Archiv für den Monat Januar 2016

Die zappelt doch gar nicht…

…also hat sie kein ADHS.

Das war in etwa der Wortlaut des Psychologen bei unserem letzten Termin im Kinderzentrum.

Vielleicht hätte ihm mal jemand sagen sollen, dass es auch eine hypoaktive Variante der ADHS gibt.

Wir haben jetzt also einmal Verdacht auf ADHS und einmal die oben genannte Aussage, sprich: Sind wieder am Anfang.

Ihr Rating [laut Psychologe] ist vergleichsweise niedrig, dennoch möchte ich mir noch eine dritte Meinung einholen, bevor ich diesen Verdacht zu den Akten lege.

Meine Tochter hat sehr reelle Schwierigkeiten, im Alltag klarzukommen; Speziell ihre Aggressionen bei Überreizung sind ein Problem.

In der Schule kommt sie gut mit, auch wenn sie bereits begriffene Lerninhalte regelmäßg wieder vergisst, welche ihr immer wieder erklärt werden müssen. Hier kommt ihr zum Glück ihre enorm rasche Auffassungsgabe zu Gute.

Kommenden Dienstag findet das Anamnesegespräch bei meinem Facharzt bzw. der Ärztin statt, es bleibt also spannend.

Some things never change…

„Jetzt stell dich doch nicht so an… du warst doch früher nicht so.“

Und da wunder sich noch einer warum ich die längste Zeit meines bisherigen Lebens der festen Überzeugung war, mit mir stimme etwas nicht.

Die Tochter und ich feierten heute Geburtstag, sie ihren achten und ich meinen, naja, ein paar Jährchen mehr :3

Es war sehr lustig, wie eigentlich immer wenn wir es denn mal schaffen, uns zu treffen. Bis zur Verabschiedung. Meine Mom wollte mich irgendwie umarmen oder mir ein Bussi auf die Backe drücken, was weiß ich, ist mir eigentlich auch egal, aber ich wollte eben nicht. War für mich ziemlich viel Input heute und als sich das lustige Gelage dem Ende näherte merkte ich, dass ich jetzt-dann-wirklich-langsam-aber-sicher genug hatte. Also bat ich meine Mutter „Nicht anfassen.“ und erntete zuerst mal nur einen ungläubigen Gesichtsausdruck und als nächstes einen weiteren Versuch, sich mit einem eindeutigen „Zuviel“ an körperlicher Nähe von mir zu verabschieden.
Daraufhin zuckte ich zurück und wand mich aus ihrer Annäherung heraus. Ihre Antwort? Siehe oben.

Als alle Gäste gegangen waren erfuhr ich, dass mein Lieblingsmensch in jenem Moment den Raum verlassen hatte; aus eigener Erfahrung weiß er dass es keine gute Idee ist, mit mir auf Tuchfühlung zu gehen wenn ich zuvor ausdrücklich darum gebeten hatte, genau dies nicht zu tun.

Ich selbst war gerade zu sehr mit mir selbst beschäftigt und damit, zu begreifen was sie da gerade zu mir gesagt hatte… dass sie DIESEN SATZ gesagt hatte.

Stell dich nicht so an.

Jener Satz, der einen Menschen – ein Kind – dazu bringen kann, dem eigenen Bauchgefühl zu misstrauen… es irgendwann vollkommen zu ignorieren. So wie ich.

Das Schlimme daran: Dass sie erst an meinem ungläubigen Gesichtsausdruck und an der betretenen Stille im Raum merkte, dass sie wohl irgendetwas Falsches gesagt hatte.

Ich weiß nicht wie ich noch vor einem Jahr reagiert hätte. Vielleicht – nein, sogar ziemlich sicher – hätte ich es über mich ergehen lassen weil ich – so wie es vor der Diagnose und somit auch vor der Medikation eigentlich immer der Fall war – gar nicht gemerkt hätte, dass es mir schon längst bis obenhin steht und ich vor lauter Reizüberflutung gar nicht mehr gewusst hätte, wo mir eigentlich der Kopf stand. Meistens waren es genau solche „Kleinigkeiten“, die das Fass zum Überlaufen brachten; die in der Veragangenheit schon unzählige Male zum Auslöser für einen Kontrollverlust meinerseits wurden.

Ich kann es nicht ausstehen, wenn meine Mitmenschen von mir klar aufgezeigte Grenzen nicht respektieren. Versteht mich richtig, ich verlange von niemandem, dass er meine Gedanken liest. Wenn ich jedoch jemanden – egal wen – darum bitte, mich nicht anzufassen, was-zum-Henker ist eigentlich daran so schwer zu verstehen?

