Michi und die Musik: Böhse Onkelz

Dieser Blogeintrag wurde inspiriert von einem Gespräch über das Comeback der Böhsen Onkelz, welches sich vorhin mit dem Vater meiner Kinder ergab.

Es war im Winter 1998/1999. Ich steckte gerade mitten in der Ausbildung, hatte erst seit kurzer Zeit Führerschein und Auto und haderte mit vielem, eigentlich mit so ziemlich allem, als meine damals beste Freundin ein paar CDs von den Onkelz anschleifte. Davor hatte ich eigentlich nur die übliche Medienpropaganda gekannt, mich jedoch nicht einmal ansatzweise mit der Musik von ihnen befasst. Und eigentlich auch kein großes Interesse daran. Doch sie legte die CD in mein Autoradio ein und so hörte ich es eben gemeinsam mit ihr an.

Ich fand die Texte damals gut, obwohl natürlich weder Musik noch Gesang sonderlich, wie sag ich das, anspruchsvoll waren. Doch, so seltsam das klingt, in diesem Abschnitt meines Lebens waren sie genau die Art Musik, die ich gebraucht habe. Ich war gerade mal zwanzig Jahre alt und hatte trotzdem schon [entschuldigt bitte diese rüde Ausdrucksweise] so viel Scheiße erlebt, dass die Onkelz innerhalb kurzer Zeit zu meinem Überdruck-Ablassventil wurden. Ich musste irgendwo hin mit meinem Frust, dem Hass auf alles und jeden, dem ganzen Müll der sich über die Jahre in mir angestaut hatte und der sich in Wutanfällen immer wieder seinen Weg nach draußen bahnte.

Das Lied „Kirche“ wurde für mich zu einer Art Hymne, die ich mir jeden Morgen anhörte, bevor ich in meinen Lehrbetrieb ging: Ein kleines, von einer streng christlichen Familie geführtes Unternehmen, dessen Chef nicht müde wurde, seinen Unmut bezüglich meines – in seinen Augen verabscheuungswürdigen – Lebenswandels kund zu tun. Meine damalige Art der Rebellion.

Man könnte sagen, die Musik der Onkelz fachte meinen Kampfgeist an. Sie half mir dabei, die verbliebenen anderthalb Jahre Lehrzeit auszuhalten, anstatt vorzeitig das Handtuch zu werfen. Ich wusste damals, dass ich keine weitere Chance mehr bekommen würde und ich wollte diese Ausbildung mit Auszeichnung abschließen, nicht mit einem weiteren Abbruch.

Ich hörte relativ lang und immer wieder gern die Musik der Onkelz. Man kann sagen, ich war damals definitiv ein Onkelz-Fan. Zu gern wäre ich auf ihr Abschlusskonzert gegangen, doch zu dieser Zeit war ich gerade 1) in Salzburg und 2) schwer damit beschäftigt, mich auf meine Meisterprüfung vorzubereiten. Ich büffelte jeden Tag, und so sehr ich es auch bedauerte, das Konzert fand ohne mich statt. Ein bisschen neidisch ließ ich mir danach von meiner Arbeitskollegin erzählen, wie es gewesen war. Ihre Augen leuchteten als sie davon schwärmte, wie genial die Stimmung gewesen sei und überhaupt, der absolute Wahnsinn. Ich dachte an meine Meisterprüfung, auf die ich so lang hingearbeitet hatte, und tröstete mich damit, dass so ein Konzert zwar für den Moment ganz toll ist, aber dass ich damit nunmal leider keine berufliche Karriere würde machen können.

Wenig später trennte ich mich von meinem langjährigen Freund, und damit verschwanden auch die Onkelz von meiner Playlist. Zu sehr erinnerte mich deren Musik an die gemeinsame Zeit, da auch er damals Fan von den Onkelz war.

Kurz vor der Trennung hatte ich mir die Box „Gestern war Heute noch Morgen“ gekauft, welche seitdem bis vor wenigen Monaten unangetastet irgendwo ganz hinten im CD-Regal stand. Vor einiger Zeit nahm ich die Box spaßeshalber für ein paar Tage mit ins Auto, um die alten Sachen mal wieder anzuhören und, was soll ich sagen, die Onkelz-Phase hab ich wohl hinter mir. Das Gefühl, welches damals mein ständiger Begleiter war, diese negative Grundstimmung und diese unterschwellige und auch offene Aggression, das ist nicht [mehr] meine Welt. Ich sage nicht, dass es das ist, was die Onkelz mit ihrer Musik vermitteln [wollen], sondern lediglich dass es das ist, was ich persönlich damit verbinde. Diese schmerzvolle und auch einsame Zeit, während der ich zwar [zumindest während dem Großteil der Zeit] einen Freund hatte, doch trotzdem niemandem wirklich vertrauen oder mich an-vertrauen konnte. Ich war einsam, weil wir uns zwar Bett und Wohnung teilten und dennoch unendlich weit voneinander entfernt waren.

Mittlerweile hab ich besagte CD-Box verschenkt, an jemanden der sich darüber gefreut hat weil er heute noch gern Onkelz hört.

Ansonsten wundere ich mich über den Medienrummel, den das Onkelz-Revival ausgelöst hat. Und irgendwie auch nicht. Ich wundere mich deshalb, weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass sich ausgerechnet die Onkelz zu einem Comeback entschließen.

Wäre ich jetzt zehn Jahre jünger und hätte noch keine Kinder, hätte ich wohl höchstwahrscheinlich zumindest versucht, Karten für das Konzert am Hockenheimring zu bekommen. Aber realistisch fühle ich mich einfach zu alt für die Onkelz, auch wenn das jetzt natürlich wieder meine persönliche, rein subjektive Wahrnehmung ist. Bei näherer Betrachtung sind es etliche Gründe, die mich davon abhalten, und mein Alter dürfte noch der Unwichtigste sein. Ich glaube, ich brauche sie einfach nicht mehr. Und das ist ganz gut so.

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Ein Gedanke zu “Michi und die Musik: Böhse Onkelz

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