Spielen macht schlau.

Diese Woche kaufte ich einen „Spiegel“, weil mich der Titel interessierte. Politiker machen bekanntlich mit schöner Regelmäßigkeit Computerspiele für Amokläufe verantwortlich und endlich hat es eine Zeitschrift geschafft, vernünftig zu recherchieren und einen entsprechenden Artikel zu veröffentlichen.

Ich wusste schon länger, dass an den Behauptungen dieser Politiker nichts oder zumindest nur sehr wenig dran sein kann, denn würden Computerspiele normale Menschen zu Amokläufern machen, dann müsste ich ja auch einer sein.

In meinen besten Zeiten, so zwischen 1997 und 2000, habe ich in großem Ausmaß Computerspiele gespielt, und zwar nicht nur die eher „harmlosen“ Aufbau-Strategie-Spiele à la Age of Empires oder auch StarCraft, sondern hauptsächlich Ego-Shooter wie Quake, Doom, Duke Nukem 3D und wie sie nicht alle hießen. „Böse, gewaltverherrlichende Killerspiele“. Ich habe sie alle gespielt. Stunde für Stunde, Tag für Tag, ob Single- oder Multiplayer, ob Co-Op [mit anderen Spielern gegen KI] oder als Deathmatch [PvP oder zu Deutsch: Spieler gegen Spieler]. Täglich mehrere Stunden und am Wochenende nicht selten bis spät in die Nacht. Ach ja, ich habe übrigens trotzdem [oder gerade deshalb? Wer weiß das schon…] meine Ausbildung, die ich genau während dieser Zeit absolvierte, im Sommer 2000 mit Auszeichnung abgeschlossen. 😉

Nun ist neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge das Computerspiel nicht gewaltfördernd, sondern im Gegenteil, wenn Spieler miteinander spielen, senkt es sogar das Aggressionspotential. Spielt einer im Singleplayer, ändert es sich weder zum Positiven noch zum Negativen.

Außerdem fördert Computerspielen die Reaktionsfähigkeit sowie die Hand-Augen-Koordination. Aber jemandem, der selbst Computerspiele spielt, muss ich das ja nicht sagen. 😉

Was allerdings selbst mich erstaunt hat, ist folgende Geschichte, die ich euch nicht vorenthalten möchte:
Eine Frau namens Pam Omidyar, die Frau des Gründers von Ebay, arbeitete als Nachwuchswissenschaftlerin in einem Labor und beobachtete stundenlang unter dem Mikroskop, wie sich Krebszellen vermehrten. Sie selbst entspannte gern beim Computerspiel und fragte sich daher, ob es nicht möglich wäre, ein Spiel zu programmieren, welches krebskranken Kindern hilft, die Krankheit besser zu bekämpfen.
Sie investierte 4,5 Mio. Dollar und das Ergebnis ist ein Third-Person-Shooter, der laut wissenschaftlichen Studien und Beobachtungen im Krankenhausalltag den kleinen Patienten zu einer besseren Widerstandskraft verhilft und die Verträglichkeit von Medikamenten verbessert. Der Sieg im Spiel erhöht bei den Kindern den Glauben daran, dass sie den Krebs besiegen können.

Und dies ist nicht das einzige Beispiel, wo Computerspiele therapie-unterstützend eingesetzt werden. „Sparx“ hilft Patienten, die an Depressionen leiden. Snowworld hilft Verbrennungsopfern, ihre Schmerzen besser zu ertragen. Die empfundene Intensität der Schmerzen sinkt um bis zu 50%. Tetris hilft bei der Traumatherapie. Das Spielen nach einer traumatischen Situation senkt die Zahl der Flashbacks spürbar, auch wenn niemand genau sagen kann, warum das so ist.

Und nun noch kurz etwas zum Thema Computerspielsucht:
Laut einer im Jahr 2011 vorgestellten repräsentativen Studie des Hans-Bredow-Instituts zeigten 98,6% aller Spieler ein „unauffälliges Spielverhalten“, während nur 0,9% als „gefährdet“ gelten und sage und schreibe nur 0,5% aller Spieler tatsächlich süchtig seien.
Nur so zum Vergleich: Als alkoholabhängig gelten in Deutschland mindestens 1,3 Millionen Menschen, fast zwei Prozent der Erwachsenen.

Tja, Pustekuchen liebe Politiker und Computerspielgegner, ich schätze ihr werdet euch einen anderen Sündenbock suchen müssen.

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4 Gedanken zu “Spielen macht schlau.

      1. Klar. Mittlerweile gibts in der Didaktik sogar schon Leute, die mithilfe von Zelda und Co. Leseförderung betreiben. Geil zu lesen ist beispielsweise der Blog Medienistik, in dem Germanisten sich über Games auslassen. Sehr geil 😉 http://medienistik.de/

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