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Making of: Camera Cake

Meine Arbeitskollegin wünschte sich für ihren Bruder eine Geburtstagstorte. Eine Kamera sollte es sein, da er sich fürs Fotografieren interessiert. Klingt erst mal nicht besonders schwierig bis zu jenem Moment in dem du dich fragst, wie zum Henker du aus Kuchen ein perfekt zylinderförmiges Objektiv hinbekommst, welches nachher auch stabil ist und notfalls bei Zimmertemperatur die Form behält. Meine Antwort lautete: Erst mal gar nicht. Deshalb beschloss ich, es aus Crispiemasse zu formen und wie den Rest der Kamera mit schwarzem Fondant einzudecken.

Die Grundform war wie schon so oft zuvor die rechteckige mit Vollmilch-Ganache gefüllte Kapsel aus Öl-Sand-Masse. Geht einfach und schnell und ist gelingsicher. Kapsel auf gewünschte Größe zurechtschneiden, die Abschnitte passend ansetzen und durch Schnitzen in Form bringen.

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Für das Objektiv habe ich einen entsprechend geformten Mixbecher genommen, mit Folie ausgekleidet und mit Crispiemasse gefüllt. Dann nur noch erstarren lassen und mit Ganache einstreichen.

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Die Kamera ebenfalls mit Ganache einstreichen.

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Hier nochmal stehend: Die Kamera war tatsächlich überraschend stabil.

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Nun alles mit schwarzem Rollfondant eindecken. Tasten und Knöpfe modellieren, ausschneiden und mit etwas Wasser ankleben.

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Das Objektiv habe ich mithilfe von meinem Mehlsieb, einem Stück Bindfaden, einem Eierschneider und etwas silberner Lebensmittelfarbe mit Mustern versehen.

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Für die Darstellung der Linse benutzte ich verschieden große runde Ausstecher.

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Ich will ja nicht angeben, aber manch einer hielt sie auf den Fotos zumindest auf den ersten Blick für echt 🙂

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Zehn.

Kommenden Samstag feiert der Sohnemann seinen zehnten Geburtstag.

Ein guter Anlass wie ich finde, um die wichtigsten Entwicklungen zusammen zu fassen. Nicht zuletzt weil ich mich kurz nach der Geburt meines Sohnes fragte, wie er wohl in zehn Jahren sein würde.

Zehn ist ja schon irgendwie ein besonderer Geburtstag. Die erste Dekade. Deshalb habe ich mir auch diesmal wieder eine Woche Urlaub genommen um ihm einen schönen Geburtstag organisieren zu können.

Das hier soll er als Torte bekommen:
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Ein Venator Klasse Sternenzerstörer.
Ich freu mich schon drauf. Der Plan bis jetzt: Torte gefüllt mit Erdbeerbuttercreme, das Raumschiff als Deko möchte ich separat modellieren, den Korpus innen aus Crispiemasse [sonst wirds zu schwer weil ich es ziemlich groß machen möchte], außen Rollfondant und dazwischen eine Schicht Pariser Creme [auch bekannt als Ganache].

