Armes Rehlein.

Da fahre ich nachts gen Arbeit, denke an nichts Böses, biege nichtsahnend um die Kurve als ich urplötzlich dieses Reh vor mir mitten auf der Fahrbahn stehen sehe. Damnit, zu spät gesehen und zu schnell um das Fahrzeug rechtzeitig zum Stillstand zu bringen. Was haben wir für diesen Fall in der Fahrschule gelernt? Richtig, Lenkrad festhalten und hoffen. Natürlich starte ich dennoch einen Bremsversuch, der jedoch jämmerlich fehlschlägt. Rumms machts, und das Tier fliegt in hohem Bogen über [!] den Straßengraben hinweg einige Meter vom Auto entfernt ins Gras, wo es spontan liegen bleibt.

Ich für meinen Teil mache sofort den Warnblinker an [als ob das nachts um 00:20 irgendeine Sau interessieren würde -.-*] aber es ist hauptsächlich ein Automatismus, denn ich habe natürlich erst mal einen Riesenschrecken und tue halt mal irgendwas, was man so gewohnheitsmäßig macht, wenns gescheppert hat.

Als nächstes fahre ich rechts ran und fische, zitternd wie Espenlaub, erst mal mein Handy aus der Manteltasche. Das heißt, zuerst verfluche ich meine Schlampigkeit in Sachen Handy, denn nachdem ich sämtliche Taschen inklusive Rucksack durchsucht habe, bin ich davon überzeugt, es zuhause vergessen zu haben. Naja, sicher ist sicher denke ich, suche ein weiteres Mal, diesmal etwas gründlicher und siehe da: Ich hab es ja doch dabei.

Und jetzt? Irgendwo muss ich jetzt einen Wildunfall melden, nur wo? Wen anrufen, wenn ich nicht weiterweiß? Klar, den Lieblingsmenschen, den ich natürlich prompt aus dem Bett klingele. Es grenzt an ein Wunder dass er das Telefon überhaupt hört, normalerweise kann man neben ihm einen Panzer parken während er schläft, ohne dass er sich davon in irgendeiner Form beeindrucken lässt. Vermutlich weil er noch nicht lange geschlafen hat. Glück für mich.

Er informiert mich, dass ich den Notruf wählen muss und dass die dort dann alles weitere erledigen. Aha, na dann. Ob er bitte noch wachbleiben kann, bis hier alles seinen Gang geht. Klar kann er, er ist halt doch der Allerbeste.

Ich wähle also den Notruf und bekomme einen freundlichen Polizisten an die Strippe, der aber irgendwie seltsam redet. Ich schildere ihm den Vorfall und werde, natürlich, erkältungsbedingt von mehreren heftigen Hustenanfällen unterbrochen. Der Polizist erlaubt sich einen Scherz, er selbst ist ebenfalls ziemlich erkältet und spricht deshalb so nasal. Wir lachen kurz darüber, doch meinerseits ist es mehr ein Verlegenheitslachen, denn eigentlich ist es mir fürchterlich unangenehm, ein Tier überfahren zu haben. Zumal ich an dieser Strecke immer höllisch aufpasse, doch diese Stelle ist einfach zu unübersichtlich, wohl niemand hätte das Reh rechtzeitig gesehen.

Der freundliche Polizist verbindet mich mit dem zuständigen Kollegen, welchem ich abermals den Vorfall und meinen ungefähren Standort schildere. Er informiert mich darüber, dass er den Forstpächter anrufen wird und sich danach nochmals bei mir meldet.

Also gut, dann warte ich. Kurze Zeit später klingelt das Handy, der Forstpächter mache sich sogleich auf den Weg, ich solle noch am Unfallort warten und am besten den Warnblinker einschalten. Ich bedanke mich für seine Hilfe und wünsche dem Herrn Polizisten noch eine ruhige Nacht.

