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ADHS und Videospiele – Ein Erfahrungsbericht

Anfang dieser Woche rief mich – zum wiederholten Male – Sohnis Klassenlehrerin an. Mich an unsere letzten beiden Telefonate erinnernd wappnete ich mich innerlich dafür, was nun kommen würde.

Besagte Telefonate verliefen nicht besonders positiv. Sohni hatte im ersten Schuljahr enorme Fortschritte gemacht, was sein Verhalten allgemein und seine Konzentrationsfähigkeit anging. Doch aus irgendwelchen Gründen begann sein Verhalten sich nach den Weihnachtsferien massiv zu verschlechtern. Er war zwar nach wie vor interessiert am Unterricht und erledigte seine Aufgaben motiviert, doch er war wieder extrem zappelig und fahrig geworden. Zuerst dachte ich, es könnte an der angespannten Situation zuhause liegen.

Nun erzählte mir die Lehrerin bei unserem letzten Telefonat, dass Sohni seit Ende der Osterferien wieder viel ruhiger geworden sei, auch seine Tics habe er weitestgehend wieder abgelegt. Ob sich zuhause irgendetwas verändert hätte?
Ja, in der Tat. Ich hatte es befürchtet, doch nicht wirklich damit gerechnet, dass es sich so extrem auf sein Verhalten auswirken würde. Die Rede ist von Videospielen.

Ich hatte bereits einiges über die Wirkung von Videospielen auf ADHS-Betroffene gelesen und nahm mir daher vor, einen möglichen Zusammenhang zwischen Sohnis Videospiel-Konsum und einer Veränderung seines Verhaltens im Auge zu behalten. Ehrlich: Wir reden hier von etwa einer Stunde täglich, für mehr hat der Sohn auch gar nicht die Zeit. Er ist von 7:00 bis 17:00 Uhr unterwegs, wann will er da noch groß spielen? Ein- bis zweimal die Woche hat er nach der Schule noch Taekwondo, da fällt Computer oder dergleichen sowieso aus.

Hier war er nun, der Beweis. Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass der Sohn [wie die Tochter übrigens auch] momentan absolutes Computer-, Konsolen- und Tablet-Verbot habe. Die Lehrerin war wenig überrascht. Wir besprachen das Warum und wie man Sohnis Gezappel und Tochters unerträglichen Umgangston [sie schafft teilweise wirklich nicht, einen auch nur halbwegs erträglichen Umgangston an den Tag zu legen] möglicherweise mit einer strengeren Reglementierung in den Griff bekommen könnte.

Wir einigten uns darauf, vorerst das Verbot wie geplant beizubehalten. Wenn die Frist vorbei ist, wird es wohl darauf hinauslaufen, dass beide Kinder nur noch an einem, vielleicht zwei Tagen am Wochenende jeweils eine Stunde spielen dürfen. Und selbst dann sollten es nicht so actionlastige Spiele sein, da dies für beide Kinder pure Reizüberflutung bedeuten würde. Falls sich das Verhalten der Kinder selbst mit der neuen Regelung wieder verschlechtern sollte, werden wir Playstation & Co. wohl doch wieder abschaffen müssen.

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Déjà-vu

Diese Woche fand das Elterngespräch mit Tochters Klassenlehrerin statt und ich fühlte mich zurück versetzt in die Zeit, als wir noch mit Sohnis Diagnose haderten. Kognitiv ist sie sehr stark aber das gesamte soziale Drumherum ist ein Problem.

Tochter wurde vergangenen Herbst hier im Dorf eingeschult. Sie war im Kindergarten nicht ganz so auffällig wie ihr Bruder, das lag aber hauptsächlich daran, dass ihr viele Dinge dort einfach mehr Spaß machten. Malen, Basteln, Singen, Bücher, all das war genau ihr Ding. Sohni konnte das nicht so, generell hatte [und hat] er mehr Schwierigkeiten, sich zu fokussieren, hinzu kommt die Tatsache dass er extrem zappelig ist. Tochter dagegen nicht so sehr.

