Ein Rant. Oder: Wie sieht so ein ADHS-Kind eigentlich aus?

Bzw. woran erkennt man es? Oder woran glauben Außenstehende immer wieder, ein betroffenes oder nicht-betroffenes Kind erkennen zu können? Oder, noch besser, warum glauben immer wieder Menschen, die meine Beiden zu Gesicht bekommen, dass sie auf den ersten Blick oder nach ein paar Stunden Beobachtung beurteilen können, an den Beiden sei doch „alles ganz normal“?

Well…

So ein ADHS-Kind kann sich je nach Schwere der Störung zeitweise durchaus „ganz normal“ verhalten; besonders wenn es rund-um-die-Uhr beschäftigt wird. Wenn Jemand die Zeit, die Energie und auch die Kapazitäten hat, dies auf Dauer zu tun.

Wie es zB immer wieder bei den Grillenings der Fall ist. Irgendjemand findet sich eigentlich immer, irgendein Opfer das es nicht schafft „nein“ zu sagen, und schwups sind zwei Kinder rundum zufrieden.

Ist ja schön und gut. Meine Kinder machen also einen total normalen Eindruck, wenn sie mit sich und der Welt zufrieden sind weil sie jede Menge Abwechslung, Ansprache und Aufmerksamkeit bekommen. Das ist wirklich eine sehr scharfsinnige Beobachtung.

Also wenn jemand zu mir sagt, meine Kinder sähen doch ganz normal aus, oder sie benähmen sich doch ganz normal, dann reagiere ich normalerweise in etwa so, zumindest äußerlich:
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Was dagegen in mir vorgeht… Ich weiß dann nie, was ich sagen soll. Soll ich sagen „hey, cool, jetzt wo du´s sagst, ich wusste doch dass die vielen Ärzte und Psychologen allesamt Scharlatane sind“? Ist jetzt so ziemlich die einzige Antwort, die mir dazu noch einfällt. „Dann kann ich ihn ja jetzt in einer Regelschule anmelden, vielleicht kriegt er den Behinderten-Stempel ja wieder los, nech?“

Oder noch besser: Man lernt sich gerade erst kennen und das Erste was man zu hören bekommt ist „hey, ich find ja dass Kinder keine Medikamente nehmen sollten“ und „du weißt schon dass du deinem Sohn harte Drogen gibst, oder?“

Well…

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Und was passiert nun wenn – was viel häufiger vorkommmt – dies einmal nicht der Fall ist? Weil – stellt euch vor, ganz besonders die „Du gibst deinen Kindern harte Drogen“ Fraktion, jetzt stellt euch mal vor, Eltern haben auch noch so ein, zwei andere klitzekleine Kleinigkeiten um die sie sich kümmern müssen, OBWOHL oder auch gerade WEIL sie Kinder haben und Kinder halt nunmal mehr brauchen als Luft und gaaaaaanz viel Liebe. Und Aufmerksamkeit. Gaaaaaanz superwichtig, Aufmerksamkeit.
Solche Kleinigkeiten die absolut unwichtig sind, das könnte beispielsweise eine Berufstätigkeit sein [jaja ich weiß, wird völlig überbewertet] oder auch sowas wie eine saubere Wohnung, jeden Tag was Sauberes zum Anziehen [hoppla, jetzt wirds  dekadent hier] UND dann wollen die Bälger ja auch noch hin und wieder was essen und das muss man erst kaufen und schließlich muss man es auch noch zubereiten. Puh, ganz  schön viel was?

Also, was könnte in einem solchen Fall passieren? Wir stellen uns vor, da ist ein Kind das ein Problem mit seiner Frustrationstoleranz hat, und außerdem funktioniert dessen Impulskontrolle auch nicht so gut, naja, eigentlich gar nicht. Das heißt, das Kind ist schnell frustriert und obendrein handelt es BEVOR es nachdenkt. Das Elternteil ist [im Idealfall zumindest] gerade zuhause, das Kind will Irgendwas, Elternteil sagt nein oder hat einfach gerade keine Zeit sich drölfzigmal jeden einzelnen Fortschritt beim aktuellen Legomodell anzusehen. Kind wird also abgewimmelt oder auf später vertröstet und das kann [je nachdem, wie der bisherige Tag des Kindes oder – besser – der KindER so verlaufen ist, bereits der Funke sein der das Fass [hier: das Kind] zum Explodieren bringt. Das Kind explodiert also und fängt an zu bocken und dem Elternteil Vorwürfe zu machen [„Du bist blöd, nie hast du Zeit, immer hast du was anderes zu tun, nie spielst du mit mir“ etc pp] es trampelt lautstark schimpfend zurück ins Zimmer, schlägt die Tür hinter sich zu und fängt an, sich selbst zu schlagen/Gegenstände durchs Zimmer zu werfen/Herumzubrüllen/anderweitig zu toben und herumzulärmen. Früher oder später MUSS das Elternteil reagieren, schlicht um zu  verhindern dass das Kind sich selbst verletzt.
À propos selbst verletzt: Wusstet ihr eigentlich dass ADHS-Kinder sich überdurchschnittlich oft verletzen? Der Grund ist schlicht und ergreifend ihre mangelnde Aufmerksamkeit. Sie laufen vor Autos, stürzen mit Fahrrad/Skateboard/Inlinern weil sie entweder schusselig sind oder sich an unverhältnismäßig waghalsigen Manövern versuchen. Das geht mit der Volljährigkeit bzw. mit Erlangen der Fahrerlaubnis direkt weiter. Sie verunglücken häufiger als neurotypische junge Erwachsene mit dem Auto oder Motorrad. Sie unterliegen einer erhöhten Gefahr, später einmal drogensüchtig zu werden, aber das liegt nicht an den Medikamenten [die ein Großteil von ihnen sowieso nie eingenommen hat, weil oft nichtmal eine Diagnostik durchgeführt wurde. Ihr wisst schon, „das wächst sich aus, der ist halt ein bisschen zappelig“] Es liegt vielmehr am veränderten Hirnstoffwechsel und dem dringenden Bedürfnis nach „dem Kick“. ADHS-Betroffene sind Adrenalinjunkies. Sie sind ständig auf der Jagd nach dem größeren, besseren, intensiveren Erlebnis, und deshalb sind sie so anfällig für gefährliche Situationen, Alkohol und Drogen.

