Elternkonflikt: Geschwister gleich behandeln?

So ein Familienalltag ist generell schon ziemlich stressig. Kinder wollen versorgt werden, Termine die es einzuhalten gilt, Geld soll auch noch von irgendwoher kommen, und das sprichwörtliche bisschen Haushalt; kennt man alles. Die Eltern sollten – im Idealfall – erziehungstechnisch zumindest halbwegs am selben Strang ziehen. Schon allein um den Kindern möglichst wenig Chance zu bieten, die Eltern gegeneinander auszuspielen.

Lange dachte ich, der Lieblingsmensch und ich täten das.

Doch seit wir wissen, was mit Sohnemann los ist, warum er so ist wie er ist, und was wir tun können um ihn zu unterstützen, tja. Seitdem ergaben sich leider immer wieder Konflikte und sie drehten sich immer um das selbe leidige Thema. Soll man – DARF man zwei Kinder, die so unterschiedlich sind wie meine beiden, in Erziehungsdingen gleich behandeln?

Unterm Strich hat Sohnemann zwar einen recht hohen IQ und auch ansonsten viele positive Eigenschaften. Er ist hilfsbereit, kontaktfreudig, neugierig und freundlich. Hat eine Affinität zum Rechnen, allgemein interessiert er sich schon sehr lang für Zahlen und hat früh begonnen, einfache Rechenaufgaben zu lösen. Eines der wenigen Dinge, die ihm quasi „zufliegen“. Natürlich ist er dennoch ein Kerlchen von sieben Jahren, der gerade dabei ist, seinen Schulstart inklusive unmöglich lange Schultage zu verdauen. Sprich er ist natürlich auch stellenweise ein zielmlicher Rüpel. Und er lotet Tag für Tag seine Grenzen aus, was wiederum uns immer wieder an unsere Grenzen bringt. Er hat eine Störung des Hirnstoffwechsels die unter anderem dafür sorgt, dass er sich kaum [und wenn doch dann nur für wenige Sekunden, im besten Fall Minuten] konzentrieren kann, ständig herumzappelt und an sich herumspielt. Aktuell lutscht er ständig aus Langeweile an seinen Klamotten herum. Kurz ADHS [Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit Hyperaktivität] genannt.

Doch im direkten Vergleich zu Kindern, die nicht von ADHS betroffen sind, tut er sich bei alltäglichen Dingen schwer. Artikulation in Stress-Situationen zum Beispiel war für ihn bis zu Beginn der Medikation ein Ding der Unmöglichkeit. Er konnte es einfach nicht. In großen Gruppen von Menschen zu agieren war für ihn ebenfalls nicht zu bewerkstelligen. Viel zu viele Reize, die gleichzeitig auf ihn einwirkten. Dann natürlich das für ADHS typische Herumzappeln, das mich in Kombination mit seinen Tics regelmäßig an die Grenze meiner Leidensfähigkeit brachte. Natürlich macht er Fortschritte, er lernt viel dazu und mittlerweile schafft er regelmäßig auch die späte Taekwondo-Trainingseinheit regelmäßig, ohne einen Verweis zu bekommen. Natürlich sind das in meinen Augen große Erfolge, und auch er selbst ist mächtig stolz auf die vielen Fortschritte die er macht. Doch ständiges Hinterfragen, In-Frage-Stellen, oppositionelles Verhalten heißts im Fachjargon, ist an der Tagesordnung und kostet Kraft und Nerven.

Was Malen, Puzzeln, Basteln oder allgemein Dinge anging, für die man Geschick und ausdauernde Konzentration brauchte, steckte seine Schwester ihn schon sehr früh regelrecht „in die Tasche“. Mit drei Jahren schon konnte sie sich stundenlang damit beschäftigen, zuerst Puzzleteile zu sortieren, um dann die vier im Set enthaltenen Puzzles alleine zusammen zu setzen. Kaum dass sie einen Stift halbwegs halten konnte, begann sie, alles mögliche zu malen. Für sie war es nie ein Problem, sich alleine zu beschäftigen. Das Töchterchen ist alles in allem schwer auf zack, und sie hat schnell kapiert, dass ihr Bruder sich von ihr ganz gut „lenken“ ließ. So hatte sie, wann immer sie sich langweilte, und egal was Sohnemann gerade dabei war zu tun, einen dankbaren Spielgefährten.

Versteht mich richtig: Das hier ist KEIN Vergleich „besseres / schlechteres Kind“. Ich möchte eigentlich nur erläutern, warum man die beiden eigentlich fast nicht gleich behandeln KANN. Aufgrund der gravierenden kognitiven Unterschiede.

Ich fasse mal zusammen: Bei Sohnemann musste man un-unterbrochen in Hab-Acht-Stellung sein, um notfalls sofort handeln und eine Eskalation [verursacht durch Frust weil etwas nicht klappt wie es soll, weil er etwas nicht bekommt was er möchte, weil er sich ungerecht behandelt fühlt, weil ihm etwas kaputt geht / herunterfällt etc. pp.] verhindern zu können. Er hing eigentlich fast ständig an meinem Rockzipfel, also er am einen und seine Schwester am anderen. Natürlich ist es normal, dass Geschwister um die Aufmerksamkeit und die Liebe der Eltern buhlen. Doch es heißt nicht umsonst, Kinder haben ein feines Gespür. So merkte das Loniekind sehr bald, dass ihr Bruder „irgendwie anders“ tickte als sie und auf diese Weise sehr viel mehr – wenn auch negative – Aufmerksamkeit abgreifen konnte. Und begann ihrerseits, Strategien zu entwickeln.

Wenn das Töchterchen das einzige anwesende Kind im Haushalt ist, weil ihr Bruder gerade noch in der Schule oder anderweitig unterwegs ist, ist sie das angenehmste Kind, das man sich nur vorstellen kann. Sie ist freundlich, hilfsbereit, natürlich kann sie auch zicken wie eine Pubertierende und toben wie ein Berserker, aber alles in allem ist sie allein der reinste Frühlingsspaziergang verglichen mit ihrem Bruder, erst recht als Sohn und Tochter im Kombipack. Permanent wird sich gegenseitig aufgestachelt, es wird heraumgemault und angezickt, genörgelt und geschimpft.

Langer Rede kurzer Sinn: Was kann mit ADHS entschuldigt werden, und was nicht? Wo verläuft die Grenze?

Es gibt Dinge, mit denen ADHS-Kinder durch die Bank Schwierigkeiten haben. Ist es fair, das unruhige Zappelkind zum drölften Mal zu ermahnen? Mit Konsequenzen zu reagieren wissend, dass er in vielen Fällen nichts dafür kann?

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2 Gedanken zu “Elternkonflikt: Geschwister gleich behandeln?

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