Der ganz normale Wahnsinn: Freitags in der Sportschule.

Sohni geht seit über zwei Jahren ins Taekwondo. Es macht ihm großen Spaß und er hatte auch schon erste Erfolgserlebnisse, er trägt seit letztem Frühjahr den gelben Gürtel.

Momentan geht er immer Freitags hin, weil es sich zeitlich mit seiner Schule [welche eine stationäre Einrichtung sprich ganztägig ist] nicht anders arrangieren lässt.

Lange Zeit ging er Donnerstags hin, die Stunde ist kürzer [45 min] und findet zudem auch früher am Nachmittag statt als die Freitags-Stunde [60 min]. Diese Stunde am Freitag ist für Sohni ein echt harter Knochen. Es war von Anfang an schwierig für ihn, eine Viertelstunde länger durchzuhalten als sonst, und dazu auch noch so spät, nämlich von 17 bis 18 Uhr. Dem entsprechend hagelte es immer wieder Ermahnungen, auch wenn er es regelmäßig schaffte, eine Stunde lang durchzuhalten, ohne auch nur ein einziges Mal ermahnt zu werden.

Ich selbst finde den Trubel am Freitag ehrlich gesagt auch grenzwertig. Aber ich hab ihm gesagt er darf das machen solange es ihm Spaß macht, also beiße ich mich da durch.

So auch gestern. Wir fahren ganz entspannt in die Stadt raus, labern unterwegs über dies und das [was ich ganz fein finde] und finden ziemlich schnell einen Parkplatz. Dennoch fürchte ich, dass es problematisch werden könnte, da Oma zu Besuch ist und Sohni viel lieber bei ihr geblieben wäre anstatt ins Training zu gehen.

Nachdem ich das Auto abgestellt habe gehen wir nach oben, Sohni darf noch einige Minuten mit seinem neuen Auto spielen und als es Zeit ist, gehen wir zum Umziehen. Zwar kann er sich natürlich alleine umziehen, doch ich begleite ihn weil er a) seinen Gürtel noch nicht selbst binden kann und b) weil er sich fürchterlich ablenken lässt. Einfach nur damit er rechtzeitig fertig umgezogen ist, wenn die Stunde beginnt.

Als Sohnemann umgezogen ist, geht er in den Nebenraum, wo die Kinder warten, bis ihre jeweilige Trainingseinheit anfängt. Ich habe ihn bereits darüber informiert, dass ich kurz weg muss, um für meinen Lieblingsmenschen etwas in der Stadt abzuholen. Ist in Ordnung, auf dem Klo war er auch, alles paletti und ich mache mich auf den Weg.

Als ich zurück kehre, suche ich mir im Barbereich einen Platz in der hintersten Ecke, nehme mein Buch zur Hand und beginne zu lesen. Oben im Zuschauerbereich ists mir zu voll, selbst sämtliche Stehplätze sind belegt; dieses Eltern-Gedrängel ertrage ich nicht. Kurz schaue ich auf den Fernseher, wo man das Geschehen im Trainingsraum via Kamera verfolgen kann. Ich kann Sohni nicht ausmachen, also widme ich mich wieder meinem Buch.

Kurz vor Ende der Stunde blicke ich nochmal kurz auf, sehe den Meister mit Sohni im Nebenraum reden, Sohni hat ein ganz rotes Gesicht und sieht überhaupt nicht begeistert aus. Oh je denk ich, das kann ja noch lustig werden. Die Uhr zeigt kurz vor Ende der Trainingseinheit, also gehe ich nach oben um dort auf Sohni zu warten.

Dort angekommen erwischt mich sein Meister, der auch Inhaber der Sportschule ist. Er fragt, ob ich nach der Stunde kurz Zeit hätte, klar hab ich, und warte auf meinen Sohn. Welcher kurz darauf auch schon nach draußen kommt, und tatsächlich zielmlich mies drauf ist. Er beichtet auch gleich, dass er in die Ecke stehen musste weil er Quatsch gemacht hat. Mhm sage ich, und sonst sage ich nicht viel. Wir gehen in die Umkleide und ich eröffne ihm, dass sein Meister gern nochmal mit uns sprechen möchte. Er will nicht mit zum Gespräch. Ich finde er kann schon mit, weil Quatsch machen konnte er ja auch.

