Aggro-Mädchen

AD[H]S. Wieder und immer wieder geht es um diese vier Buchstaben; Eine kleine, harmlos klingende Abkürzung für eine neurologische Störung, die sich auf jeden meiner Lebensbereiche auswirkt.

Oh, guck mal, ein Eichhörnchen. Jaja, so lustig.

Und so sehr ich auch versuche, es möglichst mit Humor zu nehmen… es fällt mir dennoch schwer in Situationen, die mich triggern, gefasst zu bleiben.

Heute war – nach langer Zeit – wieder einmal eine Schulkameradin meiner Tochter zu Besuch. Seit langem deshalb, weil die Tochter massive Schwierigkeiten hat, Freundschaften aufrecht zu erhalten. Zwar knüpft sie immer wieder Kontakte, doch aus irgendwelchen Gründen sind das meist ebenfalls irgendwie „spezielle“ Kinder, die ebenfalls irgendwelche Baustellen haben. Wir denken an den antiautoritär erzogenen Nachbarssohn [der jetzt – zum Gück – weggezogen ist] oder an die Freundin aus Kindergartentagen, die selbst AD[H]S hat, oder das leicht ambivalente Mädchen, mit der sie dieselbe Klasse besucht.

Der heutige Besuch war ein Mädchen, mit der die Tochter nie sonderlich viel Kontakt hatte obwohl sie ebenfalls eine Klassenkameradin ist. Seit einigen Tagen stecken sie scheinbar immer wieder die Köpfe zusammen und erfreulicherweise kam es tatsächlich zum Treffen, bei dessen Zustandekommen auch die Mutter des Mädchens einen Teil der Initiative übernommen hatte.

Jedenfalls hat das Mädchen auch schon ins Freundebuch der Tochter geschrieben. Das übliche Zeug, Lieblingsfarbe, Lieblingsessen etc. pp. und abschließend darf das befreundete Kind dem Besitzer des Freundbuches noch etwas für die Zukunft wünschen. Und in diesem typisch-kindlich-aufrichtigen Satz steckt so unglaublich viel Wahrheit…

Was ich dir für die Zukunft wünsche: Dass du nicht mehr so aggro bist.

BÄM!

Die Tochter ist ein – und genau das meine ich wenn ich sage, sie trägt beides in sich – unglaublich sensibles und nachdenkliches Kind, das je nach Situation sehr einfühlsam agieren kann. Andererseits ist sie ein ziemlicher Wildfang [ich nenne sie manchmal spaßeshalber meine Räubertochter] und fährt notfalls Krallen, Zähne und Ellbogen aus, wenn sie die Notwendigkeit dafür als gegeben sieht. Dann wiederum spielt sie hier regelmäßig den Entertainer, der andere zum Lachen bringt, und genießt die Aufmerksamkeit die sie mit ihrer Show abgreift.

Dennoch hat sie in der Schule ihren Spitznamen schon weg. Sie ist das Aggro-Mädchen. Das ist in meinen Augen insofern ein Problem, da es sie auf einen einzigen Aspekt ihrer Persönlichkeit reduziert. Natürlich ist es einer den sie hauptsächlich dann zeigt, wenn ihr alles um sie herum zuviel wird. Die Tochter reagiert nämlich nicht mit Rückzug sondern mit Aggression auf Reizüberflutung.

Erst vorhin, als mein Lieblingsmensch die Kinder ins Bett brachte während ich unterwegs war, da hatten die beiden es von Freundebüchern und von dem Satz, den die Schulkameradin in ihres geschrieben hatte. Und als die Tochter erzählte, sie wolle doch eigentlich gar nicht aggro sein, da vergoß sie sogar einige Tränchen.

Ich glaube – nein, ich weiß – dass es ihr schwer zu schaffen macht, nicht so zu sein wie die anderen Kinder. Dass die Mutter nicht so ist wie die anderen Mütter und sie deshalb nicht so wirklich ein Vorbild ist was das Knüpfen von Kontakten angeht, das dürfte es nicht unbedingt einfacher für sie machen.

In diesen Dingen fühle ich mich hilflos. Auch wenn ich es noch so gern würde, ich kann ihr das nicht abnehmen. Nicht den Schmerz des Zurückgewiesen-Werdens und nicht das Gefühl der Hilflosigkeit, wenn man etwas so sehr versucht – es sich so sehr wünscht – und es einfach nicht klappen will.

Wie jede Mutter leide ich jedes Mal mit, wenn sie wieder mal von jemandem geärgert oder ausgelacht wird. Und es sind immer wieder diese Situationen, in denen ich selbst wieder Kind bin und zusätzlich noch meinen eigenen Schmerz fühle, obwohl ich doch eigentlich die Erwachsene, die Vernünftige und für mein Kind da sein muss. Immer dann regt sich in mir das verletzte und zurückgewiesene Kind, das sich selbst nicht anders zu helfen weiß als ebenfalls mit Aggression zu reagieren

Ich soll so viel und kann – gefühlt – so wenig.

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3 Gedanken zu “Aggro-Mädchen

    1. Nun… ich kämpfe seit Monaten darum, eine Diagnostik zu bekommen. Im Kinderzentrum habe ich sie bereits zweimal vorgestellt, der erste meinte nur „joa, aber ich würd noch abwarten“ [das war vor ihrer Einschulung] und der zweite sah überhaupt keinen Handlungsbedarf, weil schließlich kann mein Kind ja problemlos eine halbe Stunde stillsitzen [sic!] und malen, ohne dabei herumzuzappeln. Ihm hätte vielleicht mal jemand sagen sollen, dass es auch eine hypoaktive Variante von AD[H]S gibt, und dass ein betroffenes Kind nicht zwingend auch ein zappelndes und nervtötendes Kind sein muss.
      Da die Diagnostik im Kinderzentrum erfolglos war werde ich es nun doch bei meinem ADHS-Facharzt versuchen. Er behandelt auch Kinder, ist allerdings kein Kassenarzt [mehr]. Aber ich erlebe sie hier jeden Tag, ich weiß genau wo ihre Stärken und auch wo ihre Schwächen liegen, und ich sage sie braucht Hilfe. Ich schau mal dass wir im Januar mit der Diagnostik starten können.

  1. Ich bin 50 Jahre mit „unbehandeltes“ ADHS durch’s Leben gegangen. Mitte 30 kannte ich nur noch Aggressivität. Nach außen, nach innen, egal. Meine Gefühle, besonders die vielen Emotionen die meine Gefühle auslösten, haben mich völlig überfordert.
    Da stand ich am ende immer wieder Einsam und Alleine da. Dabei wäre Nähe, Zuneigung und Liebe doch das beste Heilmittel gewesen.

    Die Chronologie meines „Scheiterns“ habe ich nie in Zusammenhang mit ADHS sehen können. Heute nehme ich Medikenet (zuerst sehr ungern), doch es verschafft mir (vorerst) eine Lebensqualität wie ich sie nicht kannte.

    Ich kann diese Hilflosigkeit von beiden Seiten sehr gut nachempfinden und wünsche wirklich niemanden mit meinem „Trümmerhaufen“, welches sich Chaos nennt, herum laufen zu müssen. LG…..

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