Archiv für den Monat August 2016

Ein Rant. Oder: Wie sieht so ein ADHS-Kind eigentlich aus?

Bzw. woran erkennt man es? Oder woran glauben Außenstehende immer wieder, ein betroffenes oder nicht-betroffenes Kind erkennen zu können? Oder, noch besser, warum glauben immer wieder Menschen, die meine Beiden zu Gesicht bekommen, dass sie auf den ersten Blick oder nach ein paar Stunden Beobachtung beurteilen können, an den Beiden sei doch „alles ganz normal“?

Well…

So ein ADHS-Kind kann sich je nach Schwere der Störung zeitweise durchaus „ganz normal“ verhalten; besonders wenn es rund-um-die-Uhr beschäftigt wird. Wenn Jemand die Zeit, die Energie und auch die Kapazitäten hat, dies auf Dauer zu tun.

Wie es zB immer wieder bei den Grillenings der Fall ist. Irgendjemand findet sich eigentlich immer, irgendein Opfer das es nicht schafft „nein“ zu sagen, und schwups sind zwei Kinder rundum zufrieden.

Ist ja schön und gut. Meine Kinder machen also einen total normalen Eindruck, wenn sie mit sich und der Welt zufrieden sind weil sie jede Menge Abwechslung, Ansprache und Aufmerksamkeit bekommen. Das ist wirklich eine sehr scharfsinnige Beobachtung.

Also wenn jemand zu mir sagt, meine Kinder sähen doch ganz normal aus, oder sie benähmen sich doch ganz normal, dann reagiere ich normalerweise in etwa so, zumindest äußerlich:
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Was dagegen in mir vorgeht… Ich weiß dann nie, was ich sagen soll. Soll ich sagen „hey, cool, jetzt wo du´s sagst, ich wusste doch dass die vielen Ärzte und Psychologen allesamt Scharlatane sind“? Ist jetzt so ziemlich die einzige Antwort, die mir dazu noch einfällt. „Dann kann ich ihn ja jetzt in einer Regelschule anmelden, vielleicht kriegt er den Behinderten-Stempel ja wieder los, nech?“

Oder noch besser: Man lernt sich gerade erst kennen und das Erste was man zu hören bekommt ist „hey, ich find ja dass Kinder keine Medikamente nehmen sollten“ und „du weißt schon dass du deinem Sohn harte Drogen gibst, oder?“

Well…

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Und was passiert nun wenn – was viel häufiger vorkommmt – dies einmal nicht der Fall ist? Weil – stellt euch vor, ganz besonders die „Du gibst deinen Kindern harte Drogen“ Fraktion, jetzt stellt euch mal vor, Eltern haben auch noch so ein, zwei andere klitzekleine Kleinigkeiten um die sie sich kümmern müssen, OBWOHL oder auch gerade WEIL sie Kinder haben und Kinder halt nunmal mehr brauchen als Luft und gaaaaaanz viel Liebe. Und Aufmerksamkeit. Gaaaaaanz superwichtig, Aufmerksamkeit.
Solche Kleinigkeiten die absolut unwichtig sind, das könnte beispielsweise eine Berufstätigkeit sein [jaja ich weiß, wird völlig überbewertet] oder auch sowas wie eine saubere Wohnung, jeden Tag was Sauberes zum Anziehen [hoppla, jetzt wirds  dekadent hier] UND dann wollen die Bälger ja auch noch hin und wieder was essen und das muss man erst kaufen und schließlich muss man es auch noch zubereiten. Puh, ganz  schön viel was?

