Freie Meinungsäußerung?

Ich war Opfer und ich war Täter. Opfer weil ich mich nicht wehren konnte und Täter weil ich mir nicht anders zu helfen wusste, um dem Opferdasein zu entfliehen. Ich wurde jahrelang systematisch fertig gemacht mit harmlosen und weniger harmlosen Späßen und ich selbst habe – Jahre später – systematisch andere Leute verbal niedergemacht.

Mittlerweile versuche ich, weder das eine noch das andere zu sein. Was natürlich nicht bedeutet, dass es mir zu hundert Prozent gelingt.

Theoretisch und praktisch leben wir hier in einem Land der freien Meinungsäußerung. Natürlich kann ich mich vor einen anderen Menschen hinstellen und ihm an den Kopf werfen, dass ich ihn für ein Arschloch/Versager/[hierbeliebigeAbwertungeinfügen] halte. Erst recht kann ich es tun, wenn ich der Ansicht bin, die betreffende Person hätte „es verdient“. Noch einfacher ist es natürlich, im www einen anderen Menschen zu beleidigen und niederzumachen. Alles natürlich immer schön unter dem Deckmantel der „freien Meinungsäußerung“.

Aber ich stelle mir folgende Frage: Muss ich das wirklich tun? Ist es wirklich so wichtig für meinen Seelenfrieden, diesem Menschen „mal so richtig meine Meinung zu sagen“?

Früher stand außer Frage: Klar. Unbedingt. Wer denn wenn nicht ich?

Mittlerweile denke ich mir in sagen wir mal 80 % der Fälle lediglich meinen Teil und spreche höchstens, wenn überhaupt, mit meinem Partner darüber. Beim Rest denke ich gründlich darüber nach und komme in vielen Fällen etwas später zu dem Schluss, dass diese Person vermutlich nicht davon profitieren würde [und ich selbst auch nicht], wenn ich ihr meine Meinung sage, und ich lege innerlich den Vorfall unter „Ablage P rund“ ab.

Hin und wieder allerdings stelle ich fest, dass es mir wichtig ist, meine Meinung kund zu tun, und dann versuche ich, es möglichst sozialverträglich zu gestalten. Meist betrifft es Menschen, die mir in irgendeiner Form am Herzen liegen. Natürlich gelingt es mir nicht immer, wo Menschen sind da darf es durchaus menscheln, aber ich wage mal mutig zu behaupten, es gelingt mir immer öfter.

Allerdings frage ich mich vermehrt, wie es hier im www wohl noch werden wird, wenn sich nicht etwas ändert. Ich weiß nicht, was, oder wie man es ändern könnte. Aber ich beobachte selbst vermehrt dieses systematische „Shitstorming“ bei etlichen Gelegenheiten, wo üblicherweise ein Rudel Gleichgesinnte auf einen [oder selten mehrere] offensichtlich Unterlegenen verbal eindrischt.

Natürlich kann man sich fragen, wie der „Empfänger“ der Beleidigungen das wahrnimmt. Kann man, muss man aber nicht. Schließlich macht man ja nur vom ur-eigenen Recht der freien Meinungsäußerung Gebrauch, nicht wahr?  Und was ist mit den Rechten des Empfängers? Recht auf seelische und körperliche Unversehrtheit? Ist das weniger wert als das Recht den ganzen Frust den man aus egal welchen Gründen aufgestaut hat, einfach mal unqualifiziert beim Erstbesten abzuladen, der einem quer kommt?

Ist es wirklich schon so weit mit unserer „Menschlichkeit“ und unserer „Nächstenliebe“ dass wir drauf scheißen, ob wir gerade einem Menschen den Boden unter den Füßen wegreißen [weil schließlich kennen wir die Person hinter der Internetpräsenz nicht] nur weil wir der Ansicht sind, er oder sie habe sich nicht korrekt verhalten? Weil es unser RECHT ist?

Oder, frei nach Schopenhauer: „Die Freiheit besteht darin, daß man alles tun kann, was einem anderen nicht schadet.“ 

My two Cents zum Thema freie Meinungsäußerung.

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