Komorbiditäten, Baby!

Gestern war mein zweiter Termin beim Facharzt für AD[H]S bei Erwachsenen.

Die Ärztin ließ mich zuerst einige Tests absolvieren, bei denen ich für jemanden mit eingeschränkter Konzentrationsfähigkeit erstaunlich gut abschnitt. Das heißt, als sie dann endlich mal das Fenster schloss um diesen elenden Straßenlärm auszusperren -.-*

Beim Silben-Wiederholen war ich wohl ihr erster Patient, welcher den kompletten Test ohne einen einzigen Fehler absolvierte.

Zusammengefasst besitze ich eine gute Konzentrations- und Merkfähigkeit. Untypisch für AD[H]Sler. Doch meine Reizoffenheit und die dadurch verursachte leichte Ablenkbarkeit machen mir im Alltag leider allzu oft einen Strich durch die Rechnung.

Ihre Aussage nachdem alle Tests abgeschlossen waren: „Normalerweise würde ich sagen, dass bei Ihnen keine gröberen Defizite vorliegen.“ Und als ich grinsend erwiderte „Nagut, dann kann ich ja jetzt heimgehen.“ fügte sie hinzu „Aber so einfach ist es leider nicht.“

Da wären wir also.

Wenig später saß ich bei ihrem Mann im Sprechzimmer. Nachdem er die Anamnesebögen sowie meine Zeugnisse der ersten und zweiten Klasse durchgesehen hatte meinte er, bei mir lägen – zusätzlich zum genetischen Aspekt – noch unzählige andere Hinweise auf eine AD[H]S vor, welche sich bereits in der Grundschulzeit zeigten.

Hier erklärte der Arzt ein Phänomen, das ich persönlich einerseits spannend aber andererseits mehr als nur leicht frustrierend finde, da ich selbst einer dieser Fälle bin.
AD[H]S ist nach Angaben des Arztes [und auch sämtlicher Artikel an die ich mich erinnern kann] auf beide Geschlechter etwa gleich verteilt. Dennoch ist der Großteil der heute diagnostizierten AD[H]Sler männlich. Das heißt dass unzählige betroffene Mädchen die AD[H]S bis ins Erwachsenenalter unentdeckt mit sich herumschleifen. Und das wiederum bedeutet in weiterer Konsequenz, dass aus Mädchen mit einer nicht diagnostizierten AD[H]S später Frauen mit einer – ebenfalls nicht diagnostizierten – AD[H]S plus einer oder mehreren Begleiterkrankungen werden.

Wie weiter oben von mir bereits angedeutet ist die AD[H]S eben nicht mein einziges Problem.

Bei vielen AD[H]Slern, die erst im Erwachsenenalter diagnostiziert werden, gesellen sich zum bereits vorhandenen AD[H]S noch zusätzlich einige Begleiterkrankungen, sogenannte Komorbiditäten hinzu. Das können beispielsweise Angststörungen, affektive Störungen, Lese-Rechtschreib-Schwäche oder Suchterkrankungen sein.

Bei mir ist das Hauptproblem nicht die AD[H]S, sie ist vergleichsweise schwach ausgeprägt. Bei mir wiegen die Komorbiditäten viel schwerer. Störungen und destruktive Verhaltensweisen die ich mir im Laufe der Jahre und Jahrzehnte angeeignet habe und die meinen Alltag und meine Lebensqualität stärker beeinträchtigen, als die AD[H]S es je könnte.
Auch das wusste ich im Grunde genommen schon vorher, aber es ist ja immer nett wenn der Arzt die eigenen Vermutungen bestätigt.

Was soviel heißt wie: ein klassisches Methylphenidat-Präparat kommt für mich nicht infrage.

Und damit wären wir auch schon bei meinem Hauptproblem.

Ich habe eine Scheißangst vor Medikamenten. Vor diesen Medikamenten. Psychopharmaka.

Der Arzt deutete zuerst an, dass er bei mir nicht zwingend eine Behandlungsbedürftigkeit sähe. Ich käme doch gut klar, könne den Alltag mit Kindern, Partnerschaft, Haushalt und Beruf bewältigen, könne organisieren und Ordnung halten, alles in allem sei ich durchaus überlebensfähig.
Dieser Ansicht war er genau bis zu jenem Moment, als ich von meinem Burn Out erzählte. Und dass ich mir mit schöner Regelmäßigkeit einmal die Woche – immer Freitags – wünsche, es mögen mich doch bitte alle einfach nur in Ruhe lassen.