Also, was könnte in einem solchen Fall passieren? Wir stellen uns vor, da ist ein Kind das ein Problem mit seiner Frustrationstoleranz hat, und außerdem funktioniert dessen Impulskontrolle auch nicht so gut, naja, eigentlich gar nicht. Das heißt, das Kind ist schnell frustriert und obendrein handelt es BEVOR es nachdenkt. Das Elternteil ist [im Idealfall zumindest] gerade zuhause, das Kind will Irgendwas, Elternteil sagt nein oder hat einfach gerade keine Zeit sich drölfzigmal jeden einzelnen Fortschritt beim aktuellen Legomodell anzusehen. Kind wird also abgewimmelt oder auf später vertröstet und das kann [je nachdem, wie der bisherige Tag des Kindes oder – besser – der KindER so verlaufen ist, bereits der Funke sein der das Fass [hier: das Kind] zum Explodieren bringt. Das Kind explodiert also und fängt an zu bocken und dem Elternteil Vorwürfe zu machen [„Du bist blöd, nie hast du Zeit, immer hast du was anderes zu tun, nie spielst du mit mir“ etc pp] es trampelt lautstark schimpfend zurück ins Zimmer, schlägt die Tür hinter sich zu und fängt an, sich selbst zu schlagen/Gegenstände durchs Zimmer zu werfen/Herumzubrüllen/anderweitig zu toben und herumzulärmen. Früher oder später MUSS das Elternteil reagieren, schlicht um zu  verhindern dass das Kind sich selbst verletzt.
À propos selbst verletzt: Wusstet ihr eigentlich dass ADHS-Kinder sich überdurchschnittlich oft verletzen? Der Grund ist schlicht und ergreifend ihre mangelnde Aufmerksamkeit. Sie laufen vor Autos, stürzen mit Fahrrad/Skateboard/Inlinern weil sie entweder schusselig sind oder sich an unverhältnismäßig waghalsigen Manövern versuchen. Das geht mit der Volljährigkeit bzw. mit Erlangen der Fahrerlaubnis direkt weiter. Sie verunglücken häufiger als neurotypische junge Erwachsene mit dem Auto oder Motorrad. Sie unterliegen einer erhöhten Gefahr, später einmal drogensüchtig zu werden, aber das liegt nicht an den Medikamenten [die ein Großteil von ihnen sowieso nie eingenommen hat, weil oft nichtmal eine Diagnostik durchgeführt wurde. Ihr wisst schon, „das wächst sich aus, der ist halt ein bisschen zappelig“] Es liegt vielmehr am veränderten Hirnstoffwechsel und dem dringenden Bedürfnis nach „dem Kick“. ADHS-Betroffene sind Adrenalinjunkies. Sie sind ständig auf der Jagd nach dem größeren, besseren, intensiveren Erlebnis, und deshalb sind sie so anfällig für gefährliche Situationen, Alkohol und Drogen.

Zurück zu den allseits beliebten Alltagssituationen, das Kind hat gerade Besuch eines anderen befreundeten Kindes [was ohnehin bei diesen Kindern selten genug der Fall ist] und es wird langsam Zeit, die Sachen zu packen weil die Mutter des Kindes ist da, um es abzuholen. Beide Kinder wollen aber noch weiterspielen, also fängt das eine an zu bocken, es sagt „ich geh aber nicht mit, ich bleib jetzt hier, genau hier auf die Treppe setz ich mich hin und da bleib ich dann bis du wieder gehst“ und das andere Kind fängt an zu heulen weil, naja, weil halt.

Wieder andere Situation, du sagst dem Kind etwas, und es kann sich das Gesagte nicht merken. Du sagst es wieder, und wieder vergisst das Kind, was du gesagt hast. Wohlgemerkt, es ist wirklich völlig egal worum es sich handelt, es ist einfach für das Hirn bzw. dessen Belohnungszentrum nicht interessant bzw. nicht vielversprechend genug und wird deshalb ausgeblendet. Irgendwann bist du selbst nur noch genervt von der Vergesslichkeit deines Kindes und wirst pampig, maulst dein Kind an, das Kind wiederum hat keine Ahnung, was es nun schon wieder angestellt hat und fühlt sich [zu Recht oder zu Unrecht darüber lässt sich streiten] ungerecht behandelt.

Alltagssituation drölftriepzehn „Nein Kind, es gibt nichts Süßes vor dem Abendessen“, „Nein Kind, die Hausaufgaben werden jetzt fertig gemacht“ oder auch „nein, du kannst nicht heute auf der Stelle bei deinem Freund übernachten“, „wie kannst du Hunger haben, wir haben doch vor einer Stunde erst gegessen?“ oder wie wäre es mit „Doch, die Zähne werden geputzt, gerade eben beim Spielen warst du auch nicht zu müde“, „Das Zimmer wird aufgeräumt bevor du an Tablet/Handy/Computer/Playstation darfst“, „Hör auf zu zappeln“ oder „warum musst du immer dann anfangen zu sprechen, wenn du dir gerade eine Gabel voll Essen in den Mund gestopft hast?“ und „kannst du bitte die Serviette benutzen anstatt Ärmel/Kragen/Handfläche?“

Und das wirklich jedes-verdammte-Mal.

