Und sonst so? Sohni und das Taxi.

Am Montag hibble ich den ganzen Tag dem Gespräch mit Sohnis Lehrerin entgegen, bis ich ihr um 16 Uhr endlich gegenüber sitze.

Sie hat viel Positives zu berichten. Sohni legt ein sehr gutes Arbeitsverhalten an den Tag. Er beteiligt sich konzentriert am Unterricht und kann sich von den weniger konzentrierten und störenden Kindern gut abgrenzen. Er bringt seine Aufgaben zu Ende und ist wissenstechnisch in sämtlichen Bereichen überdurchschnittlich fit.

Soweit so gut, aber nicht wirklich neu.

Weniger gut: Sobald er keine klare Aufgabe hat, die es zu lösen gilt, speziell in den [Bewegungs-]Pausen, macht Sohni eins auf Pausenclown. Er macht Blödsinn, hält sich nicht an Regeln und legt sich auch schon mal mit anderen Jungs an. Was durchaus ein Stück weit normal ist und irgendwie auch dazu gehört. Doch es wirkt sich natürlich auf seine gesamten Bewertungen aus, da nicht nur die Leistung während des Unterrichts sondern auch das Verhalten während der Pausen und in der Mensa in die Bewertungen mit einfließt.

Ebenfalls weniger gut: Sohni braucht einen absolut immer konstant gleichbleibenden Tagesablauf. Sobald sich daran etwas ändert, wirft es ihn aus dem Konzept; schon mehr als einmal verursachte eine unerwartete Planänderung einen [Wut-]Anfall bei ihm.

Zwei Tage später bereue ich fast schon wieder, mich über die guten Nachrichten von Sohnis Lehrerin gefreut zu haben. Er hat sich mit einem anderen Jungen geschlägert und ab Mittag den restlichen Schultag außerhalb der Klasse verbracht. Dem entsprechend fällt auch die Tagesbewertung aus. Ich muss ihn sogar von der Schule abholen. Auf dem Schulhof hielt er sich nach Schulschluss nicht an die Anweisungen der Lehrer und rannte  herum, als die Taxis gerade hineinfuhren.

Am Montag zuvor habe ich mit der Lehrerin die Vereinbarung getroffen, dass sie mich anrufen darf, wenn er sich nicht an die Taxi-Regeln hält; doch ich hatte ehrlich gesagt gehofft, es würde länger dauern, bis ich das Versprechen wahr mache, welches ich Sohni in der Woche davor gegeben hatte.

Natürlich hole ich ihn ab. Ich sage erst mal nicht viel, lasse mir erzählen was sich auf dem Schulhof zugetragen hat. Er wäre fast vor eins der Taxis gerannt sagt die Lehrerin, natürlich verstehe ich dass man das nicht durchgehen lassen kann. Ich bin nicht wütend; tatsächlich bin ich für meine Verhältnisse sehr gelassen und lege mir gedanklich zuerst ein paar Sätze zurecht, bevor ich im Auto das Wort ergreife.

Sohni versucht eine Beschwichtigungs-Taktik. „Mamaa… ich hab dir in der Schule was gebastelt.“

„Mhm.“ antworte ich. „Ich würde mich aber viel mehr darüber freuen, wenn das mit dem Taxi endlich mal wieder klappen würde. Du kennst doch die Regeln auf dem Schulhof. Du weißt, dass es gefährlich ist. Warum klappt das nicht mehr?“

„Ich habs halt vergessen.“

Ich denke an meine eigene Verpeiltheit und Vergesslichkeit. Zwar kann ich nicht in seinen Kopf hineinschauen, doch ich kann aus eigener Erfahrung sehr gut nachvollziehen, was sich in Puncto Vergesslichkeit und mangelnder Impulskontrolle oft in seinem Kopf abspielen dürfte.

„Weißt du Sohni, ich hab geschlafen als deine Lehrerin angerufen hat. Und ich hätte gern noch ein bisschen weitergeschlafen, statt dessen sitze ich hier und hole dich von der Schule ab. Ich bin gerade ziemlich sauer.“

„Mhm.“

Ich wähle meine Worte mit Bedacht; natürlich kann man bei einem Siebenjährigen bis zu einem gewissen Punkt durchaus an die Vernunft appellieren. Doch meine Erfahrung sagt ebenfalls, dass es letztlich doch nur dann zieht, wenn es ihm wehtut. Ich denke natürlich nicht an irgendwelche [in meinen Augen übrigens vollkommen nutzlose bis kontraproduktive körperliche] Gewalt. Ich denke an sein Sparschwein. Und daran, dass er gerade auf ein großes Lego Technic Auto spart. Und nehme den Gesprächsfaden wieder auf.

