Was sich verändert hat

Mit diesem Artikel nehme ich an der Blogparade von Rene Pöpperl teil, welche sich mit dem Thema „Die größten Herausforderungen für erwachsene ADSler und wie man sie meistert“ befasst.

Mittlerweile ist seit meiner Diagnose bzw. seit dem Beginn der Einnahme zweier Medikamente über ein halbes Jahr vergangen.

An das Nicht-Vorhandensein des inneren Drucks, der Wut, die mich schon solang ich mich erinnern kann begleitet hat, habe ich mich ziemlich schnell gewöhnt.

Ich muss wohl nicht explizit erwähnen, dass sich dadurch sehr viel verändert hat. Mein Umgang mit anderen Menschen ist ein Anderer; ich werde nicht mehr so schnell wütend, und selbst wenn mich doch einmal etwas aus der Fassung bringt, dann kommt es nicht mehr zum Kontrollverlust wie es davor der Fall war. In solchen Situationen verfliegt der Zorn so schnell wieder wie er gekommen ist.

Mittlerweile kann ich mir nur noch schwer vorstellen wie es war, damals, die ganzen Jahre zuvor. Es war mir schlicht nicht möglich, meine Gefühlslage zu regulieren. Den ganzen Tag kämpfte ich gegen den inneren Druck an; und wenn es dann schlussendlich passierte dass ich explodierte, dann schaffte ich es einfach nicht mehr, mich aus eigener Kraft wieder aus dieser Wut-Spirale zu befreien. Oft habe ich mich – ohne es zu wollen – derart in etwas hineingesteigert bzw. bin so extrem ausgerastet dass ich erst dann aufhören konnte wenn ich völlig erschöpft war und einfach nicht mehr konnte.

Wenn ich das heute zu beschreiben versuche, dann klingt es selbst für mich irgendwie unwirklich, und das obwohl ich ganz genau weiß, dass es sich genau so zugetragen hat. Auch wenn ich mich heute frage wie es passieren konnte, dass mich eine Handvoll alltäglicher Situationen derart in Rage brachte.

Auch mein erster Eindruck mit der verbesserten Selbstwahrnehmung hat sich in den vergangenen Monaten bestätigt. Wenn sich mein Überreizungs-Pegel einem kritischen Maß nähert [was immer noch regelmäßig der Fall ist] dann merke ich es früh genug, um mich aus der Situation zurückziehen zu können. Und selbst dann ist mein Kopf immer noch klar genug um gegebenenfalls im direkten Gespräch dem Gegenüber meine derzeitige Gefühlslage zu kommunizieren.

Auch hier ist selbsterklärend, dass sich hierdurch die gesamte Familiensituation entspannt hat. Bei den Kindern kann ich generell viel gelassener reagieren als es noch vor einem Jahr der Fall war; plötzlich fällt es mir leicht, geduldig zu sein und jetzt, da mein Hirn nicht mehr ununterbrochen vom Zorn vernebelt ist, kann ich meine Gedanken viel besser artikulieren. Meine gesamte Gefühlswelt ist nicht mehr dieses heillose Chaos wie es vor der Medikation der Fall war.

Je mehr Zeit vergeht und je mehr Fortschritte ich mache desto häufiger und vor allem desto dringlicher wird mir bewusst: Ich will nie wieder dorthin zurück wo ich war, als ich mich entschloss, zu diesem ADHS-Facharzt zu gehen. Nie. Wieder.

Ein weiterer, anfangs verstörender Effekt der Medikation: Ich bin was körperliche Nähe angeht regelrecht anhänglich geworden. Davor konnte ich eigentlich die meiste Zeit überhaupt keine körperliche Nähe bzw. Berührungen aushalten geschweige denn als angenehm empfinden. Wenn ich gestresst war konnte bereits eine harmlose Berührung zur Eskalation führen. Abgesehen davon verstand ich den Sinn von Berührungen nicht. Wohl weil ich die meiste Zeit einfach kein Bedürfnis danach hatte.

Vielleicht klingt das jetzt zu überschwänglich für den Einen oder Anderen; speziell da der Großteil meines veränderten Verhaltens auf die Medikation zurückzuführen ist. Aber im Vergleich zu damals fühlt sich mein ganzes Leben heute unfassbar einfach an.

Natürlich ist der Alltag nach wie vor anstrengend; die Nachtschichtarbeit, die Kinder und „das bisschen Haushalt“, hin und wieder will man neben dem „Alltagsgeschäft“ auch mal ein bisschen Beziehungspflege betreiben… doch es ist trotz allem einfacher geworden, den Alltag zu bewältigen. Irgendwie kann ich auch die Nähe zu meinem Lieblingsmenschen erst seit einigen Monaten wieder so richtig genießen. Und selbst wenn ich gestresst bin oder unter Druck stehe, dann wirkt eine Berührung bei mir nicht mehr wie ein Funke, der das sprichwörtliche Pulverfass zum Explodieren bringt. Es ist okay für mich und oft finde ich in einer Umarmung meines Partners sogar Trost oder zumindest kann ich mich dadurch leichter wieder beruhigen.

Alles Dinge, die vor der Medikation schlicht unvorstellbar waren.

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7 Gedanken zu “Was sich verändert hat

  1. Hallo,

    vielen Dank für diesen Artikel. Ich finde es sehr interessant, dass sich die Medikation auch auf Deine Empfinden körperlicher Nähe / Berührungen Einfluss nimmt!

    Der Beitrag beschreibt auch sehr schön, eine der Herausforderungen vor denen (erwachsene) ADSler stehen.

    Hättest Du Interesse dich mit diesem Beitrag an meiner Blogparade „Die größten Herausforderungen erwachsener ADSler“ zu beteiligen? Ich würde mich sehr darüber freuen.

    https://adsberufe.wordpress.com/2016/03/04/aufruf-zur-blogparade-die-groessten-herausforderungen-fuer-erwachsene-adsler-und-wie-man-sie-meistert/?preview_id=294&preview_nonce=1d43ab3431&preview=true

    LG,

    René

      1. Hallo nochmal. Die Blogparade läuft noch bis 30. April. Du kannst auch noch gerne andere Blogger die Du kennst diesbezüglich einladen.

        Wäre toll wenn das mit einem Artikel von dir klappt.

      2. Habe gerade gesehen dass du explizit diesen Beitrag erwähnst… ich schau mir das innerhalb der nächsten Tage mal an wie das genau abläuft bei einer blogparade… sollte aber klappen soweit ich das einschätzen kann.

      3. Der Beitrag passt thematisch sehr gut. Du kannst aber auch gerne einen schreiben. Wie du magst. Wie die Blogparade funktioniert habe ich in meinem Beitrag den ich oben verlinkt habe kurz beschrieben.

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