Wir sind alle nur Menschen. Die Kinder genauso wie wir Eltern. Jeder von uns trägt seine eigene Besonderheit und seine eigenen Dämonen mit sich herum.

Wir geben uns größte Mühe. Wir alle. Und auch auf die Gefahr hin, mich jetzt zu wiederholen: Ich möchte, dass meine Kinder körperlich und psychisch gesund groß werden. Ich weiß, ich kann sie nicht vor der Welt da draußen beschützen. Ich kann nur versuchen, sie so gut es geht darauf vorzubereiten.

Meinem Sohn merkt man also nicht auf den ersten Blick an, dass er ADHS hat? Er kann sich soweit einfügen dass man ihn zumindest zeitweise für ein normales Kind hält? Gut so. Dann sind wir auf dem richtigen Weg. Denn das war – und ist auch heute noch – nicht immer der Fall.

Und was die Tochter angeht: Ein Großteil der ADS-betroffenen Mädchen fliegt unterm Radar. Oder was glaubt ihr, warum offiziell so viel mehr Jungs als Mädchen diagnostiziert [und was noch schlimmer ist: warum nur ein Bruchteil der Mädchen behandelt] werden? Weil Mädchen sehr oft die hypoaktive Variante zeigen. Sie sind eher still und introvertiert und bei Weitem nicht so auffällig wie die meisten ADHS-betroffenen Jungs.
Die Tochter ist zwar oft nachdenklich, aber sie kann auch ein echter Wildfang sein. Und ganz nebenbei bemerkt: Mein ADHS-Facharzt meinte einmal zu mir, das war an einem unserer ersten Termine, er wundere sich warum ich jetzt schon [soll heißen, in so jungen Jahren schon] bei ihm sitze; normalerweise würden sich Frauen erst ab der Menopause bei ihm melden, weil erst ab diesem Zeitpunkt der hormonellen Umstellung bei Frauen die wirklichen Probleme begännen.

Tja, bei mir hats halt etwas früher angefangen. Stress, Burn Out, der Tod meines Vaters, meine eigene innere Aggression, das alles waren Faktoren die meine Situation zur Eskalation brachten. Tja. Dumm gelaufen.

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Schuljahr geschafft die Zweite

Wie angekündigt nun die aktuellsten Entwicklungen zum Sohnemann.

Vor einigen Wochen hatte er nämlich noch einen Termin in der Klinik für Kinderneurologie und Sozialpädiatrie, übrigens beim selben Arzt wie meine Tochter, als ich mit ihr dort vorstellig wurde.
Auch wenn ich mich damals von jenem Arzt nicht sonderlich ernst genommen fühlte, so nahm ich mir seinen Rat dennoch zu Herzen und versuchte zu ändern, was im Rahmen meiner Möglichkeiten lag. Eine Privatschule gehörte bis dato leider nicht dazu, doch wer weiß, vielleicht kriegen wir das ja auch noch hin.
Immerhin trugen die bisher durchgeführten Veränderungen bereits Früchte und schon allein deshalb bin ich mir sicher, dass wir mit ihr auf einem guten Weg sind. Doch zurück zum Sohnemann.

Zuerst einmal war der Sohnemann beim Gespräch mit besagtem Arzt nicht wirklich zugänglich. Er zappelte unablässig, sah den Arzt kaum einmal an und war nicht fähig, auch nur eine der gestellten Fragen sinnvoll und zusammenhängend zu beantworten. Er war einsilbig und stellenweise fast völlig geistesabwesend.
Der Arzt stellte ihm verschiedene Fragen über Schule, Familie, Wohnsituation, Freunde und Hobbies bzw. Interessen. Ihm wurde schnell klar, dass der Sohn tatsächlich einige größere Baustellen hat, woraufhin er ihn bat, einige Sätze auf einem Blatt Papier zu vervollständigen, und ihn hierfür nach draußen schickte.

Als der Sohn draußen war fragte mich der Arzt, ob eigentlich von einem der bisherigen Ärzte jemals der Verdacht auf Asperger-Syndrom ausgesprochen worden war. Ich verneinte, gab allerdings zu Bedenken dass die Lehrkräfte vom Sohn angeregt hätten, diesem Verdacht nachzugehen, da er doch einige der typischen Anzeichen wie bspw. mangelnde Flexibilität bzw. das Beharren auf fest durchstrukturierte Abläufe, ausgeprägte Spezialinteressen sowie motorische und soziale Eigenheiten aufweist.

