Ganz der Papa…?

Im Zuge der Diagnostik gab mir der Facharzt ein Blatt Papier sozusagen als „Hausaufgabe“ mit, auf welchem eine ganze Reihe Stichworte aufgelistet waren, die ich zu Sätzen vervollständigen sollte. Irgendsoeine Art Assoziations-Test.

Eines der Stichworte lautete „Mein Vater…“

Ich beendetet den Satz mit „…fehlt mir.“

Weil es genau das ist. Ich vermisse ihn, aber ich weiß nicht ob es die tatsächliche, reale Person ist oder ob es nicht doch eher die Wunschvorstellung eines Vaters ist, die ich auf ihn bzw. auf meine Erinnerung an ihn projeziere. Oder vielleicht ein Zwischending?

Ich kann mich noch sehr lebhaft an ihn erinnern, daran wie lieblos, kalt und abweisend er war, bevor ich wegging.

Und ich finde immer mehr Parallelen zwischen ihm und mir -.-*

Besorgniserregend wie ich nach und nach immer mehr seiner Eigenheiten nachvollziehen kann. Und sie stellenweise selbst an den Tag lege. Selbst meine Mutter erschrak regelrecht bei unserem letzten Telefonat, als ich ihr ein paar Dinge offenbarte.
Natürlich reagiere nicht mit derselben Heftigkeit wie er, ich trinke zB keinen Alkohol; Außerdem gehe raus und unternehme was mit den Kids und/oder meinem Lieblingsmenschen. Und er war auch während meiner gesamten Kindheit nicht in der Lage, seine Zuneigung zu mir auch nur in der kleinsten Geste zu zeigen, was für mich bei meinen Kindern kein Problem darstellt.
Doch was jetzt das reine Bedürfnis angeht, sich zuhause zu verkriechen und meine Ruhe vor der Welt da draußen zu haben – was ich früher nie nachvollziehen konnte – bin ich mittlerweile ganz bei ihm. Ich nehme an, das hängt zum Großteil mit dem Burn Out zusammen.

Und ich hasse es. Einerseits hasse ich es und andererseits… bin ich eben so, wie ich bin. Ich stecke in dieser Haut für den Rest meines Lebens und je eher ich mich akzeptiere desto eher werde ich eine Art Frieden finden.

Ich bin bei so unfassbar vielen Dingen die meine Familie betreffen zwiegespalten. Mutter, Vater, Kinder…

Der Arzt las sich den Zettel durch und als er beim Stichwort Vater angekommen war, hakte er nach. Er ließ mich kurz einige Eckdaten über meinen Vater erzählen und begann danach seinerseits, mir eine Geschichte zu erzählen.

Sie handelte von einer Patientin, die mit einem alkoholkranken Mann verheiratet war. Er ließ sich täglich volllaufen und die Ehe war alles andere als glücklich, doch sie blieb stur an seiner Seite. Bis er eines Tages einen tödlichen Arbeitsunfall hatte.
Zuerst kam sie mit dem Tod ihres Mannes nicht klar und verlor jeglichen Willen weiter zu leben. Doch nach und nach begann sie, neuen Lebensmut zu schöpfen und blühte zum ersten Mal in ihrem Leben richtig auf.
Was er mir damit wohl sagen wollte: dass selbst ein Ereignis, das zuerst als Katastrophe erscheint letzten Endes seine guten Seiten hat. Und dass danach – womöglich – alles besser ist als vorher.

Der Punkt ist: Das wusste ich vorher auch schon. Nett dass er es so in Worte gepackt hat, aber im Grunde genommen ist mir das nicht wirklich eine Hilfe. Es stillt nicht den Schmerz und auch nicht die Sehnsucht nach einem Vater der fähig ist, seine Kinder nicht nur zu lieben sondern es ihnen auch zu zeigen.

Ich kann ihm nicht mehr böse sein. Ich bin ihm sehr ähnlich, besonders was sein Misstrauen in andere Menschen angeht. Ich sage nicht dass es richtig ist, niemandem zu vertrauen. Was ich sage ist: Jede Enttäuschung und jede Verletzung, jedes verlassen-Werden und jeder Vertrauensbruch macht etwas mit dir: mit jedem Mal wirst du ein kleines bisschen misstrauischer.

Naja. Ich zumindest.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Ganz der Papa…?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s