Seine Aussage sinngemäß: Es sei eigentlich okay, nur sähe er ein leichtes Abkippen in die Depression.

BÄM!

Das saß.

Depression. Ich hasse dieses Wort. Seit ich denken begleitet es mich, hängt mal mehr mal weniger sichtbar – spürbar – doch immer argwöhnisch von mir betrachtet im Raum, meist unausgesprochen, doch gedacht: abertausende Male.

Ich war nie depressiv, bin es nicht und wollte es niemals sein. Genau genommen war ich das krasse Gegenteil von depressiv. Immer auf Achse, eine Getriebene und immer am Limit. Manisch? Meinetwegen, aber depressiv? Ich doch nicht. Ich bin eine Macherin, kein Häufchen Elend das in der Ecke sitzt und sich selbst bemitleidet.

Und dann starb mein Vater. Der Burn Out ließ nicht lang auf sich warten, eigentlich war ich schon mittendrin, wollte – konnte – es nur nicht wahrhaben. Er änderte alles.

Und das bin ich nun. Zweimal im Jahr zieht es mich in ein schwarzes Loch aus dem ich ohne Hilfe kaum ein Entrinnen finde. In dieser Zeit bin ich dünnhäutig, antriebslos bis lethargisch. Alles erscheint sinnlos, ich kann mich über nichts so recht freuen und hänge fest in meiner endlosen Traurigkeit.

Ich habe eine Scheißangst vor Psychopharmaka weil ich nicht weiß, was dieses Zeug in meinem Hirn macht. Ich habe Angst vor Nebenwirkungen und vor einem möglichen Kontrollverlust.

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7 Gedanken zu “Komorbiditäten, Baby!

  1. Ich verstehe deine Angst vor den Medikamenten, wirklich. Gerade heute habe ich eines nach dem ersten Tag wieder aufgegeben, weil meine Vorurteile gegenüber dem Wirkstoff im Speziellen zu groß sind. Aber… aber. Ich probiere es trotzdem wieder. Weil es eben doch helfen kann… Die Frage ist aber zuallererst, ob du glaubst, dass du so etwas brauchst. Du kommst ohne Hilfe nicht aus den Löchern heraus, zwei mal im Jahr. Okay, aber du kommst da raus! Und Freitags ist dir alles zu viel? Mist, echt blöd. Aber es ist eben auch nur der Freitag, oder habe ich das falsch verstanden?

    Was ich sagen will: Ich will deine Probleme nicht kleinreden! Es ist aber ganz alleine deine Entscheidung, ob du es mit Medikamenten probieren willst und wenn ja, womit. Der Arzt kann dir nur Vorschläge machen, die endgültige Entscheidung triffst du. Niemand kann dich zu irgendetwas zwingen. Du kannst dich informieren, umhören, was anderen gut getan hat, was nicht so, wenn dir solche Infos helfen. Mein Freund erzählte mir zB, dass eines seiner Medikamente, ein Antidepressivum, auf viele ADHSler einen sehr positiven Effekt hat, weil es Amphetaminen ein bisschen ähnlich ist und ganz anders wirkt als andere Antidepressiva…

    Und wenn du dich für ein Medikament entscheidest, kannst du auch dann immer noch selbst entscheiden, wie lange du es nimmst. Ich habe Medikamente wie schon erwähnt auch schon nach ein, zwei Tagen abgesetzt, wenn mir die Nebenwirkungen zu schlimm vorkamen. Das kann und darf niemand anders entscheiden, nur du ganz allein! Und vielleicht hast du ja auch kaum Nebenwirkungen? Aber selbst dann: Setzt die erwünschte Wirkung ein und du merkst, dass du das nicht magst, warum auch immer: Weg damit! Manchmal muss man die Mittel zwar ausschleichen, aber wenn man sie nicht lange genommen hat, ist das nicht soo wichtig. Einfach weglassen, dann ist bald wieder alles wie vorher. Antidepressiva hinterlassen keine bleibenden Schäden, sie machen nicht süchtig. In den ersten zwei Wochen kann es zwar sinnvoll sein, Nebenwirkungen erst einmal auszuhalten – aber selbst da gilt: Dein Körper, dein Leben, eine Entscheidung.