So viel erst mal hierzu.
Wir wissen ja nun seit einer ganzen Weile, dass der Sohn eine mittelschwere Ausprägung der ADHS hat. Außerdem besteht Verdacht auf Asperger-Syndrom, welchem noch diesen Monat bei seinem nächsten Termin im Kinderzentrum nachgegangen werden soll.
Das Medikament musste gewechselt werden, da er auf das Ritalin LA 20 mg nicht mehr gut reagierte. Mittlerweile nimmt er Equasym retard 20 mg, es hat den Vorteil dass es zu Beginn nicht so eine hohe Wirkstoffkurve hat wie Ritalin, dafür aber länger und auch gleichmäßiger wirkt. Mir kommt vor, er verträgt es gut und spricht ganz allgemein besser darauf an als zuletzt auf Ritalin.
Er besucht mittlerweile die vierte Klassenstufe einer Erziehungshilfeschule. Entgegen meiner Hoffnungen wird er den Wechsel auf eine Regelschule voraussichtlich erst mal nicht schaffen in nächster Zeit. Was eigentlich nicht weiter schlimm ist, bis auf die Tatsache dass sich auf dieser Schule immer wieder unschöne Zwischenfälle ereignen, die deutlich in Richtung Mobbing gehen; Ereignisse die mich selbst aufs Übelste triggern da ich selbst so ziemlich während meiner gesamten Schulzeit immer wieder Ziel verschiedenster Gemeinheiten und systematischen Mobbings wurde.
Doch zurück zum Thema. Es gibt auch viel Positives zu vermelden: Sohnemann hat in den Sommerferien Inliner fahren gelernt :3 Und darüber hinaus zeigt sich sogar eine gewisse Begabung bei ihm, ich kanns noch gar nicht so richtig fassen.
Außerdem waren wir einige Male im Freibad. Wer ihn kennt weiß: Sohni ist noch kein Freischwimmer und er ist alles andere als eine Schwimmbad-Wasserratte. Und seit diesem unschönen Ereignis während seines Fortgeschrittenen-Schwimmkurses hatte ich mir diesbezüglich auch erst mal keine Hoffnungen mehr gemacht.
Im Freibad ließ ich ihm alle Zeit die er brauchte, um sich mit dem Nichtschwimmerbecken anzufreunden. Ohne Hetze und ohne „du musst“. Er bestimmte sein Tempo selbst.
Das bedeutete, dass er sich die erste halbe, dreiviertel Stunde erst mal nicht weiter als bis zur Treppe hineintraute. Doch ich akzeptierte seine Grenze, wir spielten Wasserball und Stück für Stück wurde er mutiger, bis er schließlich am dritten Tag, den wir im Freibad verbrachten,  gänzlich furchtlos durchs Becken flitzte, sich mal mit uns, mal mit anderen Kindern eine Wasserschlacht [die Kids bekamen von meiner Ma jeweils eine große Super Soaker geschenkt] nach der anderen lieferte und aus dem Wasser auch gar nicht mehr so recht hinauswollte.
Und nun hat er in der Schule jede Woche Schwimmunterricht. Seine Lehrkräfte bekamen von mir vor der ersten Schwimmstunde einen kleinen Brief mit allen nötigen Infos bezüglich Sohnemann und Wasser, und prompt konnten auch sie kleine Erfolge vermelden: Sohnemann hat keine Panik mehr im Schwimmbad, er wird zusehends mutiger und ich glaube, dass er die Angst vorm Wasser verloren hat, daran habe auch ich einen kleinen Teil beigetragen.

Man merkt ihm an dass er stolz auf die Fortschritte ist, die er macht. Dies dürfte eine angenehme Abwechslung zu dem vielen Druck darstellen, den er von anderer Seite immer wieder bekommt.

Wir haben uns irgendwie arrangiert, der Lieblingsmensch und ich. Auch wenn es im Moment, bis die Wirkung meines Medikaments wieder anschlägt,  zumindest von meiner Seite aus ziemlich ruppig zugeht.
Eigentlich sind wir uns in den wenigsten Bereichen einig. Diese Tatsache erzeugt natürlich unendlich viele Reibungspunkte an denen aufgrund meines Dauer-Überreiztheit-Zustandes wieder und wieder dieselben Konflikte entstehen.

Die Tochter ist mittlerweile Drittklässlerin, ihre beste Freundin muss leider die zweite Klasse wiederholen; Doch wir geben uns große Mühe, auch ihr irgendwie gerecht zu werden.
Sie merkt mittlerweile, dass sie nicht einfach „die Kleine“ von den Beiden ist. So einfach ist es nicht. Trotz des Altersunterschieds [immerhin 15 Monate] ist oftmals seine Schwester – so seltsam das klingen mag – die Große. Sie muss es. Weil sie eben – und ich weiß dass auch diese Aussage irgendwie verstörend sein muss – in weiten Teilen vernünftiger, reifer ist als er. Mit ihren acht Jahren hat sie schon begriffen dass ihr Bruder – obwohl er der Ältere ist – in vielen Bereichen der Kindlichere von ihnen ist.

Ich merke wie langsam das Kopfgulasch Überhand nimmt, daher werde ich jetzt erst mal Schluss machen.

Die zappelt doch gar nicht…

…also hat sie kein ADHS.

Das war in etwa der Wortlaut des Psychologen bei unserem letzten Termin im Kinderzentrum.

Vielleicht hätte ihm mal jemand sagen sollen, dass es auch eine hypoaktive Variante der ADHS gibt.

Wir haben jetzt also einmal Verdacht auf ADHS und einmal die oben genannte Aussage, sprich: Sind wieder am Anfang.

Ihr Rating [laut Psychologe] ist vergleichsweise niedrig, dennoch möchte ich mir noch eine dritte Meinung einholen, bevor ich diesen Verdacht zu den Akten lege.

Meine Tochter hat sehr reelle Schwierigkeiten, im Alltag klarzukommen; Speziell ihre Aggressionen bei Überreizung sind ein Problem.

