ADHS. Weil das Kind selbst am meisten leidet.

Kürzlich kontaktierte mich eine total verzweifelte Bekannte. Ihr Sohn, fast neun, sei seit einigen Wochen in stationärer Behandlung im Kinderzentrum. Man wusste wohl schon länger, dass zumindest Verdacht auf ADHS besteht, sei dem ganzen aber nicht  nachgegangen. Wohl in der Hoffnung, das würde sich irgendwann „auswachsen“. Das Kind ist clever und wurde sogar ein halbes Jahr früher hier im Kaff eingeschult [das geht  hier bei unserer Grundschule, da 1+2 sprich gemischte Klassen], allerdings durfte er bereits in der zweiten Klasse eine „Ehrenrunde“ drehen.

Freunde hat er keine sagt sie, mit Teamfähigkeit und Frustraionstoleranz hapert es auch, um genau zu sein geht der Junge buchstäblich „über Leichen“ wenn er seine Pole Position bzw. seinen Sieg gefährdet sieht. Dazu sei gesagt, beide Eltern arbeiten Vollzeit und der Sprössling war nach der Schule bis zum Nachmittag im Hort. Es gab in Kindergarten, Schule und Hort immer wieder Probleme, bis eines Tages der Anruf kam, das Kind sei „so nicht beschulbar“ und man möge ihn bitte abholen.

Wie sich heraus stellte, hatte der Junge eine Mitschülerin mit einer Schere attackiert. Er hat auch schon mal im Schwimmunterricht einem anderen Kind den Kopf unter Wasser gedrückt, weil es schneller geschwommen war als er selbst.

Sie erzählt, dass ihr Sohn im Kinderzentrum eines der schwierigsten Kinder sei, dass die Ärzte, Therapeuten und Pädagogen große Schwierigkeiten mit ihm hätten, und dass selbst sie ihn zuhause nicht mehr in den Griff bekommt. Sie fühlt sich wie eine Versagerin, eine schlechte Mutter die mit ihrem Kind nicht klar kommt. Ich weiß ganz genau was sie fühlt. Und ich bin ganz sicher die letzte, die sie deshalb schief ansieht oder ihr Vorwürfe macht.

Und nun? Steht ein Schulwechsel an. Da Sohni auf eine E-Schule geht und die Bekannte diesbezüglich Bescheid weiß, fragte sie mich wie es Sohni so gefällt, was eine E-Schule genau ist und wie das dort alles abläuft.

Ihre Fragen versuchte ich nach bestem Wissen zu beantworten, wir unterhielten uns noch über ihren ersten Termin dort, und natürlich kamen wir auch auf Ritalin zu sprechen. Doch das ging nicht von mir aus, sondern von den Eltern des Jungen. Allerdings verhielten sich beide eher ablehnend, wobei der Vater absolut keinen Hehl daraus machte, dass er nicht besser als der  Nullachtfuffzehn-Durchschnittsdeutsche über Methylphenidat informiert war, und dass ihm das an Information vollkommen ausreichte, um sich ein Urteil zu bilden. Er nannte es im selben Atemzug mit Speed und benannte es – natürlich – nicht als Medikament, sondern direkt als Droge. Zugegeben, wenn man ihm glauben kann hat es die Ärztin auch nicht gerade geschickt angestellt, wie sie so dasaß mit ihrem Shirt mit Ritalin-Aufdruck, und den Eltern das Medikament als unterstützende Therapie empfahl. Da muss man als Eltern ja fast schon in Abwehrhaltung gehen.

Es ist aber nun mal so, dass zufällig mein Sohn dieses Medikament nimmt, es gut verträgt, davon nicht abhängig ist und auch sonst kaum Begleiterscheinungen zeigt. Ich halte mich jetzt deshalb auch nicht für eine Rabenmutter.

Jedenfalls bahnte sich dieser Konflikt an. Ich hörte die Worte – Speed – Droge – gefährlich – süchtig – und spürte wie mein Magen sich zusammenzog, meine Nackenhaare sich aufstellten und ich plötzlich einen Kloß im Hals hatte. Meine Gedanken begannen wie wild durcheinander zu wirbeln und ich hatte Mühe, das Chaos wieder zu sortieren.

„ARGH HALTS MAUL!!!11einself“
„Er will dich nicht angreifen.“

„Er versucht nur sein Kind zu schützen.“
„Hattest du nicht die selben Bedenken?“
„Woosah.“
„Und jetzt durchatmen.“
„Michi, denk nach bevor du was sagst! Jetzt bloß keine Schnellschüsse!“

Oder so in etwa dürfte das in meinem Kopf abgelaufen sein. Als ich mich einige Sekunden später wieder halbwegs sortiert hatte, versuchte ich trotz meines inneren Aufruhrs möglichst sachlich seine Aussage zu berichtigen, mich sehr gut daran erinnernd, dass ich selbst fast zwei Jahre gebraucht hatte, um die Diagnose akzeptieren und eine mögliche medikamentöse Behandlung überhaupt erst in Betracht ziehen zu können.