Den Warnblinker schalte ich natürlich auch ein, und während ich auf den Forstpächter warte, schreibe ich eine SMS an den Lieblingsmenschen. Alles okay, der Forstpächter ist unterwegs. Danach wähle ich die Nummer des Betriebs in dem ich arbeite. Ich erwische eine Arbeitskollegin, deren Arbeitsbeginn zur selben Zeit ist wie meiner und bitte sie, meinem Abteilungsleiter [der keine eigene Durchwahl hat] Bescheid zu geben. Klar macht sie, und während ich mich bei ihr bedanke kommt schon ein Auto angefahren, kann das schon der Forstpächter sein? Na das ging aber schnell.

Er stellt sein Auto neben meinem ab, steigt aus [Hats Auto was? -Weißnich, ich seh im Dunkeln so schlecht.] und leuchtet erst einmal meine Motorhaube an. Schön frontal erwischt, das Tier, der Forstpächter  schaut die Haare an, welche sich in den Ritzen der eingedellten Stoßstange verfangen haben und stellt fachmännisch fest, das sei ein Reh gewesen. [Echtjetz? Also das hab ich vorher schon gewusst.] Ich deute auf die Stelle, wo es in etwa hingeflogen sein könnte, und er zeigt zielgenau auf einen liegenden Baumstamm, welcher sich beim näheren Hinsehen tatsächlich als totes Reh entpuppt. „Ich seh alles.“ grinst er. Ich grinse kurz mein Verlegenheitsgrinsen; obwohl mir das alles nach wie vor fürchterlich unangenehm ist, vor allem als er ein „da ist nix mehr zu holen“ vor sich hinmurmelt und einen fies verdrehten und mindestens einmal gebrochenen linken Hinterlauf hochhebt. Er drückt auf den [weichen!] Bauch des Rehs und stellt wiederum sehr fachmännisch dessen Tod fest.

Zum Schluss füllt er einen Wildunfallbericht aus, den ich bei der Versicherung einreichen kann. Und werde. Ich für meinen Teil wünsche ihm eine gute Heimfahrt und eine ruhige Nacht und verabschiede mich, mir selbst das selbe wünschend.

Als ich weiterfahre, läuft das obligatorische was-wäre-wenn-ich-fünf-Minuten-später-losgefahren-wäre in meinem Kopf ab, welches ich jedoch schnell wieder abwürge. Sowas kann eben passieren wenn man nachts durch den Wald fährt, und während ich schon Töchterchens tadelnden Blick vor meinem inneren Auge sehe, fliegt ein großer Vogel [möglicherweise ein Uhu?] von der Fahrbahn auf, genau von jener Stelle welche ich wenige Sekunden später passiere.

Zum Glück hat wenigstens der Vogel rechtzeitig reagiert.

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3 Gedanken zu “Armes Rehlein.

  1. Das was-wäre-wenn-Spielchen geht in unseren Gedanken immer gut aus. Aber was wäre, wenn du fünf Minuten später losgefahren wärst, das Reh trotzdem dort gestanden hätte, du ein Ausweichmanöver auf die Gegenfahrbahn gemacht hättest, wo genau in dem Moment ein Auto gekommen wäre?
    Es war sicher schlimm, wie es war, aber wenn du dir die was-wäre-wenn-Frage stellst, vergiss nicht, dass es für dich noch schlimmer hätte kommen können.
    Ich hoffe, du hast dich von dem Schreck wieder erholt.

  2. Du hast keinen Fehler sondern alles richtig gemacht. Und was geschehen wäre, wenn du fünf Minuten später losgefahren wärst? Ein anderer Autofahrer hätte das Reh angefahren. Du wärst vielleicht in sein stehendes Auto gekracht, weil er keinen Warnblinker gesetzt hat. Vielleicht.

    Wir neigen dazu über solche Dinge nachzudenken, uns Vorwürfe zu machen. Sie zeigen uns auch, die Vergänglichkeit des Lebens. Den ewigen Kreislauf von Geburt und Tod. Der Weg des Rehs war in dieser Nacht, an dieser Stelle zu Ende. Deiner geht weiter.

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