Michi und die Hühner [Teil 4]

Man versprach, gut für Mäxchen zu sorgen und so zog Klein-Michi mit einem lachenden und einem weinenden Auge von dannen.

Ihren beiden Hennen ging es gut, und Frida entwickelte sich prächtig. Das einst dreckige und zerrupfte, bemitleidenswert aussehende Federvieh wurde zu einem kräftigen Tier mit prächtigem, schneeweißen Gefieder. Sie genoss sichtlich ihre neu gewonnene Freiheit und zog mit der viel kleineren Susihenne durch den Garten und wenn es sein musste, auch schon mal durch benachbarte Gärten. Da Klein-Michi ihren Hühnern nicht die Schwungfedern kürzen wollte, flatterten die Hennen regelmäßig über den Gartenzaun, sehr zum Leidwesen des Nachbarn, der schon mit den Familienkatzen seine liebe Not hatte. Und nun – um Himmels Willen – legte das schwarze Hühnertier auch noch ihre Eier in seinen Komposthaufen! Das gab natürlich Stunk; daher durften die Hühner von diesem Tag an nur noch unter strenger Aufsicht im Garten frei herumlaufen.

Die Eier, welche die beiden Hennen legten, waren ganz besonders. Die Dotter waren nicht so dunkelgelb wie die Eier aus dem Supermarkt, sondern ganz zartgelb gefärbt. Und geschmacklich hätte man sie mit Leichtigkeit von jedem Supermarkt-Ei unterscheiden können. Alle fandens lecker, nur der zweitälteste Bruder von Klein-Michi nicht. Der fands eklig. „Iiiieh, die essen ja Regenwürmer. Und Engerlinge. So ein Ei ess ich nicht.“ Klein-Michi lachte sich ins Fäustchen und versuchte in ihrer unendlichen Geschwisterliebe natürlich regelmäßig, ihm doch irgendwie eines der Eier unterzuschieben. Doch sie war immer schon eine miserable Schauspielerin, und so kam er ihr jedes Mal rechtzeitig auf die Schliche.

Klein-Michi kümmerte sich so gut sie konnte um ihre Hühner. Natürlich wurde Klein-Michi älter und ihre Interessen veränderten sich zu Ungunsten der Hühner. Sie verbrachte weniger Zeit draußen im Garten, und mehr mit anderen Jugendlichen; doch nach wie vor gab sie den Tieren jeden Tag Futter und Wasser und ließ sie regelmäßig im Garten scharren und herumlaufen. Einige Jahre vergingen, bis plötzlich innerhalb von einer Woche beide Hühner verschwanden. Zuerst Frida, und wenige Tage später Susi. Alles was sie hinterließen, waren ein paar Federn am Ort des Geschehens. Man vermutete damals, ein hungriger Fuchs habe sie geholt.

Im Nachhinein war es wohl besser so. Spätestens ab dem Tag des gemeinsamen Auszuges mit ihrer Mutter aus dem Haus, in dem sie aufgewachsen war, hätte Teenie-Michi sich ohnehin nicht mehr um ihre Hühner kümmern können. Und so hatte – so fies das vielleicht klingen mag – wenigstens noch der hungrige Fuchs etwas davon.

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