    Für mich ist es massiv Situationsabhängig, ob diese Art von Medikament notwendig und sinnvoll ist oder nicht. Nicht jede Depression muss medikamentös behandelt werden! Wenn du aber glaubst, du kannst davon profitieren, probier es ruhig aus. Passieren kann dir mit einem Antidepressivum wirklich nicht viel.

    Viele Grüße,
    Amy

    1. Liebe Amy,
      danke für deinen Kommentar 🙂
      Ich habe den gestrigen Termin und meinen Leidensdruck nur grob umrissen. Unter anderem weil mir immer noch der Kopf schwirrt von dem vielen Input gestern.
      Würde ich ausführlich darauf eingehen, könnte ich damit locker einige Seiten füllen.
      Das Problem ist in erster Linie die Tatsache, dass ich mit den Umgebungsreizen täglich überfordert bin, dass der bloße Gedanke geschweige denn die direkte Konfrontation mit einem Familienmitglied mich belastet bis hin zu einem depressiven Tief und dass ich bei Reizüberflutung einen extrem kurzen Zünder habe. Die Kinder leiden darunter. Ich leide darunter. Und mein Partner leidet darunter. Ich brauche geregelte Abläufe um funktionieren zu können. Lass etwas unerwartetes geschehen und mich wirft es [je nach emotionaler Intensität] tage- bis wochenlang völlig aus der Spur und ich schaffe nur das Nötigste hier. Aber das ist zuwenig.
      Wenn ich richtig mitbekommen habe, hast du keine Kinder. Ich schon.
      Ich MUSS bis zu einem gewissen Grad täglich funktionieren und stehe durch die Kinder, den Beruf und Haushalt – tatsächlich, so abgedroschen das auch klingen mag – unter extremem Druck. Ich kann mich nicht mal eben so ein paar Tage irgendwo verschanzen, auch wenn ich es noch so gern täte.
      Ich habe viel versucht. Und ich habe mich sehr gründlich mit der Frage auseinander gesetzt, wie hoch mein Leidensdruck ist. Auch wenn es in deinen Augen vielleicht nach wenig klingen mag, dieser kleine Einblick den ich hier in diesem Blogeintrag geboten habe. Es sind nicht nur die Freitage. Freitage sind immer die Tage, an denen es zwischen meinem Partner und mir eskaliert weil ich nur noch ein wandelndes Pulverfass bin. Ich habe derzeit das Gefühl, dass ich aus dem emotionalen Loch überhaupt nicht mehr herauskomme.

  2. Ich wollte nicht sagen, dass du keinen Leidensdruck hast, sondern nur mögliche Argumentationen für oder gegen Medikamente aufzeigen. Bitte entschuldige. Das mit dem keine Kinder haben, also nicht funktionieren müssen, nehme ich aber einfach mal als dezenten Hinweis darauf, dass ich hier besser im Weiteren nicht mehr kommentiere 🙂 Alles klar!

      1. Das war nie meine Absicht. Ich wollte nur Aufzeigen, dass es bei der Angst vor Medikamenten ums Abwägen der Probelem und Ängste geht und es tut mir leid, dass ich mich doof ausgedrückt habe.

    1. Ja. Etwa vier Monate nehme ich sie jetzt und die bisherigen Ergebnisse sind höchst erfreulich. Natürlich werde ich in diesem Leben wohl kein Lämmchen mehr werden, das Temperament hab ich und werde es vermutlich behalten 🙂
      Aber der innere Druck ist weg. Bei mir hat sich über den Tag verteilt ein innere Druck angestaut, der immer schwerer zu kontrollieren war. Und je nach Stresspegel war ich ein wandelndes Pulverfass :/
      Mittlerweile kann ich in, hm, sagen wir mal 90% aller egal wie gearteten Situationen gelassen bleiben, ohne dabei einen Großteil meiner verfügbaren Kapazitäten allein darauf zu verwenden, den Deckel auf dem Druckkessel zu behalten bzw. die Fassung nicht zu verlieren.

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