren bringt. Es ist okay für mich und oft finde ich in einer Umarmung meines Partners sogar Trost oder zumindest kann ich mich dadurch leichter wieder beruhigen.

Alles Dinge, die vor der Medikation schlicht unvorstellbar waren.

Hobbypsychologischer Bullshit?

Vor etwa einer Woche veröffentlichte ich unter anderem hier bei wordpress diesen Beitrag. Das Feedback war gemischt, doch größtenteils positiv.

Wenn ich etwas veröffentliche, dann tue ich das nicht, um Likes zu sammeln. Ich versuche, zu sensibilisieren. Ich versuche nicht, jemanden von der Richtigkeit meines Vorgehens zu überzeugen. Dieses Blog bietet jedoch für den geneigten Leser sicherlich den einen oder anderen Denkanstoß, und das genügt mir.
Ich kann [mittlerweile] gut damit leben, dass ich mit meiner Vorgehensweise regelmäßig anecke. Denn: Wenn nicht die Tatsache, dass wir die ADHS-Diagnose beim Sohn akzeptieren, beim Gegenüber Empörung hervorruft, dann ist es oft spätestens die Tatsache, dass er [unter anderem] medikamentös behandelt wird. Doch das soll hier erst mal nicht das Thema sein.

Es geht um eine spezielle Reaktion, die mich etwas ratlos machte.

Versteht mich nicht falsch: Ich halte durchaus Rücksprache mit dem behandelnden Psychologen meines Sohnes, und er wird auch regelmäßig im Kinderzentrum vorgestellt. Falls sich im Verhalten des Sohnes etwas gravierend ändert, setze ich den Psychologen umgehend in Kenntnis. Selbiges gilt [natürlich!] für eine eventuelle Veränderung der Dosis seines Medikaments.

Das Computerverbot war kein „Experiment“. Es war die Konsequenz dafür, dass die Kinder [und zwar beide!] sich einen ziemlichen Schnitzer geleistet haben. Vielleicht [ziemlich wahrscheinlich sogar] werden das wieder einige anders sehen, aber wie ich bereits schrieb, ich warte nicht darauf dass Leute [hier: Leser / Kommentatoren] mir sagen, wie ich meine Kinder zu erziehen bzw. unseren Familienalltag zu gestalten habe.

Ich erziehe die Kinder nicht über Strafe. [Kennen wir das nicht alle? „Und zur Strafe gehst du jetzt auf dein Zimmer/bekommst du jetzt den Hosenboden voll“ etc. pp.] Eher über Lob und natürlich auch über [möglichst logische bzw. nachvollziehbare] Konsequenz, auch wenn ich natürlich weiß, dass ich dennoch bei all meinen Bemühungen Fehler mache. Versteht mich richtig: Ich gebe meinen Kindern so viele Freiheiten, wie ich meine, ihnen zutrauen zu können. Meine Tochter geht zB nach der Schule alleine [bzw. mit Schulkameraden] zum Hort, um dort zu Mittag zu essen und Hausaufgaben zu machen. Ich hole sie am frühen Nachmittag ab, und wenn sie zuhause mit allem fertig ist [sofern sie noch Hausis zu machen hat] darf sie mit ihrem Fahrrad zum Spielplatz fahren, welcher sich direkt neben dem Hort befindet. Sie hat einen Helm auf, weiß wie sie sich an der Straße und am Zebrastreifen zu verhalten hat, und dass sie den kürzesten Weg nehmen muss. Ebenso weiß sie, dass sie nach Hause kommen muss wenn der Hort schließt, und dass sie nirgendwohin mitgehen darf. Weder zu einer Freundin noch zu sonst jemandem den sie kennt [oder auch nicht kennt]. Alles im grünen Bereich.

Sohn darf auch mit dem Fahrrad zum Spieli oder ins Dorf um sich ein Eis zu holen, denn auch er ist mit den Verhaltensregeln vertraut. Wenn jedoch eines der Kinder plötzlich beschließt, dass es viel interessanter wäre, [ungefragt] zu einem Spielkameraden zu gehen, dann wäre die logische Konsequenz, dass betreffendes Kind eben nicht mehr allein mit dem Fahrrad oder sonstwie auf den Spielplatz darf. Und das wissen sie.

Unsere Vereinbarung bezüglich elektronischer Geräte und Spielsachen war also folgende: Kinder dürfen sie benutzen [unter Aufsicht, und zwar auch diejenigen, die sie sich vom eigenen Geld gekauft haben!] und sorgsam damit umgehen. Tun sie das nicht, kommen die Geräte/Spielsachen weg. So einfach ist das.

Nun haben Sohn und Tochter ungefragt Sohnis Carrera-Bahn ausgepackt, im Kinderzimmer verteilt und als Krönung noch mit dem Controller bzw. dem Kabel des Controllers „Tauziehen“ gespielt. Es kam was kommen musste: Der Controller ist hinüber weil sich das Kabel natürlich – wenn man nur  fest genug dran zieht – heraus löst.

Natürlich könnte man jetzt argumentieren, dass der Sohn mit der kaputten Carrera-Bahn schon genug gestraft ist. Lassen wir aber nicht gelten, da die Verhaltensregeln bezüglich der elektronischen Geräte ganz genau abgesteckt waren.

Nun zur Aussage in der Überschrift. Natürlich muss ich mir als Mutter eines [oder mehrerer] ADHS-betroffener Kinder ein gewisses „Grundwissen“ aneignen, um überhaupt erst mal halbwegs konstruktiv mit dem Kind umgehen bzw. angemessen auf seine Verhaltensweisen reagieren sowie auf seine Bedürfnisse eingehen zu können.

Wüsste ich zB nicht was ich weiß, dann wüsste ich nicht wie wichtig geregelte Abläufe [Rituale] für meine Kinder [und damit meine ich den Sohn UND die Tochter] sind.
Ich wüsste außerdem nicht, dass er nichts für sein Gezappel kann. Egal wie nervtötend es für uns Eltern auch sein mag, er tut es nicht mit Absicht, er tut es einfach, es ist ein Teil von ihm.
Wahrscheinlich hätte ich auch keine Ahnung, warum mein Sohn so vieles einfach vergisst. Oder dass er sich nicht aus mangelndem Interesse nach fünf Sekunden Ansprache wegdreht, sondern weil er einfach nicht anders kann. Dass er zwar über Dinge wie Schweißdrüsen an menschlichen Füßen einen Vortrag halten kann, aber dass er nicht fähig ist, sich an so banale Dinge wie Tischregeln – die er theoretisch kennt – zu halten.

Long story short: Kinder erziehen ist IMMER erst mal Neuland, für alle Eltern die ihr erstes Kind bekommen, beim zweiten ist es ebenso Neuland, weil man zwar einige Dinge schon weiß und erlebt hat, aber weil Kinder trotzdem einfach unterschiedlich sind. Selbiges gilt für Eltern mit besonderen Kindern. Sie müssen ihre Kinder – genauso wie Eltern von neurotypischen Kindern – erst mal kennen lernen und in all das hineinwachsen. Mit Hobbypsychologie hat das aber reichlich wenig zu tun.

Just my two cents.