Während Sohnemann sich umzieht schlucke ich erst einmal. Und nochmal. Ich ringe meine Enttäuschung nieder, ich weiß schließlich ganz genau warum ihm diese verdammte Freitags-Stunde solche Schwierigkeiten bereitet. „Weißt du…“ beginne ich ein Gespräch. Er blickt mich an. Große blaue Augen, ein Ausdruck zwischen Furcht und hoffender Erwartung. Ich weiß oder glaube zu wissen, wie es in ihm aussieht. Nicht dabei bleiben zu können, Dinge die man eigentlich weiß plötzlich nicht mehr abrufen zu können, sich nicht auf etwas konzentrieren zu können weil tausend andere Reize auf einen einprasseln, das kenne ich nur allzu gut. Wer bin ich, um ihm ausgerechnet daraus einen Vorwurf zu machen?
Also schlucke ich die Tirade aus Vorwürfen herunter, die noch vor einer Weile darauf gefolgt wäre. Sage statt dessen „Weißt du, jetzt gehen wir erst mal runter, hören was dein Meister zu sagen hat, und dann schauen wir mal weiter.“ Dann streichle ich ihm über den Kopf und hänge ein „Wird schon nicht so schlimm werden.“ hintendran.

Dann nehme ich ihn an die Hand und wir gehen gemeinsam die Treppe herunter in den Barbereich. „ÜBERFALL!“ tönt es von rechts, Moment, die Stimme kenn ich doch? In der Tat, da sitzt meine Mutter [dafuq?] mit Töchterchen im Schlepp und ruft mir ein freudiges „Wir hatten keine Lust zuhause zu warten!“ entgegen. Puh, auch das noch. Ich hab sie ja echt lieb, aber ich hasse Überraschungen. Sie sieht meinen Gesichtsausdruck, scheinbar sehe ich alles andere als begeistert aus, und fragt ob das jetzt schlimm sei. Naja nee murmle ich, gedanklich gerade eigentlich noch mit Sohni beschäftigt und damit, mich auf das Gespräch mit seinem Meister vorzubereiten. „Ein kurzer Anruf wäre nett gewesen.“ füge ich hinzu, während ich krampfhaft versuche, irgend einen klaren Gedanken zu behalten, als das Töchterchen um mich herumzulaufen beginnt und immer wieder auf mich einredet. Nun ists zuviel und ich merke, wie mein letztes bisschen Konzentration sich in Nichts auflöst und der Fluchtinstinkt angekrochen kommt. Ich ringe ihn nieder und bitte  das Töchterchen unter Aufbietung all meiner Selbstbeherrschung, sich auf die Couch zu setzen bis ich mit Sohnis Meister gesprochen habe.

Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit hat dieser sämtliche Mitgliedsausweise an die anderen Kinder verteilt und bittet uns ins Büro. Er schildert was passiert ist, dass Sohni dreimal in die Ecke musste, und beim dritten Mal dann für den Rest der Stunde. Weiter erklärt er, dass er nicht versteht, warum Sohni manchmal kann und dann wieder so gar nicht. Er schließt seinen Monolog mit der Information, dass er Sohni eigentlich für die nächste Prüfung anmelden wollte, aber nach diesem katastrophalen Training könne er das leider nicht machen. Ob ich noch irgendwelche Fragen habe. Ja, naja, eigentlich hab ich keine Fragen. Ich versuche, ihm begreiflich zu machen, dass Sohni Freitags einfach platt ist von der Woche, dass er eine Ganztageseinrichtung besucht und jeden Tag zehn Stunden außer Haus ist. Dass Freitag der einzige Tag ist, an dem er früher raus kommt, und dass ich ihn dann ins Taekwondo schleife. Und dass der Freitag, speziell die Uhrzeit während der das Training stattfindet, unterm Strich einfach zu spät ist für ihn, weil sein Scheiß-Ritalin nicht so lang wirkt weil er sich um diese Uhrzeit auf nichts mehr konzentrieren kann. Achso sagt der Meister, dann wird er ihn das nächste Mal beim Training ein bisschen anders anpacken.

Ich erwähne noch das Gespräch mit Sohnis Lehrerin, welches für kommende Woche Montag anberaumt ist. Und dass ich sie fragen werde, ob ich Sohni Donnerstags eine halbe Stunde früher von der Schule abholen kann, dass er wieder in „seine“ Donnerstags-Stunde gehen kann. Ja meint der Meister, das wäre vielleicht auch nicht das Schlechteste. Weil er geht ja – trotz allem – wahnsinnig gern dorthin. Und das sollte gefördert werden, finden wir beide.

„Siehste Sohni, der Kopf ist noch dran, und so schlimm wars ja nicht, oder?“
Er sagt nicht viel, ich glaube er ist einfach nur froh, dass er es hinter sich hat.

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