Zurück zum Elterngespräch. Zugegeben, ich war extrem müde, hätte auch beinah das Gespräch verpasst. Ich bin seit zwei Wochen gesundheitlich angeschlagen und komme nicht wirklich dazu, mich auszukurieren. Keine guten Grundvoraussetzungen für ein konstruktives Gespräch. Vielleicht hätte ich es absagen sollen.

Entsprechend verlief das Gespräch. Sie redete, ich hörte zu. Nickte hin und wieder, sagte jedoch zuerst nichts. Blickte immer wieder auf den Zettel, der vor mir auf dem Tisch lag. Darauf waren all die Dinge notiert, welche der Lehrerin im Laufe des ersten Halbjahres im Verhalten meiner Tochter aufgefallen waren.

Findet schwer Anschluss, lässt sich leicht ablenken, verschlampert/vergisst ihre Sachen, im Hort ist ihr Verhalten auffällig, es gibt häufig Konflikte die von ihr ausgehen, ich muss sie regelmäßig früher als zur vereinbarten Uhrzeit abholen weil sie wirklich ü-ber-haupt nicht klar kommt, etc. pp.

Wie gesagt, ich hatte ein Déjà-vu.
Nicht gut. Gar nicht gut.
Irgendwann unterbrach ich die Lehrerin [die ich eigentlich sehr sympathisch finde und die auf mich einen kompetenten Eindruck macht] überhaupt nicht sozialverträglich mitten im Satz in ihrem Monolog.
Sie wusste nicht, dass ich die Tochter bereits letztes Jahr im Kinderzentrum vorgestellt habe. Sie wusste auch nichts von der ADHS-Verdachtsdiagnose, von den zwanghaften Tendenzen in Tochters Verhalten. Und sie wusste auch nichts von dem IQ-Test, den der Psychologe mit ihr durchgeführt hat.

Jetzt weiß sie es. Und einen weiteren Termin im Kinderzentrum habe ich auch schon angefordert.
Ich wünsche mir wirklich, dass sie es dort – sprich auf der Regelschule – schafft. Denn die Tochter hat jetzt schon klargestellt, dass sie nicht die Schule wechseln möchte.

Ich will nicht sagen „ich habs ja gesagt“, aber…

Ja, aber. So kanns nämlich auch laufen. Mein Sohn und der Schwimmkurs. Bevor er eingeschult wurde, meldete ich ihn für einen Anfänger-Schwimmkurs an. Der Kurs ging über zehn Stunden und war in erster Linie dazu gedacht, dass die teilnehmenden Kinder die Angst vor dem Wasser – falls vorhanden – verlieren sollten. Soweit so gut. Dort lief alles absolut ohne Zwang ab, genau das Richtige für meinen Sohnemann. Er braucht grundsätzlich sehr lang bis er ausreichend Vertrauen zu einem Menschen hat, um sich auf ihn oder sie einlassen zu können. Und man darf ihn keinesfalls unter Druck setzen, da er sich ansonsten komplett quer stellt. Bei ihm kommt man – wenn überhaupt – nur mit viel Geduld und gutem Zureden ans Ziel.

Dieser erste Schwimmkurs lief sehr positiv und mein Sohn hatte auch keine Angst mehr vor dem Wasser. Im Gesicht kann er es immer noch nicht haben, aber ich hatte eigentlich keine Bedenken, ihn für einen weiteren Schwimmkurs anzumelden. Nun lief alles mit der Anmeldung glatt, nur mit der Durchführung bekamen wir ein Problem: Da Sohnemann immer bis 15:55 in der Schule ist [was ich zum Zeitpunkt der Anmeldung im Frühjahr noch nicht wusste] war es zeitlich nicht machbar, rechtzeitig um 16:15 im Schwimmbad zu sein.