In der Schule kommt sie gut mit, auch wenn sie bereits begriffene Lerninhalte regelmäßg wieder vergisst, welche ihr immer wieder erklärt werden müssen. Hier kommt ihr zum Glück ihre enorm rasche Auffassungsgabe zu Gute.

Kommenden Dienstag findet das Anamnesegespräch bei meinem Facharzt bzw. der Ärztin statt, es bleibt also spannend.

Some things never change…

„Jetzt stell dich doch nicht so an… du warst doch früher nicht so.“

Und da wunder sich noch einer warum ich die längste Zeit meines bisherigen Lebens der festen Überzeugung war, mit mir stimme etwas nicht.

Die Tochter und ich feierten heute Geburtstag, sie ihren achten und ich meinen, naja, ein paar Jährchen mehr :3

Es war sehr lustig, wie eigentlich immer wenn wir es denn mal schaffen, uns zu treffen. Bis zur Verabschiedung. Meine Mom wollte mich irgendwie umarmen oder mir ein Bussi auf die Backe drücken, was weiß ich, ist mir eigentlich auch egal, aber ich wollte eben nicht. War für mich ziemlich viel Input heute und als sich das lustige Gelage dem Ende näherte merkte ich, dass ich jetzt-dann-wirklich-langsam-aber-sicher genug hatte. Also bat ich meine Mutter „Nicht anfassen.“ und erntete zuerst mal nur einen ungläubigen Gesichtsausdruck und als nächstes einen weiteren Versuch, sich mit einem eindeutigen „Zuviel“ an körperlicher Nähe von mir zu verabschieden.
Daraufhin zuckte ich zurück und wand mich aus ihrer Annäherung heraus. Ihre Antwort? Siehe oben.

Als alle Gäste gegangen waren erfuhr ich, dass mein Lieblingsmensch in jenem Moment den Raum verlassen hatte; aus eigener Erfahrung weiß er dass es keine gute Idee ist, mit mir auf Tuchfühlung zu gehen wenn ich zuvor ausdrücklich darum gebeten hatte, genau dies nicht zu tun.

Ich selbst war gerade zu sehr mit mir selbst beschäftigt und damit, zu begreifen was sie da gerade zu mir gesagt hatte… dass sie DIESEN SATZ gesagt hatte.

Stell dich nicht so an.

Jener Satz, der einen Menschen – ein Kind – dazu bringen kann, dem eigenen Bauchgefühl zu misstrauen… es irgendwann vollkommen zu ignorieren. So wie ich.

Das Schlimme daran: Dass sie erst an meinem ungläubigen Gesichtsausdruck und an der betretenen Stille im Raum merkte, dass sie wohl irgendetwas Falsches gesagt hatte.

Ich weiß nicht wie ich noch vor einem Jahr reagiert hätte. Vielleicht – nein, sogar ziemlich sicher – hätte ich es über mich ergehen lassen weil ich – so wie es vor der Diagnose und somit auch vor der Medikation eigentlich immer der Fall war – gar nicht gemerkt hätte, dass es mir schon längst bis obenhin steht und ich vor lauter Reizüberflutung gar nicht mehr gewusst hätte, wo mir eigentlich der Kopf stand. Meistens waren es genau solche „Kleinigkeiten“, die das Fass zum Überlaufen brachten; die in der Veragangenheit schon unzählige Male zum Auslöser für einen Kontrollverlust meinerseits wurden.

Ich kann es nicht ausstehen, wenn meine Mitmenschen von mir klar aufgezeigte Grenzen nicht respektieren. Versteht mich richtig, ich verlange von niemandem, dass er meine Gedanken liest. Wenn ich jedoch jemanden – egal wen – darum bitte, mich nicht anzufassen, was-zum-Henker ist eigentlich daran so schwer zu verstehen?

Gedankenkotze

Jetzt, da ich die Medikamente seit etwa zwei Monaten einnehme, merke ich wie ich mich langsam aber sicher an die Gelassenheit gewöhne, die ich die meiste Zeit des Tages empfinde.

Eine äußerst willkommene Gewöhnung. Da ich jetzt weiß wie es sich anfühlt bzw. dass ich überhaupt – wenn auch mit Hilfe von außen – dazu fähig bin, so etwas wie Gelassenheit zu empfinden, weiß ich ebenso dass ich nie wieder dorthin zurück will wo ich noch vor wenigen Monaten stand.

Es ist bitter, sich selbst eingestehen zu müssen, dass die Anderen Recht hatten.

Menschen die mich heute hassen oder zumindest verachten…

Menschen die Dinge schrieben und sagten lediglich in der Absicht, mich damit bloßzustellen, mich zu verletzen, mein Leben zu zerstören. Menschen die ich einmal sehr gern hatte. Menschen denen ich nur zu gern vertraut hätte.

