Vom Opfer zum Täter. [21.3.2011]

Anlass hierzu gab ein Gespräch mit einem lieben Menschen über Mobbing in der Schule.

Es mag sein dass die Mobbingopfer heutzutage mehr darunter leiden, weil es außer der Schule noch die Möglichkeit gibt, das Mobben auf soziale Netzwerke auszuweiten, sprich diese zu „miss-„brauchen. Ich weiß allerdings eines mit Sicherheit, und zwar dass an Schulen nicht erst seit gestern gemobbt wird.

Ich mag jetzt auch gar niemanden langweilen was mir nicht alles Schlimmes und Gemeines angetan wurde, das ist viele Jahre vorbei, das habe ich hinter mir gelassen, und heute kann ich darüber sprechen ohne Gram oder Hass zu empfinden.

Doch es war ein langer Prozess, diese ganzen Erlebnisse zu verarbeiten. Dabei geholfen hat mir zB die Tatsache, dass wirklich JEDER von denen, die mir damals das Leben schwer gemacht haben, bis heute sein Fett abbekommen hat. Doch alles der Reihe nach.

Damals, als Kind und auch noch als Heranwachsende, war ich ein stilles, graues Mäuschen, die sich nur dann getraut hat, den Mund aufzumachen, wenn Mama in der Nähe war. Oder jemand, von dem ich mir sicher war, er oder sie würde mir Rückendeckung geben. War also ein klassicher Feigling. Das unterschied mich nicht wirklich von einem „Täter“, schließlich sind Täter auch nur Feiglinge die sich niemals trauen würden, sich mit einem Gleichstarken, geschweige denn einem Stärkeren anzulegen.

Was mich allerdings von einem Täter unterschied war die Tatsache, dass ich ein Außenseiter war, anders als die anderen und schlichtweg nicht „dazu gehörte“. Ein Stück weit war ich auch ein Streber, ich ging gern in die Schule und mochte die Lehrer. Sowas ging natürlich gar nicht, wenn man „cool“ sein wollte. Aber eine Zeitlang war mir das egal. Ich weiß gar nicht mehr, wann es so richtig schlimm geworden ist… es verlief schleichend, und plötzlich war die Schule unerträglich für mich. Ok, erschwerend hinzu kam die Tatsache, dass es zuhause auch nicht gerade harmonisch war, eigentlich das genaue Gegenteil, Eltern die nicht miteinander redeten, es sei denn, sie stritten sich.

Ich sackte in der Schule ab, aus der einstigen Einserschülerin wurde ein „Versetzung gefährdet“. Es gab, wie bereits erwähnt, mehrere Gründe dafür, die jedoch nicht wirklich relevant sind, viel interessanter finde ich die Tatsache, dass ich irgendwann nicht mehr gemobbt wurde.

Was hatte sich geändert? Es war meine zweite Ausbildung. Die erste musste ich aus gesundheitlichen Gründen abbrechen, dort wurde ich übrigens auch recht bald wieder zum Gespött der Klasse. Es musste also etwas mit mir zu tun haben, dass ich mich einfach nirgends so recht einfügen bzw. durchsetzen konnte. Rückblickend betrachtet weiß ich, dass ich damals dieses „Opferverhalten“ derart verinnerlicht hatte, dass ich gar nicht mehr anders konnte, als mich „selbst zum Opfer zu machen“. Aber ich schweife ab.

Meine zweite Ausbildung, ich war mittlerweile 18, somit eine der Ältesten in der Berufsschulklasse, und ich hatte fast nur Idioten um mich herum. Naja, zumindest war ich damals der Ansicht es wäre so. Ich hatte nicht die geringste Lust, die Opferscheiße aus meiner vorher gegangenen Schulzeit nochmal mitzumachen und hab kurzerhand den Spieß umgedreht. Aus dem Opfer wurde eine Täterin, und ich hatte wirklich Spaß daran den anderen zu zeigen was für Idioten sie doch waren. Himmel, mein Ego damals wusste gar nicht wohin mit der ganzen Genugtuung, obwohl die armen Kerle und Mädels aus meiner Klasse nicht mal wussten, wofür sie eigentlich büßen mussten.

Drei Jahre lang war ich also das was ich davor über alle Maßen gehasst hatte. Aber wie hab ich das angestellt? Eine wirklich gute Frage. Immerhin vergingen zwischen dem Beginn meiner ersten und der zweiten Ausbildung fast zwei Jahre. Während derer viel passierte, was ich zum Umdenken zwang.

Im Zuge eines Streites bekam ich erst kürzlich zu hören ich setzte heute noch auf das Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“. Nun ja, in dem Ausmaß wie ich es damals tat tue ich es heute ganz sicher nicht mehr. Doch ein Stück weit stimmt es tatsächlich, wenn es tatsächlich jemand schafft und mir an einer empfindlichen Stelle zu nahe kommt, dann werde ich zum Berserker. Verbal, versteht sich. Was heute nur noch ganz selten passiert, tat ich damals rein prophylaktisch, sprich ständig. Nur für den Fall, dass jemandem mein Gesicht nicht gefallen sollte, würde ich sicherstellen ihn mundtot zu machen, bevor er auch nur daran denken könnte mich zu dissen.

Besonders beliebt war ich auch in dieser Klasse nicht, aber denen war es schlichtweg zu anstrengend sich mit mir anzulegen, weil früher oder später ja doch ich das letzte Wort hatte. Und eigentlich wollte ich auch gar nicht „beliebt“ sein, außer meinen Mädels waren alle sowas von scheißegal. Aus meiner Not, dass mich niemand mochte, hatte ich eine Tugend gemacht. Ich versuchte es gar nicht erst, Menschen dazu zu bringen, mich zu mögen. Beliebtheit? Scheiß drauf. Hassen sollten sie mich. Das brachte mir ne zerbrochene Glasflasche unterm Autoreifen und vom Auto abgekratzte Aufkleber ein, und einen kaputten Rückspiegel. But who cares? Ich hatte was ich wollte. Meine Ruhe, zumindest weitestgehend.

Ich hatte mir während der Zeit zwischen meinem sechzehnten und dem achzehnten Lebensjahr ein derart [und wenn nur unterschwellig] aggressives Verhalten zugelegt, dass die meisten schlichtweg keine Lust hatten, sich mit mir näher zu befassen. Halbstark könnte man es auch nennen. Ich bin niemals körperlich gewalttätig geworden, aber das musste ich gar nicht. Wobei, wenn es jemand hätte wissen wollen, gewehrt hätte ich mich, soviel stand fest. Mir war das damals schlicht egal. Je mehr Adrenalin, je gefährlicher, je bescheuerter, desto besser.

Ich will nicht sagen, dass es richtig ist, vom Opfer zum Täter zu werden. Auf gar keinen Fall. Aber so bin ich eben damit umgegangen, damals, und es war tatsächlich Balsam für meine schwarze Seele…

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Ein Gedanke zu “Vom Opfer zum Täter. [21.3.2011]

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