Getrennt lebende Eltern.

Wann immer im Zuge eines Gesprächs das Thema „getrennt lebende Eltern“ aufkommt und ich von meiner bzw. unserer familiären Situation erzähle, dann finden das eigentlich die meisten erst mal klasse. Wie wir mit all dem umgehen und dass wir versuchen, bei allen Differenzen möglichst konstruktiv oder zumindest sachlich zu bleiben. Zwar sagen viele, dass sie sich nicht wünschen, an meiner Stelle zu sein und oft ernte ich verständnisloses Kopfschütteln. Doch meist findet mein Gegenüber es einfach nur gut und vorbildlich, wie wir diese Situation handhaben.

Vom Vater meiner beiden Kinder lebe ich seit Jahren getrennt. Anfangs war es naturgemäß erst einmal eine ziemlich hässliche Angelegenheit; ich behaupte mal frech, das sind Trennungen in den meisten Fällen. Selbständigkeit, Burn Out und Fremdunterbringung taten im Fall unserer Trennung ihr Übriges. Es hagelte von beiden Seiten Vorwürfe und gegenseitige Schuldzuweisungen. Man war entweder bis ins Mark verletzt oder bitter enttäuscht. Oder beides.

Das hätte im Laufe der vergangenen dreieinhalb Jahren sicher so weiter gehen können. Wir hätten uns ständig gegenseitig unsere Fehler und Unzulänglichkeiten vorhalten und uns [und natürlich auch den Kindern] auf diese Weise gegenseitig das Leben schwer machen können. Hätten wir. Haben wir aber nicht. Es blieb bei einigen meist kurzen Scharmützeln kurz nach der Trennung, die zum Glück nicht im Beisein der Kinder stattfanden.

Irgendwann sehr früh nämlich hatten wir uns im Zuge eines Gespräches darauf verständigt dass, sollte es zur Trennung kommen, wir unsere Differenzen nicht auf dem Rücken der Kinder austragen wollten. Ich habe zu diesem Thema mein eigenes Päckchen zu tragen und möchte meinen Kindern so etwas möglichst ersparen. Wobei ich diese Redewendung „etwas auf dem Rücken der Kinder austragen“ gerne ausführen würde. Weil ich glaube, dass es gar nicht so wenige sind, die sich darunter rein  gar nichts vorstellen können.

Eine Trennungs-Situation auf dem Rücken der Kinder auszutragen bedeutet meines Erachtens beispielsweise Folgendes:

– Beide Elternteile [plus evtl. Stief-Elternteil/e] fordern absolute Loyalität vom Kind. Notfalls mit Gewalt, verbal oder körperlicher Natur. Geht schief, darüber muss man mE nicht diskutieren.

– Ein Elternteil [oder beide] weiht eines oder mehrere Kinder in „persönliche Geheimnisse“ ein, die eventuelle Seitensprünge oder dergleichen beinhalten und macht das Kind auf diese Weise zum Komplizen. Kann das [vorher mit großer Wahrscheinlichkeit positive] Bild es Elternteils gehörig ins Schwanken bringen, wenn nicht sogar zerstören. Was man dem Kind hiermit auf den Lebensweg mitgibt: „Lug und Betrug sind okay.“ Ganz großes Kino.

– Eines der Elternteile versucht, das Kind über das andere Elternteil auszuhorchen. Spioniert dem anderen Elternteil und/oder dem Kind hinterher. Noch besser: Verwendet die so in Erfahrung gebrachten Informationen gegen das andere Elternteil. Bewirkt genau eines: Vertrauensverlust gegenüber mindestens einem Elternteil.

– Der Klassiker: Ständiges Streiten vor den Kindern. Besser: Das Kind / die Kinder zum Streit-Gegenstand machen. Das Kind erlebt: Papa und Mama haben sich nicht [mehr] lieb. Ganz sicher bin ich daran schuld.

– Noch ein Klassiker: Das genaue Gegenteil. Alles unter den Teppich kehren. „Bei uns gibt es keine Konflikte. Alles in bester Ordnung.“ Nach außen hin wird heiles Familienleben vorgespielt, dafür brodelt es unterschwellig umso heftiger. Sticheleien und emotionale DIstanz zwischen den Eltern sind vorherrschend. Kinder bekommen sowas mit, und können überhaupt nichts mit einem solchen Verhalten anfangen. Was man ihnen mitgibt: Ein total verqueres Bild vom sozialen Miteinander.

– Klassiker Nr. 3: Über das andere Elternteil lästern. Auf diese Weise versuchen, das Kind „auf die eigene Seite zu ziehen“. Wird den ohnehin im Kind herrschenden Loyalitätskonflikt ins Unermessliche steigern und vermutlich ebenfalls dafür sorgen, dass das Kind sich von mindestens einem Elternteil emotional zurückzieht. Vermutlich jedoch von beiden.

Versteht mich richtig: Ich war damals, als wir uns trennten, wirklich nicht für meine Sozialkompetenz berühmt, wenn ihr versteht was ich meine. Eher war das Gegenteil der Fall. Es brachte mich damals [und bringt mich heute noch] immer wieder an die Grenze meiner Leidensfähigkeit, und ich wage ganz dreist du behaupten, dem Vater meiner Kinder dürfte es hie und da ganz ähnlich gehen. Und ich kann nicht für mich beanspruchen, alles richtig zu machen. Kinder [gemeinsam] großzuziehen, ist Balance- und gleichzeitig Kraftakt. Doch tatsächlich braucht es, wenn man getrennt lebt und es möglicherweise ein Zieh-Elternteil gibt, noch ein Quäntchen mehr Balance und vor allem den unbedingten Willen, dem Nachwuchs das best-mögliche Beispiel bzw. der best-mögliche Mensch zu sein.

Ich bin mir im Klaren darüber, dass es ziemlich hochgestochen klingen muss, was ich hier von mir gebe. Tatsächlich bin ich nur ein Mensch, der Vater meiner Kinder ist ein Mensch, und mein Partner [und Zieh-Papa der Kinder] ist ebenfalls nur ein ganz normaler Mensch. Wir alle sind Menschen und Menschen machen Fehler und haben mitunter seltsame Eigenheiten, welche in den seltensten Fällen mit denen der anderen kompatibel sind. Doch es liegt an uns, wieder und immer wieder zu reflektieren [was ist bei meinem Gegenüber eigentlich angekommen?] und zumindest zu versuchen, uns auch einmal in die Situation des anderen hinein zu versetzen. Denn ohne das gehts einfach nicht.

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