2015 – Zeit für ein Resümee

Schon seit einigen Wochen nehme ich mir vor, wieder einmal einen Blogeintrag zu schreiben. Doch ich konnte mich nicht dazu aufraffen, mich endlich wieder vor mein Notebook zu setzen. Bis heute.

Vielleicht liegt es daran, dass heute der Geburtstag meines Vaters wäre und ich deshalb dazu neige, ins Melancholische abzudriften. Vielleicht auch weil sich in den letzten ein, zwei Wochen so Einiges getan hat und ich nicht zuletzt deshalb neuen Mut für die Zukunft schöpfe.

Das Jahr 2015 war enorm ereignisreich für mich. Ohne jetzt das gesamte Jahr aufdröseln zu wollen möchte ich doch die wichtigsten oder einschneidendsten Ereignisse herauspicken und kurz darauf eingehen.

Ein ganz großes Thema ist hier nach wie vor ADHS. Seit es bei meinem Sohn diagnostiziert wurde gab es eine innere Stimme, die mich immer mehr dazu drängte, bei mir selbst ebenfalls eine Diagnostik durchführen zu lassen. Das Ergebnis – welch Überraschung – war positiv und seit einigen Monaten nehme ich Medikamente, die mir hauptsächlich im Hinblick auf meine Reizfilterschwäche und den „inneren Druckkessel“ eine enorme Hilfe im Alltag sind.

Bei der Tochter ist das Thema noch in der Schwebe, doch ich hoffe das ändert sich bald. Für Januar habe ich mir vorgenommen, meinen eigenen Facharzt nochmals wegen einem Termin für sie zu kontaktieren.
Ich gebe mir im Alltag große Mühe, sie zu unterstützen und für sie da zu sein doch ich befürchte, das allein könnte nicht genügen. Es ist nicht immer ganz einfach mit ihr, zumal sie ja „meine“ Tochter ist. Das bedeutet, sie kommt in nicht wenigen Bereichen nach mir, sprich: Sie ist freundlich, ehrgeizig, intelligent, kreativ, nachdenklich und hypersensibel. Und außerdem ein ziemlicher Hitzkopf. Was den Schulstoff angeht ist sie extrem fit [und ebenso schnell gelangweilt] nur eben das Zwischenmenschliche macht ihr erhebliche Schwierigkeiten. Willkommen in meiner Welt, mein Kind.

Der Sohn hat sich prächtig entwickelt, erst kürzlich hatte ich ein Elterngespräch mit seiner Sozialpädagogin in der E-Schule. Sie meinte, man würde schon merken dass er älter geworden sei. Derzeit sei das Thema Mobbing in seiner Klasse aktuell, und nicht nur dass er sich an solchen Aktionen nicht beteilige, er helfe auch mal einem Schwächeren und sei darauf bedacht, dass die Dinge vor den Lehrern auch so dargestellt würden, wie sie sich zugetragen haben. Und dass die Schuldigen ihre Konsequenz bekämen. Ungeachtet der Gefahr, dafür von ihnen ausgeschlossen zu werden. Er stehe für sich und seine Meinung ein und ließe sich nicht so ohne Weiteres einschüchtern.
Außerdem, meinte sie, dürfe er nach den Ferien wieder einige Stunden in der Woche in die Außenklasse sitzen. Man könne darüber nachdenken, ihn langsam auf eine Rückschulung vorzubereiten, denn je früher er mit der Welt „da draußen“ konfrontiert würde, desto leichter fiele es ihm, sich dort zurecht zu finden.

Soviel zu den Kindern, nun kurz etwas weniger Erfreuliches: Gegen Ende der ersten Jahreshälfte wurde mir – wieder einmal – sehr schmerzlich vor Augen geführt, warum ich von Dingen wie Freundschaft bisher die Finger ließ. Und warum ich es künftig auch wieder tun werde: Wann immer ich mir sicher bin, im Hinblick auf Falschheit bei anderen Menschen schon alles erlebt zu haben, dann kommt ein Mensch daher und setzt dem Ganzen noch die Krone auf.
Leichtsinnigerweise habe ich mich auf – zumindest glaubte ich das – eine Freundschaft zu einem alten Bekannten eingelassen der, wie sich einige Zeit später herausstellte, die ganze Zeit nichts anderes im Sinn hatte als meinen Lieblingsmenschen und mich auseinander zu bringen, oder zumindest einen Keil zwischen uns zu treiben.
Ich habe eine lange Zeit gebraucht, um diesen Vertrauensbruch zu verarbeiten. Mittlerweile bin ich weitestgehend darüber hinweg, doch ob ich mich in den nächsten Jahren wieder auf etwas einlassen kann – oder will – das über „flüchtige Bekanntschaft“ hinausgeht, das wage ich stark zu bezweifeln. Ohnehin neige ich eher zum Eigenbrötlertum; Die einzigen Menschen, die mir wichtig sind, gehören zu meiner Familie.

