Archiv für den Monat Juli 2015

Lufthaken

[Das ist jetzt mal nicht mir selbst passiert. Aber ich hätt mich schier bepisst vor Lachen als ers mir erzählt hat.]

Kerl steht mit Kollege an seiner Fräsmaschine. Kühlwasser wurde gerade frisch gewechselt. Maschine muss laufen damit das Wasser durch den Kühlkreislauf laufen kann. Lehrling betritt die Szene. Beäugt die [leer] laufende Maschine.

Lehrling: „Was machsch´n da?“

Kerl, trocken: „Ich fräs da grad nen Siemens Lufthaken.“

Lehrling blickt hilfesuchend zum Kollegen. Der verzieht keine Mine.

„Und was macht man mit dem?“

„Da hängt man Kilowatt dran auf.“

„Samma, verarschst du mich grad?“

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Komorbiditäten, Baby!

Gestern war mein zweiter Termin beim Facharzt für AD[H]S bei Erwachsenen.

Die Ärztin ließ mich zuerst einige Tests absolvieren, bei denen ich für jemanden mit eingeschränkter Konzentrationsfähigkeit erstaunlich gut abschnitt. Das heißt, als sie dann endlich mal das Fenster schloss um diesen elenden Straßenlärm auszusperren -.-*

Beim Silben-Wiederholen war ich wohl ihr erster Patient, welcher den kompletten Test ohne einen einzigen Fehler absolvierte.

Zusammengefasst besitze ich eine gute Konzentrations- und Merkfähigkeit. Untypisch für AD[H]Sler. Doch meine Reizoffenheit und die dadurch verursachte leichte Ablenkbarkeit machen mir im Alltag leider allzu oft einen Strich durch die Rechnung.

Ihre Aussage nachdem alle Tests abgeschlossen waren: „Normalerweise würde ich sagen, dass bei Ihnen keine gröberen Defizite vorliegen.“ Und als ich grinsend erwiderte „Nagut, dann kann ich ja jetzt heimgehen.“ fügte sie hinzu „Aber so einfach ist es leider nicht.“

Da wären wir also.

Wenig später saß ich bei ihrem Mann im Sprechzimmer. Nachdem er die Anamnesebögen sowie meine Zeugnisse der ersten und zweiten Klasse durchgesehen hatte meinte er, bei mir lägen – zusätzlich zum genetischen Aspekt – noch unzählige andere Hinweise auf eine AD[H]S vor, welche sich bereits in der Grundschulzeit zeigten.

Hier erklärte der Arzt ein Phänomen, das ich persönlich einerseits spannend aber andererseits mehr als nur leicht frustrierend finde, da ich selbst einer dieser Fälle bin.
AD[H]S ist nach Angaben des Arztes [und auch sämtlicher Artikel an die ich mich erinnern kann] auf beide Geschlechter etwa gleich verteilt. Dennoch ist der Großteil der heute diagnostizierten AD[H]Sler männlich. Das heißt dass unzählige betroffene Mädchen die AD[H]S bis ins Erwachsenenalter unentdeckt mit sich herumschleifen. Und das wiederum bedeutet in weiterer Konsequenz, dass aus Mädchen mit einer nicht diagnostizierten AD[H]S später Frauen mit einer – ebenfalls nicht diagnostizierten – AD[H]S plus einer oder mehreren Begleiterkrankungen werden.

Wie weiter oben von mir bereits angedeutet ist die AD[H]S eben nicht mein einziges Problem.

Bei vielen AD[H]Slern, die erst im Erwachsenenalter diagnostiziert werden, gesellen sich zum bereits vorhandenen AD[H]S noch zusätzlich einige Begleiterkrankungen, sogenannte Komorbiditäten hinzu. Das können beispielsweise Angststörungen, affektive Störungen, Lese-Rechtschreib-Schwäche oder Suchterkrankungen sein.

Bei mir ist das Hauptproblem nicht die AD[H]S, sie ist vergleichsweise schwach ausgeprägt. Bei mir wiegen die Komorbiditäten viel schwerer. Störungen und destruktive Verhaltensweisen die ich mir im Laufe der Jahre und Jahrzehnte angeeignet habe und die meinen Alltag und meine Lebensqualität stärker beeinträchtigen, als die AD[H]S es je könnte.
Auch das wusste ich im Grunde genommen schon vorher, aber es ist ja immer nett wenn der Arzt die eigenen Vermutungen bestätigt.

Was soviel heißt wie: ein klassisches Methylphenidat-Präparat kommt für mich nicht infrage.