Jaja, das hätte die Ärztin ihnen auch erzählt. Naja. Immerhin.
Tatsächlich gab ich den Eltern des Jungen Recht, zuerst alle anderen Möglichkeiten auszutesten, weil nachher könne man sich schließlich immer noch nach Alternativen umsehen. Aber man wolle möglichst auf das Zeug verzichten, sie wollen ihrem Kind eigentlich keine Drogen [autsch!] geben.

Vieles, nahezu alles, was die Mutter über ihren Sohn erzählt hat, könnte genauso gut eine von meinen Erzählungen sein. Bei Sohni ist es jedoch zu keinem Zeitpunkt so akut gewesen, dass er andere Kinder ernsthaft bedroht hätte. Was nicht zuletzt daran liegt, dass wir sehr früh reagiert haben, anstatt zu warten und darauf zu hoffen, dass er „eben einfach nur einen gesteigerten Bewegungsdrang hat“ und darauf zu warten, dass sich „das schon noch auswächst“.

Nun ist der Junge wieder zu Hause, der Antrag auf eine Sonderbeschulung läuft und ich wünsche mir wirklich, im Interesse des Kindes, dass die drei das schaffen.

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4 Gedanken zu “ADHS. Weil das Kind selbst am meisten leidet.

  1. Das tönt ja ganz heftig. Methylphenidat kann wirklich ein Segen sein für die Kinder, die erwiesenermassen ein ADHS haben.
    Und die Vorurteile, die halten sich wirklich hartnäckig. Sogar bei Leuten, die es eigentlich besser wissen sollten. Der Direktor der Barmer GEK hat im Vorwort seines Arztreports 2013 (mit Schwerpunkt ADHS) von „Pillen gegen Erziehungsprobleme“ geredet. Wenn sogar schon die Fachleute so rumtönen, wie soll dann die durchschnittlich informierte und nicht sehr interessierte „öffentliche Meinung“ was anderes denken?!

  2. Ja man kann auch diese „Fach“Leute dazu motivieren, es anders zu sehen.

    Wenn die AOK fähig ist, ihren Internet-Auftritt zu in Sachen Autismus unter die Lupe zu nehmen, kann; nein MUSS; man auch dem Direktor der Barmer sagen dürfen, dass er kaum Wissen über Ritalin hat!! Eine Autisten hatte die AOK in einem offenen Brief angeschrieben.:idea:

    Für die Eltern des Jungen, die sich gerade selber in einer akut schwierigen Phase befinden, kann ich nur empfehlen sich ernsthaft im Internet umzuschauen! in Betroffenen-Foren.

    Ritalin ist hier eindeutig ein gutes Mittel.

    Und sie müssen sie unbedingt das Wissen verschaffen, dass es Mittel gibt, die bei fremd- und selbstgefährdenden Verhalten durchaus ganz anders wirken und viel heftigere Auswirkungen haben. Uns hat man ganz im Anfang mit Strattera überfallen. Ein Versuch, den wir nach einem halben Jahr abgebrochen haben. Bei unserer Kleinen, die nur ADS hat, wirkt Ritalin sehr gut und es ist wichtig, dass sie es nimmt, damit sie sich nicht in Depressionen abschießt.

    Ich hoffe, dass das Kind ohne viele weitere stationäre Aufenthalte und mit einer gesicherten Diagnose bald zur Ruhe kommen darf.

    Und die Eltern das Gefühl der Selbstbestimmung dadurch zurückgewinnen, dass sie viel lesen. Wirklich viel lesen! Und Therapei sowie Medikament tolerieren lernen. Dass sie aus der Schublade „wir haben alles falsch gemacht“ rauskommen. Denn die Verletztheit der Eltern kenne ich auch sehr gut!

  3. Besser spät als nie:
    Aus meinen Erfahrungen heraus, würde ich betroffenden Eltern niemals raten, sich im Internet schlau zu machen. Da gibt es leider viel zu viele von diesen angeblichen Fachleuten und unnötige Diskussionen, die eher verunsichern.
    Ich würde eher dazu raten, eine kinderpsychologische Einrichtung aufzusuchen und sich dort schlau zu machen, wie geholfen werden kann. Unter dem Stigma „In der Familie kann doch nicht alles mit rechten Dingen zugehen“ kostet es zwar einige Überwindung, aber für das Kind (und auch für die Eltern) ist es das Beste.

    Den Rat, sich Wissen anzulesen, kann ich dagegen nur unterschreiben. Auch das hilft, die eigene Unsicherheit und die Ängste zu überwinden.

    Auch ist es wirklich eine Hilfe, sich mit anderen betroffenden Familien auszutauschen. So habe ich mich damals auch mit Jugendlichen mit ADHS und ADS unterhalten, um überhaupt zu begreifen, wie sie ihre Probleme sehen und wie sie damit umgehen. Das sind heute junge Erwachsene, denen Hilfe auch in Form von Medikamente nicht verwährt blieb und die jetzt ihr Leben erfolgreich leben.

    Bei dem kleinen Mann oben im Artikel ist es leider schon weit gekommen, das ist sehr traurig. Ich wünsche ihm alles Gute und Hilfe für die Zukunft.

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