Hobbypsychologischer Bullshit?

Vor etwa einer Woche veröffentlichte ich unter anderem hier bei wordpress diesen Beitrag. Das Feedback war gemischt, doch größtenteils positiv.

Wenn ich etwas veröffentliche, dann tue ich das nicht, um Likes zu sammeln. Ich versuche, zu sensibilisieren. Ich versuche nicht, jemanden von der Richtigkeit meines Vorgehens zu überzeugen. Dieses Blog bietet jedoch für den geneigten Leser sicherlich den einen oder anderen Denkanstoß, und das genügt mir.
Ich kann [mittlerweile] gut damit leben, dass ich mit meiner Vorgehensweise regelmäßig anecke. Denn: Wenn nicht die Tatsache, dass wir die ADHS-Diagnose beim Sohn akzeptieren, beim Gegenüber Empörung hervorruft, dann ist es oft spätestens die Tatsache, dass er [unter anderem] medikamentös behandelt wird. Doch das soll hier erst mal nicht das Thema sein.

Es geht um eine spezielle Reaktion, die mich etwas ratlos machte.

Versteht mich nicht falsch: Ich halte durchaus Rücksprache mit dem behandelnden Psychologen meines Sohnes, und er wird auch regelmäßig im Kinderzentrum vorgestellt. Falls sich im Verhalten des Sohnes etwas gravierend ändert, setze ich den Psychologen umgehend in Kenntnis. Selbiges gilt [natürlich!] für eine eventuelle Veränderung der Dosis seines Medikaments.

Das Computerverbot war kein „Experiment“. Es war die Konsequenz dafür, dass die Kinder [und zwar beide!] sich einen ziemlichen Schnitzer geleistet haben. Vielleicht [ziemlich wahrscheinlich sogar] werden das wieder einige anders sehen, aber wie ich bereits schrieb, ich warte nicht darauf dass Leute [hier: Leser / Kommentatoren] mir sagen, wie ich meine Kinder zu erziehen bzw. unseren Familienalltag zu gestalten habe.

Ich erziehe die Kinder nicht über Strafe. [Kennen wir das nicht alle? „Und zur Strafe gehst du jetzt auf dein Zimmer/bekommst du jetzt den Hosenboden voll“ etc. pp.] Eher über Lob und natürlich auch über [möglichst logische bzw. nachvollziehbare] Konsequenz, auch wenn ich natürlich weiß, dass ich dennoch bei all meinen Bemühungen Fehler mache. Versteht mich richtig: Ich gebe meinen Kindern so viele Freiheiten, wie ich meine, ihnen zutrauen zu können. Meine Tochter geht zB nach der Schule alleine [bzw. mit Schulkameraden] zum Hort, um dort zu Mittag zu essen und Hausaufgaben zu machen. Ich hole sie am frühen Nachmittag ab, und wenn sie zuhause mit allem fertig ist [sofern sie noch Hausis zu machen hat] darf sie mit ihrem Fahrrad zum Spielplatz fahren, welcher sich direkt neben dem Hort befindet. Sie hat einen Helm auf, weiß wie sie sich an der Straße und am Zebrastreifen zu verhalten hat, und dass sie den kürzesten Weg nehmen muss. Ebenso weiß sie, dass sie nach Hause kommen muss wenn der Hort schließt, und dass sie nirgendwohin mitgehen darf. Weder zu einer Freundin noch zu sonst jemandem den sie kennt [oder auch nicht kennt]. Alles im grünen Bereich.

Sohn darf auch mit dem Fahrrad zum Spieli oder ins Dorf um sich ein Eis zu holen, denn auch er ist mit den Verhaltensregeln vertraut. Wenn jedoch eines der Kinder plötzlich beschließt, dass es viel interessanter wäre, [ungefragt] zu einem Spielkameraden zu gehen, dann wäre die logische Konsequenz, dass betreffendes Kind eben nicht mehr allein mit dem Fahrrad oder sonstwie auf den Spielplatz darf. Und das wissen sie.