Und damit wären wir auch schon bei meinem Hauptproblem.

Ich habe eine Scheißangst vor Medikamenten. Vor diesen Medikamenten. Psychopharmaka.

Der Arzt deutete zuerst an, dass er bei mir nicht zwingend eine Behandlungsbedürftigkeit sähe. Ich käme doch gut klar, könne den Alltag mit Kindern, Partnerschaft, Haushalt und Beruf bewältigen, könne organisieren und Ordnung halten, alles in allem sei ich durchaus überlebensfähig.
Dieser Ansicht war er genau bis zu jenem Moment, als ich von meinem Burn Out erzählte. Und dass ich mir mit schöner Regelmäßigkeit einmal die Woche – immer Freitags – wünsche, es mögen mich doch bitte alle einfach nur in Ruhe lassen.

Seine Aussage sinngemäß: Es sei eigentlich okay, nur sähe er ein leichtes Abkippen in die Depression.

BÄM!

Das saß.

Depression. Ich hasse dieses Wort. Seit ich denken begleitet es mich, hängt mal mehr mal weniger sichtbar – spürbar – doch immer argwöhnisch von mir betrachtet im Raum, meist unausgesprochen, doch gedacht: abertausende Male.

Ich war nie depressiv, bin es nicht und wollte es niemals sein. Genau genommen war ich das krasse Gegenteil von depressiv. Immer auf Achse, eine Getriebene und immer am Limit. Manisch? Meinetwegen, aber depressiv? Ich doch nicht. Ich bin eine Macherin, kein Häufchen Elend das in der Ecke sitzt und sich selbst bemitleidet.

Und dann starb mein Vater. Der Burn Out ließ nicht lang auf sich warten, eigentlich war ich schon mittendrin, wollte – konnte – es nur nicht wahrhaben. Er änderte alles.

Und das bin ich nun. Zweimal im Jahr zieht es mich in ein schwarzes Loch aus dem ich ohne Hilfe kaum ein Entrinnen finde. In dieser Zeit bin ich dünnhäutig, antriebslos bis lethargisch. Alles erscheint sinnlos, ich kann mich über nichts so recht freuen und hänge fest in meiner endlosen Traurigkeit.

Ich habe eine Scheißangst vor Psychopharmaka weil ich nicht weiß, was dieses Zeug in meinem Hirn macht. Ich habe Angst vor Nebenwirkungen und vor einem möglichen Kontrollverlust.

Versagerin[?]

Jetzt, wo sich das Schuljahr dem Ende zuneigt fühle ich mich, als hätte ich auf ganzer Linie versagt.

Nicht was den Sohn angeht. Er macht super Fortschritte und darf künftig mehrere Stunden pro Woche in die Außenklasse [sprich: Integrationsklasse] seiner E-Schule sitzen. Bei ihm läuft es – natürlich immer mit kleinen Rückschlägen, aber insgesamt ist der Fortschritt deutlich sichtbar – besser als ich es jemals zu träumen wagte.

Das mit der Außenklasse bedeutet soviel wie eine Rückschulung zum Anfang des vierten Schuljahres rückt in greifbare Nähe.

Ich selbst habe es auch endlich geschafft, über meinen Schatten zu springen, einen Facharzt für ADHS bei Erwachsenen aufzusuchen um die beiden unabhängig voneinander ausgesprochenen Verdachtsdiagnosen bestätigen zu lassen.

Versagt habe ich dieses Jahr bei der Tochter.

Das klingt jetzt so hoffnungslos. Vielleicht liest sich das negativer als ich es eigentlich meine. Sie ist erst sieben und wir können – und werden – definitiv gegensteuern. Ich habe Hoffnung, dass wir es wieder hinbiegen können.

Gestern als ich sie von der Schule abholte, da erzählte sie von ihrem Tag. Dass es eigentlich ganz gut gewesen sei, aber im Sportunterricht dann, da hätten die anderen Kinder sie geärgert und ihr gesagt, sie habe keine Freunde. Ein Trigger.

Sofort war ich selbst wieder Kind.

Zuerst nur die Außenseiterin. Später, in der Realschule, das Opfer.

Mein Magen zog sich zusammen und meine Kehle war wie zugeschnürt.

Ich konnte nicht reagieren, nichts sagen, nur fühlen. Nur noch Angst.

Wie damals.

Natürlich bin ich jetzt erwachsen. Und natürlich weiß ich, dass solche Hänseleien zwischen Kindern ein Stück weit normal sind. Doch ich weiß dass meine Tochter es eben nicht ist.