Also gab er mir zwei Fragebögen für die Diagnostik meines Sohnes mit, einen werde ich wohl gemeisam mit meinem Partner ausfüllen, den anderen gebe ich entweder dem leiblichen Vater oder Sohnemanns Lehrkräften zum Ausfüllen mit.

So viel zum Thema Kinderzentrum, nun will ich noch kurz auf Sohnemanns schulische Leistungen und seine sonstige Entwicklung eingehen.

Wieder einmal hat er ein sehr gutes Zeugnis mit nach Hause gebracht, und wieder einmal hat er eine Eins in Mathe, in Deutsch eine Zwei und sogar sein Schriftbild sowie sein Verhalten während des Unterrichts haben sich während des vergangenen Schuljahres verbessert. Dennoch ist er von einer Rückschulung noch weit entfernt. Falls er überhaupt jemals so weit sein sollte, eine Regelschule zu besuchen.

Gegen Ende des Schuljahres gab es einen Wechsel beim Taxiunternehmen; Sohnemann hat nun einen anderen Fahrer. Soweit alles im Rahmen des Erträglichen, es gibt allerdings drei andere Jungs, die den Sohnemann regelmäßig triezen und ihn regelrecht mobben. Es fing an mit systematischem Heischen nach Sohnemanns Aufmerksamkeit und ging bis zu Verhohnepiepeln seines bzw. unseres Nachnamens [welcher sich hierfür leider ausgezeichnet eignet -.-*]. Diese Sache mit dem Nachnamen ist für mich unglaublich triggernd, da ich selbst exakt dieselbe Sch***e auch während meiner gesamten Schulzeit mitmachen durfte.

Das Mobbing ging so weit, dass Sohni eines Abends am Esstisch saß und meinte, er wolle nie wieder ins Taxi steigen und ob ich ihn in die Schule fahren und auch wieder von dort abholen könne.  Natürlich hakten wir nach und so erfuhren wir, dass Sohni in der Schule von einem Rädelsführer und zwei Mitläuferm regelmäßig gemobbt wurde, woraufhin ich am folgenden Tag in der Schule stand und die Leiterin für Jugendhilfe um ein Gespräch bat.

Ich erklärte ihr die vom Sohn geschilderten Ereignisse woraufhin sie zusagte, den besagten Jungen sowie dessen Eltern ebenfalls zum Gespräch zu bitten.

Nun sind endlich Ferien und einen Lichtblick gibt es für das kommende Schuljahr: Zumindest der Rädelsführer wechselt die Schule und ich vermute und hoffe, dass sich das Mobbingproblem hiermit für uns erledigt haben dürfte.

Zuhause ist alles mehr oder weniger beim Alten; Sohnemann und Tochter sind wie typische Geschwister [Pack schlägt sich, Pack verträgt sich würde meine Oma jetzt sagen] und auch sonst gibt sich der Sohnemann große Mühe, auch wenn er immer noch deutliche Schwierigkeiten beim grundsätzlichen Einhalten von Regeln hat, und auch so manche Umgangsformen und das Einhalten seiner eigenen Zusagen und Versprechen sind für ihn unglaublich schwer, besonders wenn es um Spiele geht, die seine Schwester mit ihm spielen möchte und die nichts mit Kampf oder Panzern zu tun haben. Schrieb ich vorhin nicht etwas von Spezialinteressen? Genau, das wären sie dann. Panzer und Kämpfe aller Art, er kann stundenlang Gefechte durchführen, natürlich inklusive verschiedener Strategien, er baut sich allerlei Einheiten aus Lego zusammen, hauptsächlich Raumschiffe, Raketenstellungen, Raumjäger und-was-weiß-ich-was-noch-alles.
Hin und wieder spielt das Miniweib mal mit, dann müssen aber unbedingt alle Spielregeln [natürlich vom Sohnemann] festgelegt werden, eine zeitlang geht das gut, aber sie besteht natürlich darauf dass irgendwann auch mal sie entscheiden darf, was wie gespielt wird. Und regelmäßig lässt der Sohn sie hängen. Natürlich gibts dann Zank, das Eine Wort führt zum Nächsten und schon – Eltern von Geschwistern kennen das – haben wir das größte Theater hier.

Der ganz normale Wahnsinn eben.