Doch ich konnte nicht. Vielleicht war es eine Art selbsterfüllende Prophezeiung dass sie sich gegen mich wandten, vielleicht war es auch einfach nur mein Instinkt der mich davon abhielt zu glauben, was jene Menschen mir gegenüber äußerten.

Weil sich letzten Endes heraus stellte, dass nichts von alldem stimmte, was sie zu mir sagten. Alles Lüge.

Aggressiv, hasserfüllt, verbittert, verletzend.

Ja, all das war ich. All das bin ich, wenn ich mich in die Ecke gedrängt fühle.

Vor einiger Zeit führte ich ein Telefonat mit meiner Ma. Sie meinte, ich sei meinem Vater wahnsinnig ähnlich.

Mein Misstrauen in meine Mitmenschen.

Die Tatsache dass ich Menschen mögen kann – sehr sogar – und ihnen dennoch nicht weiter traue als ich sie werfen kann.

Dieses Misstrauen, es ist Segen und Fluch zugleich.

Ich fühle mich durch dieses Misstrauen zumindest ein Stück weit sicher vor den Spielchen, die meine Mitmenschen spielen.
Menschen die sich das Vertrauen anderer Menschen erschleichen um sie an ihrer verwundbarsten Stelle treffen zu können.
Welches kranke Hirn spuckt solche Ideen aus?

Und ich? Ich lege Fallen aus. Und dann warte ich. Und beobachte. Ich denke mir nichts dabei, ich tue es einfach. Und wenn wieder mal eine Falle zuschnappt dann weiß ich, dass ich Recht hatte.

Menschen deuten mein Schweigen als Desinteresse. Ich bin durchaus interessiert. Nur eben nicht daran, zum drölften Mal irgendeinem verlogenen A****loch auf den Leim zu gehen.

Und dann hindert mich dasselbe verdammte Misstrauen daran, Freundschaften zu schließen mit Menschen, die mir vielleicht gar nichts Böses wollen. Menschen, die mich möglichweise sogar mögen [könnten].

Aber ich lasse sie nicht. Ich will nicht, dass sie mich mögen. Menschen die mich mögen sind mir suspekt.

Manch Einer würde jetzt sagen, das wird schon daran liegen dass ich mich selbst nicht mag. Und vielleicht hätte er damit sogar Recht.

Der Mensch von dem ich noch am ehesten behaupten könnte, ich würde oder könnte ihm vertrauen, ist mein Lieblingsmensch. Wir sind jetzt über sechs Jahre zusammen und gaaaaanz langsam aber sicher sprießt ein Pflänzchen, das man durchaus als Vertrauen – zumindest ansatzweise – bezeichnen könnte.

Und dann…

Dann biegt eine alte Bekannte ums Eck.

Angst. 

Family affair

Vor einiger Zeit gab es bei Twitter das Hashtag „regrettingmotherhood“, das bedeutet  Frauen sprechen / schreiben darüber, warum sie [manchmal] bereuen, Kinder in die Welt gesetzt zu haben.

Ich habe lange darüber nachgedacht ob das vielleicht auch auf mich zutreffen könnte. Und kam zu dem Schluss dass ich was die Kinder angeht durchaus zwiegespalten bin.

Ich würde jetzt nicht so weit gehen und behaupten, dass ich es bereue, denn das tue ich nicht. Zumindest würde ich es nicht als Reue bezeichnen.

Nur… wenn ich all das was ich heute [über mich] weiß schon damals gewusst hätte… ich weiß nicht ob ich nochmal dieselben Entscheidungen treffen würde. Aber nicht weil ich es bereue, sondern weil ich mich schuldig fühle, verantwortlich dafür, dass meine Kinder erhebliche Schwierigkeiten haben und auch künftig haben werden. Ob ihnen das in Zukunft ermöglicht, über sich herauszuwachsen oder ob es Underachiever aus ihnen macht, kann ich jetzt noch nicht absehen.

Mein Sohn hat AD[H]S. Meine Tochter allem Anschein nach ebenfalls. Sie zeigt viele Symptome und typische Verhaltensweisen und ob sie es hat oder nicht wird sich nächsten Monat im Kinderzentrum herausstellen.
Nun weiß ich seit einigen Wochen, dass ich selbst ebenfalls davon betroffen bin.

