Hey Paps. [25.12.2011]

Hey Paps.

Letzte Nacht träumte ich von dir. Wie so oft in den letzten Tagen. Ich bin in Niefern, draußen, irgendwo unterwegs. Ein Gewitter zieht auf, und ich suche Zuflucht bei dir; in dem Zuhause, in welchem ich aufgewachsen bin.

Du stehst in der Garderobe, wie du es oft tatest, damals, als du noch lebtest. Du stehst dort und ich kann es nicht fassen, dich lebendig zu sehen. Glücklich falle ich dir um den Hals, drücke dich, als gäbs kein Morgen. Du bist  recht wortkarg, aber ich denke mir nichts dabei, denn du warst nie ein Mann der vielen Worte. Ich gehe durchs Haus, suche die anderen, doch da ist niemand mehr. Keiner meiner Brüder und auch meine Mutter nicht. Niemand, außer dir und mir.

Als ich zurückkehre dorthin, wo du zuvor noch standest, ist dort niemand mehr. Du bist weg, einfach gegangen, ohne ein Wort zu sagen. Wie so oft, in meinen Träumen der letzten Nächte.

Wenn ich an dich denke, empfinde ich keinen Zorn mehr, dort ist kein Hass mehr, wie es viele Jahre der Fall war, mich erfüllt nur noch Zuneigung; und Trauer.

Als Kind fragte ich mich, wie sehr muss er mich hassen? Was habe ich ihm getan, dass er mich so sehr verabscheut? Keine Sekunde kam mir in den Sinn, dass du mich lieben könntest. Denn jemanden, den man liebt, den behandelt man so nicht.

Die einzige Gefühlsregung, die ich von dir kannte, waren Zornesausbrüche. Ansonsten warst du kalt. Zumindest äußerlich. Kalt und abweisend. Kein freundliches, aufmunterndes Wort, keine Umarmung, nichts.

Als Kind versuchte ich alles, um deine Schale zu knacken. Ich zog alle Register, doch du bliebst verschlossen. Oder…? Waren die Ausbrüche in unsere, speziell in meine Richtung Zeichen dafür, dass ich in Wirklichkeit deine raue Schale geknackt hatte, lange bevor ich überhaupt anfing, dich bewusst zu provozieren?

Wir redeten nicht miteinander, es sei denn, wir stritten uns. Ich hasste dich abgrundtief, so sehr wie ich davor niemanden gehasst hatte, und auch danach nie wieder jemaden hassen würde. Ich wünschte dir die Pest und alles Übel der Welt an den Hals, und ich hegte und pflegte diese Glut in mir, auch noch lange nachdem Ma und ich von Niefern weggezogen waren: Es würde der Moment kommen, in welchem ich es dir heimzahlen würde; in welchem ich dir zeigen würde, was sich in den Jahren in mir angesammelt hatte.

All der Frust, die Einsamkeit, die Enttäuschung über deine Zurückweisung, die Angst, die Todessehnsucht, all mein Schmerz; dies alles hatte ich mittlerweile zu einem gewaltigen Paket verschnürt. Und ich schleuderte es dir entgegen. Und sprach danach ganze zwei Jahre kein Wort mehr mit dir.

Ich wollte, dass du es spürst, wie sehr ich unter dir gelitten hatte, wie oft ich mir wünschte, morgens einfach nicht mehr aufzuwachen; an einem Ort sein zu dürfen, an dem ich willkommen bin, und mich nicht für alles Schlechte verantwortlich fühlen musste. Ich wollte dass du weißt, dass allein du es hättest ändern können.

Doch du konntest nicht.

Man sollte meinen, es ginge einem besser, nachdem man dem „Verantwortlichen“ mal so richtig die Meinung gegeigt hat. Doch das war nicht der Fall. Im Gegenteil, ich hatte ein fürchterlich schlechtes Gewissen, und dafür hasste ich mich.

Ganz tief in mir wusste ich, dass es irgend etwas mit deiner Vergangenheit zu tun haben musste, dass du so abweisend warst. Und dass du einfach nicht anders konntest, als den Menschen um dich herum die kalte Schulter zu zeigen.

Doch du sprachst nie darüber, kein einziges Mal, also woher hätte ich es wissen sollen? Außerdem, verdammt nochmal, das alles war bereits passiert, lange bevor ich überhaupt geboren war, warum also musste ausgerechnet ich dafür büßen, was andere Menschen dir angetan hatten?

Mittlerweile weiß ich ein paar Dinge aus deinem Leben. zB dass du bis zu deinem siebten Lebensjahr zwei deiner jüngeren Schwestern und deinen ältesten Bruder in den Kriegswirren verloren hattest. Was macht so etwas mit einem Kind? Dann, die Flucht in den Westen, auf der Suche nach einem besseren Leben. Und dann, als du es vermeintlich gefunden hattest, nahm deine Ehefrau sich das Leben und ließ dich allein mit deinen beiden kleinen Söhnen zurück. Was macht das mit einem Menschen, der seine Lebensgefährtin tot auffindet, ahnend, dass sie den Freitod wählte?

Ich sprach kurz mit deinem ältesten noch lebenden Bruder darüber. Er meinte, nach dem Tod deiner ersten Frau seist du nicht mehr der Selbe gewesen.

Ab und an frage ich mich, was wäre, wenn dein Leben ein klein wenig anders verlaufen wäre… natürlich ist es müßig, sich darüber noch Gedanken zu machen, es ist unwiederbringlich vorüber.

Doch weißt du, ich erkenne dich wieder, in manchen Dingen, die ich selbst tue. Angewohnheiten, die ich an mir selbst unmöglich finde, weil ich sie auch schon an dir unmöglich fand. Ich weiß selbstverständlich, dass ich nicht wie du bin. Ich bin ich, und das ist auch gut so. Aber ich finde, wir beide ähneln uns. Irgendwie.

Es musste wohl so kommen, dass ich dir erst nach deinem Tode wirklich würde verzeihen können. Ich habe bis fast zum Schluss nicht glauben können, dass deine Bemühungen mir gegenüber aufrichtiger Natur waren. Heute bin ich der festen Überzeugung, du handeltest so aufrichtig wie du es nur konntest. Ich bin dankbar dafür, dass wir nicht im Streit auseinander gegangen sind. Dass wir wenigstens noch ein paar schöne, friedliche Stunden miteinander verbringen durften; dass wir uns voneinander verabschieden konnten, und dafür, dass ich heute weiß, dass du mich immer geliebt hast.

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