Wie das Leben so spielt.

Zufall? Heute halfen wir einem meiner Brüder beim Umzug. Er wohnte bis dato in dem Haus, welches mein Vater bis zu seinem Tod im August 2008 bewohnt hatte und wo meine Brüder und ich aufgewachsen sind. Das Haus ist mittlerweile verkauft und am Montag wird voraussichtlich die Übergabe stattfinden.

Seit Paps´ Tod war ich insgesamt vielleicht fünf mal dort. Nach wie vor ist es seltsam für mich, dorthin zurück zu kehren. Meine beiden älteren Brüder haben einiges an Renovierungsarbeit geleistet, kein Zimmer sieht mehr aus wie damals, und doch: jedes Mal wenn ich dort bin werden Erinnerungen wach.

Es sind Erinnerungen, auf die ich lange Zeit nicht zugreifen konnte. Irgendwann einmal hatte ich beschlossen, alles was schief gelaufen war zu vergessen, wegzuschließen, einfach nicht mehr daran zu denken, weil es zu sehr schmerzte.

Als ich vorhin in der Wohnung meines Bruders die Schränke vollends ausräumte und zuklebte, fiel mir der Inhalt von Paps´ Portemonnaie in die Hände. Es waren hauptsächlich Fotos. Passfotos jeweils von meinen Brüdern und mir, eines von meiner Ma als junge Erwachsene, zwei Fotos von Paps sowie sein Personalausweis.

Ich kann nicht beschreiben was ich fühlte, als ich diese Bilder ansah, doch ich glaube, es war Wehmut. Ich bin wehmütig weil diese Zeit, als wir eine „Familie“ waren, unwiederbringlich vorbei ist. Paps war wenn man so will das Bindeglied zwischen meinen Brüdern und mir. Aktuell habe ich mit genau einem von ihnen regelmäßigen Kontakt [interessanterweise ist es ausgerechnet derjenige, mit dem ich früher das Wenigste anfangen konnte, Selbiges galt umgekehrt] und auf absehbare Zeit wird sich daran auch nichts ändern. Das liegt zum Teil an mir und zum Teil an den beiden Anderen. Einerseits bin ich auch darüber traurig und andererseits auch wieder nicht. Klingt komisch, ist aber so. In den letzten Jahren habe ich eines gelernt: Ein Mensch, der nur das Schlechte in dir sehen will, der wird genau das sehen, und sonst nichts. Als Konsequenz dieser Erkenntnis habe ich damit aufgehört, denen gerecht werden zu wollen, die ohnehin nur meine Fehler sehen, und beschränke meine Aufmerksamkeit auf jene Menschen, denen ich auch tatsächlich etwas bedeute.

Auch wenn Paps´ Tod eine Lücke hinterlassen hat, die sich durch nichts wieder schließen lässt. Und selbst wenn ich nach jedem Traum, in welchem er mir begegnet, tieftraurig aufwache als sei er erst gestern gestorben: Mit jedem Tag, der vergeht, verblasst das Gefühl wie es war als er noch lebte, ein bisschen mehr.
Jetzt habe ich selbst eine Familie. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass es auch schön sein kann, eine Familie zu haben. Nein, wirklich. Was ich während meiner Kindheit erleben durfte, vermieste mir den Wunsch nach einer eigenen Familie, und zwar gründlich. Jetzt habe ich zwei Kinder und sage tatsächlich: Sie sind das Beste, was mir jemals hätte passieren können. Und meine es. Und mein Lieblingsmensch? Nun, wir sind nicht immer einer Meinung. Wir sind sehr unterschiedlich vom Gemüt. Bei allem, was uns voneinander unterscheidet, ergänzen wir uns erstaunlich gut. In den vergangenen fünf Jahren haben wir es doch tatsächlich irgendwie geschafft, uns zusammenzuraufen. Er gehört definitiv zu jenen Menschen, zu den ganz Wenigen, denen ich tatsächlich vertraue.

Ich würde niemals behaupten, ohne Fehler zu sein. Ich weiß recht genau, wo meine Schwächen liegen, und ja, ich weiß nur zu gut, wie anstrengend ich sein kann. Je größer die Belastung, desto anstrengender werde ich. Und dennoch: Eine Partnerschaft bedeutet wohl, nicht nur dann zusammen zu sein, wenn alles glatt läuft. Sondern auch in den schwierigen Zeiten immer wieder aufeinander zu zu gehen, einander die Hand zu reichen, füreinander da zu sein. Ich bin dankbar dafür, dass ich das erleben darf.

Schon spannend, was das Leben so an Überraschungen bereit hält. Oder, um einmal mehr mein Lieblingssprichwort zu bemühen:
Verstehen kann man das Leben nur rückwärts.
Leben muß man es vorwärts
.

Søren Aabye Kierkegaard

(1813 – 1855), dänischer Philosoph, Theologe und Schriftsteller

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3 Gedanken zu “Wie das Leben so spielt.

  1. Abschied von einer „merkwürdigen“ Vergangenheit nehmen, ist nicht einfach.
    Erkenntnis über den Istzustand erlangen, ebenfalls nicht.

    Aber das Wissen, dass einiges sehr Gutes einfach da ist, ist schön und ermutigend.

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