Versagerin[?]

Jetzt, wo sich das Schuljahr dem Ende zuneigt fühle ich mich, als hätte ich auf ganzer Linie versagt.

Nicht was den Sohn angeht. Er macht super Fortschritte und darf künftig mehrere Stunden pro Woche in die Außenklasse [sprich: Integrationsklasse] seiner E-Schule sitzen. Bei ihm läuft es – natürlich immer mit kleinen Rückschlägen, aber insgesamt ist der Fortschritt deutlich sichtbar – besser als ich es jemals zu träumen wagte.

Das mit der Außenklasse bedeutet soviel wie eine Rückschulung zum Anfang des vierten Schuljahres rückt in greifbare Nähe.

Ich selbst habe es auch endlich geschafft, über meinen Schatten zu springen, einen Facharzt für ADHS bei Erwachsenen aufzusuchen um die beiden unabhängig voneinander ausgesprochenen Verdachtsdiagnosen bestätigen zu lassen.

Versagt habe ich dieses Jahr bei der Tochter.

Das klingt jetzt so hoffnungslos. Vielleicht liest sich das negativer als ich es eigentlich meine. Sie ist erst sieben und wir können – und werden – definitiv gegensteuern. Ich habe Hoffnung, dass wir es wieder hinbiegen können.

Gestern als ich sie von der Schule abholte, da erzählte sie von ihrem Tag. Dass es eigentlich ganz gut gewesen sei, aber im Sportunterricht dann, da hätten die anderen Kinder sie geärgert und ihr gesagt, sie habe keine Freunde. Ein Trigger.

Sofort war ich selbst wieder Kind.

Zuerst nur die Außenseiterin. Später, in der Realschule, das Opfer.

Mein Magen zog sich zusammen und meine Kehle war wie zugeschnürt.

Ich konnte nicht reagieren, nichts sagen, nur fühlen. Nur noch Angst.

Wie damals.

Natürlich bin ich jetzt erwachsen. Und natürlich weiß ich, dass solche Hänseleien zwischen Kindern ein Stück weit normal sind. Doch ich weiß dass meine Tochter es eben nicht ist.

Sie kann ein ziemlicher Haudrauf sein, besonders wenn sie den Input Overload hat und nicht aus der Situation rauskann. Dann wird sie echt so richtig anstrengend. Doch das täuscht. Dummerweise täuscht es darüber hinweg, wie sensibel und nachdenklich sie eigentlich ist. Sie macht sich unglaublich viele Gedanken über tausend Dinge. Dinge, die zu begreifen – zu verkraften – sie manchmal einfach noch zu jung ist.

Mein Lieblingsmensch hat mal zu mir gesagt, dass die Tochter mir häufig den Spiegel vorhält. Ich bin damals nicht so hundertprozentig dahintergestiegen, wie er das gemeint hat. Dass wir uns so sehr ähneln.

Äußerlich überhaupt nicht. Sie sieht aus wie ihre Tante aussah, als sie in ihrem Alter war. Nur die Augenfarbe, die hat sie von mir.
Aber vom Gemüt und vom alles-zerdenken-Müssen sind wir uns so ähnlich dass es mich regelmäßig an meine Grenzen bringt.
Wir haben sogar am selben Tag Geburtstag. Ich bin auf den Tag genau 29 Jahre älter als sie.

Ich dachte, sie packt das schon. Hoffte es.

Ich lag falsch. Sie packt es nicht. Nicht so. Nicht ohne unsere Hilfe.

Vor zwei Wochen hab ich sie bei der Hortbetreuung abgemeldet, weil es stellenweise täglich Ärger gab wegen irgendwelchen Nichtigkeiten.

Nichtigkeiten die eigentlich keine sind. Es sind ernste Probleme eines Kindes.

Die Tochter ist ein kluges, aufgewecktes, freundliches und hilfsbereites Kind.
Aber sie hat die klassischen ADHS-Baustellen. Probleme im sozialen Miteinander, Regeln gelten nur für die anderen und – meines Erachtens das Hauptproblem – ihre Reizoffenheit. Die regelmäßig das Kind an seine Grenzen bringt. Und dann sein Umfeld. Eltern, Lehrer, Hortbetreuer, Mitschüler.

Unter der ADHS leiden alle. Aber das betroffene Kind leidet am meisten. Immer.

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4 Gedanken zu “Versagerin[?]

  1. Das mit dem Spiegel.. schönes Bild. Aber auch gefährlich, denn man neigt zur Projektion. Deine Tochter meint, ihr Tag war ganz gut. Das war ihre Einschätzung des Gesamttages.
    Meine Kleine ist auch in der ersten Klasse, Sie kam zusammen mit einem anderen kind aus ihrem Kindergarten in die Schule, alle anderen kamen aus dem anderen Kindergarten. Lange war da nix mit Freundschaften, mittags spielen mit Kindern aus der Klasse? Fehlanzeige. Frau war da auch sehr leidend. Inzwischen gibt sich das, sie verabredet sich dann und wann. Beruhigt hatte mich das Gespräch mit der Lehrerin, die meinte Paula wäre absolut integriert und auch an ihrer Schulreife gab es nichts zu deuteln (sie hat im september geburtstag, war gerade so ein Musskind, all ihre Freunde kommen jetzt dann in die schule).
    Lass das mit dem ADS prüfen, rede aber auch mit den Lehrern, wie die das gerade sehen. Auch wenn die Kids viel von uns abkupfern, sie sind ganz eigene Menschen.
    Und versagen.. meine Frau is ja Lehrerin. Wenn ich mir da Geschichten anhöre, wie wenig sich Eltern zum Teil kümmern und Gedanken machen, gerade bei so sachen wie Aussenseiterkindern.. nein, du hast mitnichten versagt sondern nimmst im Gegenteil schon Andeutungen sehr ernst. Wird alles!

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