„Strukturierter Tagesablauf“ und was es für uns bedeutet.

Sohni braucht Struktur. Das ist nichts neues, es ist mir derart in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich gar nicht mehr wahrnehme, wie sehr es unseren Tagesablauf bestimmt. Ich merke es eigentlich immer nur dann, wenn mich a) jemand darauf anspricht, beispielsweise Sohnis Lehrerin. Oder aber b) wenn mein Lieblingsmensch  den allmorgendlichen bzw. allabendlichen Ablauf durchführt, und zwar naturgemäß mit leichten Abweichungen von der [sprich unserer] Norm.

Hier bei uns kann man nicht einfach so mal eben etwas im Tagesablauf ändern. Und schon gar nicht beim morgendlichen oder abendlichen, beinah schon rituellen und stellenweise minutiös durchgeplanten Ablauf. Es gibt nur „den einen“, korrekten Ablauf. Jede noch so kleine Veränderung kann sehr leicht eine Eskalation provozieren.

Vor einiger Zeit hatte ich ein Gespräch mit Sohnis Lehrerin. Sie sprach mich unter anderem auf Sohnis stellenweise fast schon zwanghaftes Befolgen eines strikten, in seinem Kopf durchgeplanten Ablaufes an. Ob mir dies schon einmal aufgefallen wäre. Bewusst war es mir bis zu diesem Tag nicht im gesamten Ausmaß, wie ich zugeben musste. Natürlich ist es mir hie und da aufgefallen, dass Sohni oftmals allergisch auf Veränderungen reagierte, besonders wenn sie ihn unerwartet trafen.

Das erste Beispiel, welches mir hierzu einfällt, war sein neuer Platz in der Kindergarten-Garderobe. Von einem Tag auf den nächsten und ohne jede Vorwarnung wurde sein Platz einem neuen Kind zugeteilt, und er bekam ebenfalls einen neuen Platz, wo er seine Jacke, Matschhose, Rucksack und Turnbeutel würde aufhängen können. Wo die anderen Kinder inklusive meiner Tochter die neuen Plätze recht unbeeindruckt zur Kenntnis nahmen, brachte diese Situation meinen Sohn völlig aus dem Konzept. Er war zuerst stutzig, dann wurde er unsicher. Und von Minute zu Minute kristallisierte sich heraus, dass er damit wirklich nicht so ohne weiteres klarkommen würde. Das war kein Trotzanfall à la „ich will meinen alten Platz zurück“ sondern schlicht eine Situation, welche sich völlig seiner Kontrolle entzog und ihn deshalb überforderte. Er war nicht einmal gefragt worden, statt dessen hatte man ihn  vor vollendete Tatsachen gestellt, und er steigerte sich tatsächlich in einen Heulkrampf hinein. Es kostete mich viel gutes Zureden, Trösten und in-den-Arm-Nehmen, bis er die neue Situation akzeptieren und sich wieder beruhigen konnte.

Dieses Beispiel ist stellvertretend für jede Veränderung, welche sich ergibt und die Sohnemanns gewohntes Umfeld verändert und ihm die für ihn so wichtige Sicherheit nimmt.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich meist vergleichsweise leicht tue, mit Sohni umzugehen. Ich spüre oftmals mehr intuitiv als bewusst, was in ihm vorgeht und kann relativ gut auf ihn eingehen. Und vielleicht ist es deshalb umso schwerer für mich, dies an jemand „Außenstehendes“ zu kommunizieren.

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5 Gedanken zu “„Strukturierter Tagesablauf“ und was es für uns bedeutet.

  1. Kommt mir bekannt vor. Ist glaube ich für Aussenstehende gar nicht nachvollziehbar, dass die Kinder eben auch in den Ferien um die gleiche Zeit ins Bett müssen, das Ausnahmen regelmässig in der absoluten Katastrophe enden.

    1. Das ist es tatsächlich nicht. Ich merke es traurigerweise besonders hier, in der direkten Nachbarschaft, bei Leuten, mit denen ich im selben Haus wohne, wie absolut unmöglich es für Außenstehende bzw. Nicht-Selbst-Betroffene ist, sich in unsere Situation hinein zu versetzen. Es ist so bitter. Es tut mir weh, weil mir mit nichts als Unverständnis begegnet wird. Anstatt zu fragen „hey, warum ist das eigentlich bei euch so und so?“ wird man verurteilt und abgewatscht.

      1. Das verstehe ich. Zum Glück habe ich in der Nachbarschaft eine Freundin, die auch betroffen ist. Das ist ungemein tröstlich und entspannend. Wir brauchen nicht tausend Erklärungen. Ein Wort genügt und wir wissen, wovon wir sprechen.

  2. Je besser die Kids in der ‚ Außenwelt‘ diese Probleme kompensieren/verstecken können, desto höher wird der Druck zu Hause und desto schwieriger fällt es, das Dritten zu erklären.
    Und es ist auch unsagbar schwer, sich über Jahre einer ‚ fremden‘ Tagesstruktur anzupassen.
    Ich wündche dir viel Kraft , Durchhaltevermögen und gelegentlich Entlastung!

    1. Das mit dem Kompensieren stimmt wohl. Ich merke es gerade, wenn Sohni aus der Schule kommt, dass er trotz Bewegungspausen und stundenlangem Draußenspielen trotzdem erst mal „Druck ablassen“ muss -.-*

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