Der Facharzt hat bei einem unserer Termine etwas zu mir gesagt, was ich zwar schon länger vermutet doch nicht mit Sicherheit gewusst habe. Es hat sich in mein Hirn eingebrannt: „Es gibt zwei Dinge die ziehen sich wie ein roter Faden durch die Generationen einer Familie: AD[H]S und Depression.“

Vielleicht ist es idiotisch, mit Sicherheit jedoch sind es irrationale Schuldgefühle, die ich aber nicht so ohne Weiteres abstellen kann. Ganz sicher habe [unter anderem] ich die Veranlagung an meine Kinder weitergegeben. Und womöglich auch eine genetische Disposition die Depressionen begünstigt.

Damit muss ich leben. Und irgendwie meinen Frieden damit machen.

Ich bzw. wir geben unser Bestes, um den Kindern so viel wie möglich mit auf den Weg zu geben… das muss wohl genügen, um mein Gewissen zu beruhigen.

Ganz der Papa…?

Im Zuge der Diagnostik gab mir der Facharzt ein Blatt Papier sozusagen als „Hausaufgabe“ mit, auf welchem eine ganze Reihe Stichworte aufgelistet waren, die ich zu Sätzen vervollständigen sollte. Irgendsoeine Art Assoziations-Test.

Eines der Stichworte lautete „Mein Vater…“

Ich beendetet den Satz mit „…fehlt mir.“

Weil es genau das ist. Ich vermisse ihn, aber ich weiß nicht ob es die tatsächliche, reale Person ist oder ob es nicht doch eher die Wunschvorstellung eines Vaters ist, die ich auf ihn bzw. auf meine Erinnerung an ihn projeziere. Oder vielleicht ein Zwischending?

Ich kann mich noch sehr lebhaft an ihn erinnern, daran wie lieblos, kalt und abweisend er war, bevor ich wegging.

Und ich finde immer mehr Parallelen zwischen ihm und mir -.-*

Besorgniserregend wie ich nach und nach immer mehr seiner Eigenheiten nachvollziehen kann. Und sie stellenweise selbst an den Tag lege. Selbst meine Mutter erschrak regelrecht bei unserem letzten Telefonat, als ich ihr ein paar Dinge offenbarte.
Natürlich reagiere nicht mit derselben Heftigkeit wie er, ich trinke zB keinen Alkohol; Außerdem gehe raus und unternehme was mit den Kids und/oder meinem Lieblingsmenschen. Und er war auch während meiner gesamten Kindheit nicht in der Lage, seine Zuneigung zu mir auch nur in der kleinsten Geste zu zeigen, was für mich bei meinen Kindern kein Problem darstellt.
Doch was jetzt das reine Bedürfnis angeht, sich zuhause zu verkriechen und meine Ruhe vor der Welt da draußen zu haben – was ich früher nie nachvollziehen konnte – bin ich mittlerweile ganz bei ihm. Ich nehme an, das hängt zum Großteil mit dem Burn Out zusammen.

Und ich hasse es. Einerseits hasse ich es und andererseits… bin ich eben so, wie ich bin. Ich stecke in dieser Haut für den Rest meines Lebens und je eher ich mich akzeptiere desto eher werde ich eine Art Frieden finden.

Ich bin bei so unfassbar vielen Dingen die meine Familie betreffen zwiegespalten. Mutter, Vater, Kinder…

Der Arzt las sich den Zettel durch und als er beim Stichwort Vater angekommen war, hakte er nach. Er ließ mich kurz einige Eckdaten über meinen Vater erzählen und begann danach seinerseits, mir eine Geschichte zu erzählen.

Sie handelte von einer Patientin, die mit einem alkoholkranken Mann verheiratet war. Er ließ sich täglich volllaufen und die Ehe war alles andere als glücklich, doch sie blieb stur an seiner Seite. Bis er eines Tages einen tödlichen Arbeitsunfall hatte.
Zuerst kam sie mit dem Tod ihres Mannes nicht klar und verlor jeglichen Willen weiter zu leben. Doch nach und nach begann sie, neuen Lebensmut zu schöpfen und blühte zum ersten Mal in ihrem Leben richtig auf.
Was er mir damit wohl sagen wollte: dass selbst ein Ereignis, das zuerst als Katastrophe erscheint letzten Endes seine guten Seiten hat. Und dass danach – womöglich – alles besser ist als vorher.

Der Punkt ist: Das wusste ich vorher auch schon. Nett dass er es so in Worte gepackt hat, aber im Grunde genommen ist mir das nicht wirklich eine Hilfe. Es stillt nicht den Schmerz und auch nicht die Sehnsucht nach einem Vater der fähig ist, seine Kinder nicht nur zu lieben sondern es ihnen auch zu zeigen.