Daher legte ich den zweiten Schwimmkurs für Sohni vorerst auf Eis und meldete statt dessen die Tochter, mittlerweile ebenfalls ein Vorschulkind, für den Anfänger-Schwimmkurs bei einer anderen Schwimmschule an. Tochter verhielt sich damals extrem ängstlich und weigerte sich strikt, auch nur in die Nähe des Nichtschwimmerbeckens zu gehen, geschweige denn hinein. Auch nicht mit Papa oder Mama. Egal wie oft wir es versuchten, da gab es nichts zu holen.

Ihr Anfänger-Schwimmkurs war etwas teurer, sollte jedoch auch insgesamt 20 Stunden umfassen mit dem Erwerb des Vereinsinternen Seepferdchens als Ziel. Zugegeben – ich war etwas skeptisch. Davor führte ich ein längeres Telefonat mit der Inhaberin der Schwimmschule – selbst frühere Leistungsschwimmerin – welche einen kompetenten und erfahrenen Eindruck auf mich machte. Sie schaffte es, meine Zweifel [auch bezüglich meines Sohnes] weitestgehend zu zerstreuen und so meldete ich meine Tochter an.

Womit ich nicht gerechnet habe: Tochter entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit zur personifizierten Wasserratte und nahm tatsächlich am letzten Kurstag das Seepferdchen mit nach Hause.

Erleichtert meldete ich nicht nur meine Tochter für den Fortgeschrittenen-Schwimmkurs an, sondern auch meinen Sohn. Doch nicht ohne mich vorher zu vergewissern, dass die Schwimmschule auch wirklich spezialisierte Schwimmlehrer hat, die mit der Besonderheit meines Sohnes umzugehen wissen. Alles kein Problem meinte die Inhaberin, sie hätten auch schon autistische und ADS-Kinder gehabt, und bei ihnen hätte noch jeder das Schwimmen gelernt. Aha, na dann.

Nach den Sommerferien – sprich im September – sollte es losgehen. Ich hatte die Inhaberin der Schwimmschule informiert, dass mein Sohn zwar keine Angst mehr vor dem Wasser habe, jedoch noch kein Freischwimmer sei, sprich er würde zumindest anfangs noch eine Schwimmhilfe benötigen. Daher ging ich davon aus dass man – wie zugesichert – angemessen auf die Bedürfnisse meine Sohnes würde eingehen können.

Versteht mich richtig: Es geht hier nicht darum, jemanden anzuprangern. Die Schwimmlehrer haben bei meiner Tochter eine großartige Arbeit geleistet; wäre dies nicht der Fall, wäre sie kaum eine solche Wasserratte geworden. Doch was fürs eine Kind genau das Richtige ist, muss für ein anderes nicht notwendigerweise ebenfalls richtig sein.

Der Kurs begann und ich nahm beide Kinder wie geplant mit. Ziemlich zu Anfang ereignete sich ein Vorfall, welcher dem Sohnemann die Lust auf weitere Schwimmstunden gehörig vermiesen sollte. Eine der Schwimmlehrerinnen wies ihn an, ohne Schwimmhilfe ein Stück zu schwimmen. Selbstverständlich weigerte er sich, wurde jedoch mehr oder weniger von ihr dazu genötigt, es dennoch zu versuchen. Zufällig beobachtete ich das Geschehen vom höher gelegenen Restaurant aus und weiß deshalb ganz genau, dass es tatsächlich so vorgefallen ist. Es kam was kommen musste: Sohnemann ging unter. Nur für einen kurzen Moment, dann war die Schwimmlehrerin zur Stelle und half ihm. Doch als er den Beckenrand erreicht hatte und hinausgeklettert war, äußerte sich – verständlicherweise – eine Panikattacke und er brüllte das gesamte Schwimmbad zusammen. Ich selbst hatte in diesem Moment eine Mordswut im Bauch, schließlich hatte ich doch genau das verhindern wollen.
Nach Ende der Schwimmstunde wartete ich also auf meine Kinder und wollte mir direkt die Schwimmlehrerin vorknöpfen. Andererseits hatte es bis dato nie ein gutes Ende genommen, wenn ich im Zorn dem erstbesten Impuls nachgegeben hatte. Daher überlegte ich es mir anders und beschloss, diese Angelegenheit später, wenn ich wieder klar würde denken können, in Ruhe direkt mit der Inhaberin der Schwimmschule zu klären.

