Moral?

Heute hatte ich ein interessantes Gespräch mit einer guten Freundin. Man stelle sich das mal vor: ich hab auch außerhalb des Internet soziale Kontakte. Krass oder?

Wir kamen von einem Thema zum nächsten und landeten irgendwann, wie eigentlich jedes Mal wenn wir uns sehen, bei der Kindererziehung und dem Vermitteln von Werten. Respektvoller / freundlicher Umgang miteinander, Nächstenliebe [ja, so spießig das jetzt klingt], Ehrlichkeit, so altmodisches Zeug eben.

Dazu muss ich sagen, dass ich mich ehrlich gesagt manchmal ziemlich alleine fühle mit meinen Ansichten. Das liegt nicht zuletzt an den Erfahrungen, die ich beim Umgang meiner Kinder mit anderen Kindern gemacht habe, die waren nämlich folgendermaßen: Ein Kind interagiert mit einem anderen Kind. In den seltensten Fällen sind die Kinder exakt gleich alt oder auf exakt dem selben Entwicklungsstand. Normalerweise liegen in unserem Bekanntenkreis etwa ein bis vier Jahre dazwischen. Meist sind die anderen Kinder älter als meine, hin und wieder auch jünger. Ich erlebe regelmäßig, dass die älteren Kinder versuchen, für sich selbst möglichst viele Vorteile herauszuschlagen. Was ja bis zu einem gewissen Grad normales, menschliches Verhalten darstellt. [Oder?] Wettkampf und so.

Doch ich finde, bei allem [Frei-]Raum den man Kindern durchaus gewähren sollte in ihrer Entwicklung, dass es hier Aufgabe der Eltern ist, eine klare Grenze zu setzen. Wenn es nämlich anfängt, die magische Grenze zu überschreiten, welche normales Verhalten und Ellbogenmentalität [und dem Dulden oder gar Gutheißen derer] voneinander trennt.

Bin ich naiv wenn ich versuche meinen Kindern zu vermitteln [und zwar nicht in erster Linie indem ich es predige sondern vor allem indem ich es vorlebe], dass es scheiße ist, wenn ein Großer einen Kleineren und / oder Schwächeren in die Pfanne haut? Wenn ich finde, dass ein Großer [und zwar egal ob hiermit ein Erwachsener oder ein großes Kind gemeint ist] einem Kleineren lieber helfen soll, anstatt auf dessen Kosten einen Vorteil für sich selbst herauszuschlagen? 

Versteht mich richtig: ich bin weder religös-fundamentalistisch noch in irgendeiner Form verklemmt; Zumindest halte ich mich nicht für jemanden, der seine Kinder an der kurzen Leine führt. Ich versuche lediglich, ihnen sozialverträgliche Überzeugungen nahe zu bringen. Doch als ich mir vorhin, im Auto sitzend und darauf wartend, dass die Zeit vergeht, so meine Gedanken machte, kam mir eine Art Geistesblitz. 

Genau das selbe hatten ja auch ein paar Leute [über deren religiöse Überzeugungen sich jetzt sicher streiten ließe] in meiner eigenen Kindheit bei mir versucht. Das Ende vom Lied war, dass ich naiv hoch drölf durchs Leben gestolpert bin und die richtigen Menschen nicht von den falschen zu unterscheiden wusste. Was zugegebenermaßen bei genauerer Betrachtung auch daran gelegen haben könnte, dass man mich stellenweise sehr autoritär geführt und mir eine eigene Meinung regelrecht „aberzogen“ hat.

Ich frage mich langsam ernsthaft, ob es der richtige Weg sein kann, Kindern eine Art von Moral beizubringen, mit welcher sie außer Ehrlichkeit und guten Manieren der Ellbogengesellschaft da draußen nichts entgegen zu setzen haben.

Vorgestern erst durfte ich miterleben, wie ein sehr neugieriger Nachbar während ich [außerhalb seines Sichtfeldes] auf der Terrasse saß, versuchte, meinen Sohn über einen Streit zwischen mir und einer anderen Person auszuhorchen. Ganz ehrlich: Ich finde das ist der Gipfel der Dreistigkeit, Unverfrorenheit und Verlogenheit. Anstatt dass er mich selbst fragt? Hallo, gehts eigentlich noch? Die Naivität eines Kindes derart schamlos auszunutzen.

Ist Ehrlichkeit wirklich so out? War das immer schon so oder fällt mir das jetzt erst auf? Ist es wirklich richtig, Kindern Ehrlichkeit zu vermitteln, wenn sie dadurch anderen, weniger ehrlichen Menschen gegenüber im Nachteil sind?

Ich fürchte, dahingehend ist der Zug ohnehin bereits abgefahren, denn ich bezweifle stark dass ich dazu in der Lage bin, meinen Kindern ein derart verlogenes / heuchlerisches Vorbild zu sein.

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6 Gedanken zu “Moral?

  1. Also ich beobachte bei meinen Nichten ja auch immer wieder ein interessantes Verhalten sich selbst gegenüber. Schon nach kurzer Zeit fällt auch einem Außenstehenden auf, dass die Große immer und grundsätzlich deutlich mehr zu ihrem eigenen Vorteil agiert. Allerdings selten, ohne dass die Kleine auch was bekommt. Wobei das auch immer und grundsätzlich „schlechter“ ist. Ich würde das allerdings auch als normal betrachten.

    Was die Sache mit der Ehrlichkeit angeht, so sollte man seinen Kindern schon beibringen, dass Ehrlichkeit wichtig ist. Aber, man sollte ihnen auch erklären und vermitteln, dass sie nicht jedem irgendwas zu erzählen brauchen wenn sie gefragt werden. Lieber sollen die Kinder dann so aufrichtig agieren und die Leute weiterschicken zu den Eltern. Das würde noch am meisten Sinn machen denke ich.

      1. Ne natürlich nicht. Ich weiß noch, wie ich als kleiner Kerl mal den Nachbarn dumm angelagert hab, weil er mit der Schnauze vom Auto immer in der Hofeinfahrt von uns stand. Und das nur, weil sich meine Eltern immer drüber aufgeregt haben. Lustigerweise hat er danach besser darauf geachtet xD

  2. Ich bin mir sicher, dass deine Kinder es sofort merken würdest, wenn du ihnen etwas vorspielst, sei es ein falsches Menschenbild oder eine angebliche Einstellung zu einer Sache, die du so gar nicht hast.
    Im Übrigen finde ich deine Einstellung genau richtig und eigentlich auch – da mag ich naiv sein – für selbstverständlich ;).

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