Womit wir auch schon beim nächsten Thema wären: Familie. Man sagt ja, wenn sich die eine Tür schließt, öffnet sich eine Andere. So auch diesmal: Mein jüngerer Bruder und ich… wie soll ich das sagen… wir haben uns versöhnt.
Wir erinnern uns: Nachdem ich vor ein paar Jahren einen ziemlichen Bock geschossen hatte und seitdem – verständlicherweise – Funkstille herrschte, kam es ebenfalls gegen Mitte des Jahres zu einer vorsichtigen Annäherung und einige Zeit später führten wir ein laaaanges Gespräch. Seitdem ist es wieder – ich will nicht sagen wie vorher, weil das ist es nicht – aber es ist wieder gut zwischen uns. Vielleicht sogar besser als vorher. Natürlich ist auch jetzt nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen, aber wir sind beide älter [und vernünftiger] geworden. Es ist jetzt… wie sag ich das… ausgeglichener. Wir sind auf Augenhöhe. Und: Ich habe gelernt, loszulassen. Diese Angelegenheit war schon so etwas wie eine Lektion für mich. Dinge, die ich nicht ändern kann und Menschen, die nur das Schlechte in mir sehen wollen, die muss ich loslassen. Sonst reibe ich mich daran auf.
Nochmal Thema Familie, und nochmal ein Bruder, diesmal einer der beiden Älteren: auch hier kam es im vergangenen Jahr zu einer Annäherung. Als Kinder hatten wir nie auch nur den Ansatz des sprichwörtlichen Drahtes zueinander. Es sah einfach so aus: wir konnten uns nicht ausstehen. Meine gesamte Familie ist enorm kompliziert; Mein älterer Bruder und ich waren – zumindest erweckt es auf mich heute diesen Eindruck – damals möglicherweise so etwas wie ein Ventil für einen großen Teil der damaligen Probleme in unserer Familie.
Doch ohne jetzt näher darauf eingehen zu wollen: wir haben jetzt irgendwie doch eine Art Draht zueinander geknüpft, vielleicht war er auch die ganze Zeit da und wir hatten wegen dem Riesenberg Sch***e, der zwischen uns stand, einfach keinen Zugriff darauf, was weiß ich. Jedenfalls bin ich froh und dankbar dafür, dass es sich in diese Richtung entwickelt hat.

Nun zu meinem Lieblingsmenschen. Ich hätte es niemals für möglich gehalten. Dass ich auf meine alten Tage *hust* nochmal sagen würde: Ich hab den Richtigen gefunden.
Natürlich gibt es für nichts im Leben eine Garantie. Eine Beziehung ist Arbeit; Arbeit an sich selbst und ein ständiges Aufeinander-Zu-Gehen, Kompromisse finden, den anderen wertschätzen. Es fühlt sich unglaublich gut an, jemanden an der Seite zu haben, mit dem man wirklich über alles reden kann, ohne dafür verurteilt zu werden.
Wir sind jetzt sechseinhalb Jahre zusammen. Einmal kriselte es so heftig dass wir beide nicht wussten, ob wir die Kurve nochmal kriegen würden. Doch unsere Beziehung hat keinen bleibenden Schaden davongetragen, im Gegenteil: Wir stehen uns näher als jemals zuvor, meine ADHS-Diagnose [und damit einhergehend die Tatsache, dass ich mich selbst viel besser kennengelernt habe und nun auch viel besser auf mich selbst acht geben kann] hat einen nicht unerheblichen Teil dazu beigetragen.
Doch ich will nicht zuviel verraten, jetzt schauen wir mal was das nächste halbe Jahr bringt und wer weiß… wer weiß, was ich dann zu erzählen habe.

In diesem Sinne: Euch allen ein gutes Neues Jahr und auf dass ihr es schafft, eure Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Nun zum Abschluss noch was zum Schmunzeln, nämlich: Rhetorische Kunstgriffe for Beginners, Tochter-Edition.

Wir sitzen gerade beim Nachtisch und besprechen den weiteren Tagesablauf.

Ich: *blah rhabarber* „…und dann würd ich ganz gern wenigstens die eine Waschmaschine noch aufhängen…“

Tochter [ungläubig]: „Wirklich? Die ganze Waschmaschine? Ist das nicht ein bisschen schwer?“6236453345464030306.jpg