Ich kann ihm nicht mehr böse sein. Ich bin ihm sehr ähnlich, besonders was sein Misstrauen in andere Menschen angeht. Ich sage nicht dass es richtig ist, niemandem zu vertrauen. Was ich sage ist: Jede Enttäuschung und jede Verletzung, jedes verlassen-Werden und jeder Vertrauensbruch macht etwas mit dir: mit jedem Mal wirst du ein kleines bisschen misstrauischer.

Naja. Ich zumindest.

Monsters don´t sleep under your bed. They sleep inside your head.

Ich habs getan.

Bei meinem vorletzten Termin hat mein Facharzt mir drei Rezepte ausgestellt. Kein klassisches MPH-Präparat, sondern ein AD[H]S-Medikament welches auch ein leichtes Antidepressivum enthält, weiters ein Medikament welches sich auf den Noradrenalin- und Dopaminhaushalt auswirkt. Und weil bei der Blutuntersuchung ein Zinkmangel festgestellt wurde hat er mir außerdem ein Zinkpräparat aufgeschrieben.

Diese Rezepte habe ich einige Tage in meinem Geldbeutel mit mir herumgetragen, bis ich mich dazu durchringen konnte, sie in der Apotheke abzugeben.
Warum? Weil ich Angst hatte. Angst davor, was diese Tabletten aus mir, aus meiner Persönlichkeit womöglich machen würden.

Aber was mache ich wenn ich vor etwas Angst habe? Wer mich ein bisschen kennt weiß: Immer Vollgas voraus. Also nahm ich all meinen Mut zusammen, schob die Angst beiseite und begann mit der Einnahme.

Anfangs bekam ich davon Magenschmerzen und leichte Übelkeit, woraufhin der Arzt mir noch Omeprazol verschrieb, wegen der leichten chronischen Gastritis.

Bis auf ein Kribbeln auf der Haut, leichten Schwindel und die oben beschriebenen Magenprobleme merkte ich zunächst keine Veränderung.

Vielleicht sollte ich noch um eine Info ergänzen: Das AD[H]S-Medikament wird zu Beginn der Einnahme ganz schwach dosiert und die Dosis wird wöchentlich gesteigert bis man schließlich bei der optimalen Dosierung angelangt ist.

Der selektive Noradrenalin-/ Dopaminwiederaufnahmehemmer dagegen wird von Anfang an in seiner vollen Dosierung eingenommen.

Das erste was sich danach bemerkbar machte, also so richtig deutlich bemerkbar, war die Appetitlosigkeit und die Tatsache, dass ich – selbst wenn ich mich zwang – kaum einen Bissen runterbekam. Sowas gibts bei mir normalerweise nicht.
Kurz danach erlebte ich ein interessantes Phänomen, ich weiß nicht ob das von euch jemand schon mal an sich selbst beobachtet hat: Wenn ich mit einer oder mehreren Personen interagiere und es entsteht eine Situation, welche mich aufwühlt oder emotional aus dem Konzept bringt, dann kann ich förmlich spüren wie sich mir die Nackenhaare aufstellen.
Das fühlt sich an wie Gänsehaut, nur eben dass sie auf einen kleinen Bereich des Körpers reduziert ist.
Ich kannte das schon länger von mir, nur seit ich die Medis nehme spüre ich es intensiver und ohne den inneren Druck bzw. ohne das Aufflammen dieses verdammten Zorns, was normalerweise direkt Hand-in-Hand mit dem Aufstellen der Nackenhaare geht.

So ab Woche drei wurde es richtig interessant. Die Dosierung des AD[H]S-Medikaments war bereits zwei Mal erhöht worden als ich eines schönen Tages, ich glaube es war Sonntag, in der Badewanne lag und eine zunächst verstörende Beobachtung machte:

Der Druck. Er war weg. Dieser verdammte innere Druck den zu kontrollieren ich eigentlich ununterbrochen bemüht war, er war verschwunden.

Plötzlich fühlte ich mich leer. Und schrecklich hilflos – wehrlos – schutzlos.

Es fühlte sich an als fehlte ein Teil von mir. Mein Zorn, meine Wut, mein gehassliebter böser Zwilling. Mein Beschützer.

Ich weiß es liest sich seltsam, doch aus meiner größten Schwäche zog ich lange Zeit auch unheimlich viel Kraft. Zorn und Trotz waren mein Antrieb.

Na wartet, euch zeig ichs.

Ich hatte keine Angst. Oder besser gesagt: Ich spürte keine Angst. Denn wann immer mich etwas ängstigte, begann mein Nacken zu kribbeln und… nein, ich verwandelte mich nicht in eine zweieinhalb Meter große wolfsähnliche Kreatur. Aber ich ging automatisch zum Angriff über. Verbal versteht sich.