„Weißt du eigentlich, dass es jedes Mal Geld kostet, wenn ich dich von der Schule abhole?“

„Echt?“

„Klar. Ich muss doch das Auto betanken, und Benzin kostet Geld. Klar haben wir etwas mehr Geld, jetzt wo ich jede Nacht arbeite. Aber wir haben nicht so viel, dass ich dich so ohne weiteres jeden Tag von der Schule abholen kann. Weißt du, was das heißt?“

Er schüttelt den Kopf.

„Dass ich dir zum Beispiel keine neuen Spielsachen kaufen kann, solange ich dich jeden Tag von der Schule abholen muss. Und dass ich aus deinem Sparschwein Geld rausnehmen muss, weil Benzin teuer ist.“

Er versucht einen Vorstoß. „Wenn ich doch nur hundert Euro hätte, dann würd ichs dir geben.“

„Du hast aber keine hundert Euro, die du mir geben könntest.“ Ich lasse einige Sekunden verstreichen, damit er das Gesagte verdauen kann. „Also. Du hast die Wahl. Entweder du hältst dich an die Regeln im Taxi und auf dem Schulhof, oder es gibt für eine lange Zeit erst mal keine neuen Spielsachen mehr für dich. Und auch kein Lego Technic Auto.“

Als wir zuhause ankommen, spricht der Lieblingsmensch noch einmal mit Sohni über das Thema und bestätigt das von mir Gesagte.

Dennoch sind wir uns nicht sicher, ob der Sohnemann auch wirklich begriffen hat, wie gefährlich es ist, vor ein Auto zu laufen. Immerhin ist es nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. Bereits im vergangenen Jahr war ich einmal nicht schnell genug bei ihm, und er ist in meinem Beisein direkt vor ein – zum Glück sehr langsam fahrendes – Auto gerannt. Als ich mitbekam, was gerade passierte, stand Sohni auf der Straße vor der Sportschule; Nur eine Armeslänge entfernt befand sich der Kühlergrill des Autos, dessen Fahrer aufmerksam war, deshalb geistesgegenwärtig reagieren und das Auto rechtzeitig zum Stillstand bringen konnte.

Ich stelle mir einige Sekunden lang vor, was wäre, wenn Sohni hier im Dorf eingeschult worden wäre. Er müsste jeden Tag alleine zu Fuß den gesamten Weg zur Schule und zurück laufen. Und dabei die Hauptstraße überqueren. Das zieht. Ich beschließe, dass ich nicht herausfinden möchte, ob das Geld-Argument für Sohnemann ausreicht.

Natürlich ist so etwas wie „schwer verletzt sein“ oder „tot sein“ für Sohni zu abstrakt, um sich etwas darunter vorstellen zu können. Daher entschließen wir uns zu einer drastischen Maßnahme. Mein Lieblingsmensch wird das Internet nach einem Video durchforsten, auf welchem ein Unfall zu sehen ist, in welchen ein Auto und ein Fußgänger verwickelt sein sollen. Ohne Blutvergießen, doch man sollte ganz klar sehen, was mit einem Fußgänger passiert, der vom Auto erfasst wird.

So passiert es dann auch. Der Lieblingsmensch findet ein Video, in welchem ein Kind vor seiner Mutter auf die Straße rennt, von einem Taxi erfasst wird und in hohem Bogen davon fliegt.

Als wir ihm am nächsten Tag das Video zeigen, ist Sohni plötzlich sehr still. Er sagt kein Wort, und das kennt man von ihm eigentlich nicht. Er ist wirklich keiner von der schweigsamen Sorte.
Ich versuche krampfhaft, mich nicht schlecht zu fühlen. Es gelingt mir nicht. Eigentlich finde ich, dass ein Kind so etwas nicht sehen sollte.

Am nächsten Tag ruft die Lehrerin nicht an. Sohni darf wieder im Taxi mitfahren.

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2 Gedanken zu “Und sonst so? Sohni und das Taxi.

  1. Tod hat im Buddhismus eine andere Bedeutung. Wir fürchten ihn nicht auf die Weise, wie Christen. Als Japanerin gehe ich anders mit Gewalt, Tod, Verletzungen um. Ich bin mir dieser Dinge bewusst, aber sie haben mir nie geschadet. Über Horrorfilme kann ich schmunzeln, auch wenn ich natürlich wie jeder andere Mensch erschrecke 😉

    Kinder sind sehr sensibel und eine kleine Seele schnell verletzt. Dein Lieblingsmensch hat aus Sicht von Mann gehandelt. Hart, direkt, brutal. Das wirkt, aber nicht immer. Weniger ist oft mehr.

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