ADHS – ein paar Worte vorab.

Es gibt wenige Dinge, die mich derart auf die Palme bringen wie Leute, die wissentlich oder aus purer Dummheit Ignoranz Falschwissen über das Thema ADHS verbreiten. Und um Missverständnissen vorzubeugen: ich bin keine Psychologin [wobei ich eigentlich bisher immer der Annahme war, das ginge klar aus meinem Blog hervor] sondern einfach nur eine Mutter, die sich manchmal ganz schön allein fühlt mit den Sorgen und Nöten, die durch ADHS verursacht werden. Ich informiere in meinem Blog anhand unseres Beispiels darüber, dass eine medikamentöse Behandlung bei einem ADHS-Kind ein Segen sein kann, aber [in my humble opinion] immer die letzte Option sein sollte.

Nicht jeder Mensch der eine ADHS mit sich herumträgt, spricht gleich gut auf Methylphenidat an. Was meinen Sohn angeht, hatten wir wohl einfach nur Glück. Er verträgt es [Ritalin LA] vergleichsweise gut, bei Medikinet traten ab einer gewissen Dosierung starke Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit und Einschlafstörungen auf. Ich bin mir durchaus im Klaren darüber, dass sich Methylphenidat nicht unbedingt für jeden eignet, der aufgrund der Schwere seiner Beeinträchtigungen eigentlich eine Behandlung bräuchte. Doch ich bin es leid, dass von wenig bis gar nicht informierten Individuen mit dem Finger auf uns Eltern gezeigt wird, nur weil wir in unserer Verzweiflung diese letzte in Frage kommende Option gewählt haben.

Erst kürzlich durfte ich Zeuge einer solchen Aktion werden. Es handelt sich um ein Blog, welches ich seit einer geraumen Weile verfolgte und zuerst recht vielversprechend fand. Dann kam der obligatorische ADHS-Eintrag [weil schließlich darf ja jeder im www seine Meinung kundtun, und möge sie noch so vor nicht vorhandenem Wissen strotzen] und meine Enttäuschung war natürlich groß. Ich gab meinen Senf dazu [der Kommentar wurde selbstverständlich zurück gewiesen. Ein Schelm wer Böses dabei denkt 😉 ] und beschloss aus Gründen der Nervenschonung, diesem Blog nicht länger zu folgen. Ich möchte nicht ins Detail gehen, es war das übliche Blabla à la „pfuibäh böse Medikamente“ oder „püh schämt euch ihr faulen, verantwortungslosen Elternsäcke die ihr eure armen, hypersensiblen Kinder denen doch überhaupt nichts fehlt unter Drogen setzt!“

Eigentlich sollte mich so etwas kalt lassen. Weiß der Geier warum mich dieses Thema derart auf die Palme bringt. Vielleicht weil ich sehe, wie sehr ein Kind mit unbehandelter ADHS leidet. Und vielleicht auch deshalb, weil man zu Zeiten meiner Kindheit noch nichts von ADS/ADHS wusste. Und die mangelnde Konzentrationsfähigkeit ist wohl noch das kleinste Problem, das diese Kinder haben. Unfähigkeit, dauerhaft Freundschaften aufrecht zu erhalten und daraus resultierende Einsamkeit. Die Hilflosigkeit, wenn in einer frustrierenden Situation einfach die Worte fehlen und die einzige Möglichkeit, dem Frust doch noch Luft zu machen, Schreien und Toben ist. Keine Erfolgserlebnisse zu haben. Egal, wie sehr man etwas versucht und wie sehr man es endlich lernen möchte, es will einfach nicht klappen. [Nur um klar zu stellen: wir sprechen hier nicht davon, einen Origami-Kranich zu falten, sondern von den einfachSTEN Dingen, welche selbst das jüngere Geschwisterkind bereits beherrscht!] Und daraus resultierend, klar was sonst: noch mehr Frust. Kurz: ADHS wird nur allzu schnell zum Teufelskreis.

Also: Wenn Eltern sich dazu durchringen [weil anders kann man das wohl kaum bezeichnen], ihrem Kind Methylphenidat zu geben, dann tun sie das, weil sie ihrem Kind helfen wollen. Sie wollen, dass es ihrem Kind gut geht, dass es ein gesundes Selbstwertgefühl entwickelt. Soziale Kontakte finden und vor allem: behalten. Wie andere Kinder Erfolgserlebnisse zu haben, das Potenzial ausschöpfen zu können.

Im Zusammenhang mit ADHS wurden „allein erziehende, überforderte Mütter“ erwähnt, die „durch ADHS Aufmerksamkeit wollen“. Meine Erfahrung  sagt: Mütter, deren Kinder tatsächlich von ADHS betroffen sind, schämen sich viel zu sehr, weil sie natürlich die Schuld [aufgrund oben genannter einseitiger bzw. gezielter Falsch-Berichterstattung der Medien] bei sich selbst suchen. Sie würden sich eher die Zunge abschneiden, als sich freiwillig durch die ADHS des Kindes in den Mittelpunkt zu stellen. Jede Mutter eines ADHS-Kindes, die mir bis dato begegnet ist, hat – wenn überhaupt – erst dann mit der Sprache rausgerückt nachdem ich von meinem Sohn erzählt hatte.

Ich weiß wirklich nicht, was ADHS mit allein erziehenden Müttern zu tun haben könnte.

Weiß eigentlich irgendjemand von denen, die Zeter und Mordio schreien, was ADHS genau macht? Ich habe es an anderer Stelle bereits erwähnt, doch ich tue es gern ein weiteres Mal. Bei einem Menschen, der ADHS hat, wobei meines Erachtens die Bezeichnung „Konzentrationsschwäche“ besser zutrifft, ist – grob umrissen – der Hirnstoffwechsel gestört. Die Impulse zwischen den Zellen werden nur bruchstückhaft weiter gegeben -> der Betroffene kann sich nur schwer oder gar nicht konzentrieren; hierfür ist der beschleunigte Dopaminabbau verantwortlich. Eine Medikation mit Methylphenidat reguliert die Kommunikation zwischen den Gehirnzellen und die Signale können so richtig empfangen und verarbeitet werden. Sprich: der/die Betroffene kann sich – im Idealfall – plötzlich über einen längeren Zeitraum hinweg konzentrieren und wirkt insgesamt „ruhiger“ bzw. „sortierter“.

Nochmal zum Mitschreiben: ADHS bedeutet nicht, dass ein Kind zuwenig Aufmerksamkeit bekommt. Oder dass es von den Eltern vernachlässigt wird.

Leute, bitte: Bevor ihr jemanden verurteilt, oder noch besser: Eure Esoterik-Weisheiten Euer Nicht-Wissen verbreitet, an Leute die unterm Strich eigentlich professionelle Hilfe brauchen, informiert euch!

Danke.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s