Das erste Mal war das Schwierigste. Es lief bei mir nach dem klassischen Muster ab: du bekommst so lang einfach nur immer wieder auf die Fresse bis du entweder völlig kapitulierst oder anfängst, dich zu wehren. Lange Zeit versuchte ich, meine Peiniger zu ignorieren. Doch was solche Typen wollen ist eine Reaktion, und sie hören nicht auf bis sie bekommen was sie wollen. Nicht dass sie dann aufhören würden, nur dass sie dann eben wissen, wo sie dich treffen können; Im Prinzip kannst du es eh nur falsch machen.

Als ich begann mich zur Wehr zu setzen muss der Erfolg so einprägsam gewesen sein dass ich daran arbeitete, diese Art der Reaktion zu verinnerlichen.

Das Ergebnis…

Nunja. Das Ergebnis kämpft gerade darum, destruktive Verhaltensweisen abzulegen.

Um den eigentlichen Faden wieder aufzunehmen: Mich beschäftigte und belastete dieses Gefühl der inneren Leere so massiv, dass ich meinen Lieblingsmenschen zu mir rief und ihn um Rat fragte. Und so sehr ich ihn regelmäßig für seine Neutralität und Distanziertheit verfluche, mindestens ebenso schätze ich seine Beobachtungsgabe, seine Fähigkeit mir immer noch einen neuen Blickwinkel auf eine Situation zu ermöglichen.

Was daran so schlimm sei, dass der innere Druck weg ist. Immerhin führe er lediglich immer wieder zu Kontrollverlust. Soweit richtig, aber nur im Zorn brachte ich es über mich, gegen andere Menschen wenn sie mir Unrecht taten das Wort zu erheben, anstatt immer nur alles zu schlucken und in mich hineinzufressen. Daher das Gefühl der Hilflosigkeit.

Die berühmten zwei Seiten einer Medaille.

Am nächsten Tag machte ich eine weitere hochinteressante Entdeckung: Mir wurde klar, wieviel Arbeitsspeicher und Energie ich tag-täglich nur dafür benötigte, um den inneren Druckkessel auch nur halbwegs unter Kontrolle zu behalten. Was dennoch nur allzu oft misslang.

Dass meine innere Aggression ein Problem ist wusste ich schon länger. Mein Hauptproblem jedoch ist nicht die Aggression an sich sondern die Reizüberflutung die mich regelmäßig nahezu in den Wahnsinn treibt. Ins Kaufland und danach noch irgendetwas Produktives machen? Vergiss es. Auf einen Laternenumzug mit den Kindern ohne ständig entweder Fluchtinstinkt oder Aggression niederringen zu müssen? Unmöglich. Mehr als zwei Geräuschquellen gleichzeitig in Hörweite und sich dann noch auf etwas konzentrieren? Keine Chance.

Mit den Medis ist auch die gefühlte permanente Überreizung um ein ganzes Stück besser geworden. Und selbst wenn ich mich in einer Situation überreizt fühle, dann nehme ich es rechtzeitig wahr um besagte Situation verlassen zu können, bevor es eskaliert. Solche Feinheiten konnte ich früher nicht rechtzeitig erspüren, ich hab es immer erst dann gemerkt, wenn es eigentlich schon zu spät war, sprich: Ich ein kritisches Level der Überreizung erreicht hatte.

Wenn man so möchte ist meine Selbstwahrnehmung dadurch um einiges besser geworden.

Mein bisheriges Fazit was die Medikamente angeht: Ich bin froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe.

Wie es jetzt weitergeht: Was die Depression angeht will der Facharzt noch herausfinden, ob ich hier ebenfalls genetisch belastet bin oder ob es eine Begleiterkrankung der unbehandelten AD[H]S ist.

Allgemein fühle ich mich besser, entspannter, konzentrierter und sortierter. Das einzige Problem ist mein Magen, bleibt zu hoffen dass er sich wieder einkriegt.

Lufthaken

[Das ist jetzt mal nicht mir selbst passiert. Aber ich hätt mich schier bepisst vor Lachen als ers mir erzählt hat.]

Kerl steht mit Kollege an seiner Fräsmaschine. Kühlwasser wurde gerade frisch gewechselt. Maschine muss laufen damit das Wasser durch den Kühlkreislauf laufen kann. Lehrling betritt die Szene. Beäugt die [leer] laufende Maschine.

