In loving memory.

Irgendwo hab ich mal gehört oder gelesen dass man nach dem Tode einer geliebten Person irgendwann beginnt, sich ein „verzerrtes“ Bild dieses Menschen zu  gestalten, welches – wenn überhaupt – nur noch zum Teil etwas mit ihm gemein hat.

Ich weiß nicht, inwiefern das auf mich und meinen Dad zutrifft. Ich glaube nicht, dass ich jemals ein Bild von ihm hatte, welches der Vielschichtigkeit seiner Person auch nur annähernd gerecht wurde. Ich wusste nichts von ihm, ich kannte nur das Gesicht, welches er mir von sich zeigte, zeigen wollte, zeigen konnte.

Bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr, als meine Mom und ich zuhause auszogen, war es das Gesicht eines chronisch gereizten, schwer alkoholabhängigen Cholerikers, der nicht ein einziges freundliches oder gar liebevolles Wort für seine Kinder übrig hatte, und für seine Frau auch nicht. Er war ein Pedant und Tyrann und tat in meinen Augen nichts anderes, als uns alle zu schikanieren. Etwas mehr als zwei Jahre ging ich ihm aus dem Weg, nachdem wir ausgezogen waren. Als ich fast achzehn war änderte sich etwas; mit Hilfe eines jungen Mannes kam wieder Kontakt zwischen uns zustande und mit den Jahren wandelte sich mein Bild, ganz langsam. Doch so wirklich vertrauen konnte ich ihm bis zu seinem Tode nicht. Ich versuchte es, doch egal wie sehr ich mich anstrengte, ich hatte zu viel Angst erneut von ihm verletzt zu werden. Und auch meine Mom leistete ihren Beitrag, indem sie meine Erinnerung an seine „Schandtaten“ lebendig hielt. Natürlich nicht absichtlich, sie selbst konnte ihm ebenso wenig, oder noch weniger verzeihen, wie ich es konnte.
Sie kann es bis heute nicht.

Mittlerweile, nach allem was ich über ihn weiß, ist er für mich einfach nur ein Mensch, mit dem es das Schicksal nicht besonders gut meinte. Geboren ein Jahr vor Beginn des zweiten Weltkrieges, die Angst während er mit der Familie im Luftschutzkeller saß, der frühe Tod von dreien seiner Geschwister, all die Entbehrungen, die Flucht in den Westen, das Zurücklassen eines Teils seiner Familie im Osten, der Tod seiner ersten Frau; der Alkohol hätte ihn schon vor meiner Zeugung beinah umgebracht. Er hatte einfach nur riesiges Glück, gerade zufällig in einer Klinik zu sein, als seine Magenwand durchbrach und die Magensäure begann, in seinen Bauchraum zu laufen.

Wieviel Leid kann ein Mensch aushalten, ohne irgendwann einfach innerlich zu zerbrechen? Ich glaube, nein, bin mir sicher, dass er seinen Möglichkeiten entsprechend der best mögliche Vater für uns sein wollte und es auch war.

Alles Gute zum Geburtstag, Paps.

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Ein Gedanke zu “In loving memory.

  1. Ob man die Toten verklärt, weiß ich nicht. Aber angeblich neigen wir alle dazu, die Vergangenheit mitunter als schöner zu sehen, als sie eigentlich war. Traumata sind davon natürlich ausgeschlossen. Und je länger etwas zurück liegt, desto verklärter soll die Erinnerung sein.
    Ich weiß nicht, ob das stimmt – aber ich habe durchaus Angst, dass die „richtige“ Erinnerung an meine Mutter verloren geht, weil es immer länger her ist, dass sie noch am Leben war!

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