Ich will nicht sagen „ich habs ja gesagt“, aber…

Ja, aber. So kanns nämlich auch laufen. Mein Sohn und der Schwimmkurs. Bevor er eingeschult wurde, meldete ich ihn für einen Anfänger-Schwimmkurs an. Der Kurs ging über zehn Stunden und war in erster Linie dazu gedacht, dass die teilnehmenden Kinder die Angst vor dem Wasser – falls vorhanden – verlieren sollten. Soweit so gut. Dort lief alles absolut ohne Zwang ab, genau das Richtige für meinen Sohnemann. Er braucht grundsätzlich sehr lang bis er ausreichend Vertrauen zu einem Menschen hat, um sich auf ihn oder sie einlassen zu können. Und man darf ihn keinesfalls unter Druck setzen, da er sich ansonsten komplett quer stellt. Bei ihm kommt man – wenn überhaupt – nur mit viel Geduld und gutem Zureden ans Ziel.

Dieser erste Schwimmkurs lief sehr positiv und mein Sohn hatte auch keine Angst mehr vor dem Wasser. Im Gesicht kann er es immer noch nicht haben, aber ich hatte eigentlich keine Bedenken, ihn für einen weiteren Schwimmkurs anzumelden. Nun lief alles mit der Anmeldung glatt, nur mit der Durchführung bekamen wir ein Problem: Da Sohnemann immer bis 15:55 in der Schule ist [was ich zum Zeitpunkt der Anmeldung im Frühjahr noch nicht wusste] war es zeitlich nicht machbar, rechtzeitig um 16:15 im Schwimmbad zu sein.

Daher legte ich den zweiten Schwimmkurs für Sohni vorerst auf Eis und meldete statt dessen die Tochter, mittlerweile ebenfalls ein Vorschulkind, für den Anfänger-Schwimmkurs bei einer anderen Schwimmschule an. Tochter verhielt sich damals extrem ängstlich und weigerte sich strikt, auch nur in die Nähe des Nichtschwimmerbeckens zu gehen, geschweige denn hinein. Auch nicht mit Papa oder Mama. Egal wie oft wir es versuchten, da gab es nichts zu holen.

Ihr Anfänger-Schwimmkurs war etwas teurer, sollte jedoch auch insgesamt 20 Stunden umfassen mit dem Erwerb des Vereinsinternen Seepferdchens als Ziel. Zugegeben – ich war etwas skeptisch. Davor führte ich ein längeres Telefonat mit der Inhaberin der Schwimmschule – selbst frühere Leistungsschwimmerin – welche einen kompetenten und erfahrenen Eindruck auf mich machte. Sie schaffte es, meine Zweifel [auch bezüglich meines Sohnes] weitestgehend zu zerstreuen und so meldete ich meine Tochter an.

Womit ich nicht gerechnet habe: Tochter entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit zur personifizierten Wasserratte und nahm tatsächlich am letzten Kurstag das Seepferdchen mit nach Hause.

Erleichtert meldete ich nicht nur meine Tochter für den Fortgeschrittenen-Schwimmkurs an, sondern auch meinen Sohn. Doch nicht ohne mich vorher zu vergewissern, dass die Schwimmschule auch wirklich spezialisierte Schwimmlehrer hat, die mit der Besonderheit meines Sohnes umzugehen wissen. Alles kein Problem meinte die Inhaberin, sie hätten auch schon autistische und ADS-Kinder gehabt, und bei ihnen hätte noch jeder das Schwimmen gelernt. Aha, na dann.

Nach den Sommerferien – sprich im September – sollte es losgehen. Ich hatte die Inhaberin der Schwimmschule informiert, dass mein Sohn zwar keine Angst mehr vor dem Wasser habe, jedoch noch kein Freischwimmer sei, sprich er würde zumindest anfangs noch eine Schwimmhilfe benötigen. Daher ging ich davon aus dass man – wie zugesichert – angemessen auf die Bedürfnisse meine Sohnes würde eingehen können.

Versteht mich richtig: Es geht hier nicht darum, jemanden anzuprangern. Die Schwimmlehrer haben bei meiner Tochter eine großartige Arbeit geleistet; wäre dies nicht der Fall, wäre sie kaum eine solche Wasserratte geworden. Doch was fürs eine Kind genau das Richtige ist, muss für ein anderes nicht notwendigerweise ebenfalls richtig sein.

Der Kurs begann und ich nahm beide Kinder wie geplant mit. Ziemlich zu Anfang ereignete sich ein Vorfall, welcher dem Sohnemann die Lust auf weitere Schwimmstunden gehörig vermiesen sollte. Eine der Schwimmlehrerinnen wies ihn an, ohne Schwimmhilfe ein Stück zu schwimmen. Selbstverständlich weigerte er sich, wurde jedoch mehr oder weniger von ihr dazu genötigt, es dennoch zu versuchen. Zufällig beobachtete ich das Geschehen vom höher gelegenen Restaurant aus und weiß deshalb ganz genau, dass es tatsächlich so vorgefallen ist. Es kam was kommen musste: Sohnemann ging unter. Nur für einen kurzen Moment, dann war die Schwimmlehrerin zur Stelle und half ihm. Doch als er den Beckenrand erreicht hatte und hinausgeklettert war, äußerte sich – verständlicherweise – eine Panikattacke und er brüllte das gesamte Schwimmbad zusammen. Ich selbst hatte in diesem Moment eine Mordswut im Bauch, schließlich hatte ich doch genau das verhindern wollen.
Nach Ende der Schwimmstunde wartete ich also auf meine Kinder und wollte mir direkt die Schwimmlehrerin vorknöpfen. Andererseits hatte es bis dato nie ein gutes Ende genommen, wenn ich im Zorn dem erstbesten Impuls nachgegeben hatte. Daher überlegte ich es mir anders und beschloss, diese Angelegenheit später, wenn ich wieder klar würde denken können, in Ruhe direkt mit der Inhaberin der Schwimmschule zu klären.