Lehrling: „Was machsch´n da?“

Kerl, trocken: „Ich fräs da grad nen Siemens Lufthaken.“

Lehrling blickt hilfesuchend zum Kollegen. Der verzieht keine Mine.

„Und was macht man mit dem?“

„Da hängt man Kilowatt dran auf.“

„Samma, verarschst du mich grad?“

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Versagerin[?]

Jetzt, wo sich das Schuljahr dem Ende zuneigt fühle ich mich, als hätte ich auf ganzer Linie versagt.

Nicht was den Sohn angeht. Er macht super Fortschritte und darf künftig mehrere Stunden pro Woche in die Außenklasse [sprich: Integrationsklasse] seiner E-Schule sitzen. Bei ihm läuft es – natürlich immer mit kleinen Rückschlägen, aber insgesamt ist der Fortschritt deutlich sichtbar – besser als ich es jemals zu träumen wagte.

Das mit der Außenklasse bedeutet soviel wie eine Rückschulung zum Anfang des vierten Schuljahres rückt in greifbare Nähe.

Ich selbst habe es auch endlich geschafft, über meinen Schatten zu springen, einen Facharzt für ADHS bei Erwachsenen aufzusuchen um die beiden unabhängig voneinander ausgesprochenen Verdachtsdiagnosen bestätigen zu lassen.

Versagt habe ich dieses Jahr bei der Tochter.

Das klingt jetzt so hoffnungslos. Vielleicht liest sich das negativer als ich es eigentlich meine. Sie ist erst sieben und wir können – und werden – definitiv gegensteuern. Ich habe Hoffnung, dass wir es wieder hinbiegen können.

Gestern als ich sie von der Schule abholte, da erzählte sie von ihrem Tag. Dass es eigentlich ganz gut gewesen sei, aber im Sportunterricht dann, da hätten die anderen Kinder sie geärgert und ihr gesagt, sie habe keine Freunde. Ein Trigger.

Sofort war ich selbst wieder Kind.

Zuerst nur die Außenseiterin. Später, in der Realschule, das Opfer.

Mein Magen zog sich zusammen und meine Kehle war wie zugeschnürt.

Ich konnte nicht reagieren, nichts sagen, nur fühlen. Nur noch Angst.

Wie damals.

Natürlich bin ich jetzt erwachsen. Und natürlich weiß ich, dass solche Hänseleien zwischen Kindern ein Stück weit normal sind. Doch ich weiß dass meine Tochter es eben nicht ist.

Sie kann ein ziemlicher Haudrauf sein, besonders wenn sie den Input Overload hat und nicht aus der Situation rauskann. Dann wird sie echt so richtig anstrengend. Doch das täuscht. Dummerweise täuscht es darüber hinweg, wie sensibel und nachdenklich sie eigentlich ist. Sie macht sich unglaublich viele Gedanken über tausend Dinge. Dinge, die zu begreifen – zu verkraften – sie manchmal einfach noch zu jung ist.

Mein Lieblingsmensch hat mal zu mir gesagt, dass die Tochter mir häufig den Spiegel vorhält. Ich bin damals nicht so hundertprozentig dahintergestiegen, wie er das gemeint hat. Dass wir uns so sehr ähneln.

Äußerlich überhaupt nicht. Sie sieht aus wie ihre Tante aussah, als sie in ihrem Alter war. Nur die Augenfarbe, die hat sie von mir.
Aber vom Gemüt und vom alles-zerdenken-Müssen sind wir uns so ähnlich dass es mich regelmäßig an meine Grenzen bringt.
Wir haben sogar am selben Tag Geburtstag. Ich bin auf den Tag genau 29 Jahre älter als sie.

Ich dachte, sie packt das schon. Hoffte es.

Ich lag falsch. Sie packt es nicht. Nicht so. Nicht ohne unsere Hilfe.

Vor zwei Wochen hab ich sie bei der Hortbetreuung abgemeldet, weil es stellenweise täglich Ärger gab wegen irgendwelchen Nichtigkeiten.

Nichtigkeiten die eigentlich keine sind. Es sind ernste Probleme eines Kindes.

Die Tochter ist ein kluges, aufgewecktes, freundliches und hilfsbereites Kind.
Aber sie hat die klassischen ADHS-Baustellen. Probleme im sozialen Miteinander, Regeln gelten nur für die anderen und – meines Erachtens das Hauptproblem – ihre Reizoffenheit. Die regelmäßig das Kind an seine Grenzen bringt. Und dann sein Umfeld. Eltern, Lehrer, Hortbetreuer, Mitschüler.

Unter der ADHS leiden alle. Aber das betroffene Kind leidet am meisten. Immer.