Wie sinnlos das doch alles war.

Derzeit wird im ZDF „Unsere Mütter, unsere Väter“ ausgestrahlt. Ich hab mir Teil eins und zwei angeschaut, und würde gerne auch Teil drei sehen, nur weiß ich nicht ob ich mich traue, auf meine zwei Stunden „Vorschlaf“ zu verzichten. Schließlich muss ich Donnerstag um ein Uhr früh wieder arbeiten, und ich bin ja keine 20 mehr *hust*.

Ich beschäftige mich zwischendurch immer mal wieder mit der „verlorenen Generation“, sprich den deutschen Kriegskindern um die sich während der Nachkriegszeit niemand geschert hat. Schließlich waren sie die Kinder der Nazis.

Mein Dad war eines dieser Kriegskinder. Als der Krieg vorbei war, war er gerade mal sieben Jahre alt. Etwa so alt wie mein Sohn jetzt. Irgendwie schockierend. Er hatte während des Krieges zwei seiner jüngeren Schwestern durch Krankheit verloren, und seinen ältesten Bruder durch einen Unfall mit einer Panzerfaust, kurz vor Kriegsende.

Paps hat nie mit mir darüber gesprochen. Über den Krieg oder die Zeit danach… eigentlich hat er nie mit mir geredet. Eine seiner wenigen Weisheiten, wenn man das überhaupt so nennen kann, war „vertraue niemandem, dann kann dir auch keiner wehtun“. *seufz*

Was ich heute über ihn weiß, habe ich mir hauptsächlich von meiner Mutter und von seinem [mittlerweile leider verstorbenen] älteren Bruder, sprich meinem Onkel, erzählen lassen.

Ich habe damals als Kind und Jugendliche nie verstanden, warum mein Dad so ein fürchterlicher Kotzbrocken war und uns alle permanent tyrannisiert hat. Warum er nie mit uns geredet hat und warum er den TV immer umgeschaltet hat wenn in den Nachrichten ein Bericht über Krisengebiete kam. Ich dachte mir nur, „was hat er denn?“ und schob es beiseite, weil ihn zu fragen stand absolut nicht zur Debatte. Ihn etwas zu fragen war – immer – ein Eiertanz, nur noch zusätzlich gespickt mit Bärenfallen und Tretminen.

Bei ihm kamen einige Faktoren noch erschwerend hinzu, auf die ich jedoch nicht weiter eingehen möchte. Einfach weil sie noch ein kleinwenig privater sind als die Kriegserlebnisse, über die er mit mir nie gesprochen hat.

Meine Mutter hat mir irgendwann, Ewigkeiten nachdem ich ausgezogen war, mal erzählt, dass mein Vater mich vom ersten Tag an abgöttisch geliebt haben muss. Ich dachte zuerst, ich hätte mich verhört, aber genau das hatte sie gesagt.

Dadurch dass er nie mit mir geredet hat, geschweige denn mir gezeigt hätte, dass er mich liebte, oder mir in irgendeiner Form signalisiert hätte, „hey, Tochter, schön dass es dich gibt“, war ich irgendwann zu der Überzeugung gelangt, er müsse mich hassen. Denn sein Verhalten war kalt/emotionslos bis abweisend. Ich würde sagen, je nach Tagesform. Das war sein Repertoire und daraus schöpfte er. Großzügig.

Dieses Gefühl des Nicht-Erwünscht-Seins hielt sich sehr lange in mir, und ich fürchte fast, ich bin es bis heute noch nicht ganz losgeworden.

Ich weiß natürlich, dass sich nichts rückgängig machen lässt. Und egal wie sehr ich grüble und versuche, im Nachhinein daraus schlau zu werden, so läuft mir doch die Zeit davon, denn von den Geschwistern meines Vaters leben nur noch wenige. Genau einer hier in der Gegend, den ich vielleicht noch fragen könnte.

Wer jetzt sagt „lass es los, lass die Vergangenheit mit ihm ruhen“ oder wer es nur denkt, der darf sich das gerne schenken, ich lasse es dann ruhen wenn es mich in Ruhe lässt. Das ist zu großen Teilen tatsächlich der Fall, wenngleich ich nach wie vor jeden Tag an meinen Vater denke, und mich oft frage, was wäre wenn…? Wenn alles ein bisschen anders gekommen wäre. Doch natürlich ist es wie es ist, ich schlafe abends ein und nichts ist anders wenn ich morgens wieder aufwache und irgendwann früher oder später mich wieder irgendetwas an Paps erinnert.

Irgendwie tut es mir weh, dass wir nicht mehr Zeit hatten. Dass ich irgendwie bis zum Schluss nicht den Mumm hatte, über all die Dinge mit ihm zu reden die mir auf der Seele lagen. Die mir irgendwie jetzt noch auf der Seele liegen.

Ich weiß heute, dass die ersten Lebensjahre ein Kind entscheidend prägen. Was es während dieser Zeit erfährt und nicht erfährt wird sich ein Leben lang nicht mehr reparieren lassen.

Aufgrund dessen, was ich heute weiß, war ich zumindest in der Lage, all die Gemeinheiten und die unendlich vielen Zurückweisungen zu verzeihen, die er mir damals angetan hat.

Dennoch, wenn ich allzu intensiv darüber nachdenke, wenn ich dieses Thema allzu nah an mich heranlasse, dann macht mich das alles fürchterlich traurig.

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