Kurz nach Sohnis achtem Geburtstag stürzte er auf seinen linken Arm und trug, wie ich an anderer Stelle berichtet habe, erst mal vier Wochen lang Verletztenchic. Daher fiel Schwimmen erst mal für eine ganze Weile flach. Diese Zeit nutzte ich, um vorsichtig auf meinen Sohn einzuwirken, der nicht die geringste Lust hatte, dort auch nur noch ein einziges Mal hinzugehen. Was ich ja irgendwo verstehen kann. Andererseits wollte ich [noch] nicht so einfach aufgeben, ich hatte mich wirklich reingehängt, um diesen Platz für ihn zu ergattern. Es gibt nicht so viele gute Schwimmschulen hier in der Gegend, und für mich ist es eben wichtig, dass meine Kinder schwimmen lernen.

Doch es sollte sich als Fehler herausstellen. Bei der nächsten Schwimmstunde [ausgerechnet!] hatte ich vergessen, ihm seine Tablette zu geben, die er einfach braucht, um im notwendigen Maße „funktionieren“ zu können. Nein, ich mag das Wort funktionieren auch nicht. Ich verwende es dennoch, weil ich ihn nicht vor sämtlichen äußeren Einflüssen abschirmen kann, so dass er fähig ist, sich ohne störende Ablenkung zu fokussieren. Unter klinischen Bedingungen, sprich mit null störenden Einflüssen von Außen [andere Menschen, Geräusche und andere störende Impulse] ist er durchaus umgänglich, vorausgesetzt, man weiß wie man ihn anpacken muss.

Das Ende vom Lied: An besagtem Tag konnte er sich nicht mehr daran erinnern, wie das Schwimmen mit der Schwimmnudel funktioniert, und veranstaltete erneut ein Höllentheater im Hallenbad. Das war der Moment an dem ich beschloss, ihn dort wieder abzumelden. Es bestand offensichtlich durch diesen ersten Vorfall schon ein so großes Misstrauen seinerseits, dass keine von den Schwimmlehrerinnen mehr einen Zugang zu ihm fand. Oder vielleicht auch nicht finden wollte, was weiß ich.

Was ich damit sagen möchte:
Mein Sohn ist ein kluges, freundliches, neugieriges, aktives und hilfsbereites Kind. Wenn man weiß, wie er tickt, kann man durchaus gut mit ihm auskommen. Stimmt dagegen die Chemie zwischen ihm und der Lehrkraft nicht, hat man keine Chance.

In der richtigen Umgebung mit den richtigen Voraussetzungen ist mein Sohn wissensdurstig und ehrgeizig. Sehr schön zu beobachten in seiner Schule. Dort hat er ein Umfeld, welches auf seine Bedürfnisse eingeht und ihm an den richtigen Stellen Halt und Beständigkeit gibt, an anderer Stelle hat er den Freiraum, den er braucht, um sich zu entfalten. Dort entwickelt er sich bisher großartig.

Geht ihm allerdings etwas gegen den Strich ist er störrisch und verweigert jegliche Kooperation. Im Zuge eines weniger erfreulichen Schriftwechsels mit der Inhaberin erfuhr ich, dass mein Sohn sich angeblich von Anfang an gesperrt hat und keinerlei Kooperationsbereitschaft zeigte. Schlimmer noch: Sie wies sämtliche Schuld von sich, er hätte ja nur mitzumachen brauchen.

Ahja.

Dazu schreibe ich jetzt nichts mehr, das Thema ist durch und bezahlen müssen wir den Schwimmkurs für meinen Sohn auch nicht. Immerhin.

Advertisements

3 Gedanken zu “Ich will nicht sagen „ich habs ja gesagt“, aber…

  1. Meine Kleinekleine hatte einen scheisskurs.. die lehrerin hat sie gezwungen (!!) zu schwimmen. ja, sie konnte es, aber sie wollte nicht. hat seither 2 jahre gedauert, bis sie wieder ohne schwimmärmel ins wasser ging. nu gehts wieder. aber die gute ist noch sturer als ich, und das will was heissen.

    1. Eine Freundin erzählte mir, wie sie beobachtet habe, dass ein Schwimmlehrer in einem anderen Kurs die Kinder ins Wasser geschubst [!] habe, wenn sie nicht freiwillig rein wollten. Ich war nicht dabei, deshalb wie immer ohne Gewähr, aber mir hat das schon gereicht, was ich selbst beobachten durfte -.-*
      Wenn mir das jemand erzählt hätte… ich weiß nicht, ob ichs geglaubt hätte. Eigentlich kaum vorstellbar, zumal ich ihr erzählt hab, wie mein Sohn so ist. Aber was weiß ich denn schon, bin ja nur seine Mutter.

  2. Ich finde es toll, wie sehr du an deine Kinder glaubst und dich für sie einsetzt. Du bist eine tolle Mama! Ich hätte auch gerne einen Menschen gehabt, der sich so für mich einsetzt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s