ADHS – warum eigentlich nicht?

Wie in einem anderen Blogeintrag bereits erwähnt, habe ich mich sehr lange dagegen gewehrt, für Sohnemann eine Untersuchung auf ADHS auch nur in Betracht zu ziehen. Hierfür spielten mehrere Gründe eine Rolle. Ich werde versuchen, einige davon aufzudröseln.

Zum ersten ist ADHS in den ich sage mal „ADHS-entfernten“ Kreisen sehr negativ behaftet, [wie bei mir selbst übrigens auch bis vor nicht allzu langer Zeit], die meisten die mit diesem Kürzel um sich werfen, wissen nicht einmal, was es eigentlich wirklich bedeutet, dieses ominöse „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit Hyperaktivität“. Dass jemand mit ADHS weder dumm ist, noch ein Kind welches zuwenig Aufmerksamkeit und Liebe von den Eltern bekommt, wie in weiten Teilen angenommen, interessiert auch keine Sau, „Hauptsach´ g´schwätzt und die Sach hat sich“.

Für mich selbst negativ behaftet war es auch deshalb, weil ich während beiden Schwangerschaften nicht besonders gut auf mich aufgepasst habe. Warum? Ich konnte es nicht. Ich stand unter massivem Stress und habe, ebenfalls bei beiden Schwangerschaften, bis kurz vor der Entbindung gearbeitet, und ebenso nach kurzer Zeit wieder angefangen zu arbeiten. Die Kinder waren natürlich versorgt, doch ich dachte zuerst ich könne, sobald es das Geschäft hergeben würde, arbeitsmäßig wieder kürzer treten um mehr Zeit für meine Familie zu haben.

Mittlerweile weiß ich, dass wirklich ALLES, was die Mutter sich zumutet, Einfluss auf die Entwicklung des Ungeborenen hat. Auch und gerade Stress in jeglicher Form. Damals habe ich es sträflich unterschätzt. Jedenfalls wurde mir damals schon prognostiziert, dass mein Sohn „bestimmt später mal ADHS haben wird, bei meinem Stress und so wie der herumgereicht wird“.

Natürlich soll man nichts auf das Gerede anderer Leute geben, erst recht wenn es sich bei den Sprücheklopfern um Außenstehende handelt, die nicht den Hauch einer Ahnung haben, was sich eigentlich wirklich abspielt. Blöd wird es erst, wenn sich eine unqualifizierte Prognose auch noch bewahrheitet.

Also, warum nicht ADHS?

Ich habe vor längerer Zeit einmal zu dem Kinder- und Jugendpsychotherapeuten gesagt, „wenn mein Sohn ADHS hat, habe ich es auch, weil wir einfach viel zu viel gemeinsam haben als dass es anders sein könnte“. Und damals noch war ich mir sicher, die Diagnose ADHS niemals akzeptieren zu können.

Ich stehe nach wie vor zu dem obigen Satz.

Hierzu sollte ich vielleicht anmerken, dass ADHS kein Erziehungsfehler ist, sondern durch eine genetische Disposition verursacht sein kann [und in 50% der daraufhin untersuchten Fälle auch ist, sprich: vererbbar ist] und ebenso durch äußere Einflüsse begünstigt werden kann.

Ich halte es für unmöglich, die tatsächlichen Ursachen und Einflüsse letztlich aufzudröseln, allerdings finde ich es spannend, dass meine Nichte erwiesenermaßen auch ADHS hat, und ihr Vater, mein ältester Bruder, zwar hochintelligent aber auch in hohem Maße vergesslich und  – wie nennt man das so schön – „verpeilt“ ist.

Viele Probleme, mit denen Sohnemann sich herumschlägt, kenne ich tatsächlich von mir selbst, wobei ich nicht immer so hyperaktiv war – glaube ich. Doch es gibt Dinge, die auffallen. zB seine Aussetzer, die man fast schon als Blackout bezeichnen könnte. Dass er klug ist und sich vieles merkt, und die Art und Weise wie er Dinge bis ins Detail hinterfragt, kombiniert und Schlüsse zieht, und dass er dieses Wissen und Können aber in neun von zehn Fällen nicht abrufen, geschweige denn artikulieren kann. Wie ich früher.

Womit wir wieder bei mir selbst wären, und meinem eigenen höchst persönlichen Problem mit ADHS. Wenns das denn wirklich sein sollte.

Mir ist mittlerweile klar, dass ich mein Potential eigentlich nie wirklich ausgeschöpft habe. Nicht einmal annähernd. Wenn Sohnemann keine Hilfe bekommt, wird es ihm definitiv genauso ergehen.

Ich möchte wieder mal nur das, was viele Eltern sich erstmal vornehmen: Es besser zu machen als die eigenen Eltern. Weil wenn ich irgendwann einmal feststellen sollte, derart auf ganzer Linie versagt zu haben wie meine eigenen Eltern, dann geb ich mir die Kugel.

[Fortsetzung folgt]

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