Was willst du eigentlich?

In Bezug auf das Thema „Burn Out“ durfte ich in der  vergangenen Zeit ein interessantes Phänomen beobachten. Es erinnert mich – zu meiner eigenen Schande – zu meinem [früheren] eigenen Umgang mit der permanenten Antriebslosigkeit / Depression meiner Mutter. Zur Erklärung werde ich jedoch etwas ausholen.

Ich hatte im Frühjahr 2010 einen Burn Out. Die ersten Symptome zeigten sich bereits ein Jahr davor, doch ich brauchte etwa ein Jahr, um das Unternehmen „loszulassen“ und notwendige Schritte bezüglich Kinder-Unterbringung in die Wege zu leiten. Keinen Tag zu früh wie sich herausstellen sollte.

Als ich letztendlich dazu bereit war, das „sinkende Schiff“ zu verlassen, litt ich an einer leichten chronischen Gastritis, hatte un-unterbrochen heftigste Neurodermitis-Schübe, litt an Migräne, war dauerhaft erkältet und am Ende meiner Kräfte angelangt. Und trotzdem stand ich unter Dauerstrom. Konnte nicht entspannen obwohl es so dringend notwendig gewesen wäre. Sobald etwas auch nur ansatzweise den Anschein erweckte, mich in irgend einer Form unter Druck zu setzen, ging in meinem Hirn der Alarm an. Danach ging erst mal eine Weile nichts mehr. Ich wollte nichts und niemanden sehen, schon gar keine Leute die etwas von mir wollten. Nach draußen ging ich nur, wenn es sich absolut nicht vermeiden ließ.

Die ersten Monate „danach“ verbrachte ich hauptsächlich zuhause. Lesend, DVD schauend, den Großteil der Zeit jedoch schlafend. Anfangs zweimal, später einmal die Woche holte ich die Kinder zu mir, nachdem ich unter Aufbietung aller [Willens-]Kraft die Wohnung in einen halbwegs ordentlichen Zustand versetzt hatte. Natürlich genoss ich die Stunden mit meinen Kindern; und obwohl jede abendliche Trennung für mich die reinste Hölle war, wusste ich, dass ich es anders im Moment nicht schaffen würde.

Sobald ich allein war, verkroch ich mich wieder. Dachte nach, las Bücher und schlief. Wir verlängerten die Vollpflegestelle der Kinder sicherheitshalber um ein weiteres Jahr, von dem ich jedoch nur zwei Monate in Anspruch nehmen würde.

Sechs Monate nach Tag X beschloss ich, dass ich a) nun wieder ausreichend hergestellt war, um mich selbst um die Kinder kümmern zu können, nicht zuletzt weil ich b) das Gefühl hatte, langsam aber sicher den Verstand zu velieren. Von den eigenen Kindern getrennt zu sein kann eine Mutter durchaus an den Rand des Wahnsinns bringen.

Seit Tag X sind jertzt dreieinhalb Jahre vergangen. Sohnemann geht seit einem Monat in die Schule und Töchterchen ist Vorschulkind. Wir vier haben uns zusammen gerauft und auch bezüglich Erziehung habe ich [bzw. wir] eine Linie gefunden, welche meinen [bzw. unseren] Prinzipien entspricht und sich, zumindest so fern man das im jetzigen Alter der Kinder sehen kann, auch als stimmig erweist.

Mittlerweile arbeite ich wieder in Teilzeit, jedoch nur weil ich erleben durfte, dass eine geringfügige Beschäftigung mir nicht [mehr] genügt.

Nun zum oben erwähnten Phänomen. Ich bin jetzt 34, jedoch fühle ich mich [körperlich] nicht so. Vom körperlichen Befinden sind es mindestens zehn Jahre mehr, die ich „auf dem Buckel“ habe. Natürlich ist das rein subjektiv, schließlich weiß ich nicht, wie „man“ sich so fühlt mit Mitte Dreißig. Doch wenn ich vergleiche, in welch ausgezeichneter körperlicher Verfassung ich mich zu Beginn der ersten Schwangerschaft befand, dann fühle ich mich schlicht „überproportional gealtert“. Und kommt mein „gefühltes Alter“ in egal welchem Zusammenhang zum Gespräch, werde ich regelmäßig belächelt, so à la „was willst du eigentlich? Du bist doch noch jung. Wart ab, bis du wirklich alt bist. Dann kannst dich immer noch alt fühlen.“

Mhm. Kann ich das, ja?

Ich weiß vielleicht selber nicht, was ich eigentlich erwartet habe. Mir fehlt so gesehen nichts. Alles dran, keine fehlenden Gliedmaßen oder Behinderungen, keine Depression, nichts. Zumindest keine von der ich wüsste. Sogar die als chronisch eingestufte Gastritis muss nicht mehr medikamentös behandelt werden weil ich keine Beschwerden mehr habe. Ich bin nicht häufiger schlecht gelaunt als davor [zumindest glaube ich das], meine Launenhaftigkeit ist auch vorhanden, wenn auch nicht mehr ganz so ausgeprägt wie in meiner „Sturm- und Drang-Zeit“, ich fühle mich mal besser und mal nicht ganz so gut. Ich kann sogar bis zu einem Gewissen Grad am öffentlichen Leben teilnehmen ohne dabei sofort panisch das Weite zu suchen [bzw. immerhin kann ich den Impuls gerade so lange unterdrücken, dass meist niemand in der Nähe ist, der sich darüber wundern würde]. Eben größtenteils normal.

Mit dem kleinen Unterschied, dass meine „maximale Ladekapazität“ heute weitaus geringer ist als „davor“. Und natürlich sind die Akkus viel schneller wieder leer, was wiederum bedeutet, dass ich häufiger „dringende“ Ruhephasen einhalten muss, weil nicht nur meine körperliche sondern auch meine psychische Belastbarkeit nicht mehr die ist, die sie einmal war. Wenn ich die Ruhephasen aus welchen Gründen nicht einhalten kann, aktiviert sich mein „Not-Aus“.

Ich gestehe dass ich irgendwie dankbar bin. Dafür, dass der Burn Out mir die Möglichkeit gab, über meinen Tellerrand zu blicken und zu erleben, dass verschiedene Menschen einfach unterschiedlich funktionieren. Er lehrte mich, dass selbst für mich irgendwann mal Ende-Gelände ist, und dass ich manchmal auch einfach besser auf mein Bauchgefühl höre.

Auch wenn das jetzt seltsam klingen mag: Ich glaube, ich habe den Burn Out gebraucht. Um zu wachsen und erwachsen zu werden.

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