Gerade nochmal die Kurve gekratzt

„Wissen Sie Frau U., Kinder die zuhause so viel Unterstützung bekommen wie es bei Ihrer Tochter der Fall ist, denen jemand bei den Hausaufgaben hilft und außerdem darauf achtet, dass die Schulsachen immer vollständig sind, die werden normalerweise erst viel später auffällig als jene Kinder, die mit alldem mehr oder weniger auf sich allein gestellt sind; frühestens ab der dritten Klasse oder noch später.

„Ich würde das auf alle Fälle weiter beobachten und wenn sich die Situation verschlimmert oder es zu weiteren Eskalationen kommt treten Sie auf jeden Fall mit uns in Kontakt.“

So lautet das bisherige Ergebnis der Diagnostik bei meiner Tochter.

Aber alles der Reihe nach.
Bereits im Januar bzw. Februar diesen Jahres hatten die Anamnesegespräche bei der Fachärztin stattgefunden und auch zwei Diagnostiktermine haben wir bereits hinter uns. Nach Analyse der vorliegenden Unterlagen [Zeugnis der ersten Klasse sowie Ergebnisse diverser Tests] fasste der Arzt zusammen, darin stünde bereits alles was man wissen müsste um zu sehen, dass die Tochter bereits während des ersten Schuljahres etliche ADHS-typische Verhaltensauffälligkeiten zeigte.

Nun muss man jedoch bedenken dass ich damals, als meine Tochter eingeschult wurde, vieles noch nicht wusste was ich heute weiß und aufgrund dessen den Tagesablauf nicht gerade optimal eingerichtet habe.
Damals hatte ich zwar den Verdacht, dass sie [wie mein Sohn und ich selbst auch] eine Reizfilterschwäche hat und dass ihr trotzig-provokantes bis aggressives Verhalten nichts anderes als ihre Art und Weise ist, mit Reizüberflutung umzugehen; doch wie bereits erwähnt vermutete ich es nur, ich wusste es nicht mit Sicherheit.
Mit diesem Verhalten eckte sie sehr bald in der Schule und auch im evangelischen Kinderhort massiv an, was mir vollumfänglich erst beim Elterngespräch mit ihrer Klassenlehrerin klar wurde.

Die Tochter wurde im Laufe des ersten Schuljahres immer auffälliger; Irgendwann war ich gezwungen, sie direkt nach dem Mittagessen abzuholen bis nicht einmal mehr das funktionierte. Daher beschloss ich kurz vor Ende des ersten Schuljahres, sie ganz aus der Hortbetreuung herauszunehmen.

Ich fühlte mich schlecht und schuldig, weil ich sie dieser Belastung und diesem ganzen Stress ausgesetzt hatte; Mir wurde klar, dass ich ihre Belastbarkeit völlig falsch eingeschätzt hatte.

Also würde ich nach den Sommerferien so Einiges anders angehen müssen. Künftig würde sie nach der Schule direkt nach Hause gehen, die Hortbetreuung strich ich gedanklich aus der weiteren Planung heraus. Tagsüber würde ich mir wieder mehr Zeit für sie nehmen, speziell bei den Hausaufgaben würde ich sie künftig unterstützen. Weiters nahm ich mir vor, in Zukunft mehr auf ihre Sensibilität einzugehen und ihr nicht mehr so fordernd gegenüber zu treten.

Lang hatte ich denselben Fehler gemacht den so ziemlich Jeder macht, der sie kennenlernt und über einen längeren Zeitraum mit ihr zu tun hat. Durch ihr doch recht aufbrausendes und teils recht forsches Auftreten tritt ihr sensibles Wesen so sehr in den Hintergrund, dass man schon sehr genau hinsehen muss, um ihren Gemütszustand richtig einschätzen zu können. Aus irgendwelchen Gründen war ich zu er Überzeugung gelangt, weil ihr Vieles [zB sich auf etwas zu konzentrieren] so viel leichter fiel als ihrem Bruder, dann müsste das in den sozialen Belangen doch ebenfalls so sein.

Nun sind wir bereits mitten in der zweiten Hälfte des zweiten Schuljahres; das zweite Elterngespräch verlief im Gegensatz zum Ersten durchweg positiv. Tochters Klassenlehrerin meinte, sie habe sich in den vergangenen Monaten in so ziemlich allen sozialen Bereichen stabilisiert, was ich hauptsächlich auf den veränderten Tagesablauf zurückführe sowie auf die Tatsache, dass sich mein eigener Zustand ebenfalls stabilisiert hat.
Sie hat sich mit einem Mädchen aus ihrer Klasse angefreundet, die sie auch außerhalb der Schule regelmäßig trifft; Diese Freundschaft erscheint mir bereits jetzt stabiler als alle vorherigen Freundschaften, die sie mit anderen Kindern geknüpft hatte. Auch mit dem Nachbarssohn, der etwas älter ist als sie, trifft sie sich regelmäßig.
Außerdem ist sie was den Schulstoff angeht ganz vorn mit dabei, laut ihrer Lehrerin hat sie sich eine solide Wissensgrundlage angeeignet und verfügt obendrein über ein gutes Wortbildgedächtnis, was ihr erst vorvergangene Woche zu ihrem ersten Null-Fehler-Diktat verholfen hat.

Zusammengefasst würde ich die Situation folgendermaßen beschreiben: Das erste Schuljahr plus Hortbetreuung hat sie ziemlich überfordert und ihren gesamten Gemütszustand in eine Schieflage gebracht. Die vorgenommenen Veränderungen in ihrem Tagesablauf haben jedoch im zweiten Schuljahr eine deutliche Verbesserung in sämtlichen Bereichen bewirkt. Ich denke wir sind auf einem guten Weg, müssen jedoch darauf achten das richtige Maß zu finden zwischen fordern aber nicht über-fordern.

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