Menschen und ihre Märchen.

Am 7. August 2012 war der vierte Todestag meines Vaters.

Ich denke natürlich immer noch sehr oft an ihn. Es vergeht genau genommen kein einziger Tag ohne mindestens einen Gedanken an meinen Dad.

In der Woche drauf schaffte ich es tatsächlich, ans Grab zu gehen, und die Deko zu platzieren, die seit bald einem Jahr hier herumstand. Bei der Gelegenheit spendierte ich den Blümchen noch einige Portionen Brunnenwasser, da sie während der Hitzewelle ein wenig ähm ja, vernachlässigt worden waren.

Natürlich fragen auch die Kinder oft nach ihm, sie interessieren sich dafür, wie alt er war als er starb, und wie alt er jetzt wäre wenn er noch leben würde. Und welche Krankheit er hatte, wo er gewohnt hat, ob sie ihn gesehen haben als er noch lebte und wie alt sie zu dem Zeitpunkt waren, und weißderGeier was denen noch für Fragen einfallen. Unter anderem interessiert es die Kinder natürlich auch, wo mein Vater jetzt ist. Also, wo seine sterblichen Überreste begraben liegen.

Natürlich dürfen sie demnächst einmal mit mir dorthin gehen, damit sie sich etwas darunter vorstellen können, wenn ich sage, mein Papa ist schon lange tot und jetzt liegt das, was noch von ihm übrig ist, auf dem Friedhof.

Nun bin ich selbst ja nicht religiös. Kein bisschen. Tote kommen weder in den Himmel noch in die Hölle, und es gibt auch keinen „lieben Gott“ da oben. Dafür gibt es in meinen Augen  mindestens einen sehr triftigen Grund, und dem entsprechend habe ich ernsthafte Skrupel, meinen Kindern „Märchen“ aufzutischen. Und seien es nur „die üblichen, harmlosen“ Geschichten um Nikolaus/Christkind/Osterhase, und was auch immer es da noch so gibt.

Okay, in meiner Kindheit gab es das auch nicht, wir feierten weder Weihnachten noch Ostern, kein Silvester und auch keinen Geburtstag. Vielleicht habe ich deshalb selbst keinen wirklichen Bezug zu diesen Feiertagen [außer den Bezug beruflicher Art]. Aber mir wurden wirklich genug andere Lügen erzählt [bzw. „Wahrheiten“ die sich später als Lügen entpuppten], sodass ich es absolut unmöglich finde, dass es Eltern gibt, die ihren Kindern Märchen erzählen, um sie auf diese Weise zu manipulieren. Möglich, dass ich hier durch meine eigene Geschichte überempfindlich reagiere.

Wenn meine Kinder dann anfangen, zu erzählen, was ihnen ihre Kindergartenkollegen so auftischen, dann packe ich halt auch erst mal aus. Dass der Nikolaus im Kindergarten kein echter Nikolaus ist, sondern ein verkleideter Mann, und dass es auch nicht der Osterhase ist, der die Nestchen versteckt, sondern die Erzieherinnen. Und natürlich sage ich meinen Kindern ganz unverhohlen, dass wir die Geschenke kaufen, und dass NICHT der Weihnachtsmann sie bringt.

Außerdem erzähle ich ihnen, dass andere Eltern ihre Kinder anlügen, wenn sie erzählen, sie müssten lieb sein weil sie sonst vom Weihnachtsmann/Christkind [je nachdem welche Variante man bevorzugt] keine Geschenke bekommen; und dass ich es deshalb nicht tue, weil ich zu meinen Kindern ehrlich sein möchte.

Ich weiß nicht, ob sie mir glauben oder ihren Freunden. Oder den Erzieherinnen.

Wenn meine Kinder irgendwann einmal einen Glauben finden, der ihnen zusagt, dann werde ich es ihnen nicht verbieten. Zumindest hoffe ich, dass es ein Glaube sein wird, bei dem ich mir keine Sorgen um das seelische und körperliche Wohlbefinden machen muss.

Ich hätte allerdings ein echt mieses Gefühl dabei, meinen Kindern in vollem Bewusstsein Lügengeschichten zu erzählen, weil genau das ist es in meinen Augen.

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