Kurz nach Sohnis achtem Geburtstag stürzte er auf seinen linken Arm und trug, wie ich an anderer Stelle berichtet habe, erst mal vier Wochen lang Verletztenchic. Daher fiel Schwimmen erst mal für eine ganze Weile flach. Diese Zeit nutzte ich, um vorsichtig auf meinen Sohn einzuwirken, der nicht die geringste Lust hatte, dort auch nur noch ein einziges Mal hinzugehen. Was ich ja irgendwo verstehen kann. Andererseits wollte ich [noch] nicht so einfach aufgeben, ich hatte mich wirklich reingehängt, um diesen Platz für ihn zu ergattern. Es gibt nicht so viele gute Schwimmschulen hier in der Gegend, und für mich ist es eben wichtig, dass meine Kinder schwimmen lernen.

Doch es sollte sich als Fehler herausstellen. Bei der nächsten Schwimmstunde [ausgerechnet!] hatte ich vergessen, ihm seine Tablette zu geben, die er einfach braucht, um im notwendigen Maße „funktionieren“ zu können. Nein, ich mag das Wort funktionieren auch nicht. Ich verwende es dennoch, weil ich ihn nicht vor sämtlichen äußeren Einflüssen abschirmen kann, so dass er fähig ist, sich ohne störende Ablenkung zu fokussieren. Unter klinischen Bedingungen, sprich mit null störenden Einflüssen von Außen [andere Menschen, Geräusche und andere störende Impulse] ist er durchaus umgänglich, vorausgesetzt, man weiß wie man ihn anpacken muss.

Das Ende vom Lied: An besagtem Tag konnte er sich nicht mehr daran erinnern, wie das Schwimmen mit der Schwimmnudel funktioniert, und veranstaltete erneut ein Höllentheater im Hallenbad. Das war der Moment an dem ich beschloss, ihn dort wieder abzumelden. Es bestand offensichtlich durch diesen ersten Vorfall schon ein so großes Misstrauen seinerseits, dass keine von den Schwimmlehrerinnen mehr einen Zugang zu ihm fand. Oder vielleicht auch nicht finden wollte, was weiß ich.

Was ich damit sagen möchte:
Mein Sohn ist ein kluges, freundliches, neugieriges, aktives und hilfsbereites Kind. Wenn man weiß, wie er tickt, kann man durchaus gut mit ihm auskommen. Stimmt dagegen die Chemie zwischen ihm und der Lehrkraft nicht, hat man keine Chance.

In der richtigen Umgebung mit den richtigen Voraussetzungen ist mein Sohn wissensdurstig und ehrgeizig. Sehr schön zu beobachten in seiner Schule. Dort hat er ein Umfeld, welches auf seine Bedürfnisse eingeht und ihm an den richtigen Stellen Halt und Beständigkeit gibt, an anderer Stelle hat er den Freiraum, den er braucht, um sich zu entfalten. Dort entwickelt er sich bisher großartig.

Geht ihm allerdings etwas gegen den Strich ist er störrisch und verweigert jegliche Kooperation. Im Zuge eines weniger erfreulichen Schriftwechsels mit der Inhaberin erfuhr ich, dass mein Sohn sich angeblich von Anfang an gesperrt hat und keinerlei Kooperationsbereitschaft zeigte. Schlimmer noch: Sie wies sämtliche Schuld von sich, er hätte ja nur mitzumachen brauchen.

Ahja.

Dazu schreibe ich jetzt nichts mehr, das Thema ist durch und bezahlen müssen wir den Schwimmkurs für meinen Sohn auch nicht. Immerhin.