Zurück zu den allseits beliebten Alltagssituationen, das Kind hat gerade Besuch eines anderen befreundeten Kindes [was ohnehin bei diesen Kindern selten genug der Fall ist] und es wird langsam Zeit, die Sachen zu packen weil die Mutter des Kindes ist da, um es abzuholen. Beide Kinder wollen aber noch weiterspielen, also fängt das eine an zu bocken, es sagt „ich geh aber nicht mit, ich bleib jetzt hier, genau hier auf die Treppe setz ich mich hin und da bleib ich dann bis du wieder gehst“ und das andere Kind fängt an zu heulen weil, naja, weil halt.

Wieder andere Situation, du sagst dem Kind etwas, und es kann sich das Gesagte nicht merken. Du sagst es wieder, und wieder vergisst das Kind, was du gesagt hast. Wohlgemerkt, es ist wirklich völlig egal worum es sich handelt, es ist einfach für das Hirn bzw. dessen Belohnungszentrum nicht interessant bzw. nicht vielversprechend genug und wird deshalb ausgeblendet. Irgendwann bist du selbst nur noch genervt von der Vergesslichkeit deines Kindes und wirst pampig, maulst dein Kind an, das Kind wiederum hat keine Ahnung, was es nun schon wieder angestellt hat und fühlt sich [zu Recht oder zu Unrecht darüber lässt sich streiten] ungerecht behandelt.

Alltagssituation drölftriepzehn „Nein Kind, es gibt nichts Süßes vor dem Abendessen“, „Nein Kind, die Hausaufgaben werden jetzt fertig gemacht“ oder auch „nein, du kannst nicht heute auf der Stelle bei deinem Freund übernachten“, „wie kannst du Hunger haben, wir haben doch vor einer Stunde erst gegessen?“ oder wie wäre es mit „Doch, die Zähne werden geputzt, gerade eben beim Spielen warst du auch nicht zu müde“, „Das Zimmer wird aufgeräumt bevor du an Tablet/Handy/Computer/Playstation darfst“, „Hör auf zu zappeln“ oder „warum musst du immer dann anfangen zu sprechen, wenn du dir gerade eine Gabel voll Essen in den Mund gestopft hast?“ und „kannst du bitte die Serviette benutzen anstatt Ärmel/Kragen/Handfläche?“

Und das wirklich jedes-verdammte-Mal.

Wir sind alle nur Menschen. Die Kinder genauso wie wir Eltern. Jeder von uns trägt seine eigene Besonderheit und seine eigenen Dämonen mit sich herum.

Wir geben uns größte Mühe. Wir alle. Und auch auf die Gefahr hin, mich jetzt zu wiederholen: Ich möchte, dass meine Kinder körperlich und psychisch gesund groß werden. Ich weiß, ich kann sie nicht vor der Welt da draußen beschützen. Ich kann nur versuchen, sie so gut es geht darauf vorzubereiten.

Meinem Sohn merkt man also nicht auf den ersten Blick an, dass er ADHS hat? Er kann sich soweit einfügen dass man ihn zumindest zeitweise für ein normales Kind hält? Gut so. Dann sind wir auf dem richtigen Weg. Denn das war – und ist auch heute noch – nicht immer der Fall.

Und was die Tochter angeht: Ein Großteil der ADS-betroffenen Mädchen fliegt unterm Radar. Oder was glaubt ihr, warum offiziell so viel mehr Jungs als Mädchen diagnostiziert [und was noch schlimmer ist: warum nur ein Bruchteil der Mädchen behandelt] werden? Weil Mädchen sehr oft die hypoaktive Variante zeigen. Sie sind eher still und introvertiert und bei Weitem nicht so auffällig wie die meisten ADHS-betroffenen Jungs.
Die Tochter ist zwar oft nachdenklich, aber sie kann auch ein echter Wildfang sein. Und ganz nebenbei bemerkt: Mein ADHS-Facharzt meinte einmal zu mir, das war an einem unserer ersten Termine, er wundere sich warum ich jetzt schon [soll heißen, in so jungen Jahren schon] bei ihm sitze; normalerweise würden sich Frauen erst ab der Menopause bei ihm melden, weil erst ab diesem Zeitpunkt der hormonellen Umstellung bei Frauen die wirklichen Probleme begännen.

Tja, bei mir hats halt etwas früher angefangen. Stress, Burn Out, der Tod meines Vaters, meine eigene innere Aggression, das alles waren Faktoren die meine Situation zur Eskalation brachten. Tja. Dumm gelaufen.

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Ein Gedanke zu “Ein Rant. Oder: Wie sieht so ein ADHS-Kind eigentlich aus?

  1. Mir gefällt auch:
    -Du brauchst sicher keine Medikamente! (Nächstes Mal Facebook-Umfrage anstatt Diagnostik)
    -Das Medikament wirkt nur auf seine Motorik. Mit der Aufmerksamkeit hat er kein Problem…
    (Aha! Wäre das nicht bei Valium so…?)
    -Alle Kinder sind mal anstrengend flippen aus.
    (Genau. Mal. Ab und zu.)
    🙄

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