Unsere Vereinbarung bezüglich elektronischer Geräte und Spielsachen war also folgende: Kinder dürfen sie benutzen [unter Aufsicht, und zwar auch diejenigen, die sie sich vom eigenen Geld gekauft haben!] und sorgsam damit umgehen. Tun sie das nicht, kommen die Geräte/Spielsachen weg. So einfach ist das.

Nun haben Sohn und Tochter ungefragt Sohnis Carrera-Bahn ausgepackt, im Kinderzimmer verteilt und als Krönung noch mit dem Controller bzw. dem Kabel des Controllers „Tauziehen“ gespielt. Es kam was kommen musste: Der Controller ist hinüber weil sich das Kabel natürlich – wenn man nur  fest genug dran zieht – heraus löst.

Natürlich könnte man jetzt argumentieren, dass der Sohn mit der kaputten Carrera-Bahn schon genug gestraft ist. Lassen wir aber nicht gelten, da die Verhaltensregeln bezüglich der elektronischen Geräte ganz genau abgesteckt waren.

Nun zur Aussage in der Überschrift. Natürlich muss ich mir als Mutter eines [oder mehrerer] ADHS-betroffener Kinder ein gewisses „Grundwissen“ aneignen, um überhaupt erst mal halbwegs konstruktiv mit dem Kind umgehen bzw. angemessen auf seine Verhaltensweisen reagieren sowie auf seine Bedürfnisse eingehen zu können.

Wüsste ich zB nicht was ich weiß, dann wüsste ich nicht wie wichtig geregelte Abläufe [Rituale] für meine Kinder [und damit meine ich den Sohn UND die Tochter] sind.
Ich wüsste außerdem nicht, dass er nichts für sein Gezappel kann. Egal wie nervtötend es für uns Eltern auch sein mag, er tut es nicht mit Absicht, er tut es einfach, es ist ein Teil von ihm.
Wahrscheinlich hätte ich auch keine Ahnung, warum mein Sohn so vieles einfach vergisst. Oder dass er sich nicht aus mangelndem Interesse nach fünf Sekunden Ansprache wegdreht, sondern weil er einfach nicht anders kann. Dass er zwar über Dinge wie Schweißdrüsen an menschlichen Füßen einen Vortrag halten kann, aber dass er nicht fähig ist, sich an so banale Dinge wie Tischregeln – die er theoretisch kennt – zu halten.

Long story short: Kinder erziehen ist IMMER erst mal Neuland, für alle Eltern die ihr erstes Kind bekommen, beim zweiten ist es ebenso Neuland, weil man zwar einige Dinge schon weiß und erlebt hat, aber weil Kinder trotzdem einfach unterschiedlich sind. Selbiges gilt für Eltern mit besonderen Kindern. Sie müssen ihre Kinder – genauso wie Eltern von neurotypischen Kindern – erst mal kennen lernen und in all das hineinwachsen. Mit Hobbypsychologie hat das aber reichlich wenig zu tun.

Just my two cents.

Advertisements

4 Gedanken zu “Hobbypsychologischer Bullshit?

  1. Hi,

    weder fand ich Deine Konsequenz aus dem verlinkten Eintrag überzogen noch sah oder sehe ich mich genötigt, Dir Erziehungstipps zu geben. 😉

    Denn jede Familie und jedes Kind ist anders.

    Und ja, auch von ADHS oder Autismus betroffene Kinder können über solche Dinge lernen!

    Und interessant fand ich die Beobachtung der Lehrerin, die ja nicht wusste, was ihr verändert habt!

    So fand ich ja die Reaktion der Lehrer damals interessant, als nach Wochen der Medikamenten-Einstellung, die Rückmeldung kam, dass meine Tochter viel offener geworden ist und kooperativer.

    Und auch solche Rückmeldungen sind sehr wichtig! Und dürfen von uns Eltern auch einfach mal positiv empfunden werden. 💡 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s