Dickes Fell und so…

Ein dickes Fell zu haben ist ein bekanntes geflügeltes Wort. Es soll seinem Besitzer dabei helfen, sich in einer rauhen Umgebung oder Gesellschaft durchzusetzen. Und soll verhindern, dass man sich allzu leicht von unsensiblen Mitmenschen angegriffen fühlt.

Also, ich hab keins, und du?

Es ist ja nicht so, dass ich nicht mein halbes, ach was schreib ich, nahezu mein ganzes Leben lang versucht hätte, mir eins zuzulegen. Gebracht hat es nichts. Irgendwann habe ich damit aufgehört, auf jede noch so kleine Provokation zu reagieren. Aber hab ich deshalb ein dickes Fell?

Natürlich verletzen mich viele Dinge, die andere Menschen sagen oder tun. Unter anderem verletzt mich der Satz „du musst dir ein dickes Fell zulegen“. Warum? Weil es nicht geht, so sehr ich es auch versuche. Ich kann es nicht. Und weil diese Aufforderung impliziert „Michi, du bist falsch so wie du bist, aber würdest du dich ändern, wärst du richtig!“ Ich bin eben zart besaitet, und das ist gut so.

Ich belasse es meist dabei, diesen Menschen die mich ein- oder mehrmals verletzt haben [je nach Schwere des „Vergehens“] irgendwann aus dem Weg zu gehen, wenn sie nur oft genug meine deutlichen Hinweise und / oder Bitten um eine Aussprache ignoriert haben. Oder sich trotz allen [konstruktiven] Gesprächen einfach nichts ändert. Warum ich Konfrontationen, ja sogar gewissen Menschen mittlerweile systematisch aus dem Weg gehe, wo ich doch vor nicht allzu langer Zeit permanent Konfrontationskurs gefahren habe? Ganz einfach, es ist mir zu anstrengend geworden.

Jaja, kann man sich denken, was für eine feige Ausrede. Es ist nicht so, dass ich Angst hätte. Es ist vielmehr die Tatsache, dass mein Leben, so wie es jetzt ist, mir alles abverlangt was ich an Kraft und Nerven aufzubringen vermag. Die Kinder brauchen mich von allen Menschen am dringendsten, und ich sehe einfach nicht, warum ich Energie in unwichtige Menschen investieren sollte, wenn ich sie bei meinen Kindern viel sinnvoller angelegt sehe.

Ob es mich glücklich machen würde, ein dickes Fell zu haben? Ich bezweifle es.

Mittlerweile habe ich mich irgendwie damit abgefunden, dass ich ein Sensibelchen bin. Ich habe Wege und Strategien entwickelt, um mich vor zuviel Aufregung und Stress zu schützen, und arbeite gerade daran, dies konsequent umzusetzen. Natürlich gibt es noch Dinge, die enorm wichtig sind und dringend erledigt werden müssen. Halbtags-Anstellung bekommen, endlich die Insolvenz in die Wege leiten, und ein Wohnungswechsel wäre auch, seien wir ehrlich, dringend notwendig. Dringender gehts kaum noch. Ein größeres Auto wäre nett, vor allem eines, was weniger Reparaturkosten verursacht wie das, was der Fiat allein dieses Jahr schon wieder an Werkstattkosten verschlungen hat. Ein Plätzchen für Luna wäre auch wichtig, weil ich es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren könnte, würde sie im Tierheim landen. Das Plätzchen haben wir ja eigentlich schon gefunden, was noch fehlt wäre die Übergangslösung, bis die potentielle neue Dosenöffnerin eine angemessene Wohnung gefunden hat.

Aber egal wie sehr ich mir all das herbeiwünsche, es geht nicht von heute auf morgen, und ich muss mich gedulden. Ich gebe zu, Geduld war noch nie eine meiner großen Stärken, doch ich finde, ich habe mich in Punkto Geduld Lernen ziemlich gut gemacht in letzter Zeit. Generell finde ich, dass ich eine Entwicklung durchmache, die durchweg positiv ist. Eine Freundin hat neulich erst zu mir gesagt: „Also ich mag die neue Michi viel lieber als die Alte.“

Natürlich wird die alte Michi ein Teil von mir sein, solange ich lebe. Sie hat es irgendwie geschafft, immer wieder aufzustehen, egal wie viele Steine in ihrem Weg lagen, und egal wie groß die Hürden waren, welche es zu überwinden galt. Doch höher – schneller – weiter – besser ist jetzt nicht mehr gefragt. Ich mag mich einfach nicht mehr Dingen und Menschen aussetzen, die meinen Prinzipien widersprechen. Nicht, wenn ich es verhindern kann.

Die Menschen, denen ich meine Zeit und meine Energie widme, sind akribisch ausgewählt. Es sind nur noch wenige Menschen aus meiner eigenen Familie übrig geblieben. Einige musste ich zurück lassen, weil sie unterm Strich an mir als Mensch überhaupt nicht interessiert waren bzw. sind. Das ist eine bittere Pille, doch keine wirkliche Überraschung, schließlich ahnte ich es schon länger.

Ich habe vor längerer Zeit beschlossen, dass ich keinem Menschen mehr hinterherlaufen werde. Entweder man begleitet mich aus eigenem Interesse ein Stück, dann leiste ich äußerst gerne Gesellschaft, doch wenn ich merke, dass die Person nicht wirklich interessiert ist, dann, naja, trennen sich unsere Wege eben wieder. Auch das hat mit meinem nicht vorhandenen dicken Fell zu tun. Es gibt einfach viel zu viele Menschen da draußen, die mir nicht gut tun. Warum sollte ich jemandem erlauben, ein Teil meines Lebens zu werden, wenn er oder sie nichts Positives dazu beitragen kann?

Ich schütze mich nur. Mittlerweile bin ich, meine Zeit und meine Energie mir einfach viel zu wertvoll geworden, um etwas davon einfach so an irgendwelche Menschen zu verschenken.

Klingt egoistisch? Gut so.

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Ein Gedanke zu “Dickes Fell und so…

  1. Ganz toll geschrieben. Manches erinnert mich an mich. Und speziell beim letzten Abschnitt wünsche ich mir, dass ich ihn auch mal „für mich“ werde schreiben können!

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