I blog because it´s cheaper than therapy… [23.4.2010]

Wie oft lese ich in diversen Blogs folgenden Satz: „I blog because it´s cheaper than therapy.“

 Ich frage mich, ob solche Leute das ernst meinen. Mal ganz davon abgesehen, dass ich für meinen Teil der festen Überzeugung bin, dass nur ein Bruchteil derer die eine Psychotherapie nötig hätten, auch tatsächlich eine durchführen. Aber glauben die allen Ernstes, dass ein bisschen Bloggen all ihre Probleme löst? Ein bisschen seelischen Abfall loswerden, auf die Menschheit bzw. ein paar verlorene Seelen in einer Internetcommunity loslassen, und dann weg damit, in irgend eine Schublade. Und, wird dein Leben dadurch wirklich besser? Löst sich durchs Bloggen auch nur ein einziges deiner Probleme?

Ganz sicher bin ich nicht auf der Welt, um irgend jemanden auf den richtigen Weg zu führen. Außer vielleicht meine eigenen Kinder… und auch denen versuche ich nur dabei zu helfen, einen positiven Lebensweg zu finden. Denn woher soll ich wissen, welcher Weg der richtige ist, für Leute, die ich nicht mal persönlich kenne?

Diejenigen, die der Meinung sind, bloggen könnte ihnen helfen Unverarbeitetes zu verarbeiten, warum tun sie das eigentlich wirklich? Sie haben angefangen nachzudenken, sie wollen ihre Last loswerden, an und für sich schon mal ein recht vernünftiger Anfang. Hm. Das kann ich doch auch ohne halb Süddeutschland daran teilhaben zu lassen, oder? Aber: für jede einzelne Bewertung, für jeden Kommentar eines mehr oder weniger begeisterten Users, bekomme ich was? Richtig, Aufmerksamkeit. [Und vielleicht, mit ganz viel Glück, den einen oder anderen Denkanstoß.] Jemand hat mich wahrgenommen. Bestätigung. Jemand mag meine Schreibe. In Wirklichkeit stärkt es doch das Ego, es bestätigt was man bisher möglicherweise vermutet hatte, jedoch oft nicht mit Sicherheit wusste. Man ist klug, man zieht die richtigen Schlüsse, man wird vielleicht bewundert ob des eigenen Intellekts, was in unserer oberflächlichen Gesellschaft natürlich für Randgruppen und Einzelgänger viel bedeutender ist als ein plumpes Erkennen der körperlichen Attraktivität.

Man dürstet nach Aufmerksamkeit, und es besteht, nicht immer aber oft genug, die Auswahl zwischen körperlichen und geistigen Attributen. Augen hat jeder, und daher bedarf es keiner besonderen Fähigkeit optische Merkmale zu erkennen und für sich selbst einzustufen. Geschlechtsmerkmale, mehr oder weniger vorteilhafte Klamotten, ein günstiger Kamerawinkel, und ein geneigter Betrachter. Das Erkennen geistiger Gaben erfordert allerdings etwas mehr als das. Man braucht schon ein gewisses Maß an Verstand, um die Spreu vom Weizen zu trennen, und ein kluges Menschenweibchen ist möglicherweise unsicher, und sie braucht andere Bestätigung als ein geistig… nun ja… weniger „Begabtes“.

Natürlich besteht eine Therapie ohne Zweifel auch aus positiver Bestätigung. Aber auch aus Offenheit und Ehrlichkeit und dem Willen, aufrichtig zu sich selbst zu sein.

Sicher hilft es oftmals zu sehen, dass auch andere Menschen unsicher sind, ängstlich oder verzweifelt. Es hilft vielleicht dabei, sich nicht mehr ganz so alleine zu fühlen; wohl auch dabei, Gleichgesinnte zu finden.

Doch vielleicht denkt ja der eine oder andere der „I blog because it´s cheaper than therapy“ Überzeugten mal darüber nach, seine Probleme ernsthaft anzupacken, und nicht weiterhin gespielt ausgenzwinkernd und pseudo-cool alles als „halb so wild-ich hab alles im Griff“ abzutun.

Ich wünschte es wäre so einfach…Aber das ist es nicht.

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