Sie kann ein ziemlicher Haudrauf sein, besonders wenn sie den Input Overload hat und nicht aus der Situation rauskann. Dann wird sie echt so richtig anstrengend. Doch das täuscht. Dummerweise täuscht es darüber hinweg, wie sensibel und nachdenklich sie eigentlich ist. Sie macht sich unglaublich viele Gedanken über tausend Dinge. Dinge, die zu begreifen – zu verkraften – sie manchmal einfach noch zu jung ist.

Mein Lieblingsmensch hat mal zu mir gesagt, dass die Tochter mir häufig den Spiegel vorhält. Ich bin damals nicht so hundertprozentig dahintergestiegen, wie er das gemeint hat. Dass wir uns so sehr ähneln.

Äußerlich überhaupt nicht. Sie sieht aus wie ihre Tante aussah, als sie in ihrem Alter war. Nur die Augenfarbe, die hat sie von mir.
Aber vom Gemüt und vom alles-zerdenken-Müssen sind wir uns so ähnlich dass es mich regelmäßig an meine Grenzen bringt.
Wir haben sogar am selben Tag Geburtstag. Ich bin auf den Tag genau 29 Jahre älter als sie.

Ich dachte, sie packt das schon. Hoffte es.

Ich lag falsch. Sie packt es nicht. Nicht so. Nicht ohne unsere Hilfe.

Vor zwei Wochen hab ich sie bei der Hortbetreuung abgemeldet, weil es stellenweise täglich Ärger gab wegen irgendwelchen Nichtigkeiten.

Nichtigkeiten die eigentlich keine sind. Es sind ernste Probleme eines Kindes.

Die Tochter ist ein kluges, aufgewecktes, freundliches und hilfsbereites Kind.
Aber sie hat die klassischen ADHS-Baustellen. Probleme im sozialen Miteinander, Regeln gelten nur für die anderen und – meines Erachtens das Hauptproblem – ihre Reizoffenheit. Die regelmäßig das Kind an seine Grenzen bringt. Und dann sein Umfeld. Eltern, Lehrer, Hortbetreuer, Mitschüler.

Unter der ADHS leiden alle. Aber das betroffene Kind leidet am meisten. Immer.

ADS findet ADS produziert ADS

Gestern hatte ich das Anamnesegespräch beim Facharzt für ADHS bei Erwachsenen.
Eigentlich ist es die Gemeinschaftspraxis eines Ärzte-Ehepaars, sie macht die Anamnesegespräche und er die Diagnostik, aber das nur am Rande.

Als ich [inklusive Michis fast schon obligatorischen 50 km Umweg -.-*] endlich dort war, erzählte die Ärztin erst einige Grundlagen über AD[H]S in Familien.

Dass es in einer Familie nicht „den Einen“ Fall von AD[H]S gibt, sondern immer noch einige weitere, bedingt durch die Vererbbarkeit dieser Hirnstoffwechselstörung.

Sie stellte mir weiters viele Fragen über meine nahe und nicht ganz so nahe Verwandtschaft [Mutter, Vater, Geschwister, Opa, Oma sowie Onkel und Tanten] sowie deren Besonderheiten. Über meine frühkindliche Entwicklung, die Schulzeit und meine eigenen Besonderheiten. Und natürlich wo ich selbst meine größten Beeinträchtigungen sehe. Hier ist die Reizfilterschwäche ganz klar vorn. Wenn ich nicht höllisch aufpasse befinde ich mich nahezu ständig in einem Zustand der Reizüberflutung.

Die anderthalb Stunden vergingen wie im Flug und was immer ich erzählte, die Ärztin fand nahezu in allem eine AD[H]S-typische Verhaltensform.

Der Satz in der Überschrift stammt übrigens auch von ihr. Er bezieht sich darauf, dass AD[H]S-Betroffene einander nicht nur problemlos finden weil sie seltsamerweise voneinander angezogen werden, sondern auch einen direkten Draht zueinander haben und entsprechend häufig beide Elternteile eine [oft unerkannte AD[H]S] mit sich herumtragen und dies an die Kinder weitergeben.

Wie es den Anschein hat bin ich wohl mehr der hypoaktive Typ [als Kind extrem ruhig und schüchtern, als Teenager dann das krasse Gegenteil sprich [vor-]laut und aggressiv] bzw. eine Mischform mit Schwerpunkt auf hypoaktiv.

Das wars für dieses Mal, nächste